Rockstar oder Bankkaufmann?
"Wir machen den Weg frei" oder "Wir machen die Girls high", das ist hier die Frage ...
Rockstar, der große Traum so vieler, die gerade mal wissen, wie man eine Gitarre richtig rum hält. Den Einen mag es um den künstlerischen Aspekt gehen: die eigenen Gedanken der Welt mitteilen, immer bessere Songs schreiben, immer bessere Texte, sich selbst musikalisch verwirklichen, das Instrument meistern.
Den Anderen geht um das, was den Begriff Rockstar spätestens seit den Tage von Led Zeppelin prägt: Bühnen groß wie der benachbarte Wohnblock, hinter der Band eine Chinesische Mauer aus Boxen und Verstärken, Zehntausende Fans, um das eigene Ego zu befriedigen, Horden von Groupies für Spiel, Spaß und Spannung, Traumvillen, Traumautos, die halbe Drogenernte Kolumbiens wandert in die eigenen Nase, Jack Daniel’s produziert dir einen Signature-Whiskey, und so weiter.
ABER, erstes Problem: Wir sind hier nicht in New York, London oder L.A. Um die Ecke wohnen nicht Guns’n Roses in ihrer abgefuckten Rockstar-WG und schießen sich täglich das Bruttoinlandsprodukt eines ostafrikanischen Staates in die Venen. Nein, in der WG nebenan wohnen brave Psychologiestudentinnen, die ihre Venen maximal zum Spenden von Blutplasma benutzen.
Im örtlichen Club, so er die Bezeichnung verdient, stehen nicht die nächsten White Stripes am Programm und es streiten sich nicht Motley Crüe und Poison allwochenendlich darum, wer die geilste, lauteste, haarreichste, meistgevögelte Band des Jahrzehnts ist. Hier gehört die Bühne unterbeschäftigten Musiklehrern und Teilzeit-Wannabe-Rockstars in ihren Mittdreißigern, die sich noch nicht mit der harten musikalischen Realität Mitteleuropas abgefunden haben, dass nämlich „die Großen“ aus den amerikanischen Küstenmetropolen kommen, aus England oder mit Abstrichen aus Skandinavien. Aber eben nur alle heiligen Zeiten, wenn überhaupt, kommen sie aus Hochburgen des Schlagers, der Volksmusik und stumpfsinniger nts-nts-Mucke wie Deutschland und Österreich. Was kann man von Ländern auch erwarten, in denen Titel wie „Du hast den geilsten Arsch der Welt“ die Charts dominieren und das ganze Land kollektiv in einer Art nationalem Alljahres-Oktoberfest-Bierzelt Hochgeistiges mitgrölt wie „UH-AH … five-six-seven-eight“?
Zweites Problem: Zu diesen schwierigen Infrastruktur-Voraussetzungen der Rockstar-Kreisliga gesellen sich meist noch die kleinen zwischenmenschlichen Problemchen. Musiker sind eben oft eher interessante (sprich: schwierige (sprich: zickige)) Persönlichkeiten. Gehört eben dazu, sonst wären sie ja Bankkaufmann geworden. Die „Großen“ bringt dies jede Woche aufs Neue auf die Titelseiten von Gala, Bunte oder Bild-Zeitung, in ihren Autobiographien gibt dies oft die interessantesten Kapitel ab. Aber im eigenen Proberaum im Keller von "Johnny's Bar" sind, ähem… interessante… Persönlichkeiten aber oft weniger unterhaltsam:
Der Drummer bräuchte eigentlich noch einen zweiten Hocker für sein Ego. Er spielt immer nur mit gespiegelter Sonnenbrille und betritt die Bühne prinzipiell ein halbe Stunde zu spät, und sei es nur ein Gig in „Miriams Pub“ anlässlich des 10-Jahres-Jubiläums der örtlichen Tupperware-Vertretung. Seine Musikalität und Feingefühl ähnelt denen eines Gorillas, aber „Hey, wenn ich leise spiele, groovt es nicht!“.
Der Sänger hat die Aufmerksamkeitsspanne eines hyperaktiven Dreijährigen oder auch weniger, wenn es sein Dasein als allgegenwärtiges Zentrum des Universums stört. Er kritisiert prinzipiell den Sound des 5000-Euro-Equipments des Gitarristen, findet am eigenen Verstärker aber kaum den On/Off-Schalter. Gestimmte Gitarren und Gesangstraining widersprechen seinen Vorstellung eines Rockstars.
Der Gitarrist wiederum quittiert jegliche Anmerkungen an seine Person („Im Refrain bitte gaaaanz zart“) prinzipiell mit einem Lächeln und dem Drehen des Volume-Reglers gen „MAX“. In jedem Song muss er seine überragende Über-Kreuz-Dreihand-Finger-Tap-Slap-Technik demonstrieren und braucht dafür natürlich ein ausgedehntes fünfminütiges Solo. Er verfügt über Bodeneffekte im Ausmaß eines Bärenfell-Bettvorlegers und im Wert eines neuen Mercedes A-Klasse, aber nicht über die nötige Intelligenz oder Bedienungsanleitung, um sie auch effizient einzusetzen.
Der Keyboarder muss seinen erzwungenen Mangel an Bewegungsfreiheit mit einem verpflichtenden Gesangsmikrofon ausgleichen, unabhängig von seinen Sangesqualitäten. In unbeschäftigten Momenten macht er seine Komplexe gegen über den ungleich cooleren Saiteninstrumentalisten mit Showeinlagen wett, die das tänzerische Äquivalent zu Thomas Gottschalks Wetten-Dass-Outfits darstellen.
Der Bassist ist erst mit einem Song glücklich, wenn er mindestens drei Takt- und vier Rhythmuswechsel untergebracht hat sowie fünf Akkorde mit Namen wie biochemische Endlos-Formeln. Gerne macht er seinen Mangel an Saiten den Gitarristen gegenüber mit dem Dreifachen an Lautstärke wett, weil „Hey, wenn ich leise spiele, groovt es nicht!“
ABER, vielleicht zahlt es sich ja doch aus? Auf Dauer wohl eher selten, sonst hätten wir nur noch Rockstars und keine Bankkaufleute mehr. Aber manchmal vielleicht doch, wenn auch nur ganz kurz. Vielleicht nur in diesem einen Moment, egal, ob Probe oder Auftritt. Es reicht ein Song, ein Refrain, ja, ein paar Takte, dann fällt es dir wieder ein, „Ah, darum tu ich mir das alles an...“: Der Drummer hat sein Ego ein Bier holen geschickt und legt mit seinem Beat ein erdbebensicheres Rhythmusfundament. Der Bassist, in rhythmischer Personalunion mit dem Drummer vereint, kann sich vor lauter Groove in den Beinen kaum noch grade halten, ein stinknormaler 4/4-Takt und ein Riff aus drei Noten schießen ihn ins musikalische Nirvana. Der Gitarrist hat endlich die richtigen Regler gefunden, er ist starkes Fundament und zarte Verzierung gleichzeitig, sein Sound stellt dir die die Sackhaare auf, seine Finger bluten vor Leidenschaft. Über allem schwebt die Stimme des Sängers, kraftvoll, energiegeladen, er lebt den Text, sein Ausdruck liebkost Noten und Wörter.
Und der Keyboarder? Der hat grad ein Vorstellungsgespräch bei der Bank...






Kommentare
"... die das tänzerische Äquivalent zu Thomas Gottschalks Wetten-Dass-Outfits darstellen. "
24.05.2009, 14:55 von frl_smillahihihihihi.....
toll :D
23.12.2008, 09:33 von BKrockt
04.12.2008, 15:58 von grinchyFragt sich nur, welche Haare es mir aufstellen würde!
01.10.2008, 10:32 von Mariki