roquer 24.08.2007, 02:47 Uhr 12 7

Blast mir einen!

Das serbische Dörfchen Guca wird jedes Jahr im August zur Pilgerstätte der Blechblaswahnsinnigen, zum Woodstock des Balkans. Ein Überlebensbericht.

Die Trompete, die höchstens zehn Zentimeter neben meinem Ohr tönt, mich betört, ins taube Reich der Trance befördert, will nicht aufhören. Der Kerl, der mit seinen Lippen dran klebt, wird auch nicht endigen, bevor ich ihm nicht mindestens 500 Dinar an die schweißnasse Stirn geheftet habe.

Mir würden die Sinne gänzlich schwinden, wenn nicht schon das olfaktorische Zentrum betäubt wäre von all den Gerüchen, all diesen derben Dämpfen... Kohl schwitzt in großen Pötten auf heißen Kohlen, süßliche Rauchwolken steigen von den Maiskolben auf, Fett tropft von unzähligen Spanferkelspießen, den Lammspießen und den Spießen, an denen sich ganze Rinder in der Mittagsglut wälzen – ja, ganze Rinder.

Die Trompete neben meinem Ohr hebt zu einem hohen Klagegesang an, wird drängend und geht schließlich in einen versöhnlichen Notenfluss über, gerade als ich wie von Geisterhand das lose Scheinbündel aus der Hosentasche ziehe. Auf der Straße tanzen wildfremde Leute den „kolo“, den serbischen Reigen, dazwischen Zigeuner...

14. Oktober 1961: Vier Trompetenorchester spielen im Hof einer orthodoxen Kirche. Eine musikalische Volksmesse. Mehr nicht. Doch die jährlich stattfindende Messe findet mit jedem Jahr mehr Jünger, sie wird zur Pilgerstätte für Dutzende Orchester aus dem ganzen Land. Die Messe wird zum Fest, überwindet die Anonymität der 1980er Jahre, überlebt den Kommunismus, ökonomische Krisen, Erdbeben und Kriege, erwächst zum weltoffenen, rauschenden Festival. Das kleine Dorf Guca liegt gut drei Autostunden südlich von Belgrad. Im August schwillt die gemütliche 5000-Einwohner-Gemeinde auf knapp 500.000 Menschen an, sie bläst sich buchstäblich auf.

„Und all das für Blasorchester?“ - fragt sich der gemeine Deutsche. Dazu muss er wissen: Die Blechblasmusik, die er hierzulande hört, bevor er den Fernsehkanal wechselt oder aus dem Apres-Ski-Zelt flüchtet, hat nichts mit der Blechblasmusik vom Balkan zu tun – vielleicht davon abgesehen, dass beide Spielarten sich auf Traditionen, auf alte Volksweisen berufen. Aber was in Deutschland, Österreich und der Schweiz im günstigsten Fall zu einem müden Senioren-Schunkeln führt, lässt in Serbien Boden und Becken aller Generationen beben. Die Menschen drängen auf die engen Straßen, tanzen bis zur Trance, reihen sich ein in einen Reigen bis zur friedlichen Rage.

Ständig ist die Luft erfüllt von blechernen Lauten, über vier volle Tage ziehen Blasorchester aus allen Teilen des Balkans durch die Straßen von Guca, im Wettstreit miteinander. Jeder Trompeter träumt davon, am letzten Tag des Festivals die begehrte Goldene Trompete küssen zu dürfen. Boban Markovic hat sie fünf Mal hintereinander gewonnen. Jetzt spielt der Blechblasgott mit seinem Sohn Marko außer Konkurrenz.

Aber es gibt noch viele weitere Preise zu gewinnen, meist sahnen die „schwarzen“ Roma-Orchester aus dem Süden und dem Osten Serbiens alles ab, während die „weißen“ Orchester aus dem Westen leer ausgehen. In diesem Jahr tritt sogar Goran Bregovic im örtlichen Fußball-Stadion auf. Der Kollaborateur von Filmproduzent Emir Kosturica („Schwarze Katze, weißer Kater“, „Underground“) wird in Serbien verehrt, abertausende Stimmen singen an jenem Abend jede Strophe mit. Sollte es einmal eine Ehrentrompete geben, so wird Bregovic sie erhalten.

Die Prämierung des besten Trinkspruchs gibt es dagegen schon länger. Schließlich sprudelt über alle vier Tage ein wilder Strom aus pivo (Bier) und rakije (Pflaumenbrand) in den Kehlen von Musikern wie Besuchern.

Die Stimmung ist friedlich und freundschaftlich – auch wenn der Krieg seine Spuren hinterlassen hat. Fremde sind willkommen, aber die serbische Flagge und das serbische Wappen sind allgegenwärtig, sogar T-Shirts mit Milosevics Konterfei werden feilgeboten. Die Serben sind auf der Suche nach Identität, die Musik gibt ihnen ein Teil davon – auch wenn die gefeierte Musik im Grunde auf die durch verschiedenste Lande ziehenden, meist nationalitätslosen Zigeuner zurückgeht. Die Trompete bläst heute nicht zum Sturm, sie will nicht in den Krieg, sie spielt auf zum „kolo“, als Symbol der völkerübergreifenden Verbundenheit, sie will Frieden – endlich – sie feiert, feuert an, verbreitet Freude...

Meine Füße vibrieren, meine Sinne jubilieren als die Blechblasgruppe von mir ablässt, ich stürze den Rest „jelen pivo“ hinunter, schaue mit glasigen Augen dem tanzenden Pulk auf der Straße zu, horche andächtig mit blasigen Ohren dem verbliebenen Konzert im Innenohr, während die nächste Kapelle im Nachbarrestaurant von Sekunde zu Sekunde lauter wird und an meine Ohrmuschel rauscht. Ich bezahle mit den letzten Dinars, erhebe mich und tänzele Richtung Trompeterdenkmal...

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12 Antworten

Kommentare

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  • 0

    die musik im Balkan ist allgemein super..und der einsatz von blasinstrumenten dort führt in meinen ohren zu größerem Wohlgefallen, als hierzulande.
    schön beschrieben,lg

    28.08.2007, 17:55 von Himmelsuchende
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    *G*
    eigentlich wollte ich den text NICHT lesen wegen der doofen überschrift.
    dann hab ich mich doch verleiten lassen - am frühe morgen ist meine widerstandskraft geschwächt. ;)

    und ich sage dir, lieber autor: WOW. toll geschrieben. fesselnd mit wirklich bunten bildern, die du da mit deinen worten gemalt hast.

    *knicks* ich bin beeindruckt!

    einen schönen tag!

    28.08.2007, 08:05 von RedSonja
    • 0

      @RedSonja Oh, danke!
      *erröte ob des lobes*

      29.08.2007, 03:28 von roquer
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  • 0

    Ich finds toll, dass Serbien mal ein Auftritt bei Neon hat! xD
    Ich war vor 7-8Jahren in Guca und es war einfach atemberaubend.
    Danke für diesen Bericht!
    Hat mich wirklich gefreut es zu lesen!
    Pozdrav od mene!

    26.08.2007, 23:13 von T-Break
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  • 0

    Diese Zweideutigkeiten find ich sehr arm, kein Rumesblatt für dich !

    26.08.2007, 00:30 von Severine
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      @Severine Welche ZweideutigkeitEN meinst du bitte? Ach die Überschrift! Oh je, oh je... Darum liest du wahrscheinlich auch den Artikel "Samenspender" im aktuellen Neon-Heft nicht, was? Viel zu versaut, da geht es immerhin um einen Gärtner...

      28.08.2007, 05:01 von roquer
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Schöner Text! Du hast die Stimmung dort gut eingefangen und bei mir die Lust geweckt, selbst mal dorthin zu fahren.

    25.08.2007, 20:10 von Club-Fan82
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  • 0

    "plus" kolo ist toll! :)

    25.08.2007, 18:50 von Naschkaetzchen
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  • 0

    Srbija :)

    25.08.2007, 18:49 von Naschkaetzchen
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  • 0

    yeah! ich muss aber bei der musik immer weinen ;)

    25.08.2007, 15:46 von NeonBlond
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  • 0

    Wow, das ist doch toll! Da will ich auch mal hin! Gut geschrieben!

    25.08.2007, 09:58 von marielsd
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