LostIdeal 30.11.-0001, 00:00 Uhr 40 22

Grace/Wastelands

oder: Mein erstes Mal mit Pete Doherty.

Lieber Pete, das mit uns beiden ist eine lange Geschichte. Unsere Beziehung war nie harmonisch und trotzdem warst du meine erste große Liebe. Aber so ist das wahrscheinlich, wenn man auf die bösen Jungs mit den schönen Songs steht.

Eigentlich war es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick zwischen uns beiden. Genauer gesagt, hat mir eine Freundin damals von dir erzählt. Als ich dann zum ersten Mal von dir gehört hatte, war ich angefixt von deiner perfekten Mischung aus Melancholie und Rotzigkeit.

„Crack ist wunderbar“, hast du irgendwann gesagt und im selben Moment ein Liebesgedicht vorgetragen. Im Hintergrund lief „Music when the lights go out“. Das war der Moment, in dem ich mich unsterblich in dich verliebt habe. Trotz allem. Denn dass es Stress zwischen uns beiden geben würde, war vorprogrammiert.

You're so clever / but you're not very nice

„Junge“, dachte ich mir hin und wieder. „Du würdest einfach Wahnsinns-Mukke machen, wenn du nicht immer so dicht wärst.“ Gesagt habe ich nichts. Vielleicht war ich einfach zu beeindruckt von dir, dem megacoolen Typen mit Hut, Gitarre und den wunderschönen traurigen Songs, die meinen Kümmerinstinkt weckten.

Deine Bio gab mir den Rest: Ein Soldatenkind, das durch ständige Umzüge einsam, allein und auf sich gestellt war. Hach. „Ich hatte keine andere Möglichkeit, als mich in mich selbst zu verlieren“, hast du dazu nur gesagt. Schmelz. Den Studienplatz in Oxford inklusive Literaturpreis des Kultusministers geschmissen, um Mukke zu machen. Das ist Punk, Mann. Schließlich deinen besten Freund, Carl Barât, kennengelernt: „Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat, wollen wir uns Hand in Hand von einem Hochhaus stürzen.“ Oberschmelz. Mit ihm bist zusammengezogen. Ihr habt Texte geschrieben, Mukke gemacht und so lange kränke Gigs abgezogen, bis man euch schließlich entdeckt hat. Trotzdem wart ihr sowas von null Pop. Endlich gab es wieder Sex, Drugs und Rock'n'Roll in der mit Coldplay-Tönen verseuchten Charthölle. Lieber Pete, von dir bekam ich, was ich seit den Sex Pistols nicht mehr für möglich gehalten hätte. Du warst Sid, ich war Nancy. Oder so.

Fuck forever / If you don't mind

Ein Jahr lang sind wir jede Nacht zusammen eingeschlafen. Dann wurdest du berühmt. Nicht wegen deiner Mukke, sondern für das ganze Drumherum. Die Libertines touren ohne dich, während du bei Carl Barât einbrichst, um dir den nächsten Schuss holen zu können. Aus der Entzugsklinik in Thailand haust du natürlich nach drei Tagen ab, schlägst dich respekteinflößende 140 Kilometer durch den Dschungel bis nach Bangkok und bestellt dort im Hotel jeden Tag Eier mit Speck und Heroin. Irgendwann lässt du dich in einem Korb rausschmuggeln. Du stehst vor Gericht und kotzt auf der Bühne. Du kokst mit Kate Moss, vergötterst sie – gerne auch mal mit Eigenblut-Portraits. Du vertickst den Strokes 'n bisschen Stoff und knallst dir mit Amy Winehouse die Birne weg.

Ich weiß gar nicht, ob du es bemerkt hast, aber irgendwie bin ich damals schon auf Abstand gegangen. Und irgendwann habe ich einfach gar nichts mehr von dir gehört.

See I'm stuck forever / Stuck in your mind

Umso mehr Junkie-Schlagzeilen die BILD brachte, umso mehr musste ich auch über dich schreiben. Und das waren meistens keine besonders netten Sachen. „Der asoziale Anhang von Kate Moss“ und „Dauerdruffi“ waren nur ein paar ausgewählte Beispiele. Tut mir leid. Vielleicht war ich eifersüchtig, vielleicht auch einfach nur genervt. Andererseits habe ich mich gefreut, dass ich dich mit deiner neuen Band, den Babyshambles, auf einmal im Radio gehört habe. Insgesamt wurde es stiller um uns beide, aber ich habe nie ganz aufgehört, dir zuzuhören.

Happy endings / no they never bored me / Happy endings / they still don't bore me

Unser offizielles Wiedersehen ist keine zufällige Begegnung. Es läuft geplant ab und ich habe mich schon Wochen vorher darauf vorbereitet. Meine Fingerspitzen kribbeln Erstes-Date-mäßig, als ich auf myspace.com/gracewastelands auf den Play-Button klicke und mir den ersten Song des brandneuen Solo-Albums von Peter Doherty, ja, jetzt mit r, reinziehe. Und irgendwie fühle ich mich wie damals mit dreizehn, als ich „Up the bracket“ in meinen CD-Player (ja, liebe Kinder, das gab's damals wirklich noch standardmäßig in jedem Haushalt) geschoben habe.

