beenerin 25.08.2007, 09:16 Uhr 36 40

My personal Diana

Am 31. August 1997 starb, in einer sternenklaren Nacht, auf dem Weg von Erbach im Odenwald ins niederländische Edam die Prinzessin von Wales.

Ich hatte damals den ersten ernstzunehmenden Liebeskummer meines Lebens und war noch einige Jahre entfernt von der Erkenntnis, dass durchsoffene Nächte Probleme nur kurzzeitig verschwimmen lassen, nicht etwa lösen. Auch, dass der Konsum von rund dreißig Zigaretten am Tag nicht meine Stimme sexy werden, sondern mein Krebsrisiko ansteigen ließ, ignorierte ich derzeit erfolgreich. Zumal der schmerzlich vermisste Ex die kleinen Klimmstängel hasste - und sie deswegen umso besser in meine Spätteenagerlogik passten.

Meine Schwester war mit unserem Paps verreist in dem Sommer, die Dame des Hauses weilte in Kur. Und ich nutze meine ungewohnte Freiheit auf alle erdenklichen Weisen. Tage verschlafen, Nächte durchfeiern, Frühstück im Bett, Liebeskummerheulkrämpfe in jeder Ecke der Wohnung. Fernseher auf dem Zimmer, Papis Zigaretten im Kirschbaum und Dauertelefonate im Liegestuhl auf der Terrasse. Außerdem lud ich permanent alle Menschen ein, die ich kannte, versaute meinen Eltern zwanzig Jahre Nachbarschaftspflege binnen weniger Nachtstunden - und gab das Geld aus meinen Ferienjobs für billiges Bier und Tiefkühlpizzen aus.

Als ich an einem dieser Partyabende mit meinen Mädels hinterm Haus in der Wiese lag und Sternschnuppen zählte, kam uns die Idee zu verreisen. Einfach abhauen, das klang so unglaublich verwegen, dass wir uns in den Plan verliebten, noch bevor er zu Ende geschmiedet war. Am nächsten Abend, einem Samstag, wollten wir los. „Holland“, schlug ich vor. Und nannte, weil ich das auf seine Weise romantisch fand, einen kleinen Zeltplatz, von dem ich wusste, der vermisste Ex hatte ihn kürzlich erst bereist.

Das wussten natürlich auch meine Mädels, doch weil dieses Alter seine eigene Logik hat, in der wir uns alle einig waren, erhob niemand Protest oder machte einen Gegenvorschlag. Am nächsten Abend packten wir meinen blauen Golf voll mit Zelten, Taschen und Bier und hinterließen unseren Eltern Zettel an den Kühlschränken, die verkündeten „wir sind mal in Holland“. Nach fünfzehn Kilometern sammelten wir eine weitere Freundin von einer Party ein, die auf der Rückbank sofort tequilaseliger Schlaf übermannte – und los ging das Abenteuer. Es war der 30. August 1997.

...

„Mach mal lauter!“ erklang es plötzlich vom Rücksitz.
Ich kann mich an den Streckenabschnitt erinnern, auf dem wir gerade unterwegs waren. Ich sehe die Bäume am Wegrand neben uns vorbeiziehen in der sternenklaren Nacht, die viel zu hell war. Julia erwachte aus ihrem Schnapskoma, Sanne drehte am Radio und Nadine schob ihren Kopf in die Lücke zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und erklärte, „Irgendwas hat der gesagt mit Lady Di.“

Das, was der Sprecher im Radio gesagt hatte war, dass Lady Diana, Princess of Wales, und ihr Lebensgefährte, Dodi al Fayed, in einem Tunnel in Paris verunglückt waren. Genauere Einzelheiten waren noch nicht bekannt, lediglich von überhöhter Geschwindigkeit und einem eintreffenden Krankenwagen war, nach meiner Erinnerung, von Anfang an die Rede.

Im Auto hing atemlose Stille. Von uns vier Mädchen hatten drei Mütter oder Omas mit starkem Hang zur Klatschpresse, wir waren mit den Bildern der Prinzessin aufgewachsen. Als sie 1981 den englischen Thronfolger geheiratet hatte, war meine Schwester geboren worden, als im darauf folgenden Jahr ihr erster Sohn auf die Welt kam, hatte meine Mutter mir die Bilder gezeigt. Beim zweiten Kind konnte die erste von uns schon die Bildunterschriften lesen. Es gab keine öffentliche Person, von der wir uns über die Jahre eingebildet hatten mehr zu wissen, und keine, über der wir die Illusionen, in der wir uns treiben ließen, annähernd so genossen wie Lady Di. Sie war bereits länger das Gesicht des englischen Königshauses als Kohl deutscher Kanzler – daran hatte auch die Scheidung nichts geändert. Wir kannten die Prinzessin. Jede von uns.

Die nächsten Stunden klebten wir am Radio. Alle dreißig Minuten verkündete uns der Sprecher Neuigkeiten über den Zustand der Unfallbeteiligten. So erfuhren wir sehr schnell, dass Dodi den Unfall nicht überlebt hatte und es flossen die ersten Tränen, um die traurige Prinzessin, deren Schicksal ihr das Glück dieser neuen Liebe nicht gönnte. Diana war indes ins Krankenhaus gebracht worden und wurde operiert. Wir dachten an die kleinen Prinzen, an den untreuen Ehegatten, seine böse Geliebte – und fieberten mit, als säßen wir vorm Operationssaal. Der Diana-Glorifizierungsmodus hatte uns bereits ergriffen, als die Prinzessin noch zwischen Leben und Tod schwebte.

Dieser Zustand hielt mehrere Stunden, bis sie schließlich, kurz vor der niederländischen Grenze, ihren Verletzungen erlag.

Wir saßen bizarr berührt miteinander vor dem Radio, draußen flog die Landschaft vorbei und die ersten Hände fielen in Handtaschen und fingerten im Dunkeln nervös nach Zigaretten, die wir auf den Schock rauchen mussten. Die Tatsache, dass wir, zwar nicht vor Ort, aber dennoch irgendwie live dabei gewesen waren irritierte uns, es war, als hätten wir gegenüber dem Rest der Welt einen Wissensvorsprung – einen, der uns quälte. „Krass“, sagte Julia nach einer gefühlten Ewigkeit und ihr Schnapsatem entleerte sich mit einem Rülpsen, bevor sie wieder einschlief. Nadine fing an zu heulen, ich stellte mir die ganze Zeit vor, wie Charles mit hängendem Kopf ins Schlafzimmer seiner Söhne schlich und musste trocken schlucken, beim Gedanken an die fremden Jungs. „Ich frag mich ja bloß, wer jetzt auf die Titelseiten von diesen ganzen Zeitschriften soll?“ wunderte sich Sanne und Nadine schluchzte noch lauter. Wir fühlten uns, als hätten wir einen guten Freund verloren.

...


Zehn Jahre später wird der Hype um die Prinzessin durch das Jubiläum ihres Todestages neu belebt. Ich saufe wider besseres Wissen immer noch die eine oder andere Nacht durch und Charles hat seine Camilla geheiratet. Das Rauchen habe ich bereits dreimal aufgegeben, zuletzt vor einem Jahr - und bin guter Hoffnung, diesmal wird es halten. Aus den kleinen Prinzen sind erwachsene junge Männer geworden. Mein Herz hat andere Männer geliebt, verstoßen oder vermisst und die Mädels, neben denen ich heute im Sommer in der Wiese liege und Sternschnuppen zähle, sind andere geworden - ebenso wie die Gesichter auf den Magazincovern.

Ein Ereignis wie der Tod der unglücklichen Prinzessin bleibt uns nicht selbständig im Gedächtnis, sondern gekoppelt an die Situation, in der wir zu dem Zeitpunkt steckten. Das Gesellschaftsgeschehen verbindet sich mit der individuellen Vita, schon allein das ist Grund dafür, warum eine den Prinzessinentod im Gedächtnis behält, ein anderer eher den Absturz einer Boeing, zwei Tage vor dem eigenen achtzehnten Geburtstag. „Das war die WM als ich mit Jochen zusammen war!“, oder, „Bei der Beerdigung hat Bine mich begleitet!“ – so strukturieren wir Erinnerungen. Das kollektive Gedächtnis hält Stützpfeiler für das persönliche, emotionale bereit.

Der Sommer, als Lady Di starb, war unser letzter Schul- und Jugendsommer, bevor wir uns aufmachten, überall hin in die Welt. Er war der Sommer meiner ersten Liebesversuche und der, den wir gefühlt zu 67% in meinem blauen Golf verbrachten. Es war der Sommer, in dem Julias Schwester nach England zog, wir Sanne ein um Monate verspätetes Geburtstagsgeschenk machten - und Nadine zum ersten Mal das Meer sah.

Es war der Sommer, in dem wir noch einmal intensive Zeit miteinander verbrachten, bevor uns im darauf folgenden Jahr das Abitur im Hier und Jetzt verschluckte, und an ganz unterschiedlichen Enden der Welt wieder auftauchen ließ. Und auch dafür steht der Tod Dianas in unserer Erinnerung, wie ein Symbol für das Ende der gemeinsamen Stunden."Wichtige Links zu diesem Text"
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36 Antworten

Kommentare

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    Du bist in der Tat eine Wortakrobatin!

    Wunderbar geschrieben. Vielen Dank für deine Worte!!

    12.09.2007, 12:55 von Zauberhase
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      @Zauberhase *lach, also wortAKROBATIN ist neu, das nehme ich in meine sammlung auf :) dankeschön..

      12.09.2007, 13:36 von beenerin
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      @beenerin ;-) Gern geschehen.

      Ich hatte auf deiner Profilseite sowas gelesen....als mein Beitrag dann abgeschickt war, hab ich gesehen, dass es PIRATIN war...aber dennoch passt AKROBATIN auch!!

      13.09.2007, 11:34 von Zauberhase
    • 0

      @Zauberhase umso mehr, als ich gestern zum ersten mal seit jahren wieder im zirkus war, hehe..

      14.09.2007, 00:28 von beenerin
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  • 0

    Du hast es echt erfasst, super!

    10.09.2007, 00:08 von Milchschnidde
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  • 0

    Sehr guter Text!ich weiss vornehmlich immer,welche Musik grade in war und mach an den Ohrwürmern der jeweiligen Zeit die Dinge aus,die mich beschäftigten,wenn ich denn zurückblick

    07.09.2007, 09:40 von Trommler
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  • 0

    Jetzt muss ich aber dch mal fragen, wofür Diana denn nun so berühmt ist!? Ich meine, wer gedenkt in so einem Umfang den Jimi Hendrix oder Robert Koch?
    Aber eigentlich tut sie mir eher leid, ich glaube nicht, dass ihr so ein Hype wirklich gefallen würde. Schon als sie lebte, wurde sie von der Presse gehetz und das hört nicht mal jetzt auf

    04.09.2007, 21:49 von Antje-Jimmy
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      @[Benutzer gelöscht] Na, ich hab mich doch gar nicht auf den Text bezogen, sondern nur allgemein meinen Senf zu gegeben.
      Ich weiß zwar nicht mehr, wo oder wie ich davon erfahren habe, aber ich fand es damals schon geschmacklos, wie viele Menschen damit umgingen (stimmt, mit Hendrix, da hast du ja recht). Ich glaube, viele sehen sie nicht als Mensch, sondern als Symbol (?), aber für was - ich kann mich auch an keine konkrete Tat oder Zitat erinnern

      05.09.2007, 16:44 von Antje-Jimmy
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      @Antje-Jimmy man sieht - zumindest meiner Meinung nach - in so ziemlich allen Promis ein Symbol für irgendwas - und nicht den Mensch. den kennt man nämlich nicht. und stimmt, was Struwwel sagt, es geht ja eigentlich um diesen "wo warst du als.." Gedanken.

      Lady Di wurde erstmal dadurch bekannt, dass sie ins Königshaus geheiratet hat. kein Verdienst. nur ein Bekanntheitssprung.

      05.09.2007, 19:58 von beenerin
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    Sehr schön geschrieben, vorallem der letzte Absatz.

    04.09.2007, 13:46 von GottimHimmel
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    Toll...

    03.09.2007, 19:14 von Judy_Jetson
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    Hey
    Mmmh, dein artikel gefällt mir ganz gut. Jedoch die geschichte um diana nicht so sehr. Ich finde das ende super, in dem du das mit den erinnerungen erörterst. Da hatte ich eine gänsehaut. Ich finde diesen teil besinders gut, weil ich es schön finde, wie du an diese sache rangehst, welche schlüsse du ziehst. Aber der anfang tut hierbei nicht viel dazu. Natürlich ziehst du die verbindung, aber ich fänd es toll, mal einen artikel zu lesen, der in die richtung des endes zielt und bin gespannt wo deine gedanken hinführen. Wenn du einen schreibst, dann wärs toll, wenn du ir bescheid sagst.
    trotzdem mag ich deine art zu schreiben und es hat spaß gemacht zu lesen. Vielen Dank!!!

    02.09.2