ina-simone 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 8

Wein, Weib und Gesang

Soul-Lady mit Monster-Stimme & HipHop-Mundwerk: Amy Winehouse zelebriert auf "Back To Black“ Motown-Sound und Ab-18-Lyrik.

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- 3 Teile Wodka
- 1 Teil Baileys
- 1 Teil Southern Comfort
- 1 Teil Bananenlikör

Diese Mixtur hört auf den promilleverdächtigen Namen "Rickstasy“ und ist das Lieblingsgesöff von Amy Winehouse. "Wenn Du zwei davon intus hast, dann versuch bloß nicht, noch irgendwo hinzugehen. Bleib am besten sitzen, bis draußen die Vögel zu singen beginnen“, warnte sie in einem Interview mit The Times.

Die 23-jährige kennt sich mit Hochprozentigem bestens aus – dass ihre aktuelle Single "Rehab“ heißt, kommt nicht von ungefähr. Als ihr Management die trinkfreudige Engländerin zwecks Karrieresicherung in eine Entziehungskur schicken wollte, schickte diese lieber ihr Management in die Wüste und machte bei der Gelegenheit gleich noch einen Song daraus (Karrieresicherung!), der mit den herrlich trotzigen Worten "They tried to make me go to rehab / I said no, no, no“ ihr zweites Album eröffnet. Man könnte diese fantastische Nummer – gleichzeitig die erste Singleauskopplung aus "Back To Black“ – gedankenlos als "retro“ bezeichnen. Andererseits: Sind der Spirit eines Gospel-Chores, die Hüftschwungbezirzung einer souligen Rhythm-Section, die dunkelvioletten, wasserfesten Motown-Nuancen und der verschmitzte Tonfall eines Bläser-Ensembles nicht ohnehin zeitlos? Eben.

Amy Jade Winehouse wurde am 14. September 1983 im nördlichsten Stadtbezirk Londons geboren, in Enfield. Vor genau 40 Jahren wurde dort der weltweit erste Geldautomat in Betrieb genommen. Auch Amy Winehouse hat ihre musikalischen Devisen in den 60er Jahren abgehoben und zwei ihrer teuren Helden, Ray Charles und Donny Hathaway, in "Rehab“ ein Denkmal gesetzt: "I’d rather be home with Ray / I ain’t got 70 days / Cause there’s nothing you can teach me / That I can’t learn from Mr. Hathaway.” Die umfangreiche Jazz-Plattensammlung ihres Vaters brachte Amy bereits in jungen Jahren Künstler wie Ella Fitzgerald und Etta James näher. Und in der Badewanne sang die Kleine mit Vorliebe Beatles-Lieder. Mit elf Jahren entdeckte sie dann Gruppen wie Salt’n’Pepa und TLC und startete kurzerhand mit ihrer besten Freundin Juliet ein Rap-Duo, das den einfallsreichen Namen "Sweet’n’Sour“ trug. Amy, schon immer eine Rebellin, war natürlich "Sour“. Kurze Zeit später bekam sie ihre erste Gitarre und besuchte als Teenie „Sylvia Young’s Stage School“, deren Kurse u.a. auch Spice Girl Emma Bunton absolviert hatte. Amy Winehouse blieb allerdings nicht lange. Sie hätte ein Problem damit, sich anzupassen, beschwerte sich die Schulleitung. Glücklicherweise hat sich daran bis heute nichts geändert.

"Ich will niemals irgendwas Mittelmäßiges machen“, gab Amy schon vor Jahren in einem Interview mit The Independent zu Protokoll. Sie ist eins dieser ungestüm-toughen Ganz-oder-gar-nicht-Mädchen, mit rapunzellangen, rabenschwarzen Haaren, schwindelerregend hohen Stilletos, Schönheitsfleck-Piercing über dem provokant choreografierten Mund und einigen Tattoos, die man eher auf einem Seemannskörper vermuten würde.
Bei den diesjährigen Brit-Awards hat Amy Winehouse mehr als verdient die Trophäe in der Kategorie "Best British Female Artist“ gewonnen – sie hat den Soul wie keine andere Chanteuse derzeit. Wenn man sich ein Bild von ihr anhand ihrer mächtigen Stimme zusammenfantasieren müsste, dann wäre sie mindestens doppelt so alt und ihr zierlicher Körper hätte mindestens den dreifachen Umfang.

Dank eines Freundes, der Amys Demo-Tape zur richtigen Zeit am richtigen Ort aus der Jackentasche zauberte, bekam sie mit achtzehn einen Plattenvertrag bei Island Records. Musikalische Inspiration fand sie in alten Jazz- und Soulplatten, bei Aretha Franklin, Sarah Vaughn, Dinah Washington, aber auch bei The Roots, Erykah Badu oder Nas. Ihre Texte erinnerten allerdings schon damals eher an diese HipHop-Platten mit "Parental Advisory“-Sticker. Amy nahm kein Blatt vor den Mund, sang von Mädchen mit "fuck me pumps“ und rechnete erbarmungslos mit einem Ex-Lover ab. Hart, aber ehrlich. Und vor allem: authentisch.

