ina-simone 26.09.2005, 17:55 Uhr 5 0

»Clem Snide sind ungefähr die beste Liveband der Welt«

Sagt Kollege Winkler vom Musikexpress. Und sie haben eins der tollsten Alben des Jahres 2005 veröffentlicht. Nur gemerkt hat's bislang kaum jemand.

04. Juni 2005: Eef Barzelay steht samt Casanova-Anzug (polarweiß), Basecap (johannisbeerrot) und Akustikgitarre (fichtenhölzern) auf der Bühne der Berliner Columbiahalle. Sein guter Freund Ben Folds – beide haben einen Wohnsitz in Nashville – wird an diesem Abend seine euphorisch gefeierte Rückkehr nach fünfeinhalb Jahren Deutschland-Abstinenz erleben. Dass der Clem-Snide-Frontmann, heute eine One-Man-Show, überaus herzlich aufgenommen wird, hat nichts mit wohlwollender Vorfreude auf Folds zu tun. Man spürt, dass das Publikum es ehrlich mit dem sympathischen Kauz meint. Man muss Eef Barzelay auch einfach mögen. Und während er da so steht und singt und Gitarre spielt und dabei die irrwitzigsten Geschichten erzählt, schlüpft sein Kopf in die Rolle eines Wackeldackels; sein Mund imitiert den Elvis-Hüftschwung.

"You are beautiful no matter what they say / Words can't bring you down / 'Cause you are beautiful in every single way / Yes, words can't bring you down." Eef Barzely spielt an diesem Juni-Abend in Berlin tatsächlich einen Song von Christina Aguilera. Es ist wie damals, als Travis Britney Spears' "Baby One More Time" coverten: Abgeschminkt wird zum ersten Mal die wahre, die natürliche Schönheit des Liedes richtig deutlich. Auch die Schönheit von Barzelays eigenen Songs wird in der abgeschminkten Ein-Mann-eine-Gitarre-Version besonders deutlich. Er beherrscht die Kunst, aus ganz wenig, ganz viel zu machen.

Dabei waren die Voraussetzungen, unter denen das aktuelle - zusammen mit Mark Nevers (Lambchop) und Bryce Goggin (Pavement, Ramones) aufgenommene - Clem-Snide-Album enstand, alles andere als schön:
"I wrote most of the songs for ‘End Of Love’ while knee-deep in dark and slippery emotional goo", erklärt Eef Barzelay, "it was a difficult, frustrating time: My mom was dying of cancer, my wife's mom had just died, I was moving my family from Brooklyn to Nashville, and I had no money. I wrote many of the songs in my head while touring in the van, and with so much chaos going on at once, the words just seemed to pour right out. For me, this record is about failing triumphantly."

Der Titel "End Of Love" legt die Vermutung nahe, Clem-Snide-Kopf Eef Barzelay beschere uns mit dem fünften Album seiner Formation nun den Antagonisten zum 2003er Vorgänger "Soft Spot". Damals entdeckte er, dass die Liebe auch ein ganz gutes Song-Thema sein kann. Und jetzt also Schluß damit? Natürlich nicht. Denn im ungewohnt rockenden und gitarrenlastigen Opener und Titeltrack stellt er gleich klar: "No one will survive the end of love." Eine Liebe ist bei Barzelay sowieso schon immer äußerst ausgeprägt: die zum Detail und der Schönheit im Einfachen. Es sind die angenehm frisch und natürlich anmutenden - und trotzdem nie oberflächlichen - Melodien und Arrangements zwischen Country, Folk, Blues und Rock die das Quartett so sympathisch machen. Und vor allem Barzelays unfassbar großartige Texte, bei denen Ironie immer auch Erkenntnis bedeutet.
Barzelay läßt auf dem aktuellen Album noch einmal den plötzlichen Blitzeinschlag in seine heile Welt Revue passieren: "There's a different kind of dark / The kind that stops the dogs to bark / It never has to wait for setting suns." Während man dem Clem-Snide-Sänger aber auch nicht selten unterstellen könnte, er habe einen Clown gefrühstückt (vor allem bei dem wunderbaren "The Sound Of German Hip Hop", eine der schönsten Symbiosen aus Philosophie und Ironie seit langem), lag bei dem vor Energie nur so sprühenden und herrlich ohrwurmigen "Fill me with your light" wohl ein ausgewachsener Optimist auf seinem Teller. Der "Jews for Jesus blues" erzählt höchst amüsant, was passiert, wenn man glaubt in Religiosität eine einfache Glücksformel gefunden zu haben und trotzdem nicht zufrieden ist: "I opened my heart and I let Jesus in / With the promise that I would be free of my sins / But I only felt guilty that he died on the cross / Now that I'm found I miss being lost." "God Answers Back", mit Glockenspiel und Sixties-Sound: "Your tears will help me grow some trees." Und die spenden Barzelay ja immerhin Sauerstoff. Und auch Schatten. Im positiven Sinne. Jede Krise hat also ihren Zweck.

Im wunderbaren "Made for TV movie" sinniert Barzelay zur Akustikgitarre über das Privatleben von Lucille Ball. Denn: "They would never make a movie if everything was great." Man könnte glatt meinen, der studierte Jazzer sei hauptberuflich nicht Musiker, sondern Tratschonkel: "Well, I heard he used to beat her / Like she was a conga drum / They always slept in separate beds / But somehow they had a son." Passenderweise hat er als Special Guest seinen eigenen kleinen Sohn für die Backing Vocals gewinnen können.

"Quiet, twangy songs that evoke Hank Williams, Nick Drake and Sebadoh...the kind of record whose subtle charms will earn it a lasting place in well-curated music collections", sagt der Rolling Stone über Clem Snide. Heute mag man kaum glauben, dass der in Tel Aviv geborene Musiker sein Bandprojekt 1991 als Punk-Trio startete und damals konstatierte, das Nichts sei seine Muse und er versuche Songs zu schreiben, in denen, nun ja, nichts passiert. Der Name "Clem Snide" stammt übrigens aus William Borroughs Roman "Naked Lunch" und bezeichnet dort, wie Eef Barzelay einmal in einem Interview erklärte, "ein professionelles Arschloch". An Selbstironie fehlt es ihm also auch nicht.

Privat hört Eef Barzelay am liebsten Musik von Chet Baker, Hank Williams, Buddy Holly, Richie Valens und den Everly Brothers. Seine Songs entstehen im stillen Kämmerlein auf der Gitarre – und erleben eine Metamorphose, wenn seine Mitmusiker, die Cousins Pete (Gitarre, Banjo) und Brendan (Bass, Keyboards) Fitzpatrick, sowie Drummer Ben Martin nach eigenem Gutdünken ihren Teil beisteuern. Denn eins habe Eef Barzelay gelernt: Wenn er versucht, etwas zu kontrollieren, dann klappt es garantiert erst recht nicht. Also müsse man einfach loslassen.

Das Ergebnis kann man dieser Tage live erleben - ab dem 27.September spielen Clem Snide sieben Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zahlreiches Erscheinen wird allerwärmstens empfohlen.

LInks entfernt

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    20.11.2018, 06:27 von vishal23
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    Nach zigfachem Hören muss ich konstantieren: Das Album hat auch noch bis 2006 seinen Charme bewahrt. Die Texte sind der Hammer! Wäre da nciht noch die, keinesfalls nur schmückendes Beiwerk darstellende, Musik, würde ich es zu meinen Lieblingsbüchern zählen.

    15.05.2006, 01:09 von magnifcance
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    "Gibt viele Alben, die ich dieses Jahr als besonders gut erachte. Zwei meiner liebsten sind von Dredg und Bloc Party. Aber wie will man das nun vergleichen?"

    Bestenfalls überhaupt nicht..

    10.10.2005, 13:51 von Suckowski
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    Hm, ich muss ehrlich sagen, dass es mich nicht so umgehauen hat. Nach dem ersten Eindruck würde ich behaupten, dass es ganz gut ist, aber mit dem Titel "Bestes Album 2005" tue ich mich etwas schwer.

    Gibt viele Alben, die ich dieses Jahr als besonders gut erachte. Zwei meiner liebsten sind von Dredg und Bloc Party. Aber wie will man das nun vergleichen?

    Achja, und wie hängt jetzt Ben Folds Five in der Sache mit drin?Wurde mir nicht ganz klar.

    28.09.2005, 14:14 von Lenny1887
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      @Lenny1887 @Lenny1887

      Ich sage doch gar nicht, dass Clem Snide das "beste Album 2005" gemacht haben. Sondern, dass sie "eins der tollsten Alben 2005" gemacht haben - finde ich. Dass andere Menschen andere Alben als toller, wichtiger, besser empfinden mögen, ist doch ganz klar.

      Ben Folds Five gehen bekanntlich seit dem Jahr 2000 getrennte Wege und was Eef Barzelay mit Ben Folds zu tun hat - das steht doch eigentlich im Artikel: Sie wohnen beide in Nashville, sind gute Freunde und waren gemeinsam auf Tour, die sie am ersten Juni-Wochenende auch nach Deutschland geführt hat.

      28.09.2005, 14:21 von ina-simone
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