init-admin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Das beste Radio der Welt

Kein Gedudel, Gegrinse und Gewinnspiel: In einer standhaften Radio-Station in Los Angeles wird noch echtes Radio gemacht.

Ich war in der Wüste unterwegs, drei Fahrstunden von Los Angeles entfernt. Unser Fahrer schaltete das Radio an, ich machte mich bereit für die religiösen Eiferer, die Talkshowkonservativen und die zehnminütigen Werbeunterbrechungen, vor denen es im Äther von Kalifornien kein Entrinnen zu geben scheint. Aber dann hörte ich Nina Simone, ich hörte Air und ich hörte eine Stimme, die sagte »It’s KCRW«, nichts weiter, dann folgte ein nächster Song. Er gab mir das Gefühl, ohne diese Platte nicht mehr weiterleben zu wollen.
»Wer ist dieser DJ?«, frage ich den Langhaarigen am Steuer.
»Nic Harcourt. Er ist Gott.«
Gott spielte die Flaming Lips, dann kam die nächste Hügelkette, und der Empfang brach ab. Nachforschungen ergaben: Nic Harcourt ist nicht Gott. Harcourt ist der Noah der amerikanischen Radiowellen. In seiner Arche versammelt er die kostbarsten Exemplare der musikmachenden Spezies und rettet sie vor dem Untergehen. »Morning Becomes Eclectic« heißt die Show beim Sender KCRW, die Harcourt weit über die Staaten hinaus den Ruf des Über-Tastemakers eingetragen hat, ihm, einem trockenen Alkoholiker aus Birmingham, der bis 30 gar nichts auf die Reihe gekriegt hat.

Dank Internetstreaming kommt die Fanpost jetzt auch aus New York, Tokio, Berlin. Nic Harcourt hat ein exzellentes Gespür für neue Musik, aber das allein ist es nicht, was ihn zu einem der besten Radio-DJs der Welt macht. Er gibt dem Äther eine Seele.

Das Licht ist dick und gelb wie geronnene Milch, als ich kurz vor sieben auf dem Pico Boulevard zum Santa Monica College fahre. Ein paar hundert Meter weiter endet die Straße im Pazifik. Eine schäbige Kellertreppe führt hinab zu Amerikas geistreichstem Radio. Kein Wegweiser, kein Schild. Hier hat nur was zu suchen, wer hier arbeitet, der
Rest von Kalifornien findet KCRW auf 89.9 FM. Nic Harcourt ist noch nicht da, seine Show beginnt erst um neun. »Er kommt immer sehr knapp«, sagt das Mädchen, das mich hereinlässt, »du kannst dich so lange bei Chris umsehen.« Chris Douridas ist einer der Stars von KCRW, ein kompakter Mensch mit Unschuldsgesicht. Kurzhosig rennt er einen langen Flur hinab, verschwindet für Sekunden und kommt mit einer CD zurück. »20 Sekunden noch«, sagt er, als er sich das Intro anhört, »Stand-by!« Er schiebt sich den Kopfhörer über die Ohren, das rote Licht geht an, wir sind on air. Sein Atem geht erstaunlich ruhig. Er sei trainiert, sagt Douridas, den Weg zum Plattenarchiv mache er in jeder Sendung zahllose Male. »Hand Picked Music« heißt der Slogan von KCRW. Die Sendungen funktionieren wirklich so. Jeder spielt, was er will. Es gibt keine Musikredaktion, keine programmierten Playlisten wie bei fast allen großen Stationen, nur die Inspiration des Moments. Gibt es überhaupt Regeln, an die man sich halten muss? »Gibt es«, sagt Chris: »Play what you love!«

»Bei KCRW gibt es eine Welt außerhalb der USA nicht nur, wenn’s ums Geldverdienen geht«, sagt Tom Schnabel, der die Worldmusic-Sendung »Café L.A.« produziert, und er sagt es auf Französisch. Tom klemmt hinter dem Mischpult, seine Beine sind gefaltet wie ein Origami. Jede Menschenrechtsorganisation geriete bei diesem Bild in Aufruhr. Das sei gar nichts, sagt er. Als Tom 1978 bei KCRW anfing, war die ganze Station in zwei Schulzimmern untergebracht. Zwei Jahre lang hat er nachts Frondienst geleistet, dann hat er sich entschieden. Gegen seinen Lehrauftrag in vergleichender Literaturwissenschaft und für das Radio. Tom Schnabel war der Erste, der »Morning Becomes Eclectic« moderierte, Chris Douridas wurde sein Nachfolger, in den acht Jahren unter Nic Harcourt ist die Musiksendung zur einflussreichsten der Staaten geworden.

Es sind zwar Männer, die »Morning Becomes Eclectic « nach außen verkaufen, das Rückgrat der Sendung aber ist eine Frau. Ariana Morgenstern produziert die Sendung seit Jahren. Ohne Ariana kriegst du keinen Fuß ins Studio, hat man mir gesagt. Ich treffe sie im Flur, sie steht am Plastikspender und füllt heißes Wasser in einen Papierbecher. Eine Vitamin-C-Bombe für Nic Harcourt. Seine Show läuft täglich. »Wir können es uns nicht leisten, dass er krank wird«, sagt sie. Will Nic das trinken oder muss er, möchte ich fragen, so bestimmt klingt das. Ich lasse es bleiben. Ariana wirkt nicht wie ein Mensch, der Scherze mag. Radio sieht überall auf der Welt nach nichts aus. Ein Mischpult, ein Mikrofon, ein On-Air-Schild. Den entschleiernden »Blick hinter die Kulissen« gibt es bei einer Radiostation nicht, weil – anders als im Fernsehen – keine Kulissen existieren. Man baut keine Scheinwelt für das Publikum auf und stellt kein Leben nach. Radiosendungen sind Luftschlösser, in die jeder Hörer seine eigenen Bilder hängen kann. Wer dem Radio seine Beiläufigkeit oder das Begleitende vorwirft, hat nicht verstanden, dass genau diese Fähigkeit Radio von allen anderen Medien unterscheidet. Wer Radio hört, sitzt kaum je gebannt auf der Couch, sondern duscht, frühstückt, unterhält sich mit Kollegen, arbeitet. Radio sagt nicht: Hör mir zu!, sondern häufig nur: Ich bin bei dir.

Es ist kurz vor neun, Nic Harcourt ist gerade erst gekommen. In zwei Minuten muss er auf Sendung. Als Moderator wird man üblicherweise schon nervös, wenn man zwei Stunden vor Sendebeginn noch nicht mit den Vorbereitungen angefangen hat. Was ist das, Spontaneität oder Schlamperei? Harcourt lacht. »Ich muss morgens meine Zwillinge in die Krippe bringen. Sie öffnet erst um neun, aber meist ist die Betreuerin früher da. Wenn nicht, Pech. Dann müssen die anderen die Sendung für mich starten.« Kam bis jetzt aber erst zweimal vor.

Nic Harcourt ist der einzige DJ bei KCRW, der keine kurzen Hosen anhat. Stattdessen Röhren-Jeans, die er auch in den letzten 20 Jahren getragen hat, als sie noch nicht wieder modern waren. Er steht mit gegrätschten Beinen vor dem Mikrofon. Die Produzentin Ariana Morgenstern sitzt ihm gegenüber, links von ihr Paul Shapiro, der die Musiklisten ausfüllt. In einem winzigen Glasverschlag außerdem ein älterer Herr, dessen schreiend fröhliches Hemd täuscht. Er ist zuständig für die News. Die Nachrichten zur vollen Stunde werden aus Washington an alle 800 Stationen verteilt, die zum »National Public Radio« gehören, dem öffentlichen, werbefreien Radionetzwerk der USA, aber bei Breaking News muss er hier im Studio zur Stelle sein.

Zwanzig Minuten Musik spielt Nic Harcourt, bis er das erste Mal etwas sagt, und er sagt nur das Nötigste. Beim Sprechen berühren seine Lippen den Schaumstoffmantel des Mikrofons. Er bringt immer seinen eigenen mit, wegen der Keime. Dicke graue Socken lugen aus den Fake-Schlangenleder schuhen, sie sind so orange wie der tätowierte Tiger auf seinem Unterarm. Er hat ihn vor zwei Wochen machen lassen, als Gegenpol zu den Peace-Zeichen, die er überall an seinem Körper trägt. »Um arme das Chaos«, sagt er und rennt ins Archiv, weil ihm gerade nach den White Stripes ist.

Von deutschem Gefrickel über südamerikanischen Underground bis zu Johnny Cash ist bei »Morning Becomes Eclectic« alles drin. Der Mix ist für Musikbegeisterte ein Geschenk. Das Aufregendste aber ist Nic Harcourts Präsenz. Sein Körper ist spürbar, auch wenn er nur Stimme ist. Für Radiomenschen ist das die höchste Kunst von allen. Wenn man den Boden unter ihren Füßen hört, wenn sie leben und nicht nur reden. Dann sind sie gut. Es gibt keine Anleitung dafür, wie man es schafft. Versucht mal, in einem leeren Raum laut einige Sätze zu einem unsichtbaren Gegenüber zu sagen und natürlich zu klingen dabei. Manche können es, andere nicht. Einzig: Die Art der Sendung ist nicht entscheidend dafür, ob es gelingt.

Nic Harcourt ist die ehrliche Währung. Er ist kein Sprücheklopfer. Sagt: »Es geht nicht um mich, es geht um die Musik«, und meint es auch so. Also drückt er sich in Platten aus statt in Platitüden. Das verbindet ihn mit John Peel, dem verstorbenen Übervater der Radio-Djs, das und die Livesessions, zu denen er Bands einlädt, die er mag. Heute ist es der irische Songwriter Damien Rice, der hinter der schalldichten Glasscheibe für seinen Auftritt probt.
Ariana kommt herein und sagt, dass Rice nicht über sein neues Album reden wolle. Worüber denn sonst, fragt Nic sie, sie lächelt und sagt, Damien sei halt sensibel.

Mit dem unentwegt tippenden Paul Shapiro spricht keiner. Nic Harcourt wirft ihm gleichgültig die CDs hin, die er gespielt hat, Paul schreibt sie auf. KCRW hat seine Existenz auch Leuten wie ihm zu verdanken, den Freiwilligen. 300 kommen regelmäßig her, um Songlisten auszufüllen oder Telefondienst zu leisten, aus dem einzigen Grund, weil sie die Station lieben. Paul arbeitet vier Tage in der Woche als Buchhalter in einer großen Firma, er weiß selber, dass man es ihm ansieht. Das hier ist seine Portion Rock ’n’ Roll. Seine Tochter findet es cool.

Auf die Frage, welche Inhalte ein »gutes Radio« ausmachen, gibt es so viele Antworten wie Radiohörer auf der Welt. Abstrahiert man vom Inhalt, kann man sagen: Gutes Radio hat Haltung. Es hat sich entschieden, welche Bedürfnisse es befriedigen will, und die Macherinnen und Macher verfolgen dieses Ziel mit Leidenschaft. Deshalb machen die Leute von KCRW gutes Radio. Nic Harcourt, Ariana Morgenstern, Tom Schnabel, Chris Douridas sind jenseits der 40, und keiner von ihnen arbeitet bei diesem Sender, um berühmt oder reich zu werden, sondern weil es ihnen ein echtes Anliegen ist.

Die alternative Musik kombinieren sie bei KCRW mit anspruchsvollen Polit- und Kultursendungen. Das ambitionierte Programm trifft im Großraum Los Angeles auf fruchtbaren Boden. Im Einzugsgebiet leben 17 Millionen Menschen, ein großer Teil von ihnen verbringt jeden Tag Stunden im Auto. Die Leute haben Zeit, um aufmerksam hinzuhören. 90 UKW-Stationen gibt es in L.A., unzählige mehr senden auf Mittelwelle. Viele spanische Stationen für die über 40 Prozent Latinos, einige christliche Sender, unzählige kommerzielle Popstationen. Talkradio läuft immer noch gut, obwohl das inzwischen viele machen. Den größten Countrysender haben sie wegen sinkender Hörerzahlen kürzlich zur Latinostation umgemodelt. Die Programmverantwortlichen müssen wendig sein, die L.A. Times veröffentlicht jeden Monat die Rangliste mit den Quoten, und die bestimmen die Werbeeinnahmen. »Bei den Kommerziellen spielst du Werbung für Bier und dann spielst du Musik, auf die Bierkäufer gemäß Untersuchungen abfahren.« Nic Harcourt hat so angefangen, in Woodstock, New York. Er kam gerade aus Australien, mit einer kaputten Ehe im Handgepäck und einem Haufen australischer Platten. Er hatte keine Erfahrung, aber sie haben ihm eine Sendung gegeben, das erstaunt ihn heute noch. Es war das erste Mal, dass er etwas tun konnte, was er wirklich mochte, und er hat nicht wieder damit aufgehört. Nic Harcourt war 31 damals. Heute ist er 48.

