Individuum 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 24

Ich kann nicht leben…

… ohne Musik. Wirklich? Ein Geständnis.

Auf einer „Ich-kann-nicht-leben-ohne…“-Liste taucht ’Musik’ auf den obersten Rängen auf. Immer. Seit ich denken kann – oder eher lesen. Es gibt genügend Leute in meinem Freundeskreis, die förmlich süchtig nach Musik sind. Das Erste, das sie morgens tun, ist, den Knopf der Stereoanlage zu betätigen. Und dann hört es nicht mehr auf. Den ganzen Tag ist Musik ihr Begleiter. Im Zug die Stöpsel des MP3-Players im Ohr, im Auto ununterbrochen dem Radio lauschend (wenn keine selbstgebrannte CD bereit liegt), das Internet nach neuer Musik durchforsten, Musikläden mehrmals wöchentlich aufsuchen - Normalität. Mit Musik lernen, mit Musik kochen, mit Musik duschen, mit Musik knutschen, mit Musik chillen, … mit Musik leben.

Aber es gibt Ausnahmen, zum Beispiel mich. Und ich hoffe, ich darf von Ausnahmen sprechen. In der Minderheit fühle ich mich schon zu Hause, aber ganz alleine möchte ich dann noch nicht dastehen. Also spreche ich von Ausnahmen, statt von einer Ausnahme.

Ich kann morgens keine Musik vertragen. Ich brauche Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen. Meine Träume zu deuten. So fängt es schon an. Schon ein Radio bringt mich morgens zur Verzweiflung. Wenn ich überhaupt mal Radio höre. Im Radio läuft meistens nur Mist. Meines Erachtens. Ich kann auch mit Musik nicht lernen (und schreiben geht schon mal gar nicht). Das liegt an der Konzentration. Sobald Musik läuft, versucht mein Hirn automatisch auf den Text zu hören, zu verstehen, zu übersetzen oder was auch immer. Ich kann mich nur auf eine Sache konzentrieren. Und Musik stört mich dabei.

Aber es ist nicht so, dass ich keine Musik höre. Nein, so ist das nicht. Ich höre auch viel Musik. Viel nach meinem Erachten. Also eigentlich nicht so viel. Aber trotzdem nicht wenig. Aber wenn ich Musik höre, dann möchte ich mit der Musik fühlen. Die Leidenschaft, das Gefühl der Musik verstehen. Mit ihr leiden, lachen oder lieben. Nur mit ihr alleine, aber auch diesen Schritt musste ich erstmal lernen.

Das wir uns nicht von Anfang an verstanden, fing schon in meiner Jugend an. Ich glaube, ich habe damals einen wichtigen Schritt verpasst. Die erste Liebe eines Teenagers galt der Musik. Oder den Leuten, die die Musik machten. Poster an der Wand sollten diese Liebe noch vertiefen. Bei mir trat diese Phase nie ein. Ich konnte das nicht. Poster aufhängen von fremden Leuten. Für mich waren sie fremd, auch wenn ab und zu – unvermeidlich wenn man mit einer älteren Schwester in der Jugend das Zimmer teilte - ihre Musik an meine Ohren drang. Nicht in, sondern nur an meine Ohren.

Vielleicht habe ich auch zu dieser Zeit einen Schock erlitten. Meine Schwester stand total auf „Caught in the Act“. Eine Boyband, welche mich jahrelang von der gegenüberliegenden Zimmerwand anlächelte. Man sollte die Posteranzahl in Kinderzimmern auf eins beschränken, finde ich nebenbei.

Als ich vierzehn war, sollten wir mal im Musikuunterricht einen Lebenslauf über unseren Lieblingssänger verfassen. Ich wählte ’Celine Dion’ aus. Obwohl ich nur ein Song von ihr kannte (den aus „Titanic“). Und wisst ihr warum? Weil ich ein schönes Bild von ihr hatte. Das war der einzige Grund. Also recherchierte ich ein bisschen im Internet, schrieb den Lebenslauf und klebte das Bild künstlerisch quer über das Blatt. Und darauf war ich stolz.

Um etwas zu verstehen, musste ich es sehen oder fühlen. Und erst dann konnte ich mich verlieben. So war es schon immer. Da halfen auch keine wöchentlichen Klavierstunden, weil ich mich mit ihr nicht identifizieren konnte. Erst als die erste große Liebe kam, danach der erste Liebeskummer, erkannte ich die Bedeutung von Musik. Ich verstand, was Musik verkörperte, weil ich sie plötzlich fühlen konnte. Ich konnte mit ihr leiden, lachen und sogar lieben. Das war der Moment, in dem ich die Bedeutung hinter der Musik verstand. Der Teil fehlte, um mich mit ihr zu verständigen. Es klingt komisch, aber davor konnte ich rein gar nichts mit ihr anfangen. Darum war ich auch viel mehr Büchern verfallen. Wie auch heute noch.

