adornoir 03.02.2008, 14:49 Uhr 2 2

...hab ich für dich gemacht.

über mixtapes und sampler als die ultimativen geschenke. und den unnötigen perfektionismus, welcher das kredenzen zum schlafersatz macht.

ich bin kein mensch, der wirklich mit multitalenten angeben kann. "jemanden originell zu beschenken" zählt definitiv nicht dazu. anstatt mir also groß einen kopf zu machen, stelle ich dem besonderen menschen meist lieber einen kleinen soundtrack zusammen. dabei bin ich nie ideenlos. jedoch bleibt dieses "sich einen kopf machen" trotzdem unausweichlich.

jemandem einen sampler (oder noch persönlicher: ein mixtape) zu erstellen, erfordert nämlich:

- einen klaren blick: ich muss wissen, was ich will. was für musik habe ich, was ist in den letzten monaten dazugekommen, was ist altbewährt? man kann neue songs auswählen, und sie mit alten gassenhauern mischen. (meine liebste technik ist, besonders nach tracks ausschau zu halten, die meiner meinung nach irgendwie von der breiteren musikhörergemeinschaft übersehen worden sind; obwohl sie teilweise echt massentauglich gewesen wären.)

- höchste konzentration: plant man, durch die liedauswahl ein (mehr oder weniger anschauliches) konzept wandern zu lassen oder verleiht man dem ganzen ein einheitliches stimmungsthema? soll in den songtiteln und ausgewählten textauszügen eine botschaft integriert werden? wird dies ein hörwerk für den tag oder die nacht, den strand oder das hochhausdach, für das auto oder die badewanne?

- ästhetische bezüge: es gibt durchaus songs, welche (dem albumfluss entgegengesetzte) längen aufweisen, sei es eine viel zu lange introduktionsstelle oder auch ein unbedeutendes, gezogenes ausklingen. mit einem gewissen geschick lassen sich diese lieder schnell auf das wesentliche kürzen. bei kassetten geht das leichter, aber für eine cd-zusammenstellung muss ich oft auf solche songs verzichten, was mir jedesmal unverständlich weh tut.
wenn man zudem bemüht ist, eine syntaktisch korrekte abfolge einzugehen, weiß man, dass es schrecklich aussieht, wenn zwei aufeinanderfolgende interpreten die selben anfangsbuchstaben haben. das wird umgeordnet. wieder und wieder.
dann kommt noch das cover. um die persönliche note stärken zu können, designe ich das artwork selber. vielleicht binde ich ein foto mit hinein, dass den zu beschenkenden in einer schönen situation abbildet. die playlist muss lesbar sein, deren schriftkontur aber nicht zu scharf. ich suche auch hier nach homogenität.

- empathisches geschick: man steht einem fremden musikgeschmack gegenüber, nicht dem eigenen. was für musikalische vorlieben hat der zu beschenkende, auf welche neuen dinge würde er sich einlassen.


ansonsten ist das samplergestalten für mich wie das kochen. für sich alleine kochen ist nichts als training. erst, wenn man etwas für jemand anderen kredenzt, stellt sich die fähigkeit in der praxis heraus. man achtet genauer auf die zutaten, passt auf, dass es dem mitmenschen auch wirklich schmeckt, auch wenn eine fremde prise den geschmack erweitert. bloß nicht die ganze sache versalzen, auch wenn man es selber eigentlich recht pikant mag. meinem eigenen geschmack sollte das gericht aber in gewisser weise noch etwas nachkommen. denn ist es nicht viel schöner, wenn man gemeinsam speisen kann?
ich erwarte auch nicht unbedingt erzwungenes feedback. ich persönlich kann mit dem obligatorischen "hat geschmeckt" nichts anfangen, wenn der teller noch halb unangerührt ist. klingt wie meine eltern, das gebe ich zu, aber man merkt doch erst, dass man anderen eine freude bereitet hat, wenn sie nachschlag um bitten.


es ist seltsam: eigentlich nimmt man werke von anderen, um seine individualität auszudrücken. und trotzdem verschenke ich jedes mal einen teil von mir. begleitet von einer akuten skepsis, die mich immer wieder die auswahl und reihenfolge der songs ändern lässt. dadurch wächst der zeitaufwand, der sich dann in unzähligen schlaflosen nächten niederschlägt. bis alles perfekt ist...


als ich ihr ins gesicht schaue, bemerke ich, dass ich ihr gerade einen gigantischen monolog verpasst habe. ich habe ihr soeben alles haargenau in dieser form erklärt. sie schweigt noch immer, schaut stattdessen abwechselnd fokussiert den sampler in ihren händen und dann mich an. der freundliche glanz in ihren augen treibt mir die nagende gewissheit in den hinterkopf, dass ich dies alles auch in drei einfache worte hätte fassen können...

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Kommentare

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    "High Fidelity" gelesen, huh?

    Macht nix, toll geschrieben. Ein klassisches Thema, aber nie langweilig. Und der Schluss ist so richtig romantisch. Seufz.

    11.02.2008, 11:25 von misspringle
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    ich hab vor 2 wochen auch einen sampler verschickt. und ich hatte eine scheiß angst obwohl es nur ein geschenk für einen freund war...bis abends die sms kam, ich habe mit *personal jesus* seinen tag gerettet. da war meine angst dann wieder weg

    08.02.2008, 18:13 von carodame
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