stundenhotel 16.10.2004, 20:53 Uhr 4 1

Verspätungen, oder: Was Elliott Smith mit meiner Liebe zu tun hat

Elliott Smith ist tot. Ein Jahr schon. Weiter weg. Man könnte nun schon mal weinen, es sieht einen ja keiner mehr.

Letzte Nacht lag ich im Bett und hätte es beinahe getan.
Dass diese Musik schön ist, weiß ich schon seit jeher. So schön wie jeden Tag mit einer anderen Frau zu schlafen. Die richtigen Kniffe kennen, aber das Geräusch, das die nächste Berührung hervorruft, nur erahnen. Davon überrascht werden. Immer aufgeregt sein. Jeden Tag aufs Neue. Einen Katalog haben. Und jedes einzelne Modell darin gefickt haben.
Aber darüber würde ich nicht weinen. Darüber kann ich nur müde lächeln und doch nicht einschlafen. Es ist zu laut hier. Zuviel schöne Musik. Denn viele probieren schöne Musik aus. Aber nur wenige schaffen sie aus der Welt. Elliott Smith hat für mich nicht viel getan, nur das.
Keine Tränen letzte Nacht. Kein Ausweg zu sehen. Denn ich musste sogar im Dunkeln die Augen fest schließen. Weil die Schönheit keine Rolle mehr spielte, sondern Krieg. All die schönen Leute mit ihren schönen Songs und ihren schönen Hörern. Sie standen mir allesamt gegenüber. Bereit zu töten. Als ich dann aber die Augen schloss, blieb nur einer übrig. Keiner sang so, keiner klingt so.
Keiner wirkt so. Auf mich. Und ich blieb eine CD lang regungslos auf dem Kopfkissen liegen, während mein zurückgebliebener Körper im Beinhaus ein Alibi tanzte.
Keiner war da. Hallo? Nein.
Etwas vermissen, das auch beim wiederholten Hören klingt wie etwas, das bisher nur einmal da gewesen ist. Einzigartigkeit ist kein Ettikett, das haften bleibt. Weil wenn man nur eine Frau hat und die einen verlässt, dann ist es zu spät. Dann formuliert man einen Satz, der einen zum Weinen bringt. Oder ins Irrenhaus. Ich habe wirklich einmal geliebt. Das war dann so: Nicht mehr aufgeregt sein, aber dafür aufregend. Und das war es wert.
Liebe. Liebe.
ballad of big nothing.
Geiler Song, sagt Helmut. Wer isn das?

Heute war der Tag, an dem ich alle Schweigeminuten, die ich in meinem Leben bisher ausgelassen habe, nachgeholt habe. Ich glaube nicht, dass Elliott Smith mich gekannt hat. Aber er hat dennoch genug für mich getan. Er hat nicht aufgehört."Wichtige Links zu diesem Text"
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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Mag mich anschließen. Er war einzigartig. Als ich zum ersten Mal Condor Avenue hörte wußte ich sofort daß das die Musik war die ich suche.

    08.01.2006, 13:28 von surfisto
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    Nochmal gelesen.
    Verdammt schöner Text.

    21.12.2005, 20:01 von veit
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    Übermorgen ist es dann wieder so weit.
    Traurig.

    19.10.2004, 19:49 von veit
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