Nic umarmt Damien Rice, den empfindsamen Iren, man klopft sich freundschaftlich auf den Rücken. Damiens Sängerin Lisa hat Macadamianusskuchen aus dem World-Café mitgebracht. Ihre Blässe erinnert an die Nebel von Avalon, seine an einen 20-Stunden-Flug in der Economy. Damien Rices Debütalbum »O« gehört zum Schönsten, was uns das neue Jahrtausend an Musik beschert hat. Eine Platte für Menschen, die man liebt. Als Nic Harcourt ihn vor vier Jahren zum ersten Mal in seine Sendung eingeladen hat, war das Album erst in Irland auf dem Markt. Bevor es überhaupt in den USA erschien, hatte Rice in Los Angeles bereits drei ausverkaufte Konzerte gegeben. Nic Harcourt sei eine Ausnahmeerscheinung in den US-Medien, sagt Damien Rice, weil hinter seiner Begeisterung kein Kalkül stecke. »Er ist ein Junge, der auf der Wiese einen Frosch gefangen hat und so schnell er kann ins Haus rennt und schreit: Schau, Schau!« Nic Harcourt sei nicht »bearbeitbar«, heißt es bei den Leuten der Plattenfirmen. Für Speichelleckerei vollkommen unempfänglich, sagt seine Produzentin Ariana Morgenstern. »Wenn er nach dem Essen Spinat in den Zähnen hat, dann erwartet er, dass du es ihm sagst. So ist Nic.« Er versuche einfach, kein Arschloch zu sein, sagt Nic Harcourt selber.

Damien Rice spielt eine verzauberte Dreiviertelstunde lang, Nic redet mit ihm nicht über die neue Platte, sondern übers Reisen, und um zwölf sind alle zufrieden und hoffen, dass keiner KCRW bei der Zensurbehörde verklagt, weil Rice natürlich »Fuck« gesagt hat, Ire, der er ist.

In den Katakomben von KCRW herrscht eine ameiserne Betriebsamkeit, oben lähmt der schwüle Mittag alles Leben. Durch die Fenster der College- Cafeteria sieht man lange Tischreihen mit pastellfarbenen Stühlen, die meisten sind leer. Es riecht durchdringend nach heißem Fett. Ich bin auf dem Weg zu Nic Harcourts Büro. Zeit für eine Mittagspause hat er nicht. Er will sich vorbereiten für heute Nachmittag, Superstar Norah Jones gibt für den Sender ein exklusives Konzert. Auf dem Rasen hocken ein paar Jungs mit zittrigen Bärtchen, ein dickes Mädchen schläft auf einer Betonbank, die Hand über den Augen.

Ich treffe Nic Harcourt am Ausgang des Campus. Er trägt sein Notebook offen auf der Schulter, im anderen Arm hält er seine Tochter Luna. Sein Büro liegt in einem kleinen Bungalow auf der anderen Straßenseite. Wir müssen durch Nachbars Garten, ein lahmender Mops verzieht sich schuldbewusst, es stinkt nach Hundescheiße. Drei Tage die Woche kümmert sich Nic um die Zwillinge. Ihre Mutter ist Musikerin, sie hat auch ein paarmal bei KCRW gespielt, aber es hat nicht funktioniert. Die Karriere nicht, die Beziehung nicht. Im Frühjahr hat Nic einige Zeit im Büro geschlafen, auf dem schwarzen Sofa. Seinen Sendungen hat man es nicht angehört. Radio hat Erbarmen, sagt er. Nic Harcourt ist in Birmingham groß geworden. Sein Vater war einer der ersten Fernsehjournalisten Englands, er brachte Frau und Sohn immer die neusten 7-inch-Singles mit nach Hause. Als er die Familie verließ, war Nic sieben und fragte die Mutter, ob Papa ihnen wenigstens die Beatles-Platten dalasse. Unter der Bettdecke hörte er die Popsendungen von Radio Luxembourg und dem Piratensender Radio Caroline, der sein Studio auf einem Schiff eingerichtet hatte und in den internationalen Gewässern der Nordsee kreuzte. Gary Glitter war sein erstes Konzert in der Birmingham Town Hall, und im Tischtennisraum seiner Schule veränderten Led Zeppelin seine Welt für immer. Als Punk kam, war Harcourt längst von der Schule abgegangen und schlug sich mit zweitklassigen Bands und drittklassigen Jobs durch die Arbeitersiedlungen Mittelenglands. Er hat in Tütenfabriken gejobbt und in Ziegelbrennereien, hat sich verliebt und ist der Frau nach Australien gefolgt. Es war nicht zu seinem Besten.

