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Click Click Bang!

Wie der deutsche HipHop mit einem Streifschuss getötet wurde

Als 1996 deutschsprachiger HipHop populär wurde, war die Welt noch in Ordnung. Deutsche Rap-Musik, das war im schlechtesten Falle Klamauk, wie der von Fettes Brot oder Fünf Sterne Deluxe, im besten Falle Intellektuelle Stimulation für Oberstufenschüler und Universitäts-Erstsemestler . Die philosophisch kritisch angehauchten Texte á la Freundeskreis und Torch, ja selbst die esoterisch verkitschten, aber mit einem umso treibenderen Rhythmus unterlegten Weisheiten von Thomas D., hatten eine breite Anhängerschaft. HipHop war kein Musikgeschmack mehr, er war eine Bewegung. Kritisch wurde sich mit der eigenen Gesellschaft auseinander gesetzt. Themen wie Neofaschismus, Integrationsprobleme von Deutschtürken aber auch der alltägliche Kampf mit dem Erwachsen werden, wurden immer wieder mehr oder weniger originell verpackt.
Jeder hatte seine Repräsentanten im Rapbiz gefunden. Die intellektuellen Migrantenkinder hatten Advanced Chemestry (Fremd im eigenen Land) und Fresh Familee, die mit ihrem Song "Ahmet Gündüz" die ganze Problematik der zweiten Einwanderergeneration auf den Punkt brachten. Die intellektuellen Klassenclowns hatten Fettes Brot, Der Tobi und Das Bo, die später als Fünf Sterne Deluxe firmieren sollten, Eins Zwo und Fischmob (mit ihrem legendären Song über das Bonanzarad) für sich entdeckt. Die intellektuellen Alternativen, Neohippies und "Wir-sind-ja-viel-reifer-als-der-Rest-der-Generation"-Schlurfnasen hatten Freundeskreis. Diese Band bot wirklich viel: Durch Einspielen der Beats mit echten Instrumenten, erfreuten sie den Musikfan, Rapper und Frontmann Max Herre bot verquere Texte zu Themen wie Jugendliebe und RAF-Melancholie und überhaupt war Freundeskreis zu hören allein schon der Beweis für guten Geschmack und die vorhandene Fähigkeit die gesamgesellschftlichen Rahmenbedingungen zu erkennen, aber keineswegs als unumstößlich zu akzeptieren. Außerdem sorgte der Anblick des stets unrasierten Herres wohl bei etlichen dieser Alternativgören für das erste feuchte Höschen in ihrem Leben. Für die intellektuellen Liebhaber guter Reime, sprühenden Wortwitzes und Reimfertigkeit, die man in Deutschland für schlicht unmöglich gehalten hatte, gab es Blumentopf, Sammy Deluxe und die Absoluten Beginner. Drumherum gab es für nahezu jeden Intellektuellen unter 25 die Möglichkeit seine eigene Undergroundband zu finden.
HipHop lebte. Es entstand ein Community, die sich für Toleranz stark machte, für Respekt und für die Hoffnung auf eine bessere Welt. Einzig, diese Community zog sich nicht durch alle Schichten. Es folgte was folgen musste: HipHop begann seinen Abstieg. Thematisch, inhaltlich, handwerklich. Letztendlich verlor er sogar seinen Status als eigenständige Bewegung. Die Rechnung wurde ohne das Proletariat gemacht.
Das ausgerechnet die Bundeshauptstadt Berlin nicht zu den Epizentren der frühen deutschen HipHop-Kutltur zählte war kein Zufall. Stuttgart, Hamburg sogar Minden, Köln und München hatten bis zu diesem Zeitpunkt mehr Bedeutung als das Dicke B. Kein Wunder, denn wie sollte Neukölln, Wedding oder Kreuzberg auch mithalten können, mit all diesen Abiturienten, die neben dem Studium erfolgreiche Rapper waren. Wie sollte der kleine Dealer von nebenan denen denn auf geistiger Ebene das Wasser reichen?
Einer der genau wusste wie es geht war Kool Savas. Berühmt wurde er durch unfassbar ordinäre Raps (Pimp Legionär). Belächelt vom Establishment der Rapfans, schafften es seine Tracks höchstens auf den Plattenteller, um die Anwesenden mal mit primitiver Straßensprache zu belustigen. Dort wo man diese Sprache alltäglich spricht hingegen, löste der allmähliche Erfolg von KKS (King Kool Savas) ein ganz neues Selbstbewusstsein aus. Einer von Ihresgleichen hatte es nach oben geschafft. Einer von ihnen machte jetzt dicke Kohle. Die Straße schlug zurück. All die Klischees aus den Rapvideos der JayZs, der Eminems, der 50 Cents und der Snoop Dogs schienen real zu werden. Der kleine Underdog mit dem Riesentalent schafft es nach oben. Savas wusste diese Stimmung geschickt mit dem Track "Haus und Boot" aufzufangen, was wie ein Katalysator wirkte. Sollten doch die voll gefressenen Mittelstandkids denken was sie wollten, jetzt brach die Zeit der Straße an. Harte Raps, Harte Beats, hässliche Worte und die hässliche Fratze der germanisch urbanen Betonghettos waren nicht mehr aufzuhalten. Dass bei all dem zweifelsohne großen Talent einiger Rapper der Inhalt, die Botschaft und die Perspektive auf der Strecke bleiben sollte, dass juckte keinen. Den Proleten reichte es in drastischen Worten ihre Situation zu benennen, mit platter Rhetorik das Leben zwischen Straße, Plattenbau und Jugendknast zu romantisieren. Ihre Käufer: Halbstark Mittelstandkids, die ihre Eltern schocken wollten und sich gleich viel credibiler fühlten, jetzt wo es den authentischen Gangstershit auch in ihrer Sprache gab.
Plötzlich schoss aus Berlin eine Platte nach der anderen in die Charts, im Halbjahrestakt wurden neue Sternchen präsentiert, neue Streitereien zwischen den Protagonisten inszeniert und immer härtere und sinnlosere Raps getextet. Erst kamen die Drogen, dann der Sex, dann die Gewalt, und schließlich war innerhalb der Texte das eine nicht mehr vom anderen zu trennen. Die Schüsse auf den Rapper Massiv, ein gänzlich unbekannter Newcomer, der des Ghettoimages wegen von der westpfälzischen Provinz nach Berlin gezogen war, besiegeln das Ende deutschen HipHops. Während sich in Großbritannien, vor allem aber in Frankreich und sogar in Tschechien eigene Strukturen innerhalb des HipHop-Genres etablierten, spielen die deutschen Kids aus den Unterschichtenbezirken deutscher Metropolen munter das nach, was ihnen der amerikanische Rap suggeriert. Die Gymnasiasten und Intellektuellen schenken ihnen Gehör, stilisieren sie zu Stars. Soziologen glaube gar, Rütlischule sei dank, dass sich hier der kollektive Seelenzustand deutscher Großstadtjugendlicher ablesen lasse. Opfer: Inhalt, Überzeugung und Qualität der Musik. Da wünscht man sich die Zeiten zurück, als es für jede Art von Gymnasiast noch eine eigene Rapkapelle gab, als HipHop noch eine Bewegung war. Nun geht es HipHop genauso, wie es vorher schon dem Rock `n`Roll und dem Punkrock ergangen war: Aus einer Bewegung wird ein Massenphänomen. Das einzige was dann noch bleibt ist Kommerz und Verblödung. So steht HipHop heute nicht mehr für Respekt und Toleranz, sondern für Porno, große Autos und stereotypes Nachäffen der US-Größen. Die Kugel, die an einem Januartrag 2008 Massiv nur streifte, traf HipHop mitten ins Herz und hat ihn unwiderruflich getötet.

3 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Das meinte ich ja als ich schrieb, dass sich HipHop in Frankreich verselbstständigt hat.
    Was das Nachtrauern angeht: das bleibt ja jedem selbst überlassen.

    25.01.2008, 15:55 von davestar
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    Hm. Komischerweise war "Haus und Boot" einer der gaaaanz wenigen Rapsongs auf deutsch, den ich mochte. Und französischer Rap spielt doch auch musikalisch in einer eigenen Liga (Specialistes, Keny Arcana und co.)

    Soll der deutsche Rap sterben, ich werde ihm nicht nachweinen. Denn: Freundeskreis und die Beginner nervten doch nach einmaligem Hören ganz zünftig (natürlich vollkommen subjektiv).

    23.01.2008, 20:08 von Flocke84
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