LudwigMartin 31.07.2007, 22:52 Uhr 4 5

Zehn Jahre und eine gute Stunde

Ein Glück, wenn man Träume nicht aus den Augen läßt

Alles begann mit einem Traum. Der Traum, der mir die Erkenntnis brachte, daß es unerfüllbare Träume gibt. Ich war nämlich derzeit zehnjährig, in meiner eigenen Beatlemanie und träumte etwas sehr Unterhaltsames. Und zwar stand ich als Beatles in einer Manege und gab ein Konzert. Genau - ich als Beatles - als jeder einzelne von ihnen. Und als ob das nicht reichen würde, schaute ich mir beim Konzert zu und hatte außerdem ein Mädchen im Arm. Dieses war ich ausnahmsweise nicht. Aber ich wußte: dieser Traum wäre das pure Glück.

Wie gesagt, wußte ich sofort: Das krieg ich so nie hin. Seitdem nahm ich vieles, was ich kriegen konnte, machte Abstriche an Idealen und genoß so manche Unvollkommenheit des Lebens. Mein Traum gab mir die faustische Erkenntnis, daß ich auf Erden wohl nie die volle Zufriedenheit erreichte, während sich auf dieser Gelassenheit die üblichen erhebenden Erlebnisse des Lebens und Liebens sammelten. Was meine Gelassenheit nicht wußte: heimlich arbeitete ich natürlich an diesem Traum.

Ich ließ mir ein Buch mit 100 Beatles-Songs schenken und Gitarrenakkorde zeigen, um mich in nächtlichen Sitzungen auszutoben. Meinen sorgenfreien kindlichen Gesang auf der Straße stellte ich mit der Entwicklung erwachsenen Peinlichkeitsempfindens ein, aber die Lieder der Fab Four arbeitete ich stets der Reihe nach durch, wenn mich niemand hörte. Später spielte ich in der Schülerband die zweite Gitarre, eine Position, die weit hinter der zweiten Geige stand und so etwas wie einen Lehrlingsposten darstellte. Wie sich herausstellte, war ich im Kalender unseres ersten Gitarristen als Gitarrist in Anführungsstrichen vermerkt. Aber so langsam und sicher begann sich ein musikalisches Netzwerk um mich herum aufzubauen, welches hoffen ließ, daß ich den einen oder anderen Weg ausbauen könnte. Natürlich nie forciert und geplant, sondern eher unbewußt oder eben träumend.

Seitdem mache ich immer irgendwie irgendwo Musik, welche sich auf zwei Ebenen abspielt. Da sind die realen Gegebenheiten mit ihren Unvollkommenheiten, unvollkommene Fähigkeiten und Erfahrungen, unvollkommene Arrangements, Mitmusiker und auch unvollkommenes Publikum. Ich erntete oft Anerkennung, aber wenn jemand mich mit großen Augen fragte, wie lange ich schon Gitarre spielte, dann kamen mir meine Spielereien vor dem Hintergrund mehrjähriger Praxis ein wenig lächerlich vor. Die andere Ebene war der Traum, wie es klingen könnte. Wir spielten beispielsweise ein Lied in einer Besetzung ohne Baß und Schlagzeug und ich träumte mir diese dazu in ein wahnsinnig gutes Arrangement. Zwei Jahre später hatten wir diese beiden und das Keyboard fehlte. Ich träumte mir auf diese Weise immer den Rest dazu, was bedeutete, daß ich eine angemessene Band hinter mir und ein enthusiastisches Publikum vor mir hätte.

Vor zehn Jahren bahnte sich das Fünfzigstes Jubiläum meines Vaters an und er bat mich um musikalische Gestaltung. Ich witterte Morgenluft und kontaktierte die mir als die besten erscheinenden Musiker sowie Zweitbesetzungen. Mein Plan war wasserdicht, weil möglichst unaufwendig: ich würde das Beatlesprogramm singen und spielen und bräuchte im Minimalfall nur Baß und Schlagzeug zusätzlich. Ich war derzeit gerade im Zivildienst und fragte sogar einen neuen Zivi-Kollegen, mit dem ich eine gemeinsame Tour zu fahren hatte, ob er im Falle einer Absage einspringen würde. Johannes, ein aktiver Deathmetal-Bassist, gab sich verhalten.

