JungeJunge 31.08.2006, 18:27 Uhr 87 37

Niemand, der keinen Roman schreibt

Jeder schreibt, fotografiert oder macht Musik heutzutage. Enttäuscht eure Illusionen – findet eine bessere Lösung.

Vor einigen Jahren schickte das Goethe-Institut eine Reihe junger, deutscher Autoren auf Vorlesungsreihe durch Nordamerika. Am Ende der Tour gingen die Deutschen gemeinsam mit gleichaltrigen kanadischen Autoren auf eine Kneipentour in Toronto, und irgendwann im Verlauf der Nacht kam die Frage auf, wie es denn so sei in Berlin (wo alle deutschen Autoren lebten). Die Deutschen antworteten, dort gebe es „niemanden, der keinen Roman schreibt“. Die Kanadier zogen die Augenbrauen hoch und bestellten sich noch ein Bier.

Vergleichbares berichtete mir vor kurzem eine Bekannte, die sich hobbymäßig gerne in junge Dichter verliebt. Als sie wieder einmal eine Affäre mit so einem jungen, aufstrebendem Autor hatte, den sie auf einem Poetenfestival in Berlin kennen gelernt hatte, war dieser heilfroh erleichtert, als sie ihm mitteilte, dass sie selber nicht schreibe. In seinem Umfeld schrieb jeder, und man musste ständig darauf aufpassen, was man sagte, da man befürchten musste, in einem Roman oder einer Erzählung der anderen aufzutauchen. Da war es für ihn wie Urlaub, wenn er sich zumindest bei seiner Geliebten entspannen konnte.

Schwer zu sagen, wann das genau losging – aber irgendetwas muss passiert sein zwischen den Tagen von Thomas Mann und heute. Der hat noch ein Leben lang gehadert mit dem Widerspruch zwischen Bürger und Künstler, wobei das eine selbstverständlich das Gegenteil des anderen war. Ein Bürger war kein Künstler, und ein Künstler kein Bürger. Nochmal hundert Jahre vorher hat auch schon E.T.A. Hoffmann versucht, beides zu vereinen – tagsüber war er biederer Jurist, nachts Künstler, Komponist und Schriftsteller (und ein ziemlicher Säufer, nebenbei bemerkt).

Heute ist das schon so was wie ein Generationsgefühl: Klar, man will irgendwie halbwegs in der Gesellschaft ankommen – krankenversichert sein, einen Urlaub leisten können und einen Job haben, um denen einen die Freunde beneiden. Und klar, man will trotzdem noch kreativ sein, künstlerisch tätig, vielleicht mit dem Traum, davon mal leben zu können. Beides passt irgendwie ohne größere Verrenkungen in das eigene Lebensmodell. Und so wird auch noch an Romanen geschrieben, Fotos mit Photoshop bearbeitet oder Song-Remixes am Computer erstellt.

Seit Selbstverwirklichung das wichtigste Leitbild in der Gesellschaft wurde – also seit 1968 – sind ganze Generationen von Selbstverwirklichern herangewachsen. Wo jeder ein Künstler ist, wird der Wettbewerb um Aufmerksamkeit aber umso härter, denn das potentielle Publikum schrumpft eher als das es wächst. Verlage ersticken in unverlangt eingesandten Manuskripten – der hippe KOOKbooks Verlag sieht sich auf seiner Homepage etwa genötigt, den Einreichern mitzuteilen: „Enttäuscht eure Illusionen – Misstraut Verlagen – Findet eine bessere Lösung“.

Aber – schließlich sind wir Glückskinder! – eine bessere Lösung hat sich uns tatsächlich aufgetan: Niemand muss mehr im stillen Kämmerlein seine Werke schaffen – mit Internet und Web 2.0 kann jeder versuchen, sein Quentchen Aufmerksamkeit für sein kreatives Schaffen zu erhalten. Fotos werden in Communities wie Flickr oder Fotothing zur Diskussion gestellt und gelobt oder kritisiert, selbst die abstrusesten selbstgedrehten Videos finden auf Youtube ein Publikum, für literarische und journalistische Versuche stehen entsprechende Communities wie Textdiebe oder auch NEON bereit, Musik und Podcasts bietet man auf iTunes an, oder man startet halt selbst ein eigenes Blog.

