adriano_sack 15.07.2006, 15:59 Uhr 0 1

»Wir bleiben für immer zusammen«

Der eine züchtet Pitbulls, der andere vor allem Flausen: Versuch eines Interviews mit Big Boi und André 3000 alias OUTKAST.

Verfolgt man die Berichterstattung der letzten Jahre, dann gibt es bei Outkast nur ein Thema: wann sich das Duo endlich trennt. Bei unserer Begegnung sitzen Big Boi und André 3000 allerdings in trauter Zweisamkeit an einem Hotelpool in Atlanta, über uns ein grauer, schwüler Himmel, am Nebentisch ein paar Freunde. Zwischendurch begutachten sie eine sehr blonde
Frau, die im Garten lustwandelt, und flirten mit einem sechsjährigen Mädchen, dem das Wasser zu kalt ist. Das wirkt anfangs harmonisch – allerdings wird es schon nach wenigen Minuten schwer, den beiden Antworten zu entlocken, die in Zusammenhang mit den Fragen stehen. Big Boi schläft einmal ein.

Hallo Big Boi, wie geht es Ihnen?
Antwan Patton: Gutes T-Shirt haben Sie an: »New Kids on Acid« – das Motto gefällt mir.

Danke. Ihr neues Album »Idlewild« ist auch sehr schön. Es swingt.
André Benjamin: So hätte ich das nicht genannt. Aber es ist ja der Soundtrack eines Films, der in den 30ern spielt. Da muss der Rhythmus ein bisschen anders sein.
Antwan Patton: Damals haben die echten Motherfucker eben geswingt.

Es ist eine seltene Ehre, Sie beide an einem Ort zur gleichen Zeit treffen zu können. Warum haben Sie sich entschlossen, dieses Interview gemeinsam zu geben?
André Benjamin: Das möchte ich mal klarstellen: Letztes Jahr schien jeder überzeugt, dass wir es nicht mehr in einem Raum aushalten – was einzig und allein daran lag, dass wir zwei Singles hatten, die unabhängig voneinander veröffentlicht wurden. Da war es nur logisch, dass wir die Interviews einzeln geben, der eine hier, der andere in London.

Worum geht es in eurem Swing-Film »Idlewild« eigentlich?
Antwan Patton: Es gibt zwei Geschichten und zwei Hauptcharaktere: Ich bin Rooster, der von zwielichtigen Geschäftsleuten aufgezogen wird. Er gerät auf die schiefe Bahn, aber er versucht, seine Familie zusammenzuhalten. Er führt einen Club, der zugleich Bordell und Spielhölle ist. Und er hat diesen Partner Percival, den Klavierspieler …
André Benjamin: … Schrägstrich: Bestattungsunternehmer. Klavier spiele ich nur nachts. Da ist es nur natürlich, dass sich unsere Wege kreuzen. Rooster lässt mich dann in seinem Club spielen, und ich werde Teil dieser Welt.

Was hat Sie an der Musik dieser Zeit gereizt?
Antwan Patton: Eigentlich nichts. Es war die Entscheidung des Regisseurs Bryan Barber, dass der Film in den 30er Jahren spielt.
André Benjamin: Ich habe mich nie systematisch mit dieser Epoche beschäftigt, aber natürlich einiges angehört. Bessie Smith, Cab Calloway …

Dessen exzentrisches Auftreten muss Ihnen gefallen haben.
André Benjamin: Ein großer Performer. Er hatte einen neuen Look, eine Big Band im Rücken und das beste Grinsen der Welt. Ihr Regisseur Bryan Barber sagt, eine Schlüsselszene des Filmes ist die, in der Sie sich voneinander verabschieden – und dann doch Seite an Seite weggehen. Seiner Ansicht nach ist das eine Metapher für Ihre Beziehung.
Antwan Patton: Wenn er das meint …
André Benjamin: Man weiß ja nie so genau …

Alle fragen sich, wann Outkast sich endgültig trennen. Was sagen Sie?
André Benjamin: Wir trennen uns nie. Wir bleiben bis an unser Lebensende Outkast.

Was sind Sie füreinander: Freunde, Brüder, Kollegen?
Antwan Patton (wacht auf): Was?

Was sind Sie füreinander: Freunde, Brüder, Kollegen?
Alles das und noch viel mehr. Ein Bruder ist ein Bruder und bleibt ein Bruder.

