frau.von.ungefaehr 29.11.2012, 22:59 Uhr 14 37

Schwere See.

Binnen zwei Stunden nach seiner Ankunft,

nachdem er aus der Entgiftung ausgecheckt hatte, sieht der Wohnzimmertisch aus, als hätte Jan darauf Brot gebacken. Allerdings hat er bei mir keine Ergotherapie genossen, sondern die vergangenen sechs Wochen weitestgehend rückgängig gemacht und den Vorkurzustand unumwunden wieder hergestellt. Mit manischen Augen sieht er mich an, bereit die Welt aus den Angeln zu heben – wie satt ich diese Scheiße schon wieder habe!

Ich muss nicht lange überlegen, um die Antwort darauf zu finden, was ich-er-alle wohl zu erwarten haben, wenn er sich sechs Wochen lang erst die Seele aus dem Leib kotzt und danach mit Jeanette, die auf dem dritten Bildungsweg Therapeutin geworden war, weil sie an das Gute im Menschen glaubte, Körbe flicht. Dass das Erfolgsergebnis kleiner gleich  null sein würde, davon war ich ausgegangen. Dass es so schnell gehen würde, dass er fürderhin abermals der Nasenscheidewand aus Titan entgegenstrebt, finde ich dann doch überraschend. Wir kippen uns noch mehr Wodka in die Hälse, vernichten den Rest des Briefchens, das er noch bevor er mich begrüßt hatte, schon auf den Tisch geworfen hatte, und gehen los. Viel zu erwarten haben wir von draußen nicht.  Beste Voraussetzung, nicht über Gebühr enttäuscht zu werden.

Draußen ist es kalt, der Weg nicht weit. Immerhin. Fröhliches Gegacker allerorten, Glitzerhippies schütten sich Pfeffi zwischen die roten Lippen, ich möchte ihnen ihre funkelnden Schädel spalten. Hier. Jetzt. Unumwunden. Stelle mir das bildlich vor. Zu bildlich. Eine Torsionswelle an Übelkeit schüttelt mich. Jan hat nichts zu erzählen. Kein Wunder, hat ja auch nichts erlebt die letzten Wochen. Wir wandern schwankend dem Moloch entgegen, die Bar ist hoffentlich schon eingeräumt, es gibt nichts schlimmeres, als den Abend mit lästiger Zitrusfruchtschnibbelei und Bechertetris zu beginnen. Bauchwehbass donnert in unsere Magengruben. Ist das nicht doch eventuell schon Körperverletzung? Nee, bloß Soundcheck. Soso.

Mehr Wodka, mehr Kistenschleppen. Bar nicht eingeräumt, wäre ja auch zu schön gewesen. Jan verschwindet mit dem Tonmann und dem schmächtigen Bassjunge in der Backstage. Aha. So viel zum Thema „Wir kümmern uns da zusammen drum! Echt.“ Immerhin bekomme ich noch ein „Ich hab ja auch so einiges nachzuholen“ zugeraunt. Jaja, immer der gleiche Scheiß. Wenn das so weitergeht, Halli Hallo, dann steht der Junge gleich morgen wieder vor Jeanette und macht fortan seinen Korbflechtmeister. Nicht meine Angelegenheit. Mein akutestes Problem heißt indes „stumpfes Messer und vier Kilo Südfrüchte“.

„Ey, gibste mir schonmal n Cuba?“ „Was willst du Wurst? Ich hab noch nichmal Wechselgeld hier, wackel ab!“ Wie ist die Nase überhaupt schon reingekommen? Die Antifa ist wohl noch nicht da und alle Türen demnach unbewacht und offen. Läuft ja wie geschmiert. Ah, da kommt ja die Antifa – zumindest ein Teil davon, in Gestalt von Marcus. Wodka, umarmen, nochmal Wodka. Obacht, Mädchen, die Schnäpse solltest du künftig nur mehr in homöopathischen Dosen einnehmen, andernfalls kannst du gleich ganz auf das Wechselgeld verzichten und die Drinks samt und sonders verschenken! A propos Wechselgeld, da ist ja endlich Claudia. Und da kommt Jan. Alle da, Türe auf, Stress „Hallo“! Wie Weihnachten in Familie. Schön. Da kommt ja doch noch Laune auf, eigentlich, so hätte ich noch vor einer halben Stunde gewettet, wäre mit guter Laune so sehr zu rechnen gewesen wie mit Badewetter im Polargebiet. Umso besser.

