Kool, oder?
Kraftklub in Berlin - Kein Konzertbericht.
Der alexanderplatznahe Bauzaun las sich wochenlang wie der Titel des letzten gemeinsamen Alptraums der SPD-Dreierkette Gabriel, Steinbrück und Steinmeier: KRAFTKLUB IN BERLIN. Es musste jedoch in den zurückliegenden Monaten keineswegs erst die einschlägige Fachpresse zu Rate gezogen werden, weder Cicero noch Rolling Stone, um zu wissen, dass hiermit nicht etwa der flirrende Zeitungsboulevard für die Kanzlerkandidatur der sogenannten „Landesmutti“ aus dem tiefen Westen, sondern eine Berliner Konzertagentur für einen netten Abend mit den derzeit angesagtesten Söhnen des wilden Ostens warb. Kraftklub – der neue heiße Scheiß, die vielerorts apostrophierte Pop-Sensation und natürlich unbedingt auch Sprachrohr einer Generation, das selbst aller Welten Sprachrohr weil Tagesthemenansager Tom Buhrow die schön gottschalkige Generationenverbrüderungsphrase „Fette Mucke“ entlockte, und wo man schon mal so mühsam die verbale Lederjacke aus dem Gebührentresor hervorgekramt hatte, wurden dann im anschließenden Einspieler noch gleich die High-Five-Adjektive „jung, cool und rockig“ aus beiden Ärmeln geschüttelt. Nur rappende Politiker sind auf diesem Gebiet unerträglicher. Vor Tourbeginn bereits lief die Promotionmaschine auf Hochtouren, die Plattenfirma hatte ganze Arbeit geleistet, die Band ohne Unterlass und scheinbar vollkommen zielgruppenunabhängig mit der Single Songs für Liam (für, liebe öffentlich-rechtliche Teleprompterprogrammierer, nicht for!) einmal quer durch die Programmzeitschrift gereicht, wo deren zu leistende Arbeit nurmehr hauptsächlich darin bestand, gute Miene zu bösem Spiel, also angestrengtes Gesicht zu leisem Playback aufzusetzen, nachdem sie sich zuvor in quälenden Stehinterviews von nach eigenem Empfinden wohl hervorragend vorbereiteten Moderatoren mit grellen Krawatten unangenehm anonkeln lassen musste, so geschehen etwa während der extralangen Altenpflegerzigarettenpause MDR hier ab vier und ganz besonders massiv in dieser gläsernen Frühstücksvorhölle des ZDF-Morgenmagazins:
„Von Null auf Eins innerhalb von drei Wochen – cool, oder?“
„Kraftklub – mich erinnert das ein bisschen an Kraftwerk; als ich in Ihrem Alter war, da fand man Kraftwerk ganz cool. Hat das irgend’ne Verbindung zu Kraftwerk, dieser frühen Neue-Deutsche-Welle-Band sozusagen?“
Es ist nur konsequent zu nennen, wenn man in einer Sendung, deren Moderator die Namen der Bandmitglieder so bunt durcheinander wirft wie das Publikum die Namen seiner Enkel, einfach mal die per Playback ohnehin obsolet gewordenen Instrumente spontan umbesetzt oder sich durch ergrautes Kunsthaupthaar den äußeren Gegebenheiten anpasst. Der wie stets teilnahmslose Applausapparat bemerkte erwartungskonform nichts dergleichen. Reizende Momente waren das. Bei Harald Schmidt immerhin durften sie live spielen. Und zur gleichen Zeit also taten die Bauzäune ihr leicht altmodisches Übriges – mit Erfolg:
Der in diesem Moment vor der Vorverkaufsstelle nachträglich übers Plakat gekleisterte Papierstreifen liest sich nicht nur so, er IST der Alptraum, weniger für Sigmar Gabriel, als für eine Gruppe kreischender Mädchen, die ganz sicher noch nie etwas von diesen Kraftwerk gehört haben. AUSVERKAUFT. Kurz kneifen: Aua, wirklich wahr. Der Schmerz ist groß, doch sehr schnell wird die enttäuschte Niedergeschlagenheit überführt in gespannte Zuversicht, auf eBay wolle man es nun versuchen, zwar werde man da bestimmt nicht unter 40 € wegkommen, taxiert die eine, aber das sei es ja wohl so was von wert, insistiert eine andere. Der Namenspatron der mit etwas Distanz wie der letzte von kreativen Agenturköpfen erdachte Mosaikstein in einer restlos blickdichten Marketingkampagne wirkenden Kraftklubheimat Karl-Marx-Stadt rotierte wohl im Grabe, hätte er dort Internetzugang, denn die finanziellen Befürchtungen der Mädchen sind nicht zu widerlegen. Ist jetzt egal, ist es wert. So was von Sofort-Kauf mit K! Sofort-Kauf nicht im klassischen Sinne, nicht im Sinne von bereits 48 Stunden im Voraus vorm Vorverkaufshäuschen frierend mit Schlafsack und Thermoskanne campieren, sondern eher im Sinne von Last-Minute-Urlaub buchen. Passend dazu jetzt der Werbebanner am linken Bildschirmrand: TUIfly.com – Der Flugexperte empfiehlt: Weltweit fliegen ab 31,99 €*. In der Tat wäre eine solche Reise immer noch deutlich günstiger als eine der begehrten Konzertkarten, aber erstens sieht der darunter abgebildete Flugexperte in seinem TUI-gelben Anzug wirklich sehr unseriös aus, zweitens weiß man nie, was sowohl hinter so Sternchen als auch der camouflierenden Offertenpräposition „ab“ noch für heimtückische Preisfallstricke lauern können, und wozu will man drittens überhaupt weltweit fliegen, wenn sich das Kraftklub-Konzert locker mit der S-Bahn erreichen lässt? Unverständnis bei den Mädchen. Auf so etwas fallen sie nicht rein, solche im Endeffekt dann doch gar nicht mehr so billigen Maschen, und zum Glück ist auch der virtuelle Ticketanbieter sogar offiziell als „Verkäufer mit Top-Bewertung“ ausgewiesen, da kann ja gar nichts mehr schiefgehen. Dass derselbe parallel bereits jetzt Eintrittskarten für die erst im Herbst angesetzte Tourfortsetzung unter seinen weiteren Artikeln führt, macht sie nicht stutzig.