Schon eine Woche später hagelte es Absagen. Einer begann eine ganz große Musikerkarriere, der andere ging nach Brasilien, und so brachen mir sämtliche Erst- und Zweitbesetzungen weg. Mein Vater wurde schon unruhig, weil ich keine Zuversicht mehr ausstrahlte, was das Musikprojekt anging. Ich sagte zu Johannes, den ich nach unser einmaligen gemeinsamen Tour nur von weiten gesehen hatte, daß ich ihn jetzt bräuchte. Ihn und seine Schlagzeugerin. Und plötzlich stellte sich heraus, daß seine Band gerade zu dieser Zeit kopflos war - der Sänger und Bandleader in den Staaten unterwegs. Ich kaperte also dieses dreiköpfige Band-Fragment und wir spielten uns irgendwo auf einem Rockin’ Beatles-Niveau ein, was für die gestandenen Deathmetaller sehr unterhaltsam war. Wir hatten eine gute Stimmung und kamen gut voran, allerdings wurde die Zeit auch schon knapp.

Eine Woche vor der Feier stand fest: wir werden zehn Lieder schaffen. Ich fuhr am Samstag nachhause - eigentlich nur zum Schlafen, da wir für Sonntag schon wieder verabredet hatten, als dort eine schlimme Überraschung auf mich wartete. Mein Onkel war plötzlich gestorben. Damit fiel die Feier im großen Rahmen aus und mein Vater befreite mich vom Auftrag der Tanzmusik. Mit dieser Nachricht kam ich am Sonntag bei meinen begeisterten Mitmusikern an und verwandelte den Enthusiasmus in Trauerstimmung, weil das Projekt für einen der Musiker gerade einen erholsamen Kontrast zu seinen privaten Tiefschlägen dargestellt hatte.
Das war 1997.

Eine Dekade später stand der 60zigste an. Mein Vater plante eine recht große Feier mit vielen alten Weggefährten, Freunden und Verwandten und erwog sogar, eine Tanzkapelle zu heuern. Da viele meiner ehemaligen Mitmusiker mittlerweile in aller Welt verstreut sind, gab ich mich wenig aufdrängend, ging aber im Kopf schon längst die Namen durch. In der Vorbereitung gab es dann einiges an Hin und Her, aber irgendwann kam die Anfrage: Ludwig, kannst Du nicht zum Tanzen spielen?

Von dem Tag an wechselten sich euphorische Phantasie und Versagensangst in immer kürzeren Abständen in mir ab. Als erstes fragte ich meinen Cousin, in den ich sehr viel Hoffnung legte, und in der selben Mail einen Freund und Schlagzeugerkollegen. Beide hatten vor Jahren miteinander Musik gemacht und waren nicht gerade überzeugt voneinander, wie ich später erfuhr. Von beiden kam eine Absage. Mein Cousin Peter wollte sich neben seiner Band nicht noch auf ein weiteres Projekt konzentrieren. Und ich merkte langsam, daß nach 10 Jahren der Ernst des Lebens so weit war, daß einerseits die Ansprüche gestiegen sind und andererseits die schnellen Möglichkeiten der 20jährigen, sich kurzfristig etwas aufzuladen, geringer geworden sind. Peter und ich kamen dann schließlich auf die Idee, seine Band zu fragen, das könne er sich vorstellen. Diese Band sei sowieso gerade auf Sängersuche und ich kannte die beiden Mitmusiker ein wenig.

Ich wartete also deren Entscheidung ab - wieder mit dem zwiespältigen Gefühl, ob es nicht auch gut wäre, wenn es nicht dazu käme. Denn einerseits halte ich mich nicht für den begnadeten Sänger und andererseits bin ich unerfahren, was die Leute zum Tanzen bringt und was nicht. Es ging ja schließlich nicht um irgendeine Uni-Party. Jedenfalls kam die Zusage und die ersten Probetermine und damit die nächste Anforderung: wie bringe ich meine vagen Vorstellungen so rüber, daß da etwas Gutes draus wird? Nebenbei produzierte ich noch einen Song für meinen Vater, dessen Refrainmelodie mich überhaupt nicht überzeugte und dessen Textstellen mir teilweise sehr komisch vorkamen.

Gleich in der ersten Probe stellte sich heraus, daß ich viel zu leise sang. Ansonsten wußte ich oft nicht gleich, was die Kollegen von den Songs hielten. Stefan am Schlagzeug gab Druck in den Ablauf. Jedes Lied wurde im zweiten Durchlauf mitgeschnitten und damit abgehakt. Bei All my loving, einem meiner vertrautesten Lieder, gab sich Stefan unzufrieden. Wir probierten eine Version, die Peter und ich vorbereitet hatten - zu wenig Pepp im Refrain. Wir testeten, das Lied komplett wie im Original zu spielen - das überzeugte erst recht nicht. Nach mehrmaligem Hören und Probieren kam die entscheidende Idee: Strophe im Reaggea, Refrain im Ska. Mit diesem Lied erreichten wir dann langsam Betriebstemperatur und das Proben fing an, Spaß zu machen. Dann war es Zeit für mein eigenes Vater-Lied. Ich saß unsicher da mit der Klampfe, unterbrach mich erklärendermaßen immer wieder selbst und hatte, glaub ich, nur ein überzeugendes Argument: Das Gitarrenriff unter der Strophe, welches Stefan mit einem schnellen Rhythmus unterlegte und dem Lied damit überhaupt erst einmal so etwas wie Charakter gab.