Wir sind ein eingespieltes Team. Lachen. Besonders an den unangebrachten Stellen. Kabbeln. Auch das an den unangebrachten Stellen. Die anwesende Landjugend freut das. Uns auch. Jan glänzt häufiger durch seine Abwesenheit – da wollen allerhand Menschen begrüßt, gedrückt, um- und versorgt werden. Er hat schon so merkwürdigen Schaum in den Mundecken. Unauffällig schiebe ich ihm immer, wenn er mal kurz wieder da ist, ein Wasser rüber. Trinkt er auch brav. Das ist gut. Das ist immerhin was.

„Mit Gemüse und Eis?“ „Ja, aber ohne Strohhalm“ – Im Augenwinkel sehe ich Jan vor der Bar vorbeitorkeln. Die Wodkaflasche im Arm, der Schaum vorm Mund macht beinah den Victoria-Falls Konkurrenz. Scheiße, wann kommt eigentlich die Ablöse?! Keine Ahnung. Alle besoffen, alle schweben.

Jan sticht mit seiner schwitzigen Faust in die schwüle Luft. Na ja, immerhin ist er noch aufrecht. Erst wenn er anfängt, Purzelbäume zu schlagen, wird es wieder kritisch – ich kann mich vorerst und in erster Linie wieder meiner schlecht bezahlten und durch Gäste wenig fürstlich bezuschussten Arbeit widmen. A propos Linie. Wo ist das Briefchen, das Jan mir eben noch hingeknallt hat? Die Bar kann auch kurz unbeaufsichtigt bleiben, der Pöbel ist bereits sattsam trunken. Ups, Vorsicht, unter meinen Schuhsohlen bildet sich ein stetig wachsender klebriger See.

Frisch gestärkt zurück winkt allerlei zwielichtiges Publikum mit Geldscheinen – hier und da wird der Ton schon etwas aggressiver. Prioritäten setzen. Mädchen zuerst drannehmen. Funktionieren. Leere Becher in die Tonne, Flaschen in die Kisten, volle Becher und Flaschen auf den Tresen. Fantasiepreise (hoffentlich zu meinen Gunsten) möglichst offensiv zwischen die Bässe brüllen. Glück gehabt, es fragt keiner ausführlicher nach. Scheiße, Eis und Zitrusfrüchte alle. Egal, Schnapsdosis erhöhen. Wer schöpft eigentlich die Scheine ab? Ah, da kommt Claudia. Für einen Wodka haben wir noch Zeit! Zwinkern, müde kichern. Weg damit, weiter geht’s. Oh nein, habe ich gerade Jans ausgetretene Schuhe in der Luft gesehen? Schlägt er schon Purzelbäume? Wo sind die letzten vier Stunden hin?

Ein verzaubertes Mädchen läutet auch sogleich die Partyendphase ein: So viel Wasser hab ich gar nicht hier, wie gleich über den Tresen wandern soll. Daran verdient man ja auch kaum – lieber noch ein paar Leute zum gepflegten Feierabendbier überreden – jedenfalls die, die aussehen, als würden sie es noch vertragen können.

Jan kommt mit tellergroßen Augen angerannt und sagt „Sorry, aber ich hatte den Eindruck, dass du das auch gut alleine hinkriegst. Willst du bisschen Keta?“ Nur mit viel Mühe kann ich einen Nasenbeinbruch seinerseits, ausgeführt durch eine ebenso unbeholfene wie wütende Geste meinerseits, verhindern. Er lacht und brüllt, dass auch der letzte besoffene Depp das noch mitbekommt, über den Bassteppich, dass er mir mal ne schöne Line aufhackt. Er würde tot umfallen, wenn meine Blicke wirklich in der Lage wären zu töten.

„Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ne kleine Afterhour…“ trällert Jan. Er grinst mich aus seinem Tollwutmund an und verschwindet schon wieder mit dem Basstyp von vorhin hinter der Bar. Weitermachen. Wasser. Schnaps. Schnaps mit irgendwas. „Sorry, letzte Runde.“ „Bitte, noch ein Bier!“ „Knabe, ich glaub, es reicht. Ich hab auch gar keine Kasse mehr da. Zwitscher ab. Drüben gibt’s noch!“ Da geht auch schon das Licht an. Tür zu. Aufräumen kann die Ablöse. Morgen oder wann immer.

Der siebte Kreis der Hölle kann schlimmer nicht sein. Mir egal. Wo ist Jan? Ruft er wirklich nach Jeanette? Und kommen da wirklich Raver im signalorangenen Gewand? Fuck, es sind keine Raver. Es sind Sanitäter. Wen nehmen die denn mit? Bitte nicht. Bitte, bitte, bitte nicht. Bitte nicht Jan!

Schon klopft er mir mit krankem Grinsen im Gesicht auf die Schulter, sagt, dass er was vorbereitet habe, nimmt mich am Arm, ignoriert meine boxenden Arme, führt mich quasi zeremoniell in die Backstage. Weitermachen. Dann tanzen. Dann Feierabend. Wahrscheinlich kann ich eines nicht allzu fernen Tages bei ihm lernen, wie man Körbe flicht. Morgen. Dann. Bald. Na, heute jedenfalls nicht mehr.

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14 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Auch wenn der erste Satz sogar nach mehrmaligem Lesen immer noch holprig klingt, hat mich der Text schlußendlich in seinen Bann gezogen. Vielleicht funktioniert das aber nur wirklich, wenn man solche Situationen kennt. K.A. Atmosphärisch sehr dicht (haha) erzählt und indirekt wird viel über die Protagonistin preis gegeben. Fein.

    Ich hätte mir gewünscht, dass die Situation 8landjugend, hö?) noch ein wenig konkretisiert worden wäre. Und so eine Situation lässt natürlich noch andere, fiesere Gefühle zu wie z.B. Eifersucht, welche sich im Räuschchen dann potentieren. Aber egal, die vorliegende Situation ist stimmig.

    Apropos A propos?

    02.12.2012, 10:15 von quatzat
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  • 1

    eine torsionswelle an übelkeit - ja. das nehm ich so ab. so und nicht anders ist das. ach, und dann dieses unvorbereitete und alle findens dufte, kümmern sich aber nicht einen fatz drum und dann mit stumpfem messer südfrüchte schneiden, das les ich und denk, ja, immer wieder die gleichen arschlöcher :-)

    01.12.2012, 10:47 von lavish
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  • 1

    Ich hatte die Story, die Leute vor Augen, so schön, wie du sie beschrieben hast. Ich hab mich gefühlt, als sei ich live dabei und betrachte die Szene.

    30.11.2012, 23:58 von topfbluemchen
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  • 0

    Ich hab zweimal gelesen und musste feststellen, dass ich auch da nicht in den Text reingekommen bin.

    30.11.2012, 17:37 von marco_frohberger
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  • 0

    Speeeeedreading, mir gefällts.

    30.11.2012, 10:38 von EliasRafael
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    • 1

      Irgendwie hätte ich mehr Details erwartet: 'Jan verschwindet mit dem
      Tonmann und dem schmächtigen Bassjunge in der Backstage' - ist das Clubleben doch sooo langweilig???

      01.12.2012, 08:49 von zeitvergeudet
  • 1

    Ich bin irgendwie froh, daß ich immer nur dabei statt mittendrin war...

    30.11.2012, 08:42 von sailor
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  • 2

    ...faszinierend, wie einem beim Lesen die Bilder vor den Latz knallen, wie sie einen reinziehen, in die Geschichte und wie sie spüren lassen, dass Atemlosigkeit kein gutes Gefühl ist.

    30.11.2012, 07:15 von derHalbstarke
    • 0

      Da stimme ich dir voll zu. Genauso ging es mir auch.

      30.11.2012, 08:36 von Tanea
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  • 1

    Sehr guter Film im Kopf, nicht hinzuzufügen.

    ich möchte ihnen ihre funkelnden Schädel
    spalten.

    Ja. Das ist gut.

    30.11.2012, 07:03 von Mrs.McH
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  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

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