Club-Fan82 30.08.2007, 15:28 Uhr 2 0

Mit vollem Einsatz

Portugal. The Man lassen die Siebziger auferstehen. Ein kleiner Konzertbericht aus Erlangen.

Rein optisch sind Portugal. The Man schon einmal ganz weit vorne. Die Band um Frontmann John Gourley, die live vom Trio zum Quintett anwächst, teilt sich in zwei Fraktionen. Während Sänger/Gitarrist Gourley, Bassist Zach Carothers und Schlagzeuger Jason Sechrist mit ihren Hobo-Outfits und den sehr eigenwilligen Kopfbedeckungen aussehen, als wären sie gerade einem Roman von John Steinbeck oder Mark Twain entsprungen, üben sich die beiden "Ergänzungsmusiker" an Gitarre und Keyboard eher ein wenig in Zurückhaltung. Mit ihren lustigen Frisuren und den hellblauen Oxford-Hemden erinnern sie zu gleichen Teilen an nerdige Mathematik-Studenten und den famosen We-Are-Scientists-Bassisten Chris Cain.

Überhaupt fühlt man sich bei einem Konzert von Portugal. The Man an so vieles erinnert. Die Referenzliste der Band aus Alaska, die mit "Church Mouth" Ende Juli ein überzeugendes zweites Album vorlegte, ist ellenlang und spannt einen Bogen von aktuellen Bands wie Dungen, den White Stripes und The Coral bis hinein in die tiefsten sechziger und siebziger Jahre. Nicht nur, weil John Gourley, der die ganze Zeit seitlich zum Publikum steht und sein Gesicht mit einer weit heruntergezogenen Ballonmütze verdeckt, wie ein junger Jimmy Paige klingt, fühlt man sich unweigerlich an Led Zeppelin erinnert. Auch die Vorliebe für verspielte, ellenlange Soli, psychedelische Anklänge und rasante Tempowechsel haben Portugal. The Man mit den Heroen aus den Sechzigern gemein. Wer als Band heute noch klassisch geprägte Rockmusik spielt, läuft Gefahr, sich schnell zu wiederholen oder allzu offensichtlich zu kopieren. Portugal. The Man gelingt es trotz all den Einflüssen und Zitaten aus Soul, Funk, Pop und Rock der letzten vierzig Jahre, eigenständig und stets abwechslungsreich zu klingen. Umso schwerer fällt es, Gourley und Co. in eine Schublade zu pressen: Die Jungs aus Alaska klingen wie die Two Gallants mit mehr Rock. Wie die Kings of Leon in urban. Wie Bloc Party vom Lande. Wie die Formatradio-Lieblinge Maroon 5 mit Ecken und Kanten. Wie Interpol mit Ironie und Humor. Wie We Are Scientists mit mehr Folk-Einflüssen. Wie die Brachial-Rocker Soulfly mit schöneren Melodien und Gesang statt Geschrei. Wie Bright Eyes in Laut. Wie The Faint ohne Synthesizer.

Was einen Live-Auftritt von Portugal. The Man jedoch erst ganz besonders macht, ist die herausragende Bühnenpräsenz der fünf Musiker, die vor allem im Vergleich zur bemühten, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich überzeugenden Vorband Cosmic Casino, ins Auge sticht. Selbst existenzielle technische Probleme meistert die grundsympathische Band mit vollem Einstz. Als der Bass von Zach Carothers halb auseinanderfällt, überbrücken die Musiker die Zeit, bis ein neues Instrument besorgt ist, mit einer schier unglaublichen Tamburin-Einlage und dreistimmigen Gesang. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Band: Im unbedingten Willen, an jedem Abend um jeden Preis eine mitreißende Show abzuliefern. Genau das ist Portugal. The Man im Erlanger E-Werk gelungen und wird ohne Zweifel auch bei den anderen Konzerten der gerade erst begonnenen "Church Mouth"-Tour gelingen.


Weitere Termine der "Church Mouth"-Tour
30.8. München - Ampere.
31.8. A-Graz - Arcadium.
1.9. A-Wien - Flex.
2.9. Dresden - Star Club.
3.9. Hamburg - Knust.
4.9. Berlin - Postbahnhof.
5.9. Osnabrück - Kleine Freiheit.
6.9. Karlsruhe - Substage.
7.9. Konstanz - Kulturladen.
8.9. CH-Zürich - Abart.
9.9. Wiesbaden - Schlachthof.
10.9. Köln - Gebäude 9.
11.9. Stuttgart - Schocken.

2 Antworten

Kommentare

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    Habe sie noch nicht Live gesehen. Auf Platte sind sie gut. Wenn nicht sogar sehr gut, aber das ist dann auch wieder geschmackssache. Ich habe allerdings oft gelesen das sie Live nicht gut waren. Bzw. der Sound oft schlecht gewesen sein soll??

    05.09.2007, 13:24 von musicologist
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      @musicologist Live klingen sie etwas ungeschliffener und roher als auf dem Album. Da gehen dann eben manche Feinheiten der Songs etwas verloren. Kann sein, dass das nicht jedem gefällt.

      11.09.2007, 14:23 von Club-Fan82
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    meine Güte....kaum dagewesen und schon so schön in Worte gefasst....und in einem hast du tatsächlich recht....Portugal. The Man sind einzigartig und nich zu beschreiben.....und live sowas von überzeugend....

    30.08.2007, 17:56 von nene
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      @nene ...und hier noch ein paar Worte zu Cosmic Casino:
      http://waldo.twoday.net/stories/4219544/

      01.09.2007, 12:58 von Club-Fan82
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