So langsam kam das Bandfeeling, ein Gefühl, das ich lange vermißt hatte, denn zwischenzeitlich hatte ich oft eher so etwas wie musikalische Zweckgemeinschaften erlebt. Wir freuten uns auf das nächste Proben bis Vier Uhr morgens, Biertrinken, Quatschen und Vulgärisieren der harmlosen Beatles-Titel, die wir durch zeitgemäße Highlights wie In the morning (Razorlight) und In the palm of your hand (Cake) ergänzten. Ich befreite mich von meiner ersten Liedauswahl zugunsten dessen, was ich gesanglich hinbekommen würde und entdeckte neben meinem fehlenden stimmlichen Charisma, daß ich die rhythmischen Schwierigkeiten hingegen ganz gut meistern konnte. Während die Band zusammenwuchs, gingen die Gedanken und Gespräche natürlich oft zu dem Ereignis hin. Die beiden Bandkollegen von Peter hatten wohl die Vorstellung einer steifen Ü60-Fete, die ich nicht so recht ausräumen konnte, da ich auch nur vage Vorstellungen hatte, wie beisterungsfähig wir letztlich sein würden. So kamen wir zu der Übereinkunft, daß wenigstens wir uns nicht davon stören lassen sollten und einfach unser Programm - zwei Blöcke mit jeweils acht Liedern - durchziehen würden.

Am Wochenende vor dem Akt begann sich mein Vater plötzlich zu sorgen, daß es "zu viel Technik" geben könnte oder zuviel Krach, was fast im Konfliktfall ausgeartet wäre. Schließlich hatte ich immer klar gesagt, was wir spielen würden. Diese erneute Verunsicherung transportierte ich zusätzlich in den Proberaum. Aber auf die Frage, ob jetzt hier noch irgend etwas abgeblasen werden könnte oder sollte, konnte ich wenigstens ein klares Nein geben. Schon aus Trotz. Wir spielten also die letzten Male das Set durch, welches auch mit voranschreitender Zeit und Alkoholpegel an Lockerheit und Begeisterung gewann.

Dann kam der Tag heran und er begann gut: Das Wetter bescherte uns die Open-Air-Variante und die Soundchecks - schließlich gab es auch andere Kulturbeiträge - funktionierten reibungslos. Während die ersten Gäste kamen, spielte eine Saxophonistin im Halbplayback. Dann begrüßte mein Vater seine ca. 100 Gäste, das Buffet wurde eröffnet und langsam kamen auch einige mehr oder weniger unterhaltsame Beiträge von Gästen - sein Leben in Reimfom, Liedform oder auch Reden. Es war eine wohlige Atmosphäre.

Gegen 21.00 lud mein Vater zum Square-Tanz ein und auch wir machten uns bereit. Schließlich hatten wir uns strategisch vorbereitet: Sascha - einen beliebten Square-Tanz-Titel - hatten wir zum Übergang und Einstieg in die erste Tanzrunde vorbereitet. Es waren viele Tanzpaare auf der von den Tischen umgebenen Pflasterfläche versammelt und vergnügten sich zu Aufnahmen, die einst von Musikkassetten auf CD gerettet worden sind und demgemäß dumpf klangen. Dann kam der erste Durchlauf von Sascha, während wir schnell unsere Positionen einnahmen. Nach diesem Tanz kam eine kurze Ansage und dann kamen wir.

Tic, tic, tic, tic - Sascha, Sascha, Ras, dwa, tri!
Nur vom Schlagzeug begleitet, war ich selbst fast erschrocken über den Schalldruck meiner Stimme, die in diesem Karree-Hof von der gegenüberliegenden Wand zurückflog, und sah an den Gesichtern, daß sich auch dort ein Überraschtwerden und Mitgenommenwerden ausbreitete. Und mit einem Male durchfuhr mich das Gefühl, mich auf einer Zielgeraden zu befinden und noch die vollständige Kraftreserve zu besitzen, in dieses Ziel einzufliegen. Oder vielmehr nicht zu besitzen, sondern gerade in diesem Euphorieschub aufzutanken und das Gefühl einzuatmen, daß diese Kein-Weg-vorbei-Situation genau das ist, was mich jetzt beflügelt: eine tanzende Menge vor mir und eine klasse Combo in meinem Rücken.

