Kiyan 14.05.2009, 15:27 Uhr 4 4

Rillenliebe

…und es ist wie der erste Kuss, den man auch nie vergisst. Nur anders.

Letztens war ich seit langem mal wieder in unserem Keller.

Wollte nur schnell etwas lagern und wieder raus, denn ich hab’s nicht so mit alten, muffigen Kellerräumen. Zufällig fiel mein Blick aber auf einen Karton über mir im Regal, der an einer Ecke aufgerissen war, und ich sah das Markenemblem meines alten Lieblingsplattenspielers hervorlugen. Ich neige dazu, hin und wieder ein sentimentaler alter Bock zu sein, und eh ich Thelma Houstons „Don't Leave Me This Way“ losträllern konnte, hatte ich den Plattenspieler schon in meinen Händen. Musik schwirrte durch meinen Kopf und formte sich zu Bildern längst vergangener Zeiten. Meinen Zeiten. Discobeat, 60er Motown Soul, Flower Power, 70er Rock’n’Pop und „Knowing Me, Knowing You“, eines meiner vielen kostbaren Highlights von Abba, und alle mindestens mit einem im Vinyl verewigten Kratzer. Meine Herren, war das damals jedes Mal aufs Neue ein ziemliches Ärgernis, wenn man mit der Nadel mal wieder über die empfindliche Schallplatte drüberratschte und aus den Lautsprechern dieses fiese Klagekratzgeräusch kam, dass einem die Ohren vor Schreck zuklappten. Da half auch die kurzzeitige Nummer mit dem „Nassabspielen“ nichts mehr – der Kratzer saß für immer.

Alle möglichen und manchmal auch etwas peinlichen Stilrichtungen fielen mir ein, als ich den Staub von der Schutzhaube wischte. Zu ihrer Zeit habe ich die alle mit musikalischer Leidenschaft gelebt. Will sagen, ich sammele Platten & CDs wie viele andere eben nicht und eher ein Tick übertriebener, oder besser: mit Leib und Seele. Es ist zwar in den letzten Jahren „gesetzter“ geworden, allein schon, weil man Musik heute so bequem aus dem Netz beziehen kann und nicht ständig in einen Laden rennen muss, um die neuesten Veröffentlichungen anzuhören. Aber grundsätzlich ist die besondere Vorliebe für gute Songs und außergewöhnliche SängerInnen mit prägnanten Stimmfarben geblieben – und der Respekt für ein Medium wie den Tonträger, der das vergnügliche Hören überhaupt ermöglicht.

Dance, R&B, Rock & Pop, Balladen, Soul-Klassiker, Elvis Presley, Janis Joplin, Alternativ Rock, HipHop oder „Saturday Night Fever“, ich hab ne Riesensammlung hier in unserem Keller. Tonnenschwere Kisten, bis zum geht nicht mehr voll gepackt mit unzählbar vielen LPs, Maxi-Singles und Singles und weil das selbstredend nicht genug ist, oben im Arbeitszimmer Regale, voll gestopft mit CDs und DVDs. Ich sag’s ja, Leidenschaft und die von recht bekloppter Natur. 12inch und 7inch, Doppelalben, B-Seiten, 45er oder 33er Geschwindigkeit, „…schon wieder ne neue Nadel!“- Flüche und stundelang den gleichen Longplayer gehört. Rauf und runter und zwischendurch mit einem „Ratsch!“ Das hatte noch was von Feeling. Dieses „Platte vorsichtig und ohne mit den Fingern dran zu kommen aus der Hülle nehmen, auf den Teller legen, Geschwindigkeit einstellen und die Nadel sanft auf das Vinyl legen, kratz, knack, kratz und los…“ Während ich da also im staubigen Keller wehmütig die eine oder andere Erinnerungsträne auf den Plattenspielerdeckel platschen ließ, kam mir plötzlich der Gedanke, die Frage, welche denn wohl meine erste eigene Scheibe war?

?!?

Na klasse, ich neige nicht nur zu sentimentalen Vorbeimärschen, sondern auch zur Vergesslichkeit. Abba kann’s nicht gewesen sein, die kamen erst 1974. Ich überlegte und überlegte. An meine ersten beiden Compactdiscs kann ich mich noch erinnern, Anfang der 80er, „Abba – The Singles“ und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, aber die erste Schallplatte? Dass es eine Single war, weiß ich noch. Songs über Songs flöteten durch meine Gehörgänge und zack, plötzlich wusste ich es. Irgendwie ist die erste eigene Schallplatte wie der erste, schüchterne Kuss, den man nie vergisst. Anfang der 70er, wahrscheinlich 1971 und ohne jetzt Statistiken bemühen zu wollen, sah ich diese kleine pummelige Mannheimerin mit der schwarzen Röhre, wie sie beim Eurovision Song Contest alle anderen an die Wand sang, den Saal zum Kochen brachte und dann doch auf den letzten Plätzen landete. Bis heute ein Skandal, der seines Gleichen sucht. „Ein Lied kann eine Brücke sein“ von der verehrten Joy Flemming, damals Weltklasse vorgetragen, ist bis heute ein heimlicher Eurovision Sieger Song und meine erste Schallplatte. Genau. Was war ich wuschig, als ich sabbernd unten im Dorf beim Zeitungsmann, der im Laden auch ne kleine Ecke mit Platten und Kassetten hatte, das Päckchen mit der Single von Frau Flemming entgegennehmen durfte, stolz und freudestrahlend und mit einer ganz gewissen Ahnung, dass dieses schwarze Stück rundes Vinyl erst der Anfang einer ewigen Liebe sein würde.

