ina-simone 02.03.2007, 13:27 Uhr 15 10

Liebeskummer in Dur

Verlieben, Lieben, Entlieben: Virginia Jetzt! komplettieren die Trilogie mit "Land unter“ – einem klassischen Trennungsalbum.

. "In der Finsternis wird alles deutlich“, hatte der große Thomas Bernhard einmal geschrieben. Thomas Dörschel – Texter, Komponist, Pianist und Gelegenheitsgitarrist bei Virginia Jetzt! – teilt mit dem österreichischen Schriftsteller nicht nur den Vornamen, sondern auch die Philosophie. Kein Zufall, dass das letzte Stück auf "Anfänger“ (2004) im Refrain besagtes Bernhard-Zitat aufgriff. Kein Zufall, dass der Schlüsseltrack jenes zweiten "Virginia Jetzt!“-Longplayers bereits die Metapher des tosenden Meeres wählte, um Beziehungsstrudel in Worte zu fassen: "Du versuchst mich zu retten / Und bist selbst am Ertrinken / Zwei Nichtschwimmer, die um ihr Leben winken / Denn die Liebe ist ein Meer mit gefährlichen Wellen / Wir müssen ganz tief tauchen / Zu den allertiefsten Stellen.“ Wodurch könnte eine Naturgewalt wie die Liebe auch besser beschrieben werden, als durch eine andere Naturgewalt? Wolfgang Borchert dichtete schon einige Jahrzehnte früher: "Ich möchte Leuchtturm sein in Sturm und Wind / Für Dorsch und Stint, für jedes Boot / Und bin doch selbst ein Schiff in Not.“

Land unter. Man stelle sich Nordfriesland vor, die See, die Sturmtiden, die Flut steigt höher und höher, als hätte ihr jemand eine Medaille versprochen, und die Halligen verschwinden mehr und mehr unter gruselig grauen Wellen. Die Menschen, die in den Häusern auf den erhöht gelegenen Warften leben, sind nun von der Außenwelt abgeschnitten, auf sich gestellt, der Naturgewalt ausgeliefert. Sie müssen die Flut aussitzen. Gründe für mögliche Schäden an ihren Häusern analysieren, damit sie das nächste Mal besser gerüstet sind. Ganz wie in der Liebe eben.

Nachdem das "Virginia Jetzt!“-Debüt ("Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!“, 2003) mit seinen Indie-Hits "Mein sein“ und "Dreifach schön“ der perfekte, euphorische Verliebten-Soundtrack war, holte "Anfänger“ (2004) in Pop-Maßkonfektion die Lupe hervor und betrachtete das Wesen der Beziehung genauer – insbesondere mit der Top40-Single "Ein ganzer Sommer.“ Thomas Dörschel resümierte damals im Interview: "In Beziehungen bist Du immer wieder Anfänger. Also nicht nur in jeder neuen Beziehung, sondern auch, weil Du ständig mit Alltagskämpfen und Dingen des Partners konfrontiert wirst, die Du nicht vorhersehen kannst. Es ist eine große Kunst, eine Beziehung aufrecht zu erhalten.“ Die vielleicht noch größere Kunst ist es allerdings, das Ende einer Beziehung zu begreifen. Denn darum geht es auf "Land unter“: Scherben zusammenkehren, ohne sich an ihnen zu schneiden. Antworten auf Schmerzfragen zu finden. Verlust, Trennung und Einsamkeit als Kurvendiskussion, nicht als Selbstmitleids-Tauchkurs.

Das Klavier lotet gleich zu Anfang die Dissonanz zweier Welten ("Weit weg") aus, dann steigen paillettenbesetzte Disco-Streicher zu und zimmern der Enttäuschung eine Tanzfläche: "Wir waren gut am Anfang / Dann nie wieder / Stille Wasser sind tief / Doch Land in Sicht wär’ mir lieber.“ Doch all das klingt keineswegs so deprimierend, wie es zunächst anmuten mag: Bei Virginia Jetzt! sind die Gewitterwolken irgendwie immer noch aus Zuckerwatte – Liebeskummer in Dur. Die Wahlberliner verstehen die Erkenntnis einer amourösen Niederlage nicht als Weltuntergang, sondern als Anstoß zur Veränderung. Kein Zufall, dass die letzte Zeile des letzten Liedes "Du hast es erkannt / Vielleicht wird es Zeit / Dass wir uns verändern“ heißt.

