Lene077 06.12.2005, 17:32 Uhr 2 1

Gefühl bis in die Fingerspitzen

Ich saß im Konzertsaal in der vierten Reihe und versuchte mich auf meine Schuhspitzen zu konzentrieren. Und auf die Musik. Denn die war wunderschön.

Ein Orchesterkonzert ist immer wieder ein Erlebnis wert. Viermal im Jahr erlebe ich dieses klassische Highlight, fast ganz vorne in der vierten Reihe. Die Musiker sind hautnah mitzuerleben, die Töne durchdringen einen förmlich bis zur Vibration. Ich fühle mich jedesmal mitgerissen wenn die Schwingungen der Instrumente zunehmen, die Musik den Saal erfüllt und die Energie freigesetzt wird. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die Musiker alle perfekt gleichzeitig bewegen, die Bögen der Streicher durch die Lüfte tanzen und dabei die zartesten Töne hervorzubringen vermögen.

Diesen Sonntag stand ein Klavierkonzert in drei Sätzen von Mozarts Sohn auf dem Plan. Die Solistin asiatischer Herkunft, geboren in Kanada, die bereits im Alter von neun Jahren vor Publikum auftrat, war etwa in meinem Alter. Ihr schwarzer langer Gehrock glitzerte unauffällig in verschnörkeltem Muster, passend zu ihrem glänzenden schwarzen Haar. Sie setzte sich anmutig auf den Klavierhocker, und das Orchester begann zu spielen. Obwohl ihr Einsatz noch nicht da war, bewegte sie sich aber schon jetzt vorsichtig zu der Musik. Mir schwante Übles. Es gibt nichts Schlimmeres als Solisten, die wie in einer bösartigen Parodie übertrieben wild herumzappeln. Ich war gespannt.

Dann kam ihr Einsatz. Ihr rechter Arm fuhr schlangengleich in die Luft, die Fingerspitzen rollten oben aus und in genau der gegensätzlich Bewegung rollte der Arm wieder zurück, berührte die Tasten und der erste Ton erklang. Das alles in einer Geschwindigkeit, dass ihr offenes Haupthaar bedrohlich anfing zu schwingen. Ich sah zu meiner Begleitung, dessen Gesicht ein einziges erschrockenes Fragezeichen zu sein schien. Ich fühlte mich zurückversetzt in meine Kindheit, in der ich mit meiner Schwester immer an Weihnachten in der Kirchenbank kichern musste. So schlimm, bis wir Knuffe und Tritte meiner Eltern ausgeteilt bekamen. Was natürlich alles nur noch schlimmer machte. Ich saß also im Konzertsaal in der vierten Reihe und versuchte mich auf meine Schuhspitzen zu konzentrieren. Und auf die Musik. Denn die war wunderschön, erkannte ich nach einigen Momenten.

Sobald ich mich beruhigt hatte, schielte ich unauffällig nach oben auf die Bühne, jederzeit gewappnet, mich wieder mit meinen Schuhen zu beschäftigen. Die Solistin war von meinem Platz aus nur seitlich zu beobachten, ihr Gesicht war komplett unter einer schwarzen Flut aus glänzendem Haar versteckt. Ihr ganzer Körper schien sich schlangengleich zu bewegen...

Mehr und mehr faszinierten mich jetzt ihre Bewegungen, spürte ich doch, dass sie nicht aufgesetzt waren. Ich konnte ganz deutlich spüren, dass es aus ihrem tiefsten Inneren kam, nach einiger Zeit kam sie mir sogar wie ein Teil des Klaviers selbst vor! Die Musik schien förmlich aus ihr herauszuströmen, sich ihren Weg zu den Fingerspitzen zu bahnen, um dann auf den Tasten zu explodieren und die Solistin mit der entstandenen Druckwelle nach hinten zu schleudern, so dass ihre Haare wild durch die Luft flogen. Jedesmal wenn sich ihre Finger für eine kurze Pause von den Tasten lösen mussten, hob sie die Hand so langsam und behutsam, als müsse sie den Kontakt ganz vorsichtig abbrechen. Sie selbst war die Musik!

Diese Erkenntnis ließ meine Skepsis von jetzt auf gleich verschwinden - ich war begeistert. Ich hätte ihr noch stundenlang zuschauen können. Und ich war froh über dieses Erlebnis, da es meine Liebe zu dieser Musik nur bekräftigte.

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2 Antworten

Kommentare

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    Sehr schön beschrieben, sehr persönlich!
    Für manche Musiker (leider auch in der Klassik) ist die Show jedoch wichtiger als wirklich die eigenen Gefühle preiszugeben. Wer ein guter Musiker ist, muss Gefühl mitbringen, denn ansonsten kann die Technik noch so perfekt sein -es kommt nicht beim Zuhörer an. Zumindest solange keine aufgesetzte Show dazu kommt... denn das kann den durchschnittlichen Musikhörer vielleicht ganz und gar durcheinander bringen und plötzlich wird der gar nicht so gute Spieler zu einem perfekten...

    Dennoch schön zu lesen :)
    Vielen Dank!

    29.01.2006, 21:47 von kotka
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    Kennst Du Lang Lang? Bestimmt -anfangs hab ich auch gehasst wie der beim Klavier spielen auch noch 'dramatisches Theater' gespielt hat, und in der ja doch eher konservativen deutschen klassischen Szene ist das auch ein Unding. Aber seine Musik ist grandios! Und ich hab' geruechteweise gehoert dass er seine Art nach internationaler Kritik zu aendern gedenkt, wie bloed. Was ich toll finde: Leute, die beim spielen reden bzw. Geraeusche machen, vor sich hin murmeln. Leider kriegt man das als Zuschauer nicht so richtig mit, aber wenn man im Orchester in der Naehe des Solisten sitzt, ist es ein Riesenspass! Danke fuer den Artikel!

    12.01.2006, 05:52 von matsumi
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