ina-simone 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 4

Einsame Spitze

Teitur, der einzige Popstar der Färöer Inseln, besingt auf seinem vierten Album die Kraft des Alleinseins. Nicht nur für Singles empfehlenswert.

"Einsamkeit ist eine Art Sozialdiät mit ebenso großem Euphoriepotential wie ein geschrumpfter Hintern nach der South-Beach-Diät oder eine gertenschlanke Taille nach Atkins." Das verkündet Journalist, Popliterat, Teilzeitphilosoph und Vollzeitjunggeselle Ulf Poschardt in seinem neuesten Werk "Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls." Unser Vorschlag: Kaufen Sie jetzt diesen Artikel zusammen mit "Stay under the stars" von Teitur. Der sagt nämlich über sein viertes Album: "Alle Songs handeln auf die eine oder andere Art von Menschen, die in ihrer Situation aufgehen. Die Kraft aus ihrem Alleinsein beziehen."

Unerwartet optimistische Töne sind das, nachdem "Poetry & airplanes" (2004) stets die melancholische Landebahn ansteuerte. Vielleicht liegt es daran, daß Teitur Lassen mittlerweile fast dreißig und stolzer Pilot seines eigenen Plattenlabels Arlo & Betty Recordings ist. Vielleicht bekommt aber auch jeder, der genug Stempel im Herzaufgabenheftchen hat, ein Erkenntnisgeschenk vom Universum. "Wir alle stehen in der Verantwortung, aus unserem Leben etwas zu machen. Die Sternschnuppe erinnert die Menschen seit Tausenden von Jahren daran." Äh, wird der Teitur jetzt esoterisch? Natürlich nicht. Also dann: Am besten gleich einen persönlichen Coaching-Termin mit dem bekanntesten Musiker der Färöer Inseln vereinbaren. (Auch ein Erdkunde-Coach vonnöten? Bitte sehr: nordatlantische Inselgruppe zwischen Schottland und Island, 46.000 Einwohner, Amtssprache: Dänisch).

Knappe fünfzig Minuten mit Musik-Therapeut Teitur kosten nicht weniger als: den Verstand. Das darf man beruhigt so völlig hartmutengleresk ausdrücken, das Königreich der Einsamkeit ist nämlich ein verdammtes Abenteuerland. Pardon: Ein verdammt schönes Abenteuerland. File under: Nordic Folking. Direkt neben Nicolai Dunger; Akustikgitarre, Klavier und Streichorchester, Glockenspiel, Vibraphon und allerlei Exoteninstrumentar. Teiturs Stimme gleicht einer Picknickdecke aus Nickistoff, auf die alle Lieblingsmenschen passen. Und das Schönste sind diese ehrwürdigen, aerodynamischen Melodien, die Hirnwindungen in scheinbar endlose Riesenrutschen verwandeln.

Wir lernen einen Einbrecher mit Prinzip kennen ("I'm not gonna sell what I have stolen / It's something that belongs to me"), eine wunderbar paralysierte und streichquartettverzierte Version von "Great balls of fire" und ein Mädchen, das zwar keine Adresse hat, aber trotzdem ständig Briefe schreibt. Und außerdem: "Boy, she can sing!" - am liebsten zu fabelhaft altmodischem Pianopop. "Don't want you to wake up" ist in seiner wiegenden Hingabe schon so entzückend, daß man sofort vergißt, wer Ulf Poschardt ist. Dafür ruft Teitur den großen Louis Armstrong in Erinnerung, und da kann man mal hören, wieviel Inspiration glühende Verehrung entfacht: "Louis, Louis" ist wahrscheinlich der beste Song, den Teitur je geschrieben hat - der Refrain findet dermaßen idyllische Wege, gegen die selbst eine Pilcher-Panorama-Landschaft wie die Lüneburger Heide on a bad air day wirkt. Und zum Schluß noch ein Erkenntnisgeschenk vom Coach: "Who is to say who wins or who loses / I sing to myself at the end of the day / When I know what the blues is / All my mistakes have become masterpieces." Jetzt müssen wir hier nur noch den Fehler finden.

Teitur:
"Stay under the stars"
Arlo & Betty / Edel
VÖ: 15.09.2006

Konzerttermine:


01.11.2006 HAMBURG, Studio One
02.11.2006 BREMEN, Tower
03.11.2006 KÖLN, MTC
04.11.2006 WIESBADEN, Schlachthof
05.11.2006 MÜNCHEN, Atomic Café
08.11.2006 HANNOVER, Musikzentrum Nord
09.11.2006 BERLIN, Kalkscheune"Wichtige Links zu diesem Text"
Offizielle Website
Teitur bei MySpace

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    Schön geschrieben und beschreibt die wunderbare Musik von teitur ganz toll.
    Wirklich eine sehr empfehlenswerte Platte , nicht nu für den Winter.

    13.11.2006, 13:30 von elverdug
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    ich kann mich zu den Glücklichen zählen, die auf einem seiner Konzerte war. Auch ich habe mit dem neuen Album zu kämpfen gehabt, aber mittlerweile liebe ich auch das.

    12.11.2006, 12:11 von Limerick
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      @[Benutzer gelöscht] du empathiekünstlerin. "ehrwürdig und aerodynamisch"? erklär mir das. in meinen ohren klingt das wie "schmackhaft und bilingual" :D

      gibt übrigens irrerweise noch andere färöer im musikregal, sagt google. eivör palsdottir zum beispiel. ich liebe das netz.

      07.11.2006, 21:27 von bliss
  • 0

    man muss ihn wirklich live sehen.
    besonders die neue platte gefiel mir live besser, allein schon deswegen, weil auf der bühne auch seine witzige seite mehr zum vorschein kommt.
    für 14,50 im atomic, das is doch ein schnäppchen!

    03.11.2006, 14:53 von Pilades
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    casedy ich kann dir nur zustimmen klasse Artikel über super Musiker, und auch ich mag das neue Album nicht so sehr wie Poetry & Aeroplanes. Leider kenne ich die anderen beiden Alben nicht, dass wird sich aber bald ändern.

    30.10.2006, 18:52 von audrey84
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    wunderbarer artikel über einen wunderbaren künstler.

    ändert nur leider nichts daran, dass ich nach wie vor mit album nummer vier auf kriegsfuß stehe. aber es gibt ja zum glück auch noch die vorgänger...

    29.10.2006, 01:44 von casedy.
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