Mit dem Trinken hat er aufgehört, seit er in den USA lebt, Fußball liebt er noch immer. Aston Villa, der einzige Verein, für den man sein kann. Sein Vater war für Arsenal. Und Chelsea zählt nicht, da ist zu viel Geld mit im Spiel. An seiner Beerdigung will er Gang Of Four hören, »To Hell With Poverty«.
Ob er ihr heute schon gesagt habe, dass er sie liebe, fragt er Luna, »Ja Daddy«, sagt sie, er sagt es ihr noch einmal.

Die Person, die KCRW zum besten Radioprogramm der Westküste machte, heißt Ruth Seymour. Sie hat den Sender 1978 übernommen. Ganz wohl ist mir nicht, als ich ihr Büro betrete. Wenn man die Leute von KCRW nach der Chefin fragt, fangen sie an zu flüstern und sagen Dinge wie »Viel Glück!«. Nur ein paar dünne Stellwände trennen Ruth Seymours Nische vom Großraumbüro der anderen, noch nicht einmal ein Fenster gibt es. Aber Ruth Seymour ist eine jener Ladys, die auch in einer Besenkammer formvollendet Hof halten können. Sie müsste gegen 70 sein, aber Fragen nach dem Alter sind in Kalifornien sogar in Bewerbungsgesprächen verboten. Ruth Seymour ist es gewohnt, den Ton anzugeben, sie ist gescheit und schnell. Ihre ersten Testfragen erwischen mich noch im Stehen.

Man hört ihr Brooklyn noch immer an, obwohl sie seit 50 Jahren nicht mehr in New York lebt. Ihre Eltern waren russisch-polnische Einwanderer, haben am Tag gearbeitet, sind abends zur Schule gegangen, und nachts wurde politisiert. Das hat sie geprägt. Das und die Zeit als Journalistin in Europa. Sie ließ ein Interview mit Jean -Paul Sartre sausen, um in einer Existenzialistenkolonie auf einer griechischen Insel nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Keine Elektrizität, viele Nackte und noch mehr Drogen. Der Weg war das Ziel, sagt sie heute. Ihr Weg führte sie zum Radio, wo sie die Chance sah, ihren Teil zur Inspiration der Gesellschaft beizutragen. Inspiration sei das Wichtigste überhaupt.

»In New York steht die Kritik über allem, der Intellekt, die Reflexion, hier in Los Angeles verehren die Leute das Kreative. KCRW hat beide Seiten, und wir sind in beiden Bereichen hochstehend.« Wer seichtes Geplätscher will, soll sich einen Zimmerbrunnen anschaffen. Zielpublikum? Keines. »Wir suchen nicht nach unseren Hörern. Sie finden uns.« Die Durchschnittshörer von KCRW sind zwischen 30 und 45, überdurchschnittlich gebildet und hungrig nach Neuem. Norah Jones will nicht fotografiert werden. Es ist uns auch nicht erlaubt, sie direkt anzusprechen. Norah mag die Medien und das Getue um ihre Person nicht. Ihre Studiosession ist ein reiner Liebesdienst für KCRW, wo man sie schon gespielt hat, als sie noch mit Demotapes hausieren ging. So wenig sie auf ihren Superstarstatus gibt, in den College-Untergrund steigt sie dann doch nicht mehr hinab. Das Exklusivkonzert findet im Aufnahmestudio von Capitol Records statt, für Musikhistoriker heilige Erde. Frank Sinatra, die Beatles, Nat King Cole, alle haben sie schon vor dem Mikrofon hinter der riesigen Glaswand gestanden.

Ich identifiziere sie im Ausschlussverfahren, nur das Mädchen mit dem grünen Sesamstraßen-Shirt sieht Norah Jones entfernt ähnlich. Ihre Gabel stochert in einem Plastiknapf, die eckigen Schultern hat sie hochgezogen. Schaut mich nicht an, es gibt nichts zu sehen, sagt ihre Haltung. Beim Interview mit Nic Harcourt lacht und albert sie dann herum, zum Abschied umarmt sie Ariana dreimal. Als Norah Jones hört, dass ich nicht über sie, sondern über KCRW schreiben will, bekomme auch ich einen freundlichen Händedruck. »Dass ich Nic Harcourt für immer dankbar sein werde, das kannst du schreiben«, sagt sie. »Er gehört zu den Guten.«

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