Ploeks 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 1

Popkultur und Selbstdefinition

Es ist schwierig geworden, populärkulturelle Strömungen zu trennen. Über die Vor- und Nachteile und den Sinn von subkulturellen Schubladen.

Eine Zeit lang habe ich fröhlichen Skaterpunk gehört, später dann Metal, zwischenzeitlich mochte ich auch mal die Rockmusik der 70er Jahre. Jedes Mal versuchte ich, mich den jeweiligen Subkulturen anzupassen, Kleidungsstile und Jargons zu übernehmen. Mit den Jahren sammelte sich so ein Wust von Vorlieben und Abneigungen an. Ich baute Toleranz für andere Musikrichtungen auf, begann Plastikpopmusik mehr und mehr zu verabscheuen und stehe heute mit einem innerlich einigermaßen konsistenten popkulturellen Selbstbild da. Allerdings bräuchte ich eine knappe Stunde, um alles zu erklären und die Begründungen wären nur einer Person verständlich, die dieselbe Sozialisation mitgemacht hat wie ich.

Wenn man Filme oder Fernsehsendungen sieht, die in den 50ern, 60ern und 70ern spielen, hat man immer den Eindruck, dass populäre Massenphänomene den überwiegenden Großteil der Jugendlichen begeistern konnten. Wenn heute eine Platte erfolgreich ist, kann man davon ausgehen, dass sie im Vergleich zu den Oldie-Heroen nur einen geringen Teil von potentiellen Rezipienten erreicht. Immer komplexer werden die Vorlieben und Abneigungen. An den ungewöhnlichsten Stellen überlappen sich plötzlich Subkulturen und bilden neue, unerwartete, aber in sich logisch begründete Szenen.

Diese Vielfalt ist faszinierend, überaus einnehmend und natürlich heillos unübersichtlich geworden. Während man früher noch ohne weitere Begründung die Beatles gut finden konnte, (vielleicht sogar musste,) kann heutzutage kein Sechzehnjähriger mehr ein Ramones-T-Shirt tragen und ernst genommen werden, ohne die Geschichte der Punkmusik von den Sex Pistols bis Green Day herunterbeten zu können.

In diesen tausenden von Nischen findet jede Vorliebe ihren Platz. Jeder kann im Internet irgendwo ein Forum finden, in dem seine (noch so abgefahrenen) Musikrichtungen diskutiert werden. Auch habe ich den Eindruck, dass die Toleranz, die Durchlässigkeit gewachsen ist. Konnte man vor zwölf Jahren nicht gleichzeitig Fan von den Fanta 4 und Guns `n` Roses sein, stehen heute bei denselben Leuten „Vier Gewinnt“ und „Use Your Illusion“ im Plattenschrank. Viele Bands weisen Einordnungen in Musikrichtungen generell zurück und erschaffen sich lieber gleich ein eigenes Etikett. Diese Etiketten werden immer unübersichtlicher und immer sinnloser. Musikjournalisten beschränken sich mittlerweile wieder auf wenige grob einzuordnende Stilrichtungen und versuchen sich erst gar nicht an Vergleichen.

Die Vielfalt wächst also mit dem Zunehmen der Unübersichtlichkeit. Damit stellt sich die Frage, ob diese Einordnungen überhaupt noch sinnvoll sind, ob sie es überhaupt jemals waren. Natürlich helfen sie beim Beschreiben und Definieren. Dennoch sind sie für die Künstler selbst und für die Hörer eher sinnlos, da es zumeist eben doch nicht möglich ist, die komplexe Wirkung eines Liedes oder eines Albums in ein einziges Wort zu stecken. Populärkultur ist individualistischer als je zuvor. Die Notwendigkeit, sich anzupassen wird immer geringer, da durch die internationale multimediale Vernetzung jede noch so seltene Vorliebe ausgelebt werden kann. Und das ist gut so, denn auf diese Weise entstehen auch neue kreative Strömungen, die die komplexe Musiklandschaft wiederum bereichern, zu weiteren Auffächerungen führen und neue Ideen, Subkulturen und Musikszenen etablieren. Es lebe die Vielfalt! Leichter wird das Finden der eigenen, persönlichen Nische dadurch aber sicherlich nicht…

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2 Antworten

Kommentare

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    Gefällt mir sehr gut, was du so schreibst Ploeks.
    Mir geht's ähnlich wie dir, auch ich lasse mich nicht so leicht in eine Kategorie werfen.
    Wahrscheinlich haben wir beide viele Gemeinsamkeiten was Musik angeht (außer vllt. Peter Maffay haha). Wir hören wohl beide manchmal viel zu analytisch auf einzelne Instrumentenparts, z.B. kann ein Lied schon aufgrund von überzeugender Schlagzeug-Arbeit hörenswert erscheinen. Aber auf eine Musikrichtung festgelegt zu sein halte ich doch für sehr beschränkt.

    02.06.2005, 17:46 von Alchemist
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      @Alchemist Naja, "Nessaja" von Maffay ist halt eine wichtige Erinnerung an meine Kindheit. Deswegen MUSSTE das in den Soundtrack.

      03.06.2005, 10:23 von Ploeks
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    Naja... ob das jetzt soo viel anders ist, als "früher" kann ich nicht sagen. Bin dafür noch zu klein! Aber der letzte Satz stimmt auf jeden Fall.
    "Es lebe die Vielfalt! Leichter wird das Finden der eigenen, persönlichen Nische dadurch aber sicherlich nicht…"
    Ist sehr schwierig über das Thema zu schreiben, weil's in sich irgendwie total widersprüchlich ist...

    01.06.2005, 15:55 von ToughEnchilada
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