ringerman 16.03.2009, 11:57 Uhr 11 9

STOP MAKING SENSE

„Stell Dir vor, Du hättest heute Abend eine Verabredung mit David Byrne. Wohin führst Du ihn aus?“ - „Keine Ahnung, ich kenn' den doch gar nicht.“

Rückspultaste: 1983, Sommer, Südfrankreich. Ich bin 16 und genieße die totale Freiheit eines sechswöchigen Sommerurlaubs ohne Eltern auf der Sitzbank meines Leichtkraftrades. Der knatternde Zweitakter ist mittlerweile eine recht verbeulte Angelegenheit, da es mich irgendwo in Belgien aus der Kurve geworfen hat. Nichts Schlimmes oder – wie mein Vater gesagt hätte – „Nix, was man nicht auch mit ein bisschen Leukoplast wieder hinbekommen hätte“. Die Mittagshitze brüllt, als ich an einer Plakatwand vorbei fahre. "TALKING HEADS avec TOM TOM CLUB, Montpellier“ quietscht mich das schwarz-rote Poster an. Das Konzert soll übermorgen stattfinden. „Wow!“, entfährt es mir. Alle Pläne werden umgeworfen. Bei dem Ereignis der Überklasse will ich mit dabei sein. Bin ich dann auch. In einem überfüllten Regionalliga-Stadion erlebe ich eins der tollsten Konzerte meines Lebens, tanze und gröle in der französischen Meute zu „Once in a Lifetime“, „Psycho-Killer“ und den ganzen anderen Kloppern von David Byrne und Brian Eno mit. Ist es zu dieser Zeit „nur einfach der Hammer“, so ein Konzert mit zu erleben, so wird die Geschichte im Nachgang bei vielen späteren Gelegenheiten zu einer legendären musikalischen Anekdote.

Vorspultaste: 2009, graues Schmuddelwetter in Hamburg, irgendwann in der Nacht. „Pling“ macht's auf dem Rechner. Mail von meinem Freund Jan aus Köln. „yo chef, lange nicht mehr geschrieben! alles gut bei dir? willste morgen zu david byrne? kann dich drauf schreiben! woo! J“. Jan macht irgend was mit Musik und schafft mich dann und wann auf die Gästelisten von Konzerten. Sehr nett. Und jetzt – ein Vierteljahrhundert nach meinem Talking Heads Gig in Montpellier – ist es also Zeit für ein Re-Hi mit meinem Helden von damals. David Byrne. Yeah! Ich schreibe begeistert zurück und bestätige die Einladung für die Guestlist. Kurz darauf kommt die Bestätigung: „ok chef. ich versuche mal ein plus eins. du musst dann aber mit der band noch was trinken gehen! das ist die bedingung! ahoi! J“, scherzt der Kölner Kollege. „Klar“, schreibe ich zurück „Ich bügel' schon mal den Frack. Man sollte ja standesgemäß aussehen, wenn man mit David ausgeht.“, grinse mir eins und freue mich auf den nächsten Abend.

Gegen Mittag des folgenden Tages erhalte ich eine Mail mit der Bestätigung für zwei Leute Gästeliste und Aftershow-Party vom Tourmanagement. Drunter hat mein Freund noch zwei Zeilen gequetscht, die mich plötzlich beunruhigen: „nö, musst dich nicht verkleiden. david ist ganz ok, die band auch. viel spaß!“ Kurz darauf wird's noch deutlicher. Jenni Muldaur, die in der Band singt, hat meine Mail-Adresse erhalten und schreibt: „Hi Chris, we would love to go out after the show somewhere. Usually about 6 of us go out. So we can meet after and decide if we should go have a drink somewhere. I will tell david that Jan's friend may have a good suggestion. Casual and small. close to the venue... Looking forward to meeting you! *Jenni“. Mir wird heiß und kalt gleichermaßen. So wie es aussieht, habe ich heute Abend ein Date mit einem meiner musikalischen Idole plus Anhang. Ist das cool? Sieht so aus. Aber ich bekomme Panik.

Nehmen wir mal an, Du hättest heute Abend eine Verabredung mit David Byrne. Wohin würdest Du mit ihm ausgehen? Ich hyperventiliere leicht. Keine Ahnung, ich kenne den doch gar nicht. Ist das so'n Oberstyler? Müssen wir in eine Designer-Bar gehen? Ist das ein Rock'n'Roller trotz seiner 57 Jahre? Will der Groupies, Drogen und eine Jam-Session? Vielleicht ist er aber auch völlig amerikanisiert, nimmt nur noch ayurvedische Drinks in Nichtraucherzonen ein. Freunde, die ich anrufe sind kein wirklicher Support. „Den musst Du unseren Redlight-District zeigen. Kiez. Bordsteinschwalben und danach in einen dreckigen Punk-Club.“, lautet ein Rat. Der nächste behauptet schnell das Gegenteil: „Ich würde David in so eine Lounge mit Hafenblick schleppen. Schön chillen. Das braucht der bestimmt nach dem Konzert.“ Mein Freund Jens, den ich gefragt hatte, ob er mit zum Konzert will, hat derweil andere Probleme. „Kacke, mein Englisch hat echt unterstes Niveau. Was mach ich bloß, wenn die Crew ernsthafte Fragen stellt?“

Die Zeit rast. Die Optionen für das Celebrity Night-Out variieren zwischen „Ich nehm' die alle mit zu mir nach Hause“ über „Da gibt's so'n Cocktailschuppen mitten auf der Reeperbahn“ bis hin zu einer Hafenarbeiterkneipe.“ Über all diesen Locations hängt das Damoklesschwert der Nichtraucher, denn – auch wenn es das Gesetz anders vorschreibt – in den Szenebars hier wird noch heftig gequarzt. Viel zu früh ist es halb acht. Im aseptischen Umfeld des Hamburger Kongresszentrums treffen sich mein Freund und ich. Das Gebäude ähnelt mehr einer Flughafenlobby als einem Club. An der Abendkasse ist ein Umschlag hinterlegt. Zwei Tickets und zwei Aufkleber, die wir deutlich sichtbar tragen müssen „VIP GUEST“. Niemand außer uns hat so etwas. Wir sind aber auch nicht wirklich stolz drauf. Die Show beginnt in einer bestuhlten Halle. Security-Typen überall. Auf der Bühne stehen David Byrne und seine 10 Mitstreiter. Alle sind höchstgesundheitlich weiß gekleidet. „Jede Wette, alles Nichtraucher“, denke ich und disponiere um. „Keine verrauchte Cocktailkneipe. Wir gehen zu mir.“

Nach anfänglicher Steifheit rocken die Musiker den Schuppen. Die Leute springen von ihren Sesseln, toben vor zur Bühne und tanzen, was das Zeug hält. Die Stimmung kocht hoch. „Road to nowhere“, „Once in a lifetime“, „Take me to the river“, „Burning down the house“ - die ganzen Smasher hauen David und seine Crew raus. Nach zweieinhalb Stunden und drei Zugaben endet ein fantastisches Konzert. Am Merchandise-Stand kaufe ich schnell noch ein Buch von David Byrne, das ich mir signieren lassen möchte. Von beamtenhaften Security-Leuten werden wir hinter die Bühne geführt und müssen in einer Resopal-Kantine warten.

Wenig später werden wir in einen hässlichen Flur geführt. Eine der Background-Frauen entpuppt sich als Jenni. „Hey, you must be Chris“. Hände werden geschüttelt. Noch ein Background-Girl gesellt sich in der nüchternen Fluratmosphäre zu uns. Wo es denn hinginge, möchte sie wissen. Ich stammele ein wenig herum, obwohl ich doch mehrfach so knackige Sätze, wie „Hi I'm Chris your Hamburg-Host“ einstudiert habe. Die Sammlung der Ausgeh-Optionen habe ich noch während des Konzertes mehrfach umgestellt. „Also, entweder zu mir, in eine Cocktailbar oder in einen Schuppen, in dem Hunderte von Sofas stehen. Eure Wahl“, biete ich an. Alles kichert. Ein Typ in einem knallblauen Trainingsanzug gesellt sich zu uns. David Byrne. „Hi, i'm David“, sagt er und schüttelt mir die Hand. „Ähm, jo ich bin Chris. Und das ist Jens.“ und zeige auf meinen Kollegen. Der Vorschlag mit den Sofas kommt gut an. Die Stimmung ist noch ein wenig steril. Doch schon auf dem Weg nach unten lockert es sich gewaltig, denn nach und nach gesellen sich immer mehr Musiker zu uns. Wir helfen mit, ihre Taschen in die Tourbusse zu schleppen. Wenig später entern wir mehr oder weniger johlend drei Taxis am nahegelegenen Bahnhof. Zwischendrin frage ich mich, ob das alles gerade passiert. David erzählt, dass er heute vier Fahrräder gekauft, damit man während der Tour in den Städten auch mal durch die Gegend radeln kann. Währenddessen rollt der pakistanische Taxifahrer mit den Augen, als er entdeckt, dass zwei der Musiker im Kofferraum des Taxi-Vans Platz genommen haben. Man lacht sich scheckig.

