Kür royal
The Killers landeten 2004 mit ihrem Debüt "Hot Fuss“ sechs Richtige. Jetzt wollen sie mit "Sam’s Town“ den Jackpot knacken.
Brandon Flowers machte in den vergangenen Monaten seinem blumigen Namen alle Ehre und zerrte bei jeder Gelegenheit sein botanisches Adoptivsöhnchen ins Bild: Den Vorschußlorbeerbaum. Ein elegantes Gewächs; jung, saftig, hoffnungsvoll begrünt und mit wohlklingenden Knospen übersät. Den Vorschußlorbeerbaum hatte Flowers sich während der Arbeit am zweiten Killers-Album, "Sam’s Town“, selbst herangezüchtet und mit allerlei Superlativen gedüngt: Die Welt dürfe das beste Album der letzten zwanzig Jahre erwarten. Nicht, dass man sich über derartig vollmundige Aussagen wirklich wundern würde. Schließlich ist Flowers bekennender Oasis-Fan.
Es schien dem Killers-Sänger darum zu gehen, der Zukunft frühzeitig ihr Himmelbett herzurichten – und mit jenem Erwartungs-Blasebalg von einem Satz noch einen Glückskäfer auf’s Kopfkissen zu drapieren. Also known as: Die Flucht nach vorne. Viel mehr bleibt einer Band, deren Debüt mit beeindruckender Entschlossenheit Hitsingle auf Hitsingle türmte ("Mr. Brightside“, "Somebody Told Me“, "Smile Like You Mean It“, "All These Things That I’ve Done“), auch gar nicht übrig.
Vielleicht doch: Brandon Flowers versuchte es mit dem Trick, "Hot Fuss“ (2004) – den fulminanten Einstand der Killers im Musikbusiness – verbal zu entmachten: Das sei ja nicht viel mehr als eine Zusammenstellung leicht aufpolierter Demos gewesen, man hätte sich damals einfach noch keine große Produktion leisten können und außerdem nur sehr wenig Zeit gehabt, das Album so zu frisieren, wie man es gerne gehabt hätte. Dieses vermeintliche Manko störte jedoch kein bißchen: Über 5 Millionen mal verkaufte sich "Hot Fuss“ weltweit und wurde gleich mehrfach mit Platin ausgezeichnet. Kein schlechter Start für eine Band, die ihren Namen von den fiktiven Kollegen im Videoclip zu New Orders "Crystal“ gemopst hatte.
Dass Brandon Flowers (Vocals/Keyboards), Dave Keuning (Gitarre), Ronnie Vanucci (Schlagzeug) und Mark Stoermer (Bass, sein Vater stammt aus Österreich – ist er also möglicherweise verwandt mit Chr…denken wir nicht weiter) die einzige populäre Band sind, die Las Vegas zu bieten hat, mag etwas verwunderlich anmuten. Keine Überraschung hingegen ist, dass es in der Showstadt – neben den von überambitionierten, Gold-Koteletten tragenden Elvis-Imitatoren umrahmten Blitz-Kitsch-Hochzeiten – nur um eins geht: Darum, den Jackpot zu knacken. Nicht umsonst wurde das zweite Killers-Album nach einem Casino benannt.
Brandon Flowers hat sich zu diesem Thema so seine Gedanken gemacht: Man sollte den Lottoschein zum Beispiel nicht einfach an irgendeiner Annahmestelle abgeben. Die Killers entschieden sich für die Londoner "Battery & Assault“-Studios, wo "Sam’s Town“ – nachdem die 6-monatige Aufnahmesession in Las Vegas erfolgreich beendet war –abgemischt wurde. Das Glücksfee-Duo spielten die Briten Flood und Alan Moulder, letzterer hatte schon bei "Hot Fuss“ hervorragende Arbeit geleistet. Überhaupt haben die beiden Briten in den letzten Jahren so einige bekannte Künstler produziert, allerdings immer getrennt voneinander: U2, Nick Cave & The Bad Seeds, PJ Harvey, Erasure (Flood); Depeche Mode, Nine Inch Nails, Yeah Yeah Yeahs (Alan Moulder). 1995 hatten Flood und Moulder zum letzten Mal gemeinsam als Produzenten an einem Album herumgebastelt – an keinem geringeren als am Smashing-Pumpkins-Meilenstein "Mellon Collie And The Infinite Sadness“.
