Kopfüber tanzen
Sie schweigt, weil sie es für richtig, vorteilhaft, simpler hält. Wenn man nicht redet, kann man nichts Falsches sagen. Kurz schließt sie die Augen
Wie jede Mal sitz sie dort. Auf dem Barhocker. In der Ecke. Im Schatten. Nur ein fahler Lichtstrahl lässt ihr Gesicht blass leuchten. Ihr Fuß wippt im Takt der Musik, ihre Hände tief in den Taschen ihres langen Mantels. Die dunklen Locken wirr auf der Schulter. Es ist nicht genau zu erkennen, ob sie lächelt. Oder ob sie einfach nur wie sonst traurig zur lauten Musik ganz leise in ihre eigene Welt flüchtet.
Ihr Blick geht in die Menge, aber sie sieht nichts. Nicht wenn man ihr zulächelt, nicht wenn man ihr winkt, das leise gehauchte Hallo geht in dem schnellen Rhythmus unter. Ihr Kopf ist nach links geneigt, leicht, ganz leicht wippt dieser mit den Füßen mit. Ihre Augen geöffnet, die Musik in den Ohren, den Kummer im Herzen. Es fällt schwer den Blick von ihr zu lösen. Zu ihr hinrennen möchte man, sie an den Schultern packen, schütteln und laut schreien, Hörst du mich! Hörst du mich da drinnen!
Aber es tut ja doch keiner. Es traut sich keiner. Es umgibt sie eine Art Schild, welches das leise Hallo von ihr abzuschirmen scheint. Ein Schutzschild? Eine Mauer?
Verzichten heißt gewinnen und verlieren, das ist ihr bewusst. Daher hat sie sich bewusst für das Verzichten entschieden, nicht für das riskieren. Lieber unsichtbar in der Ecke stehen und allein im Kopf in der Mitte der Menge tanzen, lachen und laut die Texte mitsingen.
Daran glaubt sie. Doch an Gott glaubt sie nicht. Sie glaubt nicht an die Liebe. Nicht an Zufälle. Nicht an Schicksal. Sie glaubt viel, aber an Männer glaubt sie nicht. Sie glaubt daran, die Zeit irgendwann mal zurückdrehen zu können. Oder anzuhalten. Um Mut zu finden. Um in der Mitte des Raumes laut mitzugrölen. Aber sie ist auch klug genug, um zu wissen, dass man die Zeit nicht zurück drehen kann, oder gar anhalten. Daher steht sie ja auch ruhig an der Seite. In der Ecke. Im Schatten.
Die Lichter flackern wild in dem kleinen Raum umher. Hinter der Theke bewegen sie sich rhythmisch zum Takt der Musik. Wie sie so unbekümmert die Nacht hindurch tanzen, denkt sie und schließt die Augen. Ein leichtes Seufzen.
Zu sehen ohne gesehen zu werden. In ihrer eigenen kleinen Welt ist das kein Problem. Doch hier wird sie von Blicken geschweift. Willst du nicht tanzen, fragen diese Blicke. Willst du nicht laut, mit einem großen Lachen im Gesicht zur Musik hüpfen. Vom Alkohol angefochten den Wettbewerb, wer am schrägsten durch die Gegend springt, zu gewinnen versuchen.
Ihr Kopf bleibt geneigt. Ihr Fuß wippt langsam weiter. Ein paar Mal nippt sie an ihrem Glas. Dann stellt sie es zurück auf die Theke. Steht vorsichtig auf. Legt ihre Jacke zu ihrer Tasche auf den Stuhl und beschließt wie wild durch den Raum zu tanzen. In der Mitte angekommen, legt sie den Kopf in den Nacken und brüllt Lieder, die sie zuvor noch nie gehört hat, lauthals mit. Ein Kribbeln auf der Haut, ein Pochen im Bauch. Ihr Herz klopft und der Puls rast. Die Hände zur Decke, dreht sie sich weiter und immer weiter. Durch die Nacht hindurch, durch das Leben, durch Träume und entgegen den Sorgen. Die Musik lässt alles verschwimmen und den Kummer vergessen. Sie schließt die Augen und dreht sich weiter. Die Beine in der Luft entgegen dem Takt der Musik wird sie ein Teil dieser grotesken Masse.
Mit einem unscheinbaren Lächeln im Gesicht stellt sie das leere Glas auf die Theke, nimmt ihre Tasche und geht.
In ihrem Kopf hat sie den Wettbewerb gewonnen.






Kommentare
Widersprüche, Fehler, und viel zu pathetisch. Mag ich nicht so. Ist aber auch nicht das schlimmste, das ich hier jemals gelesen habe.
05.02.2012, 22:42 von Sterling4ever