Angekommen in der Sofa-Bar versorgt sich die Gruppe mit Getränken und verteilt sich im großen Gastbereich. Ein Musiker bereut, nix zu rauchen mitgenommen zu haben. Es scheint, als wäre es nur die eine Background-Sängerin gewesen, die nicht raucht. Öfters steht man vor der Tür. Ich biete David einen Joint an. Er winkt ab und zieht an seiner Bio-Zigarette, aber der Keyborder ist hellauf begeistert. Man trinkt Wein, Bier und labert über Musik. Die ganze Situation hat etwas von einem Klassenausflug. Morgen soll's nach Frankfurt gehen. „Do you know some good art places?“, fragt David mich und ich verspreche ihm, ein paar Adressen zu mailen. Viel schneller als gedacht ist es Mitternacht. Der Tourmanager, der ein eisenhartes Regime fährt, verordnet den Rückzug. Draußen werden drei Taxis heran gewunken. „Hey, that was great“. Man klopft Schultern. Ich instruiere die Taxifahrer, wohin sie die Musiker bringen sollen. Die Türen klappen zu. Der Tross setzt sich in Bewegung. Jens und ich stehen am Straßenrand und winken hinterher. Ich krame in der Tasche, finde das Buch von David Byrne und verfluche mich: „Scheiße, Autogramm vergessen!“"Wichtige Links zu diesem Text"
Website von David

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11 Antworten

Kommentare

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    ...good ole times. ^^

    02.04.2009, 05:11 von Kiyan
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    Ich finds lustig.
    In der Situation wär ich gern dabei gewesen. :-)

    19.03.2009, 12:02 von Salatschnecke
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    "David erzählt, dass er heute vier Fahrräder gekauft, damit man während der Tour in den Städten auch mal durch die Gegend radeln kann."

    hast da ein "hat" vergessen ;-)

    geschichtenkelchfüllstand: 3%
    vg k

    17.03.2009, 21:50 von Kocmonabt
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      @Kocmonabt Shit. Auf so 'nem Posten lasse ich mich ja ungern erwischen... Hat er natürlich, der David. Hat er. Natürlichst.

      By the way: Darf man seine Artikel nachträglich korrigieren, oder ist das bähbäh?

      Wo ist hier eigentlich das Newbie-Forum (für mich)?

      Gruce

      r.

      18.03.2009, 01:06 von ringerman
    • 0

      @ringerman da gibts so eine startseitengruppe, die haben diesbezüglich die deutungshoheit okkupiert - frag da mal nach...

      k

      18.03.2009, 10:06 von Kocmonabt
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    geil!!!! Danke!!!

    17.03.2009, 11:01 von heinseed
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    So einen Aufkleber hat eine Freundin von mir auch mal bekommen. Die musste dann mit Brian Ferry knutschen... Tja, Stars sind eben auch nur Menschen.

    Liest sich gut!

    Und Autogramme finde ich ein bisschen unwichtig.

    16.03.2009, 22:14 von B.tina
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    nice x)

    16.03.2009, 19:45 von Bocki26
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    ich kann autonomia nur zustimmen, gut geschrieben...

    16.03.2009, 17:23 von KingSnake
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    Sehr lang, sehr ausführlich, aber es lohnt sich. Schön das wenigsten einiger user das niveau von neon oben halten, nachdem das nicht einmal mehr der eigenen redaktion gelingt. Weiter so !

    16.03.2009, 16:37 von Mewkew
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