Fortan sparte ich jeden Pfennig, übernahm gegen entsprechenden Lohn kleine Aufgaben in der Nachbarschaft und galoppierte so oft ich konnte – und es mein Etat zuließ – zum Plattenhändler meines kindlichen Vertrauens, und lauschte den neuesten Songs, unter Kopfhörern, die heute eher an 2 mittelgroße Milchkochtöpfe erinnern. Schlimm war, wenn ich 3 oder 4 Platten zugleich töfte fand und mir aber nur höchstens 2 leisten konnte. Das tat jedes Mal zum Heulen weh, und es nützte kaum, das mir der gute Mann hinter der Theke die Singles bis zum nächsten Mal zurücklegte, wollte ich das Gut meiner musikalischen Begierde doch am Liebsten sofort haben. Bei aller Bescheidenheit natürlich.

Viele Jahre später kam es, wie es kommen musste und ich arbeitete – welch Überraschung – nach meiner Ausbildung in einem Schallplattenladen. Es war einfach herrlich, hinter der Theke zu stehen, Platten aufzulegen, zu beraten und die neuesten Songs zu dudeln, und das schön laut und mit angemessenen Bässen. Wunderbar, wenn Jungs oder Mädels in dem Alter meines ersten Plattenkaufs mit leuchtenden Augen und wippendem Pony vor mir standen und „ihrem“ Song lauschten, bevor sie damit in einer kleinen Tüte stolz gen heimwärts tapperten. Dass ich allerdings auch manchen Kunden ausgesprochen gerne mal den Plattenspieler um die Löffel geknallt hätte, weil der oder die – ahnungslos ob Titel oder Interpret – meinte, meine Ohren mit schiefem „Kennen-sie-das?“-Getröte zu beleidigen, lasse ich an dieser Stelle mal elegant unerwähnt. Man ist ja nicht boshaft.

Tja, was soll ich abschließend sagen?

Musik ist Leidenschaft. Musik ist ein Lebensgefühl. Sie ist meine Leidenschaft und mein ganz persönliches Lebensgefühl. Und die Tatsache, dank des Erfinders Thomas Alva Edison und egal aufgrund welcher Intention man gerade welchen Song hören möchte, mal eben seinem Gefühl folgend eine Platte oder CD abspielen zu können, ist für mich bis heute ein kleines Wunder. Und was Joy Flemming und unseren Keller betrifft: Ich hab sie wieder gefunden, meine erste, selbstgekaufte Schallplatte, die mit dem Lied und der Brücke. Und es war wie damals im Zeitungsladen, als ich dieser Tage die alte verkratzte Single abspielte. Da war es wieder, dieses staunende, einmalige Gefühl, das man kaum erklären und nur leben kann. Dieses Gefühl von Musik, dieses Gefühl von Leidenschaft, das mit jedem neuen Takt, mit jeder neuen Note stärker wurde, bis heute und ungebrochen. Ein Gefühl, das umso viel schöner und intensiver ist, als die Erinnerung an meinen ersten Kuss.

Der um einiges feuchter war als das Nassabspielen meiner Abba-Platten.

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Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] Mein Plattenspieler hatte Repeat. Je nachdem, wer zum Besuch war, wurde der Knopf gedrückt... Knutschen ohne Pause.

      Das Gerät ist sogar noch aufgebaut und funktionsfähig, benutze ich trotzdem fast nie.

      14.05.2009, 20:16 von B.tina
  • 0


    Oh ja - schön nachfühlbar.

    Meine erste Platte hab ich geschenkt bekommen, weil sie mir so gut gefiel: BEATLES Please Please me (das erste Album) - ca. 20 Jahre nach der Veröffentlichung. ;-)

    Aber 'heilig' ist mir die, weil's mein Einstieg in die Band-Musik überhaupt war und den Anschub gab, mir mit Hilfe eines dicken Beatles-Songbooks das Gitarre-Spielen zu erobern.

    14.05.2009, 16:34 von LudwigMartin
    • 0

      @LudwigMartin Jaja, Lou - für irgendwas müssen die Beatles ja gut gewesen sein... ;-)

      14.05.2009, 17:54 von Kiyan
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  • 0

    Mit dem Nassabspielen, das ging ja eh nach hinten los... Lencoclean hieß das Zeuch, oder? Nicht gut.

    Meine erste Platte war „Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze“ von Wum.

    14.05.2009, 16:08 von B.tina
    • 0

      @B.tina ich wünsche mir ne kleine miezekatze.
      hahaha. genial.

      14.05.2009, 19:06 von NeonBlond
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  • 0

    Ah. Schön.
    Man rutscht einfach so durch, ganz ohne Haken, und das mein ich in diesem Fall absolut positiv. Ich weiss jetzt auch endlich, womit ich meinen Abend verbringen werde - damit, meine gerade entfachte kribbelige Sehnsucht nach guter Musik zu stillen.

    14.05.2009, 15:50 von pateng
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