ina-simone 22.12.2006, 13:09 Uhr 29 17

Es gibt Rice, Baby!

Damien Rice ist vermutlich die kleinste Selbsthilfegruppe Irlands und hat nach 4 langen Jahren endlich sein zweites Album veröffentlicht. Wunderschön.

. Vier Jahre. Das ist die Zeit zwischen zwei Fußball-Weltmeisterschaften, würde Franz Beckenbauer schaumermalen. Natürlich passt so ein grober Sport überhaupt nicht zu einem sensiblen Kerl wie Damien Rice. Und dass der englische Nationalspieler Wayne Rooney – auf dem Platz ungefähr so rücksichtsvoll wie eine frisch geölte Motorsäge – ausgerechnet das zartbesaitete Damien-Rice-Debüt "O“ (2002) zu seinem Lieblingsalbum auserkoren hat, auch das passt zunächst nun wirklich gar nicht. Andererseits: Man hätte es ja irgendwie ahnen können, dass so ein Hartschalenkicker dann doch einen weichen Kern offenbart.

Vier Jahre jedenfalls hat es gedauert, bis Damien Rice den Nachfolger zu seinem weltmeisterlichen Erstling "O“ fertig hatte. Warum so lange? Nun: Weil "O“ für Damiens Geschmack ein bisschen zu erfolgreich war. Weil er zwar neue Songs veröffentlichen, aber nicht unbedingt noch mehr Ruhm und Geld haben wollte – denn das brächte ihn, so äußerte er letztes Jahr in einem Interview mit "The Independent“, nur unschön aus der Balance. Er hätte außerdem das Gefühl, sich durch all die Begleiterscheinungen des Erfolges von seinen Freunden zu entfernen. Dass die aber nun mal ungefähr das Wichtigste im Leben sind, vor allem wenn man anscheinend ständig scharfkantige Beziehungsscherben aufkehren muss, ist so klar wie Rices außergewöhnliche Begabung für die Schönheit im Einfachen. Seine Songs sind keine Schichttortenschlachten, keine meterdicken Anklageschriften, keine aufdringlichen Geschöpfe. Eher eindringliche. "Songs zu schreiben ist eine tolle Möglichkeit, echte Emotionen in Noten zu packen und Herz und Seele zu öffnen“, sagt er und man würde gerne wissen, ob er denn wirklich selbst weiß, wie weltmeisterlich er das auch dieses Mal wieder hinbekommen hat.

Damien Rice ist ein Überzeugungstäter. Beweis Nummer eins: Er gibt um keinen Preis die Fäden aus der Hand, auch wenn er jetzt einen Vertrag mit dem Major-Label Warner hat. Die zehn Songs für sein zweites Album "9“ hat er allesamt selbst geschrieben, aufgenommen, produziert und gemixt. Beweis Nummer zwei: Nachdem der Song "Cannonball“ vom ersten Album sehr zu seinem Unmut in einer von der Plattenfirma in Auftrag gegebenen Remix-Version im Radio gespielt wurde, ließ er sich anschließend vertraglich sichern, dass so etwas unter keinen Umständen noch einmal vorkommen dürfe. Die radiofreundlichste Nummer der neuen Platte, "Rootless Tree“ (wird im Januar als Single erscheinen), hat er mit einem zünftigen Refrain gegen allzu viele Airplays gesichert: "Fuck you! / Fuck you! / And all we’ve been through.“

Im Nachhinein bereut Damien Rice auch ein bisschen, dass er 2004 Regisseur Mike Nichols sein Okay gab, "The Blower’s Daughter“ für den Soundtrack des Beziehungsdramas "Hautnah“ mit Jude Law, Natalie Portman und Julia Roberts zu verwenden. "O“ sei damit nun wirklich "over-promoted“ gewesen. Wobei: Es passt ja. Seine Alben sind schließlich auch beide Beziehungsdramen. Oder besser gesagt: Soundtracks für die Zeit nach Beziehungsdramen. Damien Rice ist vermutlich die kleinste Selbsthilfegruppe Irlands.

