Patrick_Bauer 16.08.2007, 15:12 Uhr 0 0

»Diese Welt ist nicht meine«

Liedermacher, Autor und Maler FUNNY VAN DANNEN, 49, kann sie böse und lustig wie kein Zweiter beschreiben. Fragen an einen, der es wissen muss.

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Du singst in dem neuen Song »Hans-Georg«: »Erzähl doch mal was Schönes, du kommst doch so viel rum.« Sprichst du mit dir selbst?
Ein gemeiner Verdacht! Außerdem haben meine Tourneen nichts mit Rumkommen zu tun. Sieht doch alles gleich aus von Heidelberg bis Bux tehude. Ich fliege nicht, steige also in den Zuch …

… soll ich das mit c und h aufschreiben?
Ich bitte drum! Jedenfalls: Bahnhöfe, Kleinkunstbühnen, trinklustige Promoter, ätzende Hotels. Das inspiriert mich nicht als Songwriter.

Was inspiriert dich?
Fahr mal mit dem Auto um die Ecke, schon hupt jemand. Grund zum Ärgern findest du sofort. Kleine, fiese Alltagsgeschichten. Ich bin aber kein süffisanter Beobachter. Dafür sehe ich mich zu schnell an Men schen satt.

Bist du denn ein Komiker?
Nein. Ich schreibe und singe lustige Geschichten, bin aber nicht naturlustig wie Helge Schneider.

Zyniker?
Nein, und das unterscheidet mich von »Hans-Georg«: Ich erzähle unschöne Dinge, hadere aber nicht mit ihnen. Meine Message ist: Es geht immer irgendwie. Ich gebe Hoffnung. Grundsätzlich bin ich ein Menschenfreund. Nur: Der Alltag stellt diese Liebe eben immer wieder auf eine harte Probe.

»Oh, kaputt ist diese Welt, vieles was mir nicht gefällt, oh, kaputt ist diese Welt, alles teuer, wenig Geld.« Stammt von dir. Ganz aktuell.
Das Gefühl hatte ich immer: Diese Welt ist nicht meine. Sie wird von anderen gemacht. Ich bewundere daher Leute, die sich in dieser Welt zu Hause fühlen.

»Es wird schon alles werden trotz Vogelgrippe, FDP, Islam, Eiszeit und Nestlé« singst du in »Genug gute Menschen«.
Das ist dann doch Zynismus, tut mir leid. Es sieht ja leider schlecht aus. Vor vier Jahren noch sang ich: »Die Amis wollen das Luft- und Wassermonopol.« Quatsch, dachte ich danach und habe den Song weggeschmissen. Heute wird Wasser tatsächlich privatisiert. Nein, selbst Angela Merkel und Herbert Grönemeyer werden uns nicht so einfach retten können.

Grönemeyer magst du nicht.
Na, das ist mir unangenehm, dass ich auf dem neuen Album texte, ich werde mich eines Tages so weit integrieren, dass ich sogar Grönemeyer mag. Eigentlich ist mir das Anpissen von Prominenten unsympathisch. Obwohl ich mich schon wundere, dass niemand merkt, wie militärisch sein Werk ist. Der Stil. »Kopf hoch, tanzen!« Hallo? Da siehst du doch die Deutschen strammstehen. Würdest du mich fragen: In was für einem Land leben wir? Ich würde sagen: Grönemeyer rockt die Stadien. Das erklärt alles.

Und Miroslav Klose ist zu den Bayern gewechselt.
Ach, der! Der nervt.

Die Toten Hosen wurden für den Anti-Bayern- Song bekannt. Dabei stammt er von dir.
Der Song wurde missverstanden. Meine Version klingt sanfter. Ich meinte: Junge Spieler wechseln oft zu früh dorthin. Andererseits: Ich weiß, dass Uli Hoeneß ein Guter ist, soll ich deshalb Schmusesongs schreiben? Es geht nicht ohne Bayern München. Und nicht mit. Die Hassliebe wieder!

Viele Leute wissen gar nicht, dass du einige Songs für die Hosen geschrieben hast. Magst du Campino?
Wieso? Weil er jetzt auch Afrika rettet?

