ina-simone 23.10.2007, 08:03 Uhr 17 12

Cockney Rebel

Massenverzückung mit Indie-Credibility: Kate Nash hat mal eben das Vereinigte Königreich um den kleinen Finger gewickelt. Und lässt nicht locker.

. Man könnte sich ohne weiteres in Kate Nashs Blog-Hütte verirren und rein gar nichts bemerken. Sie für eine ganz normale Zwanzigjährige halten, die gerne papageienbunte Puffärmel-Kleidchen aus dem Second-Hand-Shop trägt und nicht lange überlegen muss, was man wohl mit einer sturmfreien Bude anfangen könnte; die mit der besten Freundin sensationell süße Muffins backt und nebenbei genüsslich die Jungs aus ihrem Revier durch den Kakao zieht. Ihr Von-Null-auf-Eins-Album "Made Of Bricks“? Kein Mucks zwischen den Zeilen. Noch nicht mal ein Smiley schielt dezent hüstelnd zur beinahe restlos ausverkauften Tournee durch das Vereinigte Königreich, das der jungen Dame seit ihrer Mitte Juni veröffentlichten Single "Foundations“ ergeben zu Füßen liegt. Beispiel gefällig? Nehmen wir den 7. Oktober. Da hatte Kate Nash nämlich wirklich ganz anderes im Sinn, als den “Best Breakthrough Artist”-Award des renommierten englischen Musikmagazins "Q“, der ihr nur einen Tag später verliehen wurde:

"so i'm uploading pictures on here and in between the loading time i'm trying to tidy the house as my mum and dad are away and coming back tomorrow. the dogs have chewed mostly everything and left the remains all over the living room. then there's bottles of wine and pizza boxes around, and some dusting to do. i feel like a domestic goddess.”

Die heimischen Aufräumarbeiten dürften Miss Nash allerdings leicht von der Hand gegangen sein, schließlich hat sie ja auch schon die englischen Charts mühelos entstaubt: mit cleveren Melodien, hochprozentigen Piano-Schnapsideen, rotzfrecher, versmaßloser Eloquenz und zauberhaftem Cockney-Englisch – sie könnte locker als die kleine Schwester von Mike "The Streets“ Skinner durchgehen. Kate Nash ist eine Massenverzückungswaffe mit Indie-Credibility. Lange vor ihrem Charterfolg durfte sie im Vorprogramm von The Coral, Ben Kweller oder auch Get Cape. Wear Cape. Fly deren Fans bei Laune halten. Abgeklärt ist die Britin deswegen jedoch noch lange nicht: Vor ein paar Wochen erspähte sie The-Strokes-Gitarrist Albert Hammond jr. im Backstage-Bereich eines Festivals, drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen, beschleunigtem Puls und erröteten Wangen zu ihren Freunden, die sie mitschleppt, wann immer es geht, um und fasste ihre Verzückung mit einem dezent hysterischen "Oh! My! God!“ zusammen. Als ihre Clique vorschlug, sie könne doch einfach mal zu Hammond jr. rübergehen und Hallo sagen, so von Kollegin zu Kollege, schüttelte Kate energisch den Kopf. Das könne sie eben nicht machen, sie hätte schließlich ein Poster von diesem Typen zuhause in ihrem Zimmer hängen.

Zuhause, das ist der Londoner Stadtteil North Harrow, in dem sie mit ihren Eltern und ihren Schwestern Helen (18) und Clare (22) wohnt. Fast die Hälfte der Einwohner von North Harrow ist multikulti, das Flair und die Möglichkeiten allerdings eher vorstädtisch als großstädtisch und es gibt dort genau einen guten Indieclub: das "Trinity“ (dienstags: Pound-a-pint-night). Während die "Poshs“ in den wohlhabenderen Stadtteilen Londons ihre Gucci-Anzüge ausführen, trifft man in North Harrow eher auf "Chavs" in Polyester-Trainingsanzügen. Der New Musical Express kürzte Kate Nashs musikalisches Schaffen etwas unglücklich auf die Bezeichnung "Chavtronica“ runter, womit die junge Künstlerin verständlicherweise nicht so ganz zufrieden war. Denn auch wenn ihre gerade erschienene dritte Single "Mouthwash“ einen "Parental advisory – explicit content“-Sticker trägt – ein Prollmädchen ist Kate Nash nun wirklich nicht. Aber sie kann natürlich schon so tun als ob. Zum Beispiel in "Foundations“, dem vielleicht unwiderstehlichsten Popsong des Jahres, der zu herrlich aufbrausendem Piano und aus dem Ärmel (Puffärmel natürlich) geschüttelten Beats, über die baufälligen Grundmauern einer Beziehung, die Schwierigkeit des Loslassens ("My fingertips are holding onto the cracks in our foundation / And I know that I should let go, but I can’t“) und frustrationsgesteuerte verbale Giftpfeile sinniert – von Amor zu Amok ist es schließlich nicht weit: "You’ve said I must eat so many lemons / ‘Cause I am so bittah / I said: I’d rather be with your friends, mate / ‘Cause they are much fittah.” Bis der Videoclip zu “Foundations” im Kasten war, musste Kate Nash gut gelaunt in über zwanzig Zitronen beißen.

Die Grundmauern ihrer Liebe zur Musik sind weitaus solider als die der besungenen Trümmer-Beziehung: Im Grundschulalter nahm Kate Klavierunterricht bei einem Nachbarn, setzte sich in den Kopf, aus drei Tönen ein Lied zu komponieren und erforschte die Lieblingsplatten ihrer Eltern (Beatles, Rolling Stones, Johnny Cash, Carole King, Janis Joplin), was sich als ebenso spannend wie prägend erwies – bis heute. Kürzlich wurde die Halbirin (Mutter Nash kommt aus Dublin) nämlich gefragt, für welches Album sie sich entscheiden würde, wenn sie nur noch ein einziges hören dürfte – "Abbey Road“ von den Beatles, lautete ihre prompte Antwort. Und sie träumt nicht etwa von einer Kollaboration mit den Arctic Monkeys (obwohl sie deren Song "Fluorescent Adolescent“ gerne covert), sondern von einer gemeinsamen Studio-Session mit Patti Smith. Mit 14 begann Kate, Songs zu schreiben, stand auf Garage und R’n’B, entdeckte kurze Zeit später den Punk für sich, insbesondere The Buzzcocks, The Clash, die Sex Pistols und Minute Men, schrammelte Lieder mit deutlichem Linksdrall, die so vielsagende Titel wie "Black And White“ trugen und wollte ernsthaft in die Heilsarmee eintreten, um als Missionarin nach Afrika zu gehen. Mit 16 hörte sie schließlich jene Künstlerin zum ersten Mal, die ihre größte Inspiration werden sollte: Regina Spektor, ebenfalls eine Tastenfrau mit außergewöhnlichen Ideen und gesundem Selbstbewusstsein.

Doch zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 2003, dachte Kate Nash noch überhaupt nicht an eine Karriere im Musikgeschäft. Sie hatte ganz andere Pläne und wollte Schauspielerin werden. Dazu musste sie auf die andere Seite der Themse, in den Süden Londons. Zwei Jahre lang dauerte die sowohl theoretische als auch praktische Ausbildung an der "BRIT School Of Performing Arts and Technology“ in Croydon. Während ehemalige Schüler des Musik-Zweiges beachtliche Erfolge feierten (u.a. Amy Winehouse, Katie Melua, "The Kooks“-Sänger Luke Pritchard und "The Feeling“-Bassist Richard Jones), lief nach Kate Nashs Abschluss im Sommer 2005 nicht alles so rund wie erhofft:

"Bis Februar 2006 habe ich immer wieder am Old Vic Theatre in Bristol vorgesprochen, ich stand auf der Warteliste und wollte Schauspielerin werden. Dann lehnten sie mich eines Tages ab, und ich ging total deprimiert ins Kino, um mir 'Brokeback Mountain’ anzusehen. Ich war völlig am Ende.“ Auf dem Nachhauseweg fiel sie dann auch noch eine Treppe runter und brach sich den Fuß. Dieses Malheur sollte jedoch der Beginn ihrer Musik-Karriere sein: "Meine Eltern kauften mir schließlich eine elektrische Gitarre, um mich aufzuheitern, und da ich sonst nichts mit meiner Zeit anzufangen wusste, spielte ich drei Wochen lang. Ich schrieb meine eigenen Songs und nahm sie gleich mit dem Laptop auf. Irgendwie juckte es mich in den Fingern, ich musste einfach etwas Kreatives auf die Beine stellen.“ Während dieser Broken-Foot-Session entstand auch die Elektro-Pop-Nummer "Caroline’s A Victim“, augenzwinkernd Kates Freundin Caroline gewidmet, die mit ihrer übertriebenen Begeisterung für die Band The Killers ihrem gesamten Umfeld gehörig auf die Nerven ging; gleichzeitig aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wandel der Popkultur, in der es immer mehr um das modische Drumherum und immer weniger um das musikalische Innendrin geht.