Von seiner Biografie ist nicht allzu viel bekannt. Damien Rice wurde am 7. Dezember 1973 im irischen Städtchen Celbridge geboren. Ein Ort, der trotz seiner beinahe 20.000 Einwohner im Grunde nur eine Haupstraße besitzt und dessen Pubs Namen wie "The Mucky Duck“ oder "The Village Inn“ tragen. Celbridge liegt 22 Kilometer von Dublin entfernt, in der Grafschaft Kildare, deren berühmtester Sohn Arthur Guinness ist, Vater der bekannten Biermarke. Die Landschaft von Kildare wird als "Flachland, das in seinem Aussehen von der letzten Eiszeit geprägt worden ist“ beschrieben. Wenn man das so liest, muss man unwillkürlich schmunzeln, weil es so gut zu Damiens Musik passt, dieses "von der letzten Eiszeit geprägt“. Man nehme nur mal das akustikgitarreske "The Animals Were Gone“ als Beispiel: Der erste Morgen nach einer Trennung, die immer noch geliebte Sie ist weg und hat die Haustiere mitgenommen, deren Kratzen an der Schlafzimmertür man jetzt sogar vermisst. Und dann singt er: "The window’s open now / And the winter settles in / We call it Christmas when the adverts begin / I love your depression and I love your double-chin.” (Und dann folgt gegen Ende noch ein so un-glaub-lich zauberhaftes Streicher-Arrangement, das muss an dieser Stelle einfach erwähnt werden.) Es ist vor allem dieser Blick für die kleinen, schmerzlichen, hochemotionalen Details, der "9“ so besonders macht.

Ende der Neunziger war Damien Rice noch Sänger der Rockband Juniper. Es kam, wie es kommen muss, wenn ein Bandmitglied ein derart talentiertes Individuum ist: Rice stieg aus und zog erstmal für eine Weile in die Toskana, wo er sein eigenes Gemüse anbaute und mit seiner Akustikgitarre Songs züchtete, denen später noch die Ehre eines Vergleiches mit Nick Drake zuteil werden sollten. Als mittelloser Straßenmusiker vagabundierte Rice durch Europa, bis er schließlich 2001 wieder in Irland ankam, dieses Mal in Dublin. Und mit vielen Songs im Gepäck. Die spielte er dann mal seinem Großcousin vor, der sofort begeistert war. Nun ist Damien Rices Großcousin aber nicht einfach irgendjemand, sondern der Filmmusikkomponist David Arnold, der u.a. für die Soundtracks von "Godzilla“ und "Independence Day“ verantwortlich zeichnete und seit 1997 auch die Scores für die "James Bond“-Filme schreibt. Diese Connection ermöglicht Rice, sein Debüt "O“ aufzunehmen, das 2002 veröffentlicht wurde und im Vereinigten Königreich mittlerweile schon dreifachen Platinstatus erreicht hat.

Wer die beiden einsilbigen Albumtitel mal so hintereinander aufsagt, "O 9“ also, wird feststellen, dass es da eine verschlüsselte Botschaft zu geben scheint: "Oh nein!“ Wie gesagt, wir haben es hier mit der vermutlich kleinsten Selbsthilfegruppe Irlands zu tun. Die Erklärung für den Albumtitel ist allerdings weitaus simpler: "Wenn man die Aufnahmen beendet hat, gibt’s immer einen Titel, der am stärksten ist und sich richtig anfühlt“, erklärt Rice. "Und das passierte auch mit '9 (Crimes)': In dem Moment, als wir den Song fertig hatten, wussten wir sofort – der ist es! Andere Albumtitel-Optionen waren 'A Hen Will Sit On An Unfertilized Egg' und 'You Love Her, You Even Love The Shit You Hate About Her'”. Damien Rice hat also tatsächlich auch einen Sinn für Humor. Hätte man gar nicht vermutet. Der Opener "9 Crimes“ ist übrigens wirklich ein wahres Kleinod; eine hinreißende Klaviernummer, die mit dem zarten, zerbrechlichen Gesang von Rices Vocal-Sidekick Lisa Hannigan eröffnet wird.

In Fan-Kreisen spricht man längst vom sogenannten "Damien-Code“, jener speziellen Dramaturgie, die die besondere Atmosphäre seiner Songs ausmacht: Der zögerliche, fragile Beginn und dann, irgendwann in der Mitte oder gegen Ende, Stimmungswechsel, (nicht selten orchestrale) Verdichtung, Explosion. "Elephant“ ist vielleicht das schönste Beispiel, wie man auf wirklich wunderbare musikalische Art und Weise aus einer Mücke einen Elefanten machen kann. Und dann diese Stimme, die so nah und tief geht, als sei es die eigene.
Nur drei Stücke auf "9“ enthalten eine E-Gitarre, wobei dieser Umstand auch nur bei "Me, My Yoke + I“ wirklich auffällt (Rice führt mit verzerrter Stimme und verstimmter Gitarre waghalsige Noise-Stunts vor) – der Rest klingt folkig, akustisch, federleicht melodisch, traumhaft. Insbesondere "Coconut Skins“ erweist sich als Ohrwurm aufs erste Hören. Liebe aufs erste Hören ist das hier sowieso alles.

"9“ mag das Werk eines Verlassenen, Vermissenden und Einsamen sein – aber es ist nie verbittert oder selbstmitleidig. Sondern zweifellos eins der wunderschönsten Alben des Jahres. Zum Schluß singt Damien Rice sich selbst sanft und gelöst in den Schlaf: "Sleep Don’t Weep“.
"Ich musste diese Songs einfach machen“, resümiert er. "Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass sie ziemlich ähnlich klingen wie die, die wir vorher gemacht haben. Aber: Warum nicht? Ich mag sie wirklich. Nur das zählt am Ende des Tages.“

Damien Rice
"9“
14th Floor / Warner
VÖ: 24.11.2006


Albumplayer (Songsnippets): HIER!

Konzert-Termine:

11.03.2007 KÖLN, Gloria
12.03.2007 HAMBURG, Markthalle
15.03.2007 BERLIN, Columbiahalle
16.03.2007 MÜNCHEN, Herkulessaal

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29 Antworten

Kommentare

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    damien rice ist mehr als liebe.

    08.08.2007, 23:24 von knallgruen.
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    "9 crimes" löst anscheinend bei jedem zweiten eine chemische reaktion aus, mir kullern auch jedes mal die tränen wenn ichs höre. so schön..

    01.06.2007, 12:11 von enfant.terrible
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    9 Crimes- schätzungsweise 30 mal hintereinander gehört.Sooo schön,zum heulen..

    09.02.2007, 17:03 von SheSun
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    Ich wusste ja, dass ichs demnaechst kaufen muss.. aber jetzt weiss ich, dass demnaechst wohl morgen sein wird.

    Fein!

    17.01.2007, 16:38 von mezzanine
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    Ich habe das Album jetzt auch seit ein paar Tagen und es ist wirklich sehr schön!

    08.01.2007, 00:09 von Lielle
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    Ich habe die neue Cd zu Weihnachten bekommen und sie ist einfach großartig! Welch unglaubliche Stimme...

    31.12.2006, 18:34 von 2Moro
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    songzitate dürfen einfach nie fehlen... hier mal meine favourites
    " save tonight and fight the break on dawn" (eagle eye cherry )
    ich glaube jeder kennt die situation in der dieses zitat einem durch den kopf geht
    -
    " lying is the most fun a girl could have without taking her clothes off" sehr gemocht von mir und meiner besten
    -
    oder auch
    " in einem taxi nach paris, nur für eine nacht "(rio reiser) , wenn die langeweile mal wieder vorbeischaut

    29.12.2006, 17:26 von miss.ally
    • 0

      @miss.ally sry, ^das^gehört hier mal garnicht hin.. so ist das wenn man immer zwischen mehreren tabs hin und her springt.. sry...

      29.12.2006, 17:38 von miss.ally
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    das album ist großartig.

    ich habe es zu weihnachten geschenkt bekommen.. und ich kann nicht mehr aufhoeren es mit anzuhoren.

    29.12.2006, 16:20 von farben.meer
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