Ganz allgemein, meine ich …
Meine Mutter war zum ersten Mal richtig stolz auf mich, als ich mit den Hosen arbeitete. Campino ist ein feiner Schwiegersohn.

»Sandra Bullock«, auch ein neues Lied, handelt von verpassten Chancen. Bist du ein Haderer?
Durchaus. Ich wäre fast als Fußballer bei einem niederländischen Zweitligisten gelandet. Der Wechsel scheiterte an der Ablöse. Wenn ich heute einen Ball sehe, seufze ich. Aber ich hätte mir als Profi eh nur das Bein gebrochen.

So kamst du 1978 aus NRW nach Berlin.
Jawoll, Kreuzberg, WG, Revolte, all das. Das passte, ich hatte nämlich eh keinen Lebensplan. Ich habe erst kürzlich erfahren, dass man so was überhaupt haben kann. Ich lebte von Tag zu Tag, habe nie an Familie gedacht. Plötzlich hat man ’ne Frau, dann vier Söhne. Dabei hatte ich vor, weiter von Tag zu Tag zu leben. Ich erwartete ein blondes Mädchen, das uns morgens aus der Bettritze anlächelt. Was kam raus? Kleine Teufel.

Ihr habt damals geheiratet.
Das war nur ein Alibi für eine große Party. Es kam alles von alleine. Dann dachten wir, meine Frau könnte als Modedesignerin durchstarten. Da haben wir aber unterschätzt, wie hart das Business ist. Ich war dreißig, und so langsam musste meine Kunst fruchten. Als Maler bin ich bis heute unzufrieden, vielleicht überschätze ich mich. Der elitäre Kunstzirkus ekelt mich so an, dass ich gehemmt bin. Immerhin habe ich für zwei Bilder mal ein Auto bekommen.

Du hast es dafür später mit deinen Büchern auf die »Spiegel«-Bestsellerliste geschafft.
Ich wusste davor gar nicht, dass es so was gibt. Charts für Bücher. Ts! Viel Geld hatten wir trotzdem nie. Uns hat das aber niemals so verrückt gemacht wie die jungen Leute heute: erst ein festes Gehalt, dann ein Baby, welch ein Blödsinn.

Du füllst nach wie vor Hallen …
Ich finde es toll, dass vor allem auch so viele Junge kommen. Verstehe es aber nicht …

Wie stehen deine Kinder zu deiner Musik?
Sie behandeln sie gnädig. Früher klampfte ich in der Küche, und wenn sie meine Lieder beim Spielen nachsangen, wusste ich: gutes Ding. Weißte übrigens, dass mein Zweitältester mich heute in unserem Kellerstudio zu Hause produziert?

Nee … daheim im beschaulichen Berlin-Dahlem.
Haha, ich bin durch die Institutionen marschiert und lebe nun in einem Häuschen mit Garten. In Dahlem wurde übrigens letztens eine Telefonzelle zerstört! Zurück zum Thema: Mein Sohn ist ganz schön streng mit mir. Klappt trotzdem gut, auch wenn er am Anfang etwas langsam war. Mein Ältester versucht sich ja seit Jahren an Hip-Hop. Ohne Vertrag. Underground und so.

Und?
Vielleicht bin ich da zu kritisch …

Eine Einschätzung …
Textlich nicht überbegabt.

Gemein! Dein Schatten ist doch sowieso groß genug.
Nein, das ist echt super, und ich bin stolz. Die sollten nur mit dem Kreuzberg-Ghettozeug aufhören und sich selbst thematisieren: Deutsche Mittelstandskinder mit zu viel Zeit. Kann sein, dass ich irgendwann mitrappe. Aber für ihn wäre eine Ausbildung mal gut. Er sagt dann zu Recht: »Du hast Grafikdesign ge lernt und nie gearbeitet!« Früher war eben alles besser.

Hast du das gerade wirklich gesagt?
Tatsächlich bin ich froh, nicht heute aufwachsen zu müssen. Früher war das Lebensgefühl: Leichtigkeit. Heute ist es: Depression. Sogar Frauen ohne Kind werden unter Druck gesetzt. Wenigstens gehen mir so die Themen nicht aus.

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