ina-simone 03.05.2005, 11:15 Uhr 11 2

Die fabelhafte Welt der Euphorie

Rufus Wainwright zaubert schillernde Symbiosen aus Pop, Folk und Oper - und hat live einige Überraschungen auf Lager. Eine Konzertempfehlung.

Ladies and Gentlemen!

Heute möchte ich jedem einzelnen von Ihnen einen hervorragenden Künstler ganz besonders ans Herz legen: Rufus Wainwright.
Auch der folgende Reigen geschätzter Musikerpersönlichkeiten ist außergewöhnlich begeistert von dem Kanadier:

"I can't think of a better songwriter working today than Rufus. His songs have such beauty, wit and musical inventiveness - and he's a great live performer"
Neil Tennant (Pet Shop Boys)

"Rufus stands next to Nina Simone."
Michael Stipe

"He is, for me, the as yet unheralded American treasure."
Elton John

"A complete inspiration and one of the most accomplished musicians of today."
Scissor Sisters

"Listening to Rufus Wainwright is one of life's finest pleasures."
Nelly Furtado

"'Want One' is a brilliant, inspiring album, an incredible display of classic songwriting. The balance between earthiness and dreaminess, wit and melancholy is pretty astonishing."
Tim Rice-Oxley (Keane)

Eins der größten Komplimente, erzählte Wainwright dem britischen Musik-Magazin "Q", kam vom großen Morrissey. Der gestand nämlich nach einem Wainwright-Konzert in LA dem Clubbesitzer: "Don't tell Rufus, but I'm gonna steal some of his ideas."

Rufus Wainwright kam am 22. Juli 1973 in Montreal zur Welt. Sein Vater, der bekannte Folkmusiker Loudon Wainwright III, verkündete die Geburt seines Sohnes in der für ihn üblichen Art, Privates zu kommunizieren - in einem Lied, das den illustren Titel "Rufus Is A Tit-Man" trägt. Halb witzelnd, halb eifersüchtig, machte er seiner Frau Kate, deren Aufmerksamkeit nun verständlicherweise hauptsächlich dem neugeborenen Sohn galt, den Vorschlag: "So put Rufus on the left one / And put me on the right / And like Romulus and Remus / We'll suck all night."
Kate McGarrigle, ebenfalls Folk-Musikerin, antwortete natürlich auch in Songform: "He's his mother's favourite and his grandmother's too / He'll break their hearts, and he'll break yours too."
Und dann ist da noch Rufus' jüngere Schwester Martha. Auch sie macht Musik – gerade ist ihr selbstbetiteltes Debüt-Album erschienen. Rufus, Loudon und Martha sind aktuell mit Jazzklassiker-Interpretationen auf dem Soundtrack zu Martin Scorseses Film "The Aviator" - in dem Rufus auch einen Kurzauftritt hat, zu hören.

Wie funktioniert die obligatorische Pubertäts-Rebellion in einer Folkmusikerfamilie? So: Als Kind schon von dem Musical "Der Zauberer von Oz" begeistert (und seit dem großer Judy-Garland-Verehrer), wurde Rufus Wainwright mit 14 passionierter Opern-Fan. Vater Loudon zeigte sich tolerant - wenn sein Sohn ihn in New York besuchte, klapperte er mit ihm alle laufenden Musical- und Operproduktionen ab. Später studierte Rufus klassisches Klavier an der Musikhochschule in Montreal. Allerdings wurde ihm das Korsett der ernsten Musik schnell zu eng und er beschloss, sich fortan der anspruchsvollen Popmusik zu widmen.
Dank glücklicher Umstände bekam Beach-Boys-Kollaborateur und Star-Arrangeur Van Dyke Parks Rufus' Demoaufnahmen in die Hände. Er marschierte höchstpersönlich zum Chef von Dream Works Records und empfahl schwärmend den talentierten Rufus Wainwright. Dieser bekam sofort einen Plattenvertrag.

Mittlerweile hat Rufus Wainwright vier großartige Alben veröffentlicht, die man gar nicht genug loben kann. Melodien von unglaublicher Schönheit, deren harmonischen Verlauf man nie ganz voraussagen, aber immer sofort spüren kann. Songstrukturen so prächtig und detailverliebt wie mehrstöckige Hochzeitstorten. Trotz seines Hanges zu musikalisch brillant ausgefeilten Arrangements, haben Wainwrights Stücke nie etwas unangenehm Aufdringliches. Sondern sie besitzen die Intensität und Intimität einer nächtlichen Philosophie-Session unter vier Augen. Wainwrights poetische, gnadenlos ehrliche und ungeschminkt persönlichen Texte tragen einen erheblichen Teil dazu bei. Selten ist man der Seele eines Musikers allein durch seine Musik so nahe gekommen.

Dieser Tage beehrt Rufus Wainwright Deutschland – hierzulande zum ersten Mal als Headliner. Mit dabei hat er seine musikalisch auf's Schönste harmonierende sechsköpfige Band, in der sich u.a. der ehemalige Jeff-Buckley-Drummer Matt Johnson und Indie-Ikone Joan Wasser (Backing Vocals, Violine, Akustikgitarre) befinden, die schon mit Lou Reed und Nick Cave zusammengearbeitet und auf Adam Greens Debüt Violine gespielt hat.

Am 21. April gastierten Rufus Wainwright und seine Band in Frankfurt am Main (Café Royal).
Joan Wasser eröffnete das Konzert mit einer kurzen Kostprobe ihres Soloprojektes "Joan As Police Woman". Sie spielte Gitarre, setzte sich an den für Rufus schon bereitstehenden Flügel, nippte zwischendurch an einem in einer roten Tasse befindlichen Heißgetränk, sang mit kräftiger Stimme und viel Leidenschaft und wollte unanständige deutsche Sätze lernen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war das anfänglich etwas reservierte, dann jedoch wohlwollend applaudierende Publikum äußerst aufgeschlossen und brachte der bezaubernden Joan, die an diesem Abend wie ein weiblicher Elvis gestylt war, eine freie deutsche Übersetzung von "Suck my dick!" bei: "Schluck, Du Luder!"

Und dann kamen Rufus und Band auf die Bühne. In Hochform. Schon nach wenigen Sekunden war klar: Dieses Konzert würde man so schnell nicht vergessen.
Wer bislang vermutete, Rufus' allseits gepriesene Bühnenpräsenz beschränke sich auf musikalische Perfektion, auf nach Superlativen verlangende Formen von Euphorie und Hingabe, die schauspielerischen Qualitäten eines Entertainers der Alten Schule und auf die Fähigkeit, seine Lieder so vorzutragen, dass sie deutlich fühlbar und damit fast plastisch werden, irrt. Denn er sitzt nicht etwa den ganzen Abend geistesabwesend am Flügel, ganz im Gegenteil! Wainwright ist äußerst publikumskommunikativ und Distanz scheint für ihn – glücklicherweise – ein Fremdwort zu sein: "Oh, I know it's terrible, but does anyone have a cigarette? Let's kill the voice now." Natürlich fand sich eine Zigarette für Wainwright und er bat das spendable Mädchen in der ersten Reihe "Light it for me, okay?" und setzte mit grinsendem Säuseln "Danke...Schatz! Liebling!" nach. Das Mädchen nutze natürlich die Gelegenheit, um als Dankeschön ein Rufus-Küsschen zu fordern. Das sie natürlich auch bekam. Allerdings in Begleitung der folgenden Bemerkung des charmanten Herrn Wainwright, der bekanntlich ja eher auf Jungs steht: "Girls! They're throwing themselves at me. The appeal of unrequited love."

Mit der Zigarette in der Hand groovte Wainwright, ausnahmsweise weder am Flügel noch an der Akustikgitarre, lässig und unignorierbar sexy zu "Old Whore's Diet" (die alte Hure hält Diät, indem sie morgens "I love you!" sagt) von seinem aktuellen Album "Want Two". Langsam begann er, im Rhythmus sein Hemd aufzuknöpfen. Man dachte an eine Laune und zwei, drei geöffnete Knöpfe, mehr nicht. Weit gefehlt: Die komplette Band begann zu strippen und spielte, ohne mit der Wimper zu zucken, in knappsten Dessous weiter. Wainwright selbst stand nur noch in einem halb zerrissenen schwarzen Leibchen und einem mit blauen Pailletten besetzten Stringtanga da. Dafür trug er ein Krönchen, Schmetterlingsflügel und ein Schärpe mit der Aufschrift "Miss Frankfurt 05".

Die Setlist beinhaltete fast das komplette aktuelle Wainwright-Album "Want Two" (inkl. "The Art Teacher", "The One You Love" und des Jeff Buckley gewidmeten Stückes "Memphis Skyline"), viele Songs des Vorgängers "Want One" (u.a. das triumphale, sogar Ravels "Bolero" zitierende "Oh What A World", "I Don't Know What It Is" und "14th Street"), leider nur ein Lied aus seinem selbstbetitelten Debüt ("Beauty Mark") und immerhin drei aus seinem Zweitwerk "Poses" (Publikums-Liebling "California", "Grey Gardens", "Cigarettes & Chocolate Milk"). Mit der Band performte Songs wechselten sich mit Nur-Rufus-am-Flügel-Stücken ab. Und dann waren da noch zwei großartige Cover-Versionen: "Across The Universe" von den Beatles und eine hinreißende Interpretation von Leonard Cohens "Hallelujah". Es sei ja ganz schön mutig von ihm, diese großen Songs in seine Setlist aufzunehmen, meinte Wainwright charmant kokettierend – natürlich vollkommen unberechtigt, denn seine Kompositionen sind nicht minder verehrungswürdig – und verkündete dann lächelnd:
"Life is worth being brave."

Rufus Wainwright & His Band live:
[Support: Joan As Police Woman]

04. Mai 2005 MÜNCHEN, Kleine Elserhalle
05. Mai 2005 HAMBURG, Grünspan
09. Mai 2005 BERLIN, Passionskirche

Diskographie:

Rufus Wainwright (1998)
Poses (2001)
Want One (2003)
Want Two (2004)

Die Top5 der Wainwright-must-listen-to's:

1. California ("Poses", 2001)
2. Foolish Love ("Rufus Wainwright", 1998)
3. 14th Street ("Want One", 2003)
4. I Don't Know What It Is ("Want One", 2003)
5. The Art Teacher ("Want Two", 2004)"Wichtige Links zu diesem Text"
Offizielle Rufus-Wainwright-Website
Joan Wassers Homepage

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11 Antworten

Kommentare

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    Hab Rufus vor Kaene gehört, ich fand es für mich etwas zu experimentell, aber schön wars trotzdem.

    Schönen Gruß KA

    08.05.2005, 12:43 von KA83
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    wer ist denn nun schon wieder martha wainwright? die mutter, schwester, tochter, nichte von rufus?
    das ist doch mal ein titel: you bloody mother fucking asshole!!! ich lach mich schlapp
    gruß

    07.05.2005, 00:24 von roquer
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      @roquer Martha ist Rufus' jüngere Schwester. Sie wird morgen 29.

      Nerdfacts Nebenbei: Rufus' Vater Loudon (58 und übrigens im selben Ort wie Ben Folds geboren, nämlich in Chapel Hill, North Carolina) hat eine sehr junge Schwester, Hannah. Die ist mit ihren 7 Jahren also die Tante von Loudons jüngster Tochter Lexi und die ist zwölf...ach und um den Themenbogen adäquat zu schließen: Martha hat den Song "Question Of Etiquette" über Lexi geschrieben. Und Rufus "Little Sister" (vom aktuellen Album "Want Two") für seine Schwestern Martha und Lucy. Lucy ist 23 und ging aus der Ehe zwischen Loudon Wainwright III und Suzy Roche (ebenfalls Musikerin) hervor. Mehr als drei Schwestern hat Rufus aber nicht. Zumindest ist das nicht bekannt...

      07.05.2005, 10:48 von ina-simone
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    Frau Mautz,
    vielen Dank.
    Allerdings werden die letzten Karten nun sicher von den Neonern weggekauft. Naja, besser als von den ganzen Radio1-Hörern.
    also, schon mal den Kajal gespitzt und ab zum Ticketschalter.

    05.05.2005, 16:26 von sendeschluss
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    Sie schafft es doch immer wieder allein durch ihre Reportagen mir das Gefühl zu vermitteln das ich mir sofort die betreffenden CD's kaufen muß. Wie macht sie das bloß?
    Liebe Grüße an die wunderbare Ina!

    05.05.2005, 01:27 von BenTheMan
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    besser noch Martha Wainwright's "you bloody mother fucking asshole"! das beste stück musik, welches ich seit Jaaaahren gehört habe!

    04.05.2005, 20:06 von amw
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      @amw @amw

      Ha, jetzt bin ich noch gespannter auf Marthas Debüt, das ich in England geordert habe (hierzulande ist das ja leider nicht veröffentlicht worden) und in den nächsten Tagen glücklich in den Händen halten dürfte! Ich kann ja dann mal hier berichten.

      04.05.2005, 20:43 von ina-simone
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    Hhhmmmm, Mist, wenn das Konzert einen Tag später wäre, würde ich mich ja spontan auf den Weg nach Hamburg machen. Naja, vielleicht kommt er Ende des Jahres nochmal rum.

    Die ganz ganz große Euphorie kann ich bis jetzt noch nicht nachempfinden, aber "California" ist schon toll und "Want one ist bestimmt nach einem Durchlauf noch nicht ausgewachsen. Ich arbeite daran. ;-)

    Du hast eine sehr mitreißende Art, deine Leser davon zu überzeugen, dass sie etwas wirklich großes, fantastisches verpassen, wenn sie dem beschriebenen nicht nachgehen. :-)

    04.05.2005, 17:23 von bartender
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    Ich habe Rufus im Wien gesehen. Er war supergeil und hat ein sehr gut Konzert gegeben.

    04.05.2005, 16:51 von tstar
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    Danke für den TExt, bin durch Nick Hornby (in "31 songs" beschreibt Hornby, dass er durch den Song "one man guy" fast noch an einen Gott und das Gute und die Harmonie unter allen Menschen glauben könnte) auf den Ausnahmekünstler gekommen. Und vielen Dank für den Konzerttipp in Berlin. Ich kann es kaum fassen, die Passionskirche steht fast direkt neben meiner Wohnung!
    lg

    04.05.2005, 15:12 von roquer
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      @roquer Du wirst bestimmt ein großartiges Konzert am Montag erleben. Berichte dann doch mal an dieser Stelle, wenn Du magst!

      Und vielen Dank für den Hornby-Hinweis, das muss ich doch gleich mal in "31 Songs" nachlesen.

      "One Man Guy" ist aber auch ein toller Song. Geschrieben hat ihn Rufus' Vater Loudon Wainwright III und Rufus hat den Song dann auf seinem 2001er Album "Poses" gecovert. Schöner Text auch, den muss ich hier jetzt einfach reinkopieren:

      ONE MAN GUY

      People will know when they see this show
      The kind of a guy I am
      They'll recognize just what I stand for and what I just can't stand
      They'll perceive what I believe in
      And what I know is true
      And they'll recognize I'm a one man guy
      Always was through and through

      People meditate
      Hey that's just great
      Trying to find the inner you
      People depend on family and friend
      And other folks to pull them through

      I don't know why I'm a one man guy
      Or why I'm a one man show
      But these three cubic feet of bone and blood and meat are all I love and know

      'Cause I'm a one man guy in the morning
      Same in the afternoon
      One man guy when the sun goes down
      I whistle me a one man tune

      One man guy a one man guy
      Only kind of guy to be
      I'm a one man guy
      I'm a one man guy
      I'm a one man guy is me

      I'm gonna bathe and shave
      And dress myself and eat solo every night
      Unplug the phone, sleep alone
      Stay away out of sight
      Sure it's kind of lonely
      Yeah it's sort of sick
      Being your own one and only
      Is a dirty selfish trick

      'Cause I'm a one man guy in the morning
      Same in the afternoon
      One man guy when the sun goes down
      I whistle me a one man tune
      One man guy a one man guy
      Only kind of guy to be
      I'm a one man guy
      I'm a one man guy
      I'm a one man guy is me



      04.05.2005, 16:26 von ina-simone
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    Hi Ina_Simone,
    schöne Reportage, in der Tat!

    Allerdings fand ich den Herrn eher schlapp, als ich ihn live sah.
    Vielleicht war er auch nur nicht in Form.
    Aber mich hat er an dem Abend nicht überzeugt.

    Viele Grüße
    Q.

    04.05.2005, 14:10 von Quergedacht
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