Das neu entwickelte killersche Glücks-Prinzip scheint auf einer simplen Formel zu basieren: Man drücke einfach alle Knöpfe, die man finden kann. So kam es, dass das Quartett aus Nevada auch die Vergrößerungstaste am Kopierer gefunden hat. Und manchmal auch vergaß, das zu kopierende Original einzulegen. Das Original war in diesem Fall der typische Killersound, der einem auf dem Debütalbum vor zwei Jahren so fidel entgegenhüpfte: hymnische Umdenfingerwickel-Refrains, keyboardkatalysiertes, stilsicheres 80s-Revival, ästhetisch-muskulöse Baßfiguren und eine gute Portion selbstverliebter Eyeliner-Indie. Die naheliegenden Referenzen waren kaum zu überhören (die Killers selbst nennen New Order, Joy Division, Depeche Mode, David Bowie, The Beatles, Blur, Pulp, The Smiths, The Pixies und Duran Duran als ihre wichtigsten Einflüsse) und trotzdem kreierte die Band etwas ganz eigenes: Eine energiedurchflutete Mixtur, die sehr viel mehr war, als bloß die Summe ihrer Einflusse.
Nun also: Die Killers in XXL. "Sam’s Town“ serviert ein All-you-can-eat-Buffet, an dem sich auch Meat Loaf den Napf füllen könnte. Brandon Flowers trägt mittlerweile keinen metrosexuellen Eyeliner mehr, sondern einen zünftigen Testosteron-Showcase-Bart. Und Bombaströckchen. Von “Mr. Brightside” zu “Mr. Breitseite“ in zwei Alben – so schnell kann das gehen.
Der Opener (und Titeltrack) eröffnet die Schlacht am stadionisierten Sound-Buffet mit Trommelwirbel. Klar: Die Hochseilnummer ist mit ein paar Pfund zu viel auf den Hüften ja noch weitaus haariger, als sonst. Und dann geht die Völlerei los: Hundertschaften von Gitarren, Keyboards, Bässen und Schlagzeugen marschieren in die Arena. Und als wäre es nicht schon eng genug, gesellt sich im Finale noch ein Männerchor dazu. Und ein Spielmannszug. Mit Tuba in Übergröße. Puh. "We hope you enjoy your stay!“ verkündet Zirkusdirektor Flowers freundlich im "Enterlude“. Vielen Dank, wir versuchen es. Und die überragende Vorab-Single, "When You Were Young“ macht einem das Wohlfühlen und Genießen ja auch sehr leicht – sie hält nun wirklich alles bereit, was man sich von einem Killers-Song wünschen kann.
"Bling (Confessions Of A King)“ und seine kalkuliert-künstliche Atmosphäre inklusive "Frankie Goes To Hollywood“-Gedächtnis-Stöhner (bei 2:12) sind da schon eher eine Herausforderung. "For Reasons Unknown“ reitet auf einem diabolischen Baß herbei und hat manchmal Mühe, sich von grimmig dreinblickenden, namenlosen skandinavischen Langhaarrockern zu distanzieren. Und gerade, wenn man die alte Killers-Magie so richtig zu vermissen beginnt, ist sie zumindest teilweise wieder da und "Read My Mind“ fabriziert höchst harmonisch schillernde Seifenblasen. In die eine ganze Band reinpasst. Und eins haben die Vier natürlich auch nach wie vor drauf: Diese Sonnenaufgangs-Momente gegen Ende eines jeden Songs, wenn noch mal alles ganz anders und viel besser als in den Minuten zuvor wird. Da kann man schon mal über den auf halber Geschwindigkeit abgespielten Motorrad-Rock von "Uncle Johnny“ hinweghören.
"Bones“ – einer der positiv auffallenden Songs auf "Sam’s Town“ – hat eine ganze Musicalbesetzung gekidnappt und zum Backing-Vokalieren verdonnert. Klingt wie eine Kreuzung aus The Smiths und Broadway-Pop, natürlich mit Bläsern. Auf "My List“ spielt Brandon Flowers gekonnt den schüchtern Verliebten ("Let me show you how much I care“) zu melancholisch-düsterer Percussion und sanften Pianotupfern. Um dann schließlich doch in eine pompöse Rockoper zu münden. "The River Is Wild“ hat das fesche Rocker-Stirnband aus dem Schrank geholt und sich ein bisschen Öl auf die zerschlissenen Jeans getröpfelt. Schöne Grüße von Bruce Springsteen. Märchenhaft spieluhrig zu Beginn und überraschend vielseitig und elaboriert präsentiert sich "Why Do I Keep Counting?“. Könnte glatt ein Cousin von „All These Things That I’ve Done“ sein. Man hätte auf "Sam’s Town“ nur zu gerne noch mehr nahe Familienmitglieder kennengelernt. Und nicht so viele Schwippschwäger.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: "Sam’s Town“ ist schon ein gutes Album, die Killers können ja gar nicht anders. Den Jackpot knackt es allerdings nicht, sondern erweist sich eher als solider Vierer im Lotto, mit dem man sich einen schönen Urlaub leisten kann, Vollpension.
Immerhin: Die Gewinnsumme für’s nächste Album erhöht sich.