Als sie wieder einigermaßen laufen konnte, ging Kate Nash den mittlerweile fast schon konventionellen Weg: Sie lud ihre mit der Apple-Software "GarageBand“ zusammengebastelten Songs auf ihr MySpace-Profil und buchte sich einfach selbst ihren ersten Gig. Der fand am 13. April 2006 statt, in, na klar, North Harrows einzigem nennenswerten Club, dem "Trinity“. Das Publikum war angetan, der Veranstalter gab ihr 30 Pfund und direkt am nächsten Tag kündigte sie ihren Job (Stundenlohn: 5 Pfund) im Klamotten-Laden "River Island“. Die Online- und Offline-Fanschar wuchs exponentiell, das Indie-Label "Moshi Moshi“ veröffentlichte "Caroline’s A Victim“ – mit Valgier Sigurosson (Björk, Bonnie 'Prince’ Billy) in Island neu aufgenommen – als limitierte Vinylsingle und der Polydor/Universal-Ableger Fiction Records (1978 als Label für The Cure gegründet, mittlerweile Heimat von u.a. Snow Patrol, Yeah Yeah Yeahs, Elbow, Ian Brown) nahm Kate Nash schließlich mit Handkuss unter Vertrag.

"Made Of Bricks“ – damit ist natürlich das unerschütterliches Fundament aus Familie und Freunden gemeint – präsentiert sich als riesige, bunte Wundertüte, als Abenteuerspielplatz für die Ohren und Sonnenterrasse fürs Gemüt. Paul Epworth, der nicht nur Alben für Bloc Party, Maximo Park und The Futureheads, sondern passenderweise auch "Fit But You Know It“ von The Streets produzierte, hat den zwölf Songs einen großen Gefallen getan: Er hat ihnen ihre Ecken und Kanten gelassen. Vielseitig sind sie außerdem: "Dickhead“ groovt sich mit bluesigem Kontrabaß und Fingerschnipsen in einen verruchten Club und setzt zum Schluss noch 70er-Jahre-Disco-Streicher als leuchtende Textmarker ein, "We Get On“ bietet schönsten 60s-Pop mit Motown-Accessoires und "Pumpkin Soup“ entpuppt sich als veritabler Dance-Track mit hübschem Bläser-Arrangement und Handclaps. "Nicest thing“ referiert zu bittersüßen Streicherarrangements über die unerwiderte Liebe und dann ist da, sozusagen als Antagonist, das folkige "Birds“ mit Lap Steel, Glockenspiel und einer hinreißenden Teenie-Liebeserklärung zwischen Rotwerden, Blaumachen und Schwarzfahren. Jungs hätten ja manchmal eine wirklich seltsame Art und Weise, ihre Zuneigung zu bekunden, befand Kate Nash neulich in einem Interview. Ihr habe doch tatsächlich mal einer gesagt, sie hätte so geschmeidige Beine, dass eine Spinne abrutschen würde, wenn sie versuchen würde hochzukrabbeln. Echt wahr.

"Mariella“ beginnt als Ballade mit schweren Samtvorhängen und wird immer temporeicher und hysterischer – wenn es den Begriff Piano-Punk geben sollte, dann würde er hier ganz hervorragend passen. "She got some pritt stick / And glued her lips together“ singt Quasselstrippe Kate derweil mit einer ordentlichen Portion Selbstironie und schauspielert den Text so amüsant, dass man sich fast sicher ist: Die Schauspielkarriere ist nicht abgehakt, nur geparkt. Den "Skeleton song“ widmet sie schließlich Stanley, dem Haus-Skelett der Familie Nash, das adrett gekleidet im Wohnzimmer steht (kein Scherz) und tiriliert im klavierkatalysierten "Mouthwash“, das plötzlich eine The-Police-Rhythmusgruppenarbeit aus dem Hut zaubert, "I’ve got a family / And I drink cups of tea“ – passend dazu residiert bei Live-Auftritten stets ein mintgrünes Teekännchen mit talismanischer Bedeutung auf ihrem Keyboard. Anfang Dezember auch in Deutschland, denn Kate Nash wird für vier Konzerte nach Hamburg, Berlin, München und Köln kommen. Zusammen mit ihrer Band – Bassist/Gitarrist Jay Malhotra, der seit ihrem ersten Gig im "Trinity“ dabei ist, Drummer Elliott Andrews und Violinistin Mei-Ling Wong, die Kate schon seit fünfzehn Jahren kennt. Album Nummer zwei ist bereits in Arbeit, Prince angeblich an einer Zusammenarbeit interessiert und Kate Nash trotzdem auf dem Boden geblieben.

