Sterblichkeit vergessen.
Kettcar, Hamburg, Deiche brechen richtig oder nicht.
Wie schön, wohl eins der am meisten antizipierten Konzerte miterleben zu dürfen: Kettcar geben sich die Ehre im 'neuen München', ergo Berlin. Was das wohl gibt? Hanseatische Ehrlichkeit gegen hauptstädtische... Stylishness? Distanziertheit?
Nichts von alledem: das Publikum so bunt gemischt wie selten, was sowohl die Altersverteilung (16 bis 60 mit einem deutlichen Gewicht Richtung Endzwanziger) als auch die Dichte schräger Ponys, anstrengender Brillen und zugereister Darmstädter (von allem erfreulich wenige) angeht.
Allen gemeinsam: restlose Begeisterung. Die Atmosphäre im natürlich lang ausverkauften Columbia Club bestens, was man von den objektiven Gegebenheiten leider nicht behaupten kann:
der mehr als sporadische Konzertgänger hätte sich, wäre da nicht diese allesverzeihendmachende Band gewesen, durchaus an dem schuhschachtelartigem Ambiente, dem völligen Fehlen jeglicher Frischluftzufuhr (und damit schon vor Konzertbeginn resultierenden subtropischen Temperaturen), den unglaublich schrappigen Thekenkräften und einem extrem miesen Sound stören können.
Dieser raubt der Vorband Pale auch jede Chance, sich irgendwie profilieren zu können: sonst eine sehr gute Liveband, verkommen sie im Columbiaclub doch zu einer Schreddel- und Schreipampcombo, was sie wahrlich nicht verdient haben. Dass sie in knapp 25 minuten Programm auch noch reichlich neue Songs unterbringen, hilft nicht eben, die Reaktionen bleiben leider mehr als verhalten. Dies ändert sich grundlegend als der Hauptact die Bühne betritt, erste Ansage: siehe zweite Überschrift, und so sieht es auch aus: von meinem Standpunkt aus war kaum jemand auszumachen, der sich nicht sofort wild zuckend, springend und textmitsingend der Welle auslieferte. Kein Ich mehr, nur noch wir hier.
Auch mit den wenig berlinfreundlichen Zwischenansagen hatten die (Zitat) 'Quasimodo des Indiepop' respektive 'Hässlichen vom Visions-Cover' die Lacher auf ihrer Seite (also doch nur Zugereiste?) und hielten das Publikum nicht davon ab, sie viermal wieder rauszuklatschen, bis dann auch tatsächlich alle Songs gespielt waren. Überflüssig allerdings von Seiten v.a. der weiblichen Konzertbesucher war allerdings das lautstarke Einfordern der Lieblingsballade, da man sich
a) unschön erinnert fühlte an Damen, die sich auch noch 2003 bei Radiohead nicht zu schade waren, zwischen jedem Lied laut 'Creeep' zu schreien,
b) man Liedwünsche auf Konzerten schön für sich behält, es sei denn man wird gefragt und
c) man sich auch mit 3 Promill und bar jeder Zurechnungsfähigkeit noch ausmalen konnte, welches Lied als letztes gespielt wird,
nämlich natürlich der 'Bob-Dylan-Song für Taubstumme'. Der einen perfekt in den Abend entlässt und einem langsam bewusst macht, die letzten knapp zwei Stunden eigentlich nur die Musik und ein unbestimmtes Glücksgefühl wahrgenommen zu haben... die Masse löst sich langsam wieder in Individuen auf, die 'wie geil...' murmelnd zur Garderobe schlurfen und sich mit den ersten paar Zügen atembarer Luft, die von draußen hereinwehen, fragen, was man nach so einem Abend wohl noch braucht.
Eigentlich nicht viel.






Kommentare
oh ja...is zwar schon einige zeit her, aber auch mein kettcar konzert war sehr fein (in graz...heuer im frühsommer).
21.11.2005, 23:04 von Heinekenschade nur irgendwie, dass das gerücht scheinbar doch stimmt, dass kettcar bei jedem konzert die gleichen sprüche sagen (also "die hässlichen vom visions-cover usw.). Naja sympathisch wars trotzdem...
Da spricht mir ja jemand aus der Seele. Von der Intensität her wird kaum noch ein anderes Konzert dieses Jahr mit Kettcar mithalten können. Coldplay müssen sich vor 20.000 Menschen in der Wuhlheide erst mal beweisen. Aber das Konzert im Columbia Club war trotz schlechter Soundqualität wirklich der Wahnsinn. Und es ist schön zu sehen das eine Band noch wirklich Spaß auf der Bühne hat und sich ein Sänger das Schmunzeln nicht verkneifen kann wenn auf einmal alle seine Texte singen. Es gibt nur ein Wort dafür. Schön.
01.05.2005, 23:33 von parachutes80köln, 31.03... und wenn es mir jetzt scheiße geht, denke ich an diesen wunderbaren abend, stöpsle mir deiche ins ohr und die laune bessert sich um 1000%.
24.04.2005, 23:35 von Citronellavorher hab ich mich schon gefreut wie blöde, aber dass es soooo toll werden würde...
Ich habe Kettcar am Freitag in Hamburg gesehen.
11.04.2005, 23:29 von bartenderMit Heimspielatmosphäre war das auch ne sehr runde Sache.
Gute Setlist, schön dezente Lichteffekte, sympathische Zwischenmoderation (auch wenn ich nach der Lektüre deines Textes nun sicher bin, dass sie in jeder Stadt die gleichen Witze reißen).
Dazu eine Vorband, die alles richtig machte, leider viel zu kurz randurfte und mit den vielen neuen Songs schon wieder ne Menge Lust auf ein neues Album machten. The Pale 4, ihr seid ganz groß, wir sehen uns wieder!
so ein Konzert muss wohl unvergesslich sein... auch wenn es wirklich schade ist, wenn Pale so schlecht weggekommen ist.
11.04.2005, 19:55 von JenniferDennoch vermisse ich die kleinen kettcar-Konzerte.