The Killers
"Sam’s Town“
Island/Universal
VÖ: 29.09.2006
Konzerttermine:
03.11.2006 HAMBURG, Große Freiheit 36
04.11.2006 BERLIN, Huxleys
05.11.2006 KÖLN, E-Werk
07.11.2006 MÜNCHEN, Tonhalle"Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Flowers machte in den vergangenen Monaten seinem blumigen Namen alle Ehre und zerrte bei jeder Gelegenheit sein botanisches Adoptivsöhnchen ins Bild: Den Vorschußlorbeerbaum.
13.05.2008, 15:35 von enfant.terribleder wohl coolste satz den ich hier je irgendwo gelesen hab. soviel wortwitz sollte mit einer trophäe belohnt werden! mangels trophäe hier mein wärmster dank an die autorin. danke!
übrigens: an hot fuss kommt sam´s town nicht mal auf sichtweite ran.
Mag "Sam's Town" auch gern. Bei den Highlights stimme ich (mal wieder) mit Dir überein, Ina ;)
16.10.2006, 14:25 von weaker_thanSam's town, When you were young, Bones ... wobei letzteres immer mehr Augenzwinkern bei mir hervorruft. ("my bones on your bones" :D) Die restlichen Tracks sind nicht so viel schwächer, brauchen nur etwas länger.
[werbung] Auf popcultures.de gibt es auch einen Text zur Platte [/werbung] ;)
Jedenfalls eine sehr aufwändig-liebevolle Rezension! :)
16.10.2006, 12:26 von Gigigolomit ihrem neuen album beweisen die killers vor allem eines: dass eine band, die live nix taugt, vielleicht nen glückstreffer landet, ihr pulver aber nach maximal einem album verschossen hat. das neue werk ist genauso ausdrucksschwach und uninspiriert wie die band bei ihren konzerten. besonders peinlich nach dem vollmundigen herziehen von brandon flowers über the bravery (sie seien nur ein billiger abklatsch von the killers) - im gegensatz zu the killers haben the bravery live wirklich gerockt und seele gezeigt. auf deren neues album bin ich WIRKLICH gespannt. the killers hingegen sind tot.
16.10.2006, 11:49 von Borussia@Borussia Ich habe bravery im Vorprogramm von DM gesehen. Ich kann nicht behaupten, das die Live was taugen... Schlimm, was Drogen aus Menschen machen können.
16.10.2006, 12:02 von sailorAllerdings würde ich mir die Killers nicht mal anschauen...
@sailor ich hab the bravery im mai 2005 in einem kleinen club gesehen, und sie waren absolut grandios. vielleicht hatten sie ja nen guten tag erwischt - oder in deinem fall nen schlechten. ;)
16.10.2006, 15:17 von Borussiadie killers kannst du dir wirklich sparen. und mit dieser meinung steh ich nicht alleine ...
oh ja the killer, muss ich mir ja auch noch holen, danke fuer die erinnerung
15.10.2006, 19:41 von die_Moehreuebrigens sehr schöner Text, wenn auch ein bisschen lang :D
Ich hab am Freitag ein Werbeplakat für das Album gesehen - in einer Bäckerei in Nürnberg, die auf Brezen spezialisiert ist. Sehr glamourös!
15.10.2006, 17:04 von Club-Fan82Ein Vierer im Lotto bringt ca. 50 EUR. Gibt also höchstens 'ne Kaffeefahrt mit Rainbow-Tours. Hoffe, dass das Album nicht so schlimm ist ...
15.10.2006, 01:11 von bosch@bosch @ bosch
15.10.2006, 10:14 von ina-simoneWenn ein richtig stattlicher Jackpot zu knacken ist (wie vor kurzem), dürften vier Richtige doch etwas mehr bringen, als 50 Kaffeefahrts-Euro. Wobei "Rainbow-Tours" - vom Namen her - schon ganz gut zu dem Album passen würde. Es hat auch sowas märchenhaft Größenwahnsinniges (im positiven Sinne).
mir gefällt auch dit erste album ne stück besser als das neue. Trotzdem sind die typen verdammt geil!
14.10.2006, 21:09 von fritznHi!
14.10.2006, 19:19 von laviniaInteressanter Artikel ( vielleicht kannst du dich ja noch an mich erinnern, ich bin ja gerade nicht die Musikexperitin. Ich hatte das Lied Mr. Brightside mir zu meiner Abifeier ausgesucht, jetzt werde ich mir aber auch mal das neue Album anhören.
LG Steffi
@[Benutzer gelöscht] wie war das nochmal... über geschmack soll man nicht streiten? ach was... wenn, dann richtig!! hehe...
14.10.2006, 18:17 von Federicodas album ist wirklich gelungen. aber es braucht einige zeit, bis das ganze wirklich "fährt" aber dann... wunderbar.