Lieber Peter mit r hinten, du scheinst dich jetzt besser zu fühlen. Jedenfalls klingt der Anfang mit „Last of the english roses“ fast schon zu fröhlich und zu gut produziert, um von dir zu sein. Aber das ist okay und hört sich auch noch toll an. Und keine Panik: Spätestens ab Song Nummer drei haben wir den alten Pete zurück: Ob nun in „A little death around the eyes“ oder „Sweet by and by“ alte Freunde und Carl Barât allgemein besungen werden oder die Autobiografie in „Lady, don't fall backwards“ - Peter, du machst auch mit r hinten immer noch das, was du am besten kannst: Wunderschöne traurige Lieder. Klingt ekelhaft schmalzig, ist aber so.

Höhepunkt der musikalischen Melancholie: „Sheepskin Teraway“ featuring Dot Allison. Ein Heroinentzug verpackt in eine Wahnsinns-Melodie. Mega-Doppel-Schmelz (erwähnte ich das schon?)!
Und wer die Hook von „New love grows on trees“ gehört hat, weiß, warum dich außer mir noch mindestens fünftausend andere Mädels hinreißend finden - auch wenn du meistens aussiehst wie ausgekotzt und nochmal draufgetreten.

Grace/Wastelands ist eine EP voller Akustik, Streicher und Mädchen-Indie-Musik. Mit ein bisschen weniger Rotzigkeit und dafür umso mehr Pete-Feeling. Anders kann man deine Art, Gitarren-Liebeslieder mit einer doppelten Dosis Punk statt einer Kappe widerlichen Coldplay-Weichspülers, zu schreiben, einfach nicht beschreiben.

Ob nun „Libertines“, „Babyshambles“ oder eben „Peter Doherty“ mit r auf dem Cover steht – der unverwechselbare auf Pete-gebrandete Inhalt bleibt. Wer deinen Style liebt, liebt deine Alben. Egal, ob sich Carl Barât wieder mit dir verträgt und aufnimmt, oder nicht. Punkt.

Wie gesagt, lieber Pete, das mit uns beiden war mal 'ne Wahnsinns-Lovestory. Und sollte ich dich irgendwann mal persönlich treffen, erzähl' ich dir vielleicht sogar davon. Dass deine Songs und meine Gehörgänge wilden Sex miteinander hatten. Und dass „Up the bracket“ von damals trotz vier Umzügen immer noch in CD-Form auf meinem Schreibtisch liegt. Dann spielst du mir „Music when the lights go out“ vor. Und ich bin mindestens so hin und weg wie mit dreizehn. Und vielleicht wird dann alles so wie früher zwischen uns beiden. Es wäre ein gutes Ende.

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40 Antworten

Kommentare

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    so, jetzt muss ich das album sofort nochmal hören. sehr schöner text :0)

    07.08.2009, 13:10 von cornflake_girl
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    ohje da hat wohl jemand die gleiche pete/r-beziehung wie ich.
    wunderbar.

    13.07.2009, 10:40 von JoannaStarlette
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    wahnsinnig schöner Text.. ich hatte beim lesen ne gänsehaut. grace/wastelands kann man nicht besser beschreiben

    08.07.2009, 19:38 von DaisysLeftShoe
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    jetzt muss ich auch gleich erstmal "up the bracket" in den cd-player legen. du bringst genau das auf den punkt, dass die wirklichen doherty kenner an ihm lieben: scheiß egal, was die anderen von mir halten. ich mach einfach gute musik.

    24.06.2009, 21:53 von ochrasyside
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    Ist bis in die Mitte irgndwie auch meine Geschichte..
    Hab aber nicht mehr zurückgefunden :)

    so oder so, ich mags

    09.04.2009, 22:51 von brokenmocca
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    ganz wunderbarer text. & schön endlich mal was von jemandem mit musik geschmack zu hören! very nice!!

    07.04.2009, 19:01 von waschbaermaedchen
    • 0

      @waschbaermaedchen dem schliesse ich mich an!

      17.05.2009, 11:31 von shamblebaby
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    ah, kannst du bitte aufhören ''mukke'' zu schreiben. niemand benutzt das mehr seit 1999.

    25.03.2009, 21:26 von NeonBlond
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    hach, hab jetz pipi in die augen gekriegt, so schön...

    25.03.2009, 16:20 von Tuzzi
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    Hässlich, dumm und drogensüchtig - und die MuGGe (@ annelinchen: danke für die Herkunftserklärung!) ist auch scheiße...

    ...mehr fällt mir zu dem Typen nicht ein - sorry.

    25.03.2009, 09:59 von akmsu74
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