Trotzdem bin ich fasziniert von Menschen, die über Musik schreiben, Artikel verfassen und dafür leben. Ob Musiker, Sänger, Dirigent, Komponist, DJ, … die Auswahl ist groß. Musik ist ein nicht mehr wegdenkbarer Bestandteil in deren Leben. So weit bin ich noch nicht, aber in meiner „Ich-kann-nicht-leben-ohne…“-Liste würde Musik inzwischen auftauchen. Zwar nicht Platz eins oder zwei und auch nicht zehn, aber noch unter 20. Über Freundschaft sind wir aber schon hinaus. Wir sind ein Paar geworden, die Musik und ich. Und vielleicht wird daraus irgendwann Liebe, wer weiß.

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48 Antworten

Kommentare

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    Bei mir hats auch ne ganze Weile gedauert bis Musik mir wichtig wurde. Und das mit den Postern an der Wand vonwegen fremde Leute, die einen anschauen, kann ich auch bestens nachvollziehen.

    Beim Lesen, Schreiben, Denken stört mich Musik, aber bei Arbeiten wie Geschirr spülen, sauber machen etc ist sie fast unverzichtbar, denn dann hab ich im Kopf auch genügend Platz für die Musik. Da dient sie zur geistigen Beschäftigung. Mein Auto fährt gleich gar net ohne Musik, außer ich hab n Hörbuch an. Und zum malen ist sie auch wundervoll, weil dabei die Gedanke so schön schweifen.

    14.04.2010, 11:17 von wiesenknopf
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      @wiesenknopf Wow... toller Artikel. Tolles Thema. Ich kann nicht leben ohne.. Musik. Kann ich wirklich nicht. Aber ich steck nicht wahllos irgendwelche stöpsel ins Ohr und drück auf "Play". Wenn ich morgens Musik rein schmeiß, dann such ich mir einen Titel, der zu meiner Stimmung passt. (Heute war das "If I fall von Amber Pacific) Und nicht nur zur Stimmung, sondern auch zur Lebenssituation. Ich definier mich über die Musik die ich höre. So können sämtliche meiner Freunde, wenn sie nur meiner Playlist lauschen, rausfinden wie es mir geht. Ohne blöd nachzufragen und ein "gut" zu hören, weil ich keinen bock hab lange Gespräche zu führen.

      15.04.2010, 07:56 von execratedworld
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    gefällt mir gut
    ich gehöre zwar nicht zu deiner minderheit, aber find deine toleranz beneidenswert!
    Super Text musst mal gesagt werden

    15.02.2009, 22:09 von einsiedlerkrebs
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    sehr schön geschrieben und vor allem wunderbar beschrieben, Dein Verhältnis zur Musik. Dadurch ein Artikel, welcher mir gefällt, obwohl er so auf mich überhaupt nicht zutrifft.

    Will sagen, ich sitz hier auf meinem Gymnastikball vorm PC und während ich grad schreibe läuft dazu Musik (nicht aus den PC Lautsprecherchen, sondern richtig) und ich hüpf dazu aufm Gymnastikball bissl mit. Geht alles und ich brauch das abends zu Hause auch, da ich den ganzen Tag keine Musik hören kann/darf.

    08.08.2008, 22:24 von JulesWinfield
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  • 0

    Musik ist dass was uns Stärke gibt!

    05.08.2008, 13:21 von SushiSurfer
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    Schöner Text, wirklich. Was heisst schön.. du weisst was ich meine...udn ich kann dich verstehen, glaube ich. Zumindest das mit dem lernen kann ich zu 100% nachvollziehen. Irgendwas bewegt sich dann bei mir immer.. sei es der fuß, der Kopf oder die Hand. Und irgendwie leidet die Konzentration darunter.

    Nochmals..gut geschrieben.

    30.08.2007, 14:46 von musicologist
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      @musicologist ..ohne Musik selbst zu machen!
      Die dauernde Hintergrundmusik brauch ich auch wirklich nicht- da geb ich dir Recht! Stille kann auch mal wunderbar angenehm sein! Aber Gefühle durch Musik auszudrücken ist das beste, was man machen kann!!!

      13.11.2007, 17:49 von conschke
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    ich brauche immer musik, zu allem was ich mache. ich kann nicht ohne musik einschlafe, das geht überhaupt nicht. ich wäre ohne musik ganz einfach verloren.

    20.07.2007, 20:53 von manuela
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    es kommt auf die musik an. radio höre ich gar keins, weil immer nur das gleiche kommt und dann immer das hirnlose gelaber...das kann man morgens um 8 auch nicht ertragen! aber sonst ist gute musik pflicht. gibt es was schöneres, als einfach mal nichts zu tun und 'nur' musik zu hören?

    12.07.2007, 14:17 von erdbeerblonde
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    ich verstehe dich zuu gut, auch wenn ch zu denen MIT dem stöpsel im ohr gehöre.

    10.07.2007, 11:05 von zuckerkitsch
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