Wir gingen medleyartig in den ersten Beatles-Hit (I wanna hold your hand) über. Nach einer etwas zu langen Ansage vor dem dritten Lied ging etwas Spannung verloren, so daß bei unserem schwächsten Coversong die Tanzfläche fast leer war. Merkwürdigerweise verspürten wir nicht die geringste Sorge - und das begründet, denn während unseres Proberaumlieblings In the palm of your hand füllte sich die Fläche wieder und die Menge gewann zunehmend an Begeisterung. Wir beschlossen diese Runde, welche wir vorwiegend mit generationsübergreifenden Songs bestückt hatten, mit dem Lied für meinen Vater - nicht ohne die zweite Runde anzukündigen. Beim Gang von der Bühne schlug mir Stefan auf den Rücken und bestätigte mir wortlos das wohlige Bandgefühl, diese unbeschreibliche Verbindung zwischen Klang, Kraft, Bewegung und Seele.

Die zweite Runde klampften wir mit Locomotive Breath ein und spätestens mit der Rhythmusgruppe waren auch die ersten Tänzer wieder da. Ein Lied nach dem anderen entfaltete seinen Charakter und die Mischung wurde dankend von Paar- und Einzeltänzern aufgenommen. Im Gänsehaut-Song Nobody without you (Nikola) wurde mir schmerzhaft bewußt, daß meine Freundin nicht gekommen war und diese Stimmung nicht erleben konnte. Möglicherweise brachte das meine Konzentration ins Wanken, so daß ich unserem Drummer noch in sein einziges Intro reinklampfen mußte - ein schuldbewußter Blick nach hinten und weiter ging’s. Ich kündigte schließlich unseren - wie wir dachten- Rausschmeißer an: All my loving. Doch gerade dieser Titel zog noch einmal alle Tanzbegeisterung nach oben. Ich schaute in der Strophe nach rechts und sah, wie Paare sich wiegten, im Refrain hingegen sprangen links meine Cousinen und Cousins.

So mußten wir also drei Titel wiederholen und glücklicherweise wollte eine Cousine von mir gleich nach uns noch zum Tanz aufspielen, so daß wir glücklich Danke sagen und bei Bier und Musik noch zusammen sitzen konnten. Es war ein Abend der Erfüllung und Verbindung zwischen den Menschen, seit welchem mir einige Gedanken durch den Kopf gingen: der eigenartige Traum meiner Kindheit, die in’s Wasser gefallene Feier zehn Jahre zuvor, weil mein Onkel plötzlich gestorben war, der Vater von Peter, der heute eine gute Stunde lang neben mir auf der Bühne stand.

Mir ist, als hätte ich seit Jahren auf diesen Augenblick gewartet, ja sogar darauf hingearbeitet. Formal betrachtet hat sich dieser Traum natürlich nicht erfüllt: ich war kein Beatle, sondern ich war ich. Ich war nur einer - aber dafür wirklich. Und ich brauchte nur einer sein, denn da gab es die anderen, die wunderbar zu diesem Moment beigetragen hatten. Ich hatte schließlich auch kein Mädchen im Arm - aber wie hätte ich dabei singen und klampfen können? Ich bin überzeugt, daß ich damals von genau diesem Abend geträumt habe und es jetzt endlich Zeit für neue Träume wird. Zeit wird es.

Und Euch Beteiligten sage ich einfach nur Danke.

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4 Antworten

Kommentare

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    Mann, der hat mich mitgerissen.
    So schön, wenn man träume erfüllt.
    Dein Vater war sicher sehr stolz auf dich.

    30.07.2009, 09:28 von Tanea
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    Geil.
    Die All-my-loving-Version würde ich ja mal gerne hören!

    03.08.2007, 15:59 von veit
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    Träume aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit herauszuführen, sei Glück, hat irgendein Philiosoph mal gesagt, ich weiss nur nicht mehr, welcher.
    :-D

    02.08.2007, 15:30 von clara.tornova
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      @clara.tornova Ich war's. Heute mal... ;-)

      02.08.2007, 22:13 von LudwigMartin
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    Aaaaahhh! :) Feinfein. Siehste, Wünsche gehen doch in Erfüllung, manche brauchen halt etwas länger. :D

    01.08.2007, 22:30 von chessige
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