Während ihr Platin-Debüt "Frank“ (2003), natürlich mit "Parental Advisory“-Sticker versehen, noch eher in Richtung Jazz tendierte – was sehr zu Amys Unmut Vergleiche mit Jamie Cullum und Katie Melua zur Folge hatte – widmet sich "Back To Black“ nun aus vollstem Herzen dem Soul: "Ich wollte nicht mehr allzu tief in den Jazz-Bereich eintauchen. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die ganzen komplizierten Songstrukturen. Ich brauchte stattdessen etwas ganz Simples, etwas Zugängliches“, lässt Amy Winehouse über ihre Plattenfirma ausrichten. "Als ich anfing, mir über die zweite Platte Gedanken zu machen, hörte ich gerade unwahrscheinlich viele Girl-Groups aus den Fünfzigern und Sechzigern. Was grandios war, denn deren Songs waren durch und durch einfach gestrickt. Simples Zeug. Und so begann ich, auch meine eigenen Songs ein wenig klarer und simpler zu strukturieren.“

Tatsächlich: Die zehn Stücke auf "Back To Black“ – im Vereinigten Königreich bereits mit Triple-Platin ausgezeichnet – sind allesamt exakt auf den Punkt gebracht und jedes für sich ein Ereignis. Produziert von Mark Ronson (Robbie Williams, Christina Aguilera, Lily Allen) und Salaam Remi (Nas, Ms. Dynamite), hat das zweite Album von Amy Winehouse den unverwechselbaren Motown-Sound überaus clever mit dezenten HipHop-Beats kombiniert. Eine Art modernisierte Nostalgie. Eine heiße Affäre von Gegenwart und Vergangenheit. Ein nicht weniger als unwiderstehliches Album, das alles hat, was ein Soulklassiker haben muss. Vor allem: eine wirklich unglaubliche Stimme, die hinreißend faucht und schnurrt und die komplette Emotionsskala in ihrem Farbkasten hat. Ob Amy Winehouse nun, wie im Titeltrack, den Supremes huldigt, in "Just Friends“ die Aretha Franklin gibt oder in "Tears Dry On Their Own“ Marvin Gaye die Ehre erweist – sie bleibt doch immer eigenständig. Alles andere würde ja schließlich auch gar nicht zu ihr passen.

Amy Winehouse
"Back To Black“
Island / Universal
VÖ: 09.03.2007

Konzerttermine:


29.03.2007 KÖLN, Bürgerhaus Stollwerck
01.04.2007 MÜNCHEN, Muffathalle
06.04.2007 HAMBURG, Große Freiheit 36
08.04.2007 BERLIN, Tempodrom"Wichtige Links zu diesem Text"
Offizielle Website
Offizielle deutsche Website
Amy Winehouse bei MySpace

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19 Antworten

Kommentare

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    Große, große Amy.
    Ihr Album ist das Beste in diesem Jahr, wie ich finde.
    Und in dem Jahr davor.
    Und in dem davor auch;)...

    13.12.2007, 09:17 von touchthesky
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    Ich habe schon meine Konzertkarte hier fuer Amsterdam,freu mich schon wahnsinnig!!!!

    29.06.2007, 09:59 von crazyjazzyjess
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    jaaa, endlich habsch die CD!
    Toll toll toll. Amy ist in ihrem Genre echt nicht zu übertreffen. also ich hab auch nichts (wirklich gar nichts) an der platte auszusetzen...und nein, auch ich bin nicht aus der PR-Abteilung!

    28.05.2007, 00:52 von JacksonCannery
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    danke für den Artikel! Der erspart mir eine elend lange Suche nach der "die ich irgendwo mal gehört und deren Namen ich vergessen und die in England grad in allen Zeitungen beschrieben, wegen der Trinkerei und manchmal auch wegen der musik und so...." in der allwissenden Müllhalde....
    Danke danke. Und mitreißend geschrieben ist's auch noch.

    25.03.2007, 15:38 von Kraecker
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    Ihre Stimme klingt kalt. Und ihr Image als weiblicher Pete Doherty gefällt mir auch nicht. Die Stücke an sich sind ganz nett.

    22.03.2007, 19:56 von Saphira
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    Oooh, ich find die CD auch groooooßartig! Leider ähneln sich die meisten Songs, aber gerade bei Herzschmerz kann man sich mit Hilfe der CD schön im Selbstmitleid suhlen. Und dem Hass gegenüber dem Kack-Exfreund freien Lauf lassen.

    22.03.2007, 17:48 von Lenulitschka
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    ich fand ihre erstes album cool. ich fand SIE cool.

    ihr zweites album ist... cool. aber sie ist es nicht mehr. viel zu kaputt. essstörung, alkoholsucht... das ist nicht das holz aus dem ich sie geschnitzt haben will. schade. ist ihr vermutlich egal. aber das gehört wohl dazu.

    21.03.2007, 23:29 von owambo
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    Tolles Album, kann da nur zustimmen!

    21.03.2007, 15:48 von naddyboe
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