mariangaspari 16.09.2014, 00:20 Uhr 13 3

Klinkenstecker

"Was hörst du für Musik?" "Findest du die Frage nicht etwas zu persönlich? - Wir kennen uns doch erst seit 3 Minuten..."

"Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn's so richtig scheisse ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle wo, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment."


Jeder Mensch auf der verdammten Erde kennt diese Frage – und mir hängt sie übrigens zutiefst zum Hals heraus. Die Frage nach der Lieblingsmusik: resp. „Was hörst du für Musik?“ Bei jedem ersten Date kommt diese Frage. Sie steht in jedem Poesie-Album. Jede Datingwebsite will das wissen und jedes andere Internetportal mit Persönlichkeitsprofil. Dabei ist, die Frage nach der Musik die man hört, eine doch sehr persönliche Frage. Oder etwa nicht? So empfinde ich es zumindest. Steh' ich mit dieser Einsicht wirklich so alleine auf weiter Flur?


"Man braucht Musik, um nicht zu vergessen." "Vergessen?" "Um nicht zu vergessen, dass es noch Orte auf der Welt gibt, die nicht aus Stein sind; dass in deinem Inneren etwas ist, das sie nicht kriegen können, das dir allein gehört."


Die (persönliche) Playlist, sei sie auf dem Smartphone, auf dem Laptop oder einfach das CD-Regal bei einem zu Hause, ist doch jedem sein persönliches Refugium. Ein Rückzugsort zu jeder Zeit. In jedem der Fälle muss man sich das – große – Vertrauen verdienen und sich für würdig erweisen, dass jeweilige Smartphone, den Laptop oder sogar die Wohnung des anderen, zu besuchen – die Playlist zu besuchen. Man ist und bleibt dann aber immer noch Gast, denn das was man dort vorfindet – nicht nur die Lieder an sich, sondern auch ihre Zusammenstellung – ihr Zusammenspiel mit- und untereinander – ist definitiv nicht für die Außenwelt bestimmt und mit absoluter Sicherheit nicht der restlichen Welt zur Kritik freigegeben. Der Gast hat das Vertrauen erlangt in die Privatsphäre – in die Seele – des anderen zu blicken. Seine Emotionen zu ergründen und sich dieses Privilegs zu erfreuen und sich mit dem anderen als eine Einheit zu empfinden – zumindest für die Dauer des Besuchs in diesem sensiblen und fragilen privaten Reich.


„Aber ich glaube an die Musik... so wie andere an Märchen glauben.“


Spotify, Facebook und Co. sind was diesen Seelenstriptease angeht die größten Übeltäter. Ich fand es gut als Werbung noch mit Jingles und nicht mit aktueller Chartmusik unterlegt war. Jedes dieser Songs – und einige davon sind gar nicht mal so schlecht – wird mit einem Produkt verknüpft und verliert in überdimensionalen Maße seine Einzigartigkeit für den Hörer. Es verliert somit sprichwörtlich seine Seele – seine Daseinsberechtigung verliert das jeweilige Lied in nur wenigen Wochen. Es hat sich zur Nutte machen lassen und ist für den Hörer in keinster Weise mehr etwas persönliches, resp. hat keine eigenständige für sich stehende Persönlichkeit mehr. Transportiert nicht mehr Emotionen und Stimmungen als ein Stillleben, sondern nur noch den bescheuerten Wunsch das zuvor mit dem Lied beworbene Produkt zu begehren und zu erstehen.


"Ich lass' dich nicht an meine Musiksammlung - nur über meine Leiche. Da sind viele üble Sachen drauf, wirklich, jede Menge Peinlichkeiten. - Bei mir auch. - Nichts verrät mehr über einen Menschen als seine Playlist. - Das weiß ich, deswegen mach ich mir ja Sorgen. - Und, wagen wir‘s? - Okay, wagen wir’s."


Was wäre wenn wir durch die Musik mehr über uns lernen – uns selbst kennen lernen. Musik bewusst erleben und uns selbst bewusst erleben. Beflügeln und beflügeln lassen. Hoffen und Hoffnung schöpfen. Liebe, Trauer, Schmerz – verstehen lernen. Denn diese Gefühle sind für sich nur temporär und bloße Worte. Erst durch die Musik bekommen sie eine Bedeutung – einen Wert – und werden unendlich. Lasst uns nicht vergessen was Musik bedeutet – was sie mit uns anstellt – und wie wundervoll diese Erfahrung ist. Bewusst erkennen und zuhören. Den Soundtrack unseres Lebens erleben und Banalitäten wieder zu etwas besonderen machen...

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13 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ja, Musik ist etwas persoenliches. Aber da sie viel zur aktuellen Stimmungslage aussagt, sagt sie meiner Meinung nach wenig ueber den Menschen gesamt aus.
    Ich meine, wenn ich Dir ein paar Gruppen aus unterschiedlichen Musikgenres nenne, die ich oft hoere, was weisst Du dann ueber mich ? Und was denkst Du ueber mich, wenn ich darunter eine Gruppe mit aufzaehle, die einer politischen Richtung  zugeordnet wird... gehoere ich dieser Richtung dann auch an ? Und was, wenn ich einen Kuenstler darunter habe, der u.a. selber von sich mal sagte, dass er ein Anarchist ist ?
    Als was ich Musik auch immer verwende, um mich an ihr zu freuen, um vielleicht einen Stimmungswechsel zu erzeugen, um  nachzudenken, um abzuschalten und entspannen,  um Spass zu haben, was auch immer, Du hast recht, es ist was persoenliches in dem Moment, etwas, was ich nicht teile.
    Andererseits habe ich wenig Hemmungen,  im passenden  Kontext auf  ein entsprechendes Lied hinzuweisen oder auch hier bei Neon zu verlinken :)


    18.09.2014, 10:50 von Cyro
    • 1

      Also ich neige schon dazu, wenn ich auf einer zwanglosen PArty die Wahl habe, mich mit der schwarzgekleideten Tante, die Depeche Mode hört zu unterhalten als mit [...] Tante, die führ die Wildecker Herzbuben schwärmt...

      Und das liegt nicht ausschließlich an meiner Vorliebe für Schwarze Klamotten.

      Das sagt, in der Tat, nichts über irgendwelche Charaktere aus. Das muss es auch nicht. Die Frage ist allein: In welchem Umfeld fühle ich mich (zunächst) wohler.

      Musikgeschmack ist genauso ein Statemant wie Klamottenwahl. ur eines von vielen, aber eine Aussage.

      Und das solche Aussagen keine Rolle mehr spielen (oder spielen sollen) macht die Welt nicht durchschaubarer.
      Zumindest für mich nicht...

      :D

      Ich mag Genregrenzen und Schubladen.
      Ich mag aber genaus Grenzüberschreitungen und Neusortierungen...

      18.09.2014, 12:14 von sailor
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  • 0

    »Mich interessiert weder Hautfarbe, noch Geschlecht, noch Religion,
    noch Herkunft eines Menschen - das Einzige, was für mich zählt, ist der
    Musikgeschmack.«
    (Farin Urlaub)

    17.09.2014, 14:31 von sailor
    • 0

      Und auf was schliesst er dann aus dem Musikgeschmack ... auf Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Herkunft ? :)

      18.09.2014, 10:53 von Cyro
    • 0

      Die Frage verstehe selbst ich nicht...

      :D

      18.09.2014, 10:54 von sailor
    • 0

      Na ja, er will doch den Musikgeschmack anderer  kennen um irgendwelche Schluesse/Erkenntnisse daraus zu ziehen ? :)

      18.09.2014, 11:58 von Cyro
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  • 1

    »Und was hören Sie zu Fellatio?«

    17.09.2014, 14:27 von sailor
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  • 0

    Och, ich seh das nicht so eng. Jedenfalls finde ich die erste Dialogsituation jetzt so'n bisschen arg krampfig und stimmungsabtötend.


    Musik ist mir wichtig, absolut, aber ich finde die Frage nach den persönlichen Vorlieben in Sachen Musik keinesfalls zu intim, als dass ich es deplatziert fände, wenn man sie beim ersten Date erörtert. Im Gegenteil, wenn man doch ein Date hat, dann besteht ja in den meisten Fällen schon ein gewisses Interesse am Gegenüber und zumindest die Bereitschaft, den anderen näher kennenlernen zu wollen. Da sind solche Fragen doch was ganz natürliches, oder nicht?

    Zugegeben, ich bin damit immer überfordert, aber nicht, weil mir die Information zu persönlich ist, sondern, weil ich nicht auf 1-3 Genres festgelegt bin und die Frage schlicht und ergreifend nicht kurz und knackig beantworten kann.

    17.09.2014, 13:45 von Pixie_Destructo
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  • 0

    Sehe ich ganz genauso, du hast es auf den Punkt gebracht!

    17.09.2014, 09:35 von Carew96
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  • 1

    Absolut deiner Meinung!
    Hier gehts doch nur darum etwas über den Anderen zu ERFAHREN statt ihn zu ERLEBEN.

    17.09.2014, 07:17 von cheekymaui
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    • 1

      Der Spruch den du magst ist aus "Die Verurteilten" ;)

      17.09.2014, 11:14 von mariangaspari

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