Dem in jeder Bandchronik obligatorisch „Ochsentour“ überschriebenen Kapitel, das sich vor allem dadurch auszeichnet, mehrheitlich in Räumen aufgetreten zu sein, wo sich andere Künstler nicht einmal umziehen würden, und das obendrein die Unbill erhärtend oft nur für Spritgeld und Bier, was einerseits als kurzfristiges Armutszeugnis, retrospektiv dann aber vielmehr als langfristig wertvolles Attest einer sogenannten organisch gewachsenen Formation zu lesen ist, sind Kraftklub nicht zuletzt dank Universal Music schlagartig entwachsen. An diese Ochsentour, die man nicht einfach nur so spielt, sondern spieltspieltspielt!, wie man in Interviews immer wieder hören kann, schließt sich nun nahtlos die Hornochsentour durch Fernsehstudios und Funkhäuser an: redenredenreden. Jetzt im Frühjahr wie auch später im Herbst werden Lokalradioscherzkekse allerorten, soweit es der Tourplan zulässt, sich freuen Kraftklub begrüßen zu dürfen und wie gewohnt alles total witzig finden, was so gesagt wird, vor allem von sich selbst. „Schön dass ihr euch noch die Zeit genommen habt, Jungs, ihr spielt ja heute Abend im Soundso, seit Monaten restlos ausverkauft, aber wir verlosen gleich exklusiv hier die allerletzten zwei Tickets für heute Abend, für Kraftklub, für einen glücklichen Anrufer!“, werden sie sagen und natürlich wird man speziell hier in Berlin noch immer nicht um die vermeintlich problematische Frage herum kommen, wie das Konzert am Abend im seit Monaten restlos ausverkauften Soundso, naja mit diesem Song, ihr wisst schon, ich will nicht nach Berlin, singt ihr doch da, wie das denn nun wieder miteinander zu vereinbaren ist. Journalismus. Und noch bevor einer der Fünf den Antwortautomat gähnend anwerfen kann, wird dem Moderator einfallen, dass es ja in dem anderen Song da heißt, sie seien – hoho, gute Vorbereitung ist alles! – nicht kredibil. Genial. Der glückliche Anrufer wird dann am Ende der Sendung irgendeinen blödsinnigen Slogan in den Telefonhörer brüllen müssen. Blödsinnig genug kann der gar nicht sein, der Slogan. Ganz sicher auch nicht für unsere vormals kreischenden Mädchen, die nun unverändert gespannt vorm MacBook sitzend kurz vor Transaktionsabschluss stehen. Doch auch Radiogewinnspiele sind für sie keine ernstzunehmende Option, wenn überhaupt der allerletzte Strohhalm, erst im Notfall ernst- und dann eben auch wahrzunehmen, denn zwei Tickets genügten nicht, nicht ohne das komplexe Freundschaftsgeflecht ernsthaft zu gefährden, und das Glück wohl sowieso noch weniger. Sorgen, das möge nun die Welt erfahren, die nicht länger die ihre sind. Tom Buhrow fällt als Sprachrohr aber gerade misslicherweise aus und so kommt es, dass noch in derselben Minute, in der eines der Mädchen, die MacBook-Besitzerin nämlich, gleich dreimal hintereinander bestätigungsklickend versichert, diese Karten auch wirklich wirklich kaufen zu wollen, ebendiese ihren Facebookstatus erfrischt, der ein Browsertab weiter bereits in Stellung gebracht war. „Kraftklub wir kommen! <3“, tippt sie wenig originell, dafür zufrieden und erleichtert mit nunmehr zulässiger Vorfreude. Die Anzahl der Gefällt-Mir-Daumenhochs vonseiten mutmaßlicher Mitkommerinnen steigt augenblicklich. Von Null auf Drei innerhalb einer Sekunde – cool, oder?




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