Auch Virginia Jetzt!, 1999 von Nino Skrotzki (Gesang, Gitarre), Thomas Dörschel (Klavier, Gitarre, Musik und Texte), Mathias Hielscher (Bass) und Angelo Gräbs (Schlagzeug) im brandenburgischen Elsterwerda gegründet, haben sich verändert. Sie sind – nach kurzer, aber zermürbender künstlerischer Ratlosigkeit am Anfang der Aufnahmen zu ihrem dritten Album – noch stärker zusammengewachsen und das hört man auch: "Land unter“ ist nicht nur ein klassisches Trennungsalbum geworden, sondern auch ein klassisches Bandalbum. Man kann die musikalischen Funken, die zwischen Nino, Thomas, Mathias und Angelos hin- und herfliegen, förmlich spüren. Während bei "Anfänger“ auf Perfektion und Detailverliebtheit gesetzt wurde, steht nun der Band-Spirit im Vordergrund. Kein Zufall, dass das Album fast komplett live eingespielt wurde. "Singen & singen“ blüht in einer herrlich selbstbewussten Aufbruchsstimmung auf, perkussives Klavier, treibende Gitarren-Rhythmusgruppen-Korrespondenz – eine Bandhymne wie aus dem Bilderbuch: "Und wenn wir singen und singen / Dann geht es gar nicht darum / Dass irgendwer uns verstehen muss / Das Wie, das Was und Warum.“

"Bitte bleib nicht, wenn Du gehst“ wirft Gedanken gegen Wände, versucht das letzte bisschen Sehnsucht in Vernunft zu ertränken und klingt rauer, wütender, aufgewühlter als alles andere, was man bisher von Virginia Jetzt! gehört hat: "Und dies als Versuch, uns zu begreifen / Damit nicht das letzte ist, was von mir bleibt / Dir zu sagen: es tut mir Leid.“
Und dann kommt der altbekannte Zustand der Gleichgültigkeit und Leere: "Für einen, der aufsteht / Gibt’s einen, der fällt / Nichts in Sicht von einer besseren Welt.“ Der Titeltrack wird von einer tapferen Akustikgitarre eingeleitet, die den Weg, umrankt von wunderbaren Travis-Momenten, für eine bittere Erkenntnis frei macht: "Von ganz weit oben / Ging’s ganz tief runter“.

Kein Zufall, dass zwei Lieder über Unzufriedenheit folgen: "Ich kann nicht wie die anderen“ und die erste Singleauskopplung "Mehr als das“, in der es um das Bedürfnis geht, die Fesseln von Routine, Oberflächlichkeit, Mittelmäßigkeit und Orientierungslosigkeit abzulegen – eine positive Trennung also – und dem eigenen Leben den Enthusiasmus zu verleihen, der ihm gebührt: "Von vorn / Alle Regler auf Start / Ton ab, die Kameras in Fahrt / Diesmal wird’s kein Drama / Jetzt werden Komödien produziert“. Eigentlich war das Pianopop-Filetstückchen im Stil von Ben Folds und Randy Newman schon für "Anfänger“ geschrieben worden – wurde dann allerdings noch gut zwei Jahre in der Schublade gelassen.

"Zonenkind“ thematisiert das persönliche Erleben der Wendezeit (ein weiteres Ende einer Beziehung, nämlich jener zu der DDR) und "Die Teile Deines Lebens“ ist schließlich die große Ballade vom Loslassen, die sich steigert und steigert, wie die Flut in der Nordsee, und erkennt, dass es ab einem gewissen Punkt nicht mehr darum geht, die verlorenen Teile des gemeinsamen Puzzles wiederzufinden, sondern darum, dass aus einem gemeinsamen Leben wieder zwei einzelne werden – deren "Teile ein Ganzes ergeben.“ Und dann beruhigt sich der Sturm langsam, die Wogen glätten sich, die Halligen werden Stück für Stück wieder sichtbar. Das Haus ist beschädigt, aber es steht noch: "Mein Herz ist keine Wohnung / Wo jeder reinkommen darf / Keine Tür, die immer aufsteht / Und kein Hallo, für den, der reingeht / So wird’s sein, genauso war es / Und Du warst drin, nur dass das klar ist.“

Virginia Jetzt!
"Land unter"
Vertigo / Universal
VÖ: 26.01.2007

Konzerttermine:


01.03.2007 HAMBURG , Grünspan *
02.03.2007 OSNABRÜCK, Rosenhof * & ***
03.03.2007 DRESDEN, Alter Schlachthof *
04.03.2007 MÜNCHEN, Backstage *
05.03.2007 CH-ZÜRICH, Mascotte *
07.03.2007 STUTTGART, Die Röhre *
08.03.2007 FRANKFURT, Batschkapp *
09.03.2007 ESSEN, Zeche Carl *
10.03.2007 HANNOVER, Musikzentrum *
15.03.2007 KASSEL, Musiktheater **
16.03.2007 KÖLN, Gloria **
17.03.2007 SAARBRÜCKEN, Roxy **
19.03.2007 ERLANGEN, E-Werk **
20.03.2007 HEIDELBERG, Karlstorbahnhof ***
21.03.2007 A-INNSBRUCK, Hafen ***
22.03.2007 A-WIEN, Flex ***
23.03.2007 ERFURT, Centrum ***
24.03.2007 BERLIN, Postbahnhof ***

* Support: Roman Fischer
** Support: Samba
*** Support: Justin Balk

10

Diesen Text mochten auch

15 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Auch ich bin ein großer "Anhänger" von Virginia Jetzt und dem neuen Album. Man kann so schön darüber nachdenken. Danke für den Text, vielleicht kannst du so noch mehr Menschen für ihre tolle Musik begeistern.

    06.03.2007, 20:39 von die-da
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    War am Samstag in Dresden auf Konzert. Wirklich sehr angenehm.
    Nino hat sogar kurz mal selbst T-Shirts verkauft...das nenn ich doch Volksnähe *g*
    Nur Pärchen da, ´ne richtige Pärchenband.

    05.03.2007, 09:00 von gestreifterPulli
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön beschrieben.., die Lieder sind wirklich schön. Vor allem "Bitte bleib nicht, wenn du gehst" gefällt mir gut. Passt recht gut zu meiner momentanen Gefühlslage...
    glg

    04.03.2007, 12:27 von perlenfisch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    freu mich schon sooo auf morgen, wenn ich sie endlich live wieder erleben darf...:)
    das neue album ist einfach wunderschön, kaum in worte zu fassen..

    03.03.2007, 12:44 von singendeskleinhirn
    • 0

      @singendeskleinhirn Ja das stimmt!

      03.03.2007, 22:13 von Nanou
    • Kommentar schreiben
  • 0

    es ist unglaublich, wie schöne musik noch besser wird, wenn sie jemand anders so herzlich n worte faßt! danke!

    03.03.2007, 11:05 von zuckermiez
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schöner text.. und schön zu sehen wie weit oben der text hier bei neon ist. inzwischen muß man auch nicht jedes mal seinen vers aufsagen wer vj! ist, wenn man zum konzert geht.. ja die jungs sind schon toll und auch echt witzig...ich freu mich auf morgen. leider ohne roman fischer

    02.03.2007, 23:48 von cathleenschen
    • 0

      @cathleenschen @ cathleenschen

      Oh, ist Roman Fischer krank? Wer supportet stattdessen? Weißt Du Näheres?

      03.03.2007, 10:20 von ina-simone
    • 0

      @ina-simone Okay, habe jetzt selbst recherchiert: Justin Balk springt für Roman Fischer ein - so wie es aussieht, wird Roman aber ab morgen wieder an Bord sein.

      03.03.2007, 10:24 von ina-simone
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ein recht nettes Album...haut mich jetzt aber nicht um. Deutschpop halt.

    02.03.2007, 17:37 von Club-Fan82
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare