Indiestrualisierung
Ein seelenloser Großmarkt hat sich Indie einverleibt und wir dürfen uns an den frisch verdauten Exkrementen laben.
Was den besonderen Reiz dieser Band ausmache, fragt der erschreckend interessierte Reporter. „Die sind sooo süß und sehen toll aus...", sprecheitert es im Chor in die Kamera. Dann: Stille. Unkomfortable, ungewollte, aus der tiefsten Unendlichkeit des Universums dringende Stille. Millisekunden später: man kann es fast rattern, knattern und ächzen hören. Work in progress. Neurotransmitter quetschen sich durch furchtbar enge Synapsen. Dann, nach gestauter Ewigkeit das scheinbar erlösende: " ...und gute Musik machen sie auch!“ Leider den passenden, den richtigen Moment zu spät.
Verstörenderweise handelt es sich nicht um pastellbeflaggte TokieHotel-Groupies, in Wirklichkeit stammeln da drei junge, indie-uniformierte Damen Anfang Zwanzig ihren Gedankensalat ins Mikro, und die Band mit dem besonderen Reiz ist die neueste Hype-Indieband.
Kein Einzelfall ...
Die alte Gedankenmauer zwischen Indie und Mainstream ist porös, bröckelt und steht kurz vor dem Einsturz.
Längst vergangen (und vergessen?) die Zeiten, da Indie seinem Namen noch gerecht wurde und für Unabhängigkeit, Abgrenzung vom Mainstream und künstlerische Freiheit stand. Konventionen wurden belächelt und der Massengeschmack verachtet. Schnitt.
Heute verweist Indie eher auf eine bestimmte Musikrichtung, einen bestimmten Klang, oder pointierter formuliert: auf ein Image, nämlich hübsche Gitarrenjungs mit old-school Kopfmatten .
Indie zu Besuch bei Warner, Indie zu Besuch bei MTV; und wieder schlachtet "das Business" einen ursprünglich subversiven Trend aus, klöppelt ihn massentauglich, lässt ihn ausbluten und überlässt ihn den Geiern.
Gar nicht nett: ein seelenloser Großmarkt hat sich Indie einverleibt, und wir dürfen uns an den frisch verdauten, glattpolierten Exkrementen laben. Geschichte wiederholt sich. Zwei Stichwörter: Beat und Punk.
Und genau wie jene ist Indie jetzt vor allem: ein Produkt, ein Image. Wer kuhl sein will muss Indie hören, Indie tragen, Indie sein.
Genau wie die 3 gleichgeschalteten Indie –Tanten im Fernsehen drin. Die wurden auch indiefiziert. Das ihnen bei all der anstrengenden Indieness und Indievidualität gar nicht auffällt, dass sie in ihrer Indie-Uniform kaum zu unterscheiden sind, findet wahrscheinlich nur der Beobachter ironisch.






Kommentare
Genau der Gedanke beschäftigt mich auch schon ne Weile, ich bin beeindruckt wie gut du das "zu Papier" bringen konntest, danke!
31.05.2007, 12:38 von scheinwerferinwas du genau beschreibst, kann ich nicht bewerten, weil ich erst vor kurzem angefangen habe, mich richtig für musik zu interessieren... vielleicht erst weil diese bands in den vordergrund drängen habe ich sie kennen gelernt... zur zeit haben wir noch das glück, dass sehr viele debütalben auf den markt kommen, die, na ja wie soll man es ausdrücken, einigermaßen "konsumrein" sind... was ich ebenfalls nervig finde, ist der "indiestyle" der uns vorgelebt wird und der dadurch cool wird...
29.08.2006, 22:18 von ruediga