Einer Ihrer Streitpunkte war, dass André keine Lust hatte, als Outkast Konzerte zu geben und Ihre Hits zu singen. Muss es zwangsläufig langweilig für einen Sänger sein, alte Sachen live zu spielen?
André Benjamin: Manche Menschen sind auf diesem Planeten, um genau das zu tun. Ich eher nicht. Ich glaube allerdings, dass Rap eine Sache der Jugend ist. Sie müssen diese Jetzt-Energie haben. Und ich bin immerhin schon über 30. Andere müssen weitermachen, weil sie Geld brauchen. In Europa können sie zum Glück immer auftreten. Selbst Leute, die ihren Hit in den 80ern hatten.

André trinkt nicht, raucht nicht, isst kein Fleisch. Antwan schon. Erschweren unterschiedliche Lebensweisen die Freundschaft?
André Benjamin: Beim Rauchen macht es einen Unterschied. Wenn andere rauchen, muss ich meinen eigenen Rausch suchen.
Antwan Patton: Ich esse aber auch Tomaten und Bananen.

Sie haben sich an der High School getroffen und hatten noch vor Ihrem Abschluss einen Plattenvertrag. Wie haben Sie gemerkt, dass Sie gut zueinander passen?
Antwan Patton: Wir mochten das Gleiche und dann wieder nicht. Wir konnten uns die Bälle zuwerfen. Er hat einfach kreative Gene und ist ein toller Texter.

Konnten Sie ihn von Ihrem Idol Kate Bush überzeugen?
Antwan Patton: Ich habe es versucht. Ihr letztes Album ist großartig. Und sie sieht immer noch toll aus. Jünger denn je. Ich will mit ihr unbedingt Songs aufnehmen. Ich stelle mir immer vor, wie sie in ihrem Schloss sitzt und an ihrem überdimensionalen Flügel spielt.

Was mögen Sie an Big Boi?
André Benjamin: Ehrliche Meinung? Die meisten Leute glauben, wir machen abenteuerlichen, experimentellen Scheiß. Aber das reicht nicht. Er weiß genau, was normale Menschen gut finden werden.

Sie würden nie wieder etwas machen, was so groß ist wie »Hey Ya«, haben Sie einmal gesagt. Wie können Sie da so sicher sein?
André Benjamin: Man kann ja auch nicht noch einmal das gleiche Kind zeugen.

Es wäre ziemlich dumm, das zu versuchen.
Antwan Patton: Wieso, dann bleibt man wenigstens bei der Sache! Den Erfolg kann man vielleicht wiederholen, nicht den Song. Die eigene Seele verändert sich. Bootsy Collins hat mir einmal gesagt: Frag mich nie, wie ich etwas gemacht habe. Er hat Recht.

Prince ist Ihr Vorbild. Ist er nicht ein Beispiel, dass man rechtzeitig aufhören sollte?
André Benjamin: Jeder hat seine Zeit. Gott hat das so eingerichtet, damit wieder Platz ist für andere. Wenn Sly Stone oben geblieben wäre, hätte es keinen Platz für Prince gegeben.

Bevor ich gehen muss: Im Herbst startet Ihre Zeichentrickserie »Class of 3000«. Wird Ihr
ehemaliger Schulkamerad Big Boi darin eine Rolle haben?

André Benjamin: Das ist ja keine Zeichentrickautobiografie. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er in der zweiten Staffel einen Gastauftritt hat und mit den Schülern ein Lied singt.
Antwan Patton: Wenn Sie das erste Mal in Atlanta sind, gehen Sie unbedingt in einen Stripclub. Die Mädchen ziehen sich komplett aus: booty naked. Und das für nur zehn Dollar.

Antwan Patton und André Benjamin lernten sich in Atlanta kennen, wo sie mit 18 ihr erstes Album veröffentlichten. Seither gehört ihr Südstaaten-Hip-Hop, der zeitgemäße Beats mit Soul, Funk und wütenden Gitarren verbindet, zu den progressivsten Einflüssen in
der schwarzen Musik. Nachdem Outkast mit »Ms. Jackson« auch international der Durchbruch gelang, mehrten sich Trennungsgerüchte. So bestand schon ihr letztes Album aus zwei CDs, jeweils von einem der beiden allein produziert. Ihr neues Album, zugleich Soundtrack zu ihrem 30er-Jahre-Musical »Idlewild«, vermengt aufgeregten Swing und effektvoll verdrehten Hip-Hop mit Anklängen an Gospel und Rock. Der Hobbymaler und Turbanträger Benjamin (Künstlername: André 3000) gilt in der Männerwelt des Rap als androgyner Exot. Er hat einen Sohn mit der Musikerin Erykah Bahdu und spielte in den letzten
Jahren unter anderem in Guy Ritchies »Revolver«. Im Herbst startet seine Zeichentrickserie »Class of 3000« im Cartoon Network. Patton (Big Boi) hat drei Kinder und betreibt eine professionelle Pitbullzucht. Beide leben in Atlanta.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare