berlingirl 02.08.2004, 12:43 Uhr 7 0

Die "Carmina Burana" von Carl Orff

Über das wohl bedeutenste Werk des Münchner Komponisten

Carl Orff, der durch das Orff-Schulwerk sowie durch seine Kompositionen und Werke, z. B. durch das Bühnenwerk „Die Kluge“ (1943), der durch seine Lamenti (Bearbeitungen von den Werken C. Monteverdis) und – last but not least – durch die Vertonung der „Carmina Burana“ zu internationalem Ruhm gelangte, wurde am 10. Juli1895 in München geboren. Schon 1924 wird seine Tendenz, Musik in ein Musiktheater zu verwandeln, sie als eine Art Klangregie zu betrachten, die „dem erklingenden Wort plastischen Ausdruck“ verleiht, durch die Gründung der „Güntherschule“ , deutlich. Diese Schule für Gymnastik, Tanz und Musik strebte eine „neuartige Verbindung von Musik und Bewegung“ an. Seine Bemühungen, Sprache, Musik und Bewegung zu vereinen, manifestieren sich schließlich in dem von ihm und Gunild Keetman entworfenem „Orff-Schulwerk“, dass musikpädagogisch von „internationaler Bedeutung“ ist. Durch Wiederholungen entstehen „Formeln, aus deren Variation sich Stücke als Modelle entfalten“. Mit Hilfe des Orff- Instrumentariums, dass Carl Orff zusammen mit dem Klavierbauer Karl Maendler entwickelte, durch Stabspiele, Schlagwerk und Fantasie, sollen dann die Kinder mit den Modellen improvisieren und so eigenständige Stücke kreiren.
Orff, der von Debussy, Schönberg und besonders von Strawinsky beeinflusst wurde, entwickelte einen neuen, musikalischen Stil, der bereits in den „Carmina Burana“ (1937) ausgebildet ist. Dem Münchner Komponisten gelingt es auf einzigartige Art und Weise, mimische und bewegungsmäßige Elemente zu vereinen, sie durch Sprache und Musik zu formen, zu gestalten; ja, ihm gelingt es sogar, großartige Oratorien zu erschaffen, die die Menschen noch Heute in ihren Bann ziehen und fesseln.


Das treffendste Beispiel hierzu sind wohl die „Carmina Burana“, die zu den meistgespieltesten Chorwerken der Welt zählen und somit durch ihre extrem hohen, beinahe rekordverdächtigen Aufführungszahlen auffallen. Diese Beliebtheit widerlegt die Prophezeiung eines Rezensenten, der nach der Uraufführung des Stückes 1937 meinte, dass Orff „seinem Werk den Weg zu einer volkstümlichen Wirkung durch die Unverständlichkeit der Sprache wahrscheinlich von vornherein versperrt“ habe. Aber vielleicht ist es genau dieses mystische, düstere und dunkle, was die Leute so sehr fasziniert und beeindruckt. Denn die „Carmina Burana“ verkörpern nicht nur mehr in Musikerkreisen, sondern auch in der breiten Masse den „musikalischen Mythos von Kraft und Sinnlichkeit“. Belegt wird dies durch die Tatsache, dass man den geheimnisvollen Klängen heute nicht nur bei Sportveranstaltungen und – natürlich – in den Medien begegnet, sondern auch in Restaurants und sogar in Kaufhäusern.


1934 entdeckt Orff per Zufall die „Carmina Burana“, eine Handschrift aus Benediktbeuren, die eine Sammlung mittellateinischer und mittelhochdeutscher Vagantenlieder aus dem 13. Jahrhundert enthält. Der damals noch unbekannte Komponist betrachtet den Fund selbst als Glücksfall: „Fortuna hatte es mit mir gut gemeint, als sie mir einen Würzburger Antiquitätenkatalog in die Hände spielte, in dem ich einen Titel fand, der mich mit magischer Gewalt anzog: «Carmina Burana.»“ Diese Sammlung, die mehrere Minne- und Trinklieder, aber auch geistliche Dramen enthält, ist ursprünglich – aller Wahrscheinlichkeit nach – für den Bischof von Seckau in der Steiermark geschrieben worden. Wie dieser Kodex dann allerdings nach Benediktbeuren gelangte, ist nicht bekannt. Leider ist auch der Anfang der Handschrift nicht mehr erhalten, von dem man vermutet, dass er eine Sammlung geistlicher Lieder enthielt. Fakt aber ist, dass diese Texte Carl Orff so sehr faszinierten, dass „der mitreißende Rhythmus, die Bildhaftigkeit dieser Dichtungen und nicht zuletzt die vokalreiche Musikalität und einzigartige Knappheit der lateinischen Sprache“ ihn derartig fesselten, dass er „noch am selben Tag den ersten Chorsatz «O Fortuna» skizzierte.“ Kurz gesagt: „Bild und Wort überfielen“ Orff.


Der Klang des Textes, der „bilderreich und farbenfroh die schicksalhafte Kreisbewegung des Rades der Fortuna beschreibt“, lässt schließlich in Orffs Phantasie drei „magische Bilder“ entstehen: Das erste „Bild“ widmet sich dem aufbrechenden Frühling, lässt pure Lebenslust und Lebensfreude erahnen und erkennen. So beginnt der «erste Frühling» „lieblich mit der dreimaligen Imitation eines Vogelrufes in den Holzbläsern“, mündet dann später in einen Frühlingschor, der vor Glück und Freude über das neu erwachende Leben jubiliert, feiert. Abgerundet wird der erste Teil durch einen Bauerntanz und – zu guter letzt – durch einen somerlichen Reigen. Diese zwei Elemente fügen sich hervorragend in das „Bild“ des Frühlings ein: Man meint förmlich, den Duft von frischem Gras zu riechen, die milde, und trotzdem noch leicht kühle Luft zu spüren, während sich die ersten Sonnenstrahlen zögerlich durch die Wolkendecken tasten. Über all dem steht die Freude über den neuen Lebensbeginn, verkörpert durch das jubilieren und zwitschern der Vögel, durch den Bauerntanz, den Reigen, der das Finale des ersten Teils darstellt und „dem Höhrer als Höhepunkt purer Lebenslust“ erscheint.
Daran knüpft das zweite „Bild“ an, dass sich den „liebenden, scherzenden und spielenden Menschen“, den „ausschweifenden Genüssen“ zuwendet. Laster und Wollust bilden den Schwerpunkt dieses Hauptteils, trotzdem werden Witz und Ironie nicht ausser Acht gelassen: So singt zum Beispiel ein gebratener Schwan unmittelbar vor seinem Verzehrtwerden den jammervollen und qualvollen Abschiedsgsang «Einst schwamm ich auf den Seen.» Doch vielleicht sind es genau diese ironischen und satirischen Szenerien, die die Hinter- und Tiefgründigkeit ausmachen, die unter der Oberfläche der exaltierten Freß- und Saufgelage hervorschimmert. Ein weiteres Beispiel hierzu ist die Parodie des – durch Alkohol berauschten Männerchors – auf kirchliche Würdenträger: «Ich bin der Abt der Kukanier, und meinen Konvent halte ich mit den Trinkbrüdern...»Dies kann eindeutig als Seitenhieb auf das wohl nicht immer tugendhafte Verhalten von Mönchen und Äbten gedeutet werden.
Einem ganz anderen Thema wiederum widmet sich der dritte Hauptteil der „Carmina Burana“, nämlich dem der Liebe und der Leidenschaft. Beginnt dieser Teil noch mit der zaghaften Werbung um ein Mädchen, dessen Gefühle zwischen „lustvoller Liebe und Schamhaftigkeit“ hin- und hertaumeln, wandeln sich diese Gesänge recht schnell um in einen „orgiastischen Tanz der Lebensfreude und des Liebestaumels“, in dem die bis dahin unterdrückte Erotik vollends hervorbricht: «Veni, veni, venias» (Komm, komm, komm doch). Nach einem feurigen Tanz, der von Foxtrott-Rhythmen dominiert wird («Schon brenne ich vor Liebe! Vor neuer Liebe vergehe ich!») und nach einer völligen Hingabe, wird das Bild auf „Helena, die Schönheitskönigin der griechischen Antike, und auf Blanziflor, das weibliche Idealbild der mittelalterlichen Dichtung“ gelenkt.
Doch die „Carmina Burana“ enden nicht mit diesem „Urbild“ der schönen, gütigen und lieblichen Frau: Das Stück endet – genau so, wie es angefangen hat – mit dem Fortuna-Chor, der die Schicksalsgöttin Fortuna besingt. Somit bildet der Chor einen Rahmen, gleich dem Schicksal, dass das Leben des Einzelnen und dessen Handlungen bestimmt: «O Fortuna velut luna statu variabilis...» (O Fortuna, unbeständig bist du wie die Gestalt des Mondes...)
Dieses Werk, das „immer wieder aufs Neue ein breitgefächertes Publikum begeistert“, das vor Abwechslungsreichtum und Lebensfreude nur so überquillt, spiegelt also „auf musikalisch-plastische Weise die verschiedenen Facetten des menschlichen Daseins“ wieder: Freude und Leid, Liebe und Ausschweifung.


Orff selbst beendet 1936 die Arbeit an seiner Partitur, die allerdings ausser den Überschriften der einzelnen Werkteile keinerlei szenische Angaben enthält. „Ich selber hatte verschiedene Vorstellungen wie die «Carmina Burana» aufzuführen seien, und wollte keine bindenden Hinweise geben, sondern mit verschiedenen Aufführungsstilen, je nach Gegebenheit, experimentieren“, begründet der Komponist seine Entscheidung.
Die Parteiorgane der NSDAP verrissen übrigens die Uraufführung der „Carmina Burana“ aufs äusserste, indem sie Orffs Werk als „bayerischen Niggermusik“ mit „pornographischem“ Inhalt bezeichneten. Dadurch wurden vorläufig die darauffolgenden Wiederholungen abgesagt, erst zwei Jahre später kam es zu einer erneuten Aufführung in Frankfurt.
Über Orff, der am 29. März 1982 in München starb, schreibt Michael H. Kater: „Er hat sich angepasst. Niemals nur im entferntesten Nationalsozialist, manipulierte er Menschen und Ideen, um ungestört schaffen zu können, sich die lästige Politik fernzuhalten und möglichst schadlos in einem Unrechtssystem durchzukommen, von dem er sich immer mit teurer Münze hatte kaufen lassen, obwohl er es im Innersten verabscheute. (...) Tragisch war für ihn, dass er sich innerhalb der politischen Rahmenbedingungen des Dritten Reiches etablieren musste, die er ablehnte, die aber doch sein menschliches Verhalten im privaten und sozialen Bereich zum Negativen geprägt haben.“
Seine Werke – allen voran die „Carmina Burana“ - bleiben trotz allem großartig!

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wer noch mehr Teile der Carmina Burana vertont hören möchte (denn Orff hat von den 240 Stücken ja nicht alle vertont), kann sich "Cantus buranus" von Corvus Corax anhören. Empfehlenswert und gerade als Live-CD und DVD erschienen! :-)

    12.02.2006, 23:35 von rote_zora
    • Kommentar schreiben
  • 0

    genau jene haben wir gerade im Musikunterricht behandelt. Ich war beeindruckt von den Stücken! Zum ersten Mal habe ich mir zuhause die CD gesucht und gehört, die Texte aus dem Netz geholt. Melodien - einfach schön...

    07.01.2006, 15:14 von ChopSuey
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Sehr lesenswerter und interessanter Text. Ein paar Ergänzungen:

    Besonders für chillyorker, auch für maramanada ist wohl die Präzisierung notwendig, dass Orff von besagten Liedern ("carmina") nicht Melodie, sondern die Texte vorlagen. Auch wenn ein paar der Lieder mit Neumen versehen waren (die heutige Notationsweise gab es um die Zeit der Textentstehung noch lange nicht) hat Orff die Kompositionsarbeit doch selbst geleistet. Ganz genau bin ich nicht informiert, vielleicht hat er manche melodischen Ideen übernommen, sicher nichts nennenswertes. Was zum Beispiel "O Fortuna" auszeichnet ist auch nicht die Melodik sondern viel mehr die Harmonik und die "Orchestrierung". Ein gewichtiger Teil der Carmina Burana stammt sogar aus einer Zeit, als es so etwas wie eine Notenschrift überhaupt noch nicht gab. Die Carmina Burana stammen also auch nicht von einem Autoren und/oder Komponisten, sondern sind eine Sammlung von Werken mehrer Autoren.

    "Carmina Burana" gehört nicht nur zu den meistgespielten Chorwerken der Welt, es IST das meistgespielte Chowerk. (Dies spielt auch finanziell eine Rolle, da das Urheberrecht bis 2052 gelten wird und Orffs Erben (seine Witwe lebt heute noch in München und pflegt sein Andenken) bis dahin davon profitieren werden. Willnauer nannte es gar das "meistgespielte Werk der Musikliteratur des 20. Jahrhunderts" überhaupt.

    Und noch ein nettes Detail, das zeigt, wie die Kunst voranschreitet: Als Orff an der Hochschule für Musik und Theater München eine Meisterklasse für Komposition leitet (1950-1960), wollten die wenigsten Schüler bei ihm Unterricht nehmen (wie mir ein heutiger Professor erzählte, der damals an der Hochschule studierte) und stattdessen lieber zu einem anderen Lehrer: Seine Kompositionskunst galt schon als veraltet.

    08.08.2004, 15:17 von veit
    • 0

      @veit Übernommen hat er meines Wissens die Melodie zu "Totus Florio". Zumindest meine ich, es einmal in einem anderen, mittelalterlichen Kontext gehört zu haben. Trotzdem möchte ich mich hier auf nichts festlegen und gebe diesen Kommentar lieber gleich als "Gerücht" ab! ;o)

      17.11.2004, 01:50 von FarbKlecks
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich hab carmina burana schon 3 mal gesehen/gehört und ich war immer begeistert! auch wenn man nichts vom text versteht kann man doch so von der musik mitgerissen und gefangen werden. die carmina burana ist ein wunderschönes werk für open-air konzerte und wird dort ja auch häufig gespielt. das ist einfach fantastisch...
    zu chillyorker: so selten ist ein "cover" gar nicht. viele komponisten haben themen oder motive "geklaut", verändert und wiederverwendet
    es war mal ganz interessant, was hinter der bloßen musik steckt und beim nächsten carmina-open-air konzert kann ich dann mit meinem hintergrundswissen prahlen ; )

    04.08.2004, 22:11 von maramanada
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare