elak 28.04.2012, 19:57 Uhr 0 0

Binson

Ein nachmittag bei George...

Ich bin schrecklich aufgeregt…und rufe sofort Fred an.
Ohne umschweife komme ich zur sache:“George ist wieder aufgetaucht!
Er hat gerade bei mir angerufen…. er fragt, ob wir nicht etwas brauchen…. hat wohl was zu verkaufen."
Ein langes schweigen am anderen ende…. aber Fred versteht…. und fragt schließlich:“…wann?“
Ich antworte:“…. gleich, um eins. Wir treffen uns vor seinem haus!“… und lege auf.

Wir treffen uns wie geplant um eins an der straßenecke vor Georges haus…. ich steige kurz in den kombi von Fred ein, um die lage zu klären.
Fred:“… wie viel hast du dabei?“
Ich:“….. konnte auf die schnelle nur 200 auftreiben…. aber du weißt doch wie das läuft… wahrscheinlich ist das sowieso nicht so einfach. Ich habe den eindruck, dass der liebe George mal wieder den psychiater gewechselt hat und der gute mann erwartet resultate.
Da muss George schon mal was zeigen…. und abspecken.“

George ist ein sammler.
Es gibt viele sorten von sammlern….platten, briefmarken oder bierdeckkel… was sicherlich sehr abgedreht, aber immer noch im rahmen des konventionellen liegt.
Bei George handelt es sich um die andere sorte von sammler…. die, die krankhaft sachen sammeln…..irgendwann aus ihrer zugebauten wohnung nicht mehr raus kommen, und elendig hinter bergen von nummerierten pizzakartons verhungern.

Wir haben George vor vielen jahren durch eine anzeige kennen gelernt, in der er einen Fender Showmann von 1973 verkaufte….absolutes sammlerstück, der traum jedes gitarristen.
Wir haben monate um diesen amp gekämpft, doch jedes mal wenn wir bei George ankamen, hatte er wieder eine neue ausrede, um den verstärker zu behalten…. er müsste noch repariert werden…. eine schreckliche panne wäre plötzlich aufgetaucht, oder…. sein sohn wäre überrascht aus dem ausland zurück gekommen und bräuchte dringend einen amp…… und so weiter!
Irgendwann hatten wir uns so an ihn gewöhnt, dass wir regelmäßig zum kaffee trinken bei ihm vorbei schauten, um den lustigen anekdoten aus Georges langer musikerkarriere zu lauschen…..oder ihm bei schwierigen lötstellen zu helfen, da seine augen nicht mehr die jüngsten waren.
Der Fender jedoch blieb brav an seinem angestaubten platz…. unter Georges bett, neben einer Telecaster ’58…. einem halb entkernten schwarz/weiß fernseher und einem auspuff marke Renault.

Wir klingeln….als George uns die türe öffnet, bin ich mir gleich der tiefe der lage bewusst.
Der flur ist düster und vom boden bis zur decke mit ausrangierten videorekordern, schuhen, papieren und bergen von ersatzteilen vollgestopft.
George begrüßt uns herzlich und sagt:“…. ihr müsst da nicht so acht geben, ich musste eben noch zum anwalt, da hab ich ein paar akten gesucht….. meine frau will endlich die scheidung.

Ihr glaubt gar nicht was ich letzte woche in einem  laden gefunden habe…. den original verstärker…… wie der von Django Rheinards. Wenn das die zigeuner mitbekommen, laufen die mir die bude heiß, um da ran zu kommen…. ich weiß gar nicht wie viel so was heute wert ist….. aber geschenkt war der damals schon nicht…. genau wie mein Fender Deluxe, den hab ich anfang der sechziger für 3 monatsghehälter gekauft….. wurde extra aus amerika geliefert….. 6 monate wartezeit.
Naja, hat sich aber gelohnt…. ich hab ihn ja immer noch."

George geht voraus und wir folgen ihm durch ein labyrinth aus gängen…. die meter hohen wände bestehen aus elektronischem müll und gehäusen.
Wir kommen an einem raum vorbei….. George verkündet schnell:“…. nein das ist der raum mit den fernsehern…. pffff die will heute eh niemand mehr.“
In der tat…. die ehemalige garage ist vollgestopft mit bildschirmen….. so weit das auge reicht.
Fred erhascht einen blick auf ein Echocord das zwischen zwei halben fernsehern eingeklemmt ist.
Er setzt zögernd an:“…. und das Echocord…. würdest du das verkaufen?
Hast du deinen Binson eigentlich noch?“
Echocord und Binson sind zwei oldtimer aus der familie der Echos, die mit einem tonband betrieben werden….reinste röhrentechnik…. unfindbar/unbezahlbar.
George murmelt irgendwas von“… jaja, den hab ich noch…. das verflixte ist, das ich nicht weiß wo…. ich müsste wirklich mal aufräumen.“
Das „ verkaufen“ ignoriert er.
Fred stöhnt leise und schaut mich hilfe suchend an….. ich kann nur mit den schultern zucken…. denn das ausmaß der eingestaubten geräte geht durch das gesamte erdgeschoss weiter.
George hat sogar „provisorisch“ einige sperrige sachen in den garten ausgelagert.
Ich sehe das bruchstück einer Hammond orgel mit der dazu gehörigen Leslie, auf der sich 3 katzen sonnen.

Das obergeschoss ist gleichzeitig wohn/ess/schlafstelle und für empfindliche sachen reserviert….. gitarren/verstärker/müll/gitarren/verstärker/müll.

George zeigt uns stolz eine art rekorder aus der neuzeit, um karaoke aufnahmen zu tunen.
“....ich spiele, seitdem ich in rente bin, nur noch für ein paar hochzeiten, barmitzwars und im sommer im „naturisten camp“…. da geht es lustig zu.“… George lacht verschmitzt.
George hat ein repertoire von über 800 titeln drauf…. von Costa Cordalis bis zu den Black Eyed Pies spielt er alles in einem affentempo auf seiner gitarre und singt wie ein echter entertainer.
“…. macht ihr denn immer noch musik?“
George ist einer der wenigen menschen, die uns nie die frage gestellt haben warum wir krach, und nicht musik machen….. warum wir teure gitarren und liebhaber stücke brauchen, um rückkopplungen als endlosschleife zu verstärken….. George ist musiker….. George versteht.

Als wir einstimmig nicken, sagt George:“…. also ich gehe mal davon aus, dann ist alles noch beim alten… ihr braucht alles was röhren hat und merkwürdig klingt?“
Wider unser nicken…..
„…. ich hab da irgendwo noch ein mischpult, vollröhre“….. er grummelt weiter und geleitet uns langsam zur haustür…..“ wenn ich nur wüsste wo ich es abgestellt habe?
Am besten rufe ich euch an, wenn ich aufgeräumt habe…. ich leg euch alles bei seite.“
Er greift nach einem schuhkarton neben der haustür, schüttet den inhalt in ein zerfranstes tastentelefon, und schreibt sich meine neue handynummer auf den karton.



 



 



 

 

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