Und vielleicht ist das schon alles, was man braucht. Vielleicht machen drei lobende Kommentare bereits den Aufwand wett, und man muss gar nicht mehr den Bestseller für ein Millionenpublikum schreiben. Links entfernt

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87 Antworten

Kommentare

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    Das ist ein voll liebes Statement. "Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße es ja Wunst".
    Web 2.0 bro, roll, sex and rock'n drugs!

    07.07.2010, 21:03 von LifeInANick
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      @LifeInANick Dieses Zitat stammt von Karl Valentin und ist eine wunderbare Überleitung zur Frage, weshalb Kunst eigentlich immer wieder mit Selbstverwirklichung gleichgesetzt wird.
      Kunst bzw. Kunstwerke sind schließlich Ergebnisse kreativer Prozesse und letztlich Ausdruck menschlicher Kultur. Leider wird künstlerisches Können häufig mit Kunstfertigkeit (z.B. in bestimmten Techniken) verwechselt. Diese Art der Kunstfertigkeit ist aber nur e i n Aspekt künstlerischen Schaffens.
      Kultur ist Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach sozialer Zugehörigkeit, nach Anerkennung und nach Identität. In diesem Sinne ist auch die Aussage, jeder Mensch sei ein Künstler, von Joseph Beuys zu verstehen. Seine Ansichten von Kunst (dazu zwei Stichworte: 1. erweiterter Kunstbegriff und 2. soziale Plastik) waren einerseits geprägt von Rückbesinnung auf humanitäre Werte, andererseits begründeten sie eine kulturelle Revolution - und das weit vor 1968.


      11.07.2010, 01:23 von flughund
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      @flughund Weniger labern, mehr machen.

      11.07.2010, 17:07 von LifeInANick
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      @LifeInANick Es schadet nichts, außer seinen Händen auch noch seine kleinen grauen Zellen in Bewegung zu halten.

      17.07.2010, 23:03 von flughund
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      @flughund Ich hätte die ja bunt gemacht... würde mehr Sinn ergeben. Aber naja.

      26.05.2011, 22:49 von LifeInANick
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    Guter Text und so Wahr....

    01.04.2009, 10:36 von lisaklein
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    WORD

    17.01.2009, 12:34 von Idealistic
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    Oh scheiße, das zieht mich jetzt echt runter.
    Meine Zukunftsplanung ist darauf aufgebaut, davon zu leben.
    Sonst kann ich doch nichts.
    Was mach ich denn jetzt.

    05.11.2008, 21:47 von ChloroPhyl
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    ich finde du hast etwas entscheidendes in deinem artikel vergessen. ja es ist zum trend geworden künstler zu sein, ob autor oder fotograf. ich sehe oft genuch leute die sich als fotograf angeben und nichts davon verstehen und deren fotografien echt scheisse sind. aber es gibt da noch diejenigen die gut sind und es ernst meinen mit der kunst. und bitte wirf diese leute mit den pseudo-artisten nicht in einen topf. 80 prozent sehen es als trend an, die anderen 20 meinen es ernst.

    20.09.2008, 17:17 von glasgedanke
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    ich find auch,dass inzwischen sogar jeder krampfhaft versucht kreativ zu sein,gut trotzdem,dass es immer noch meistens nur die besten schaffen.
    leider gibts immer irgendwo mark medlocks,monrose und was weiß ich noch.

    02.07.2008, 16:17 von JoannaStarlette
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    ich glaube,die menschen haben einfach mehr zeit sich zu beschäftigen und da ist auch der große wunsch nach selbsterfüllung und anerkennung der anderen.ich mache musik,aber für mich selber.für mich ganz allein,es macht mich glücklich.aber wie erkennt man eigentlich diejenigen die wirklich talent zum schreiben haben und die die einfach nur schreiben um des schreibens willen?

    04.11.2007, 20:05 von _mirror_
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