Kürzlich fragte sie jemand, was denn wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie jetzt keine erfolgreiche Künstlerin wäre. Na? „Eine erfolglose Künstlerin“, antwortete Frollein Nash ohne zu zögern. Ist doch klar. Und sie wird nicht müde zu betonen, dass ihr das plötzliche große Interesse an ihrer Musik irgendwie surreal vorkommt. Dass es schon sehr seltsam ist, Jools Hollands Show nicht von der Couch aus zu verfolgen, sondern stattdessen sein Gast zu sein. Bei ihrer ersten "Geschäftsreise" nach Paris kam Kate sich vor wie Amélie und staunte über die Vorzüge einer Suite ("It had like a living room and everything!“). Sie schmachtete Leonardo diCaprio bei der London Fashion Week an und kaufte in New York so viele spottbillige 50er-Jahre-Kleidchen mit Kragen und Manschetten, dass sie auch gleich noch einen extra Koffer erstehen musste. Manchmal fühlt sie sich ein bisschen, als hätte sie sich in ein Erfolgsszenario hineingeschmuggelt und müsste nun höllisch aufpassen, dass kein Security-Gorilla sie entdeckt und hochkant wieder rauswirft. Aber darüber muss Kate Nash sich nun wirklich keine Sorgen machen – mit diesen Songs stehen ihr alle Türen offen. Und alle Herzen sowieso.

Kate Nash
"Made Of Bricks"
Fiction Records / Polydor / Universal
VÖ: 12.10.2007


Konzerttermine:
01.12.2007 HAMBURG, Grünspan
03.12.2007 BERLIN, Frannz
05.12.2007 MÜNCHEN Atomic Café
06.12.2007 KÖLN, Prime Club"Wichtige Links zu diesem Text"
Albumplayer
Offizielle Website
Kate Nash bei MySpace
Fanseite
Videoclip zu Foundations

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17 Antworten

Kommentare

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    Kate Nash klingt wie eine glattgebügelte CocoRosie-Variante für Natasha-Bedingfield-Hörer. Ganz schlecht ist das nicht, wenn auch der Akzent sehr nervig und aufdringlich-künstlich ist.

    Aber der Artikel ist sehr schön!

    29.10.2007, 19:37 von Club-Fan82
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    Dein Artikel ist wirklcih richtig gut geschrieben, war eine Freude ihn von Anfang bis zum Ende zu lesen =) achja: Und Kate Nash macht einfach tolle Musik.

    25.10.2007, 20:27 von Irgendwie_verdreht
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    also, frau nash kann man nut wirklich guten gewissens mal lobend erwaehnen. :)
    und mit diesem ausgesprochen gutem artikel ist dir das ja auch gelungen.

    hut ab!

    25.10.2007, 11:46 von begbie.le
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    Herrjeee, was für ein heiseres Gequake.

    25.10.2007, 10:20 von chessige
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    Immer wieder nett deine guten Musiksachen zu lesen - auch wenns nich immer der eigene Geschmack ist.

    25.10.2007, 00:36 von Kiyan
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    Hehe, bei popnutten nannte jemand ihre Sprache "sarkasmusoptimiert". Aber auch ihr Akzent - herrlich, wie sie "sick" und "fittah" raushaut.

    24.10.2007, 12:46 von SisterofEvil
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    danke Ina!
    Ich hab von Kate Nash noch überhaupt nichts mitbekommen. Ich mag eigentlich auch keine singenden Frauen. Aber das was ich bis jetzt gehört hab ist toll. Aber kommt es mir nur so vor, oder is grad ein Frauenhype? Lily Allen, Amy Winehouse..jetzt die Nash??

    24.10.2007, 04:45 von Angelona
    • 0

      @Angelona ? magst denn singende männer besser??? ;))

      24.10.2007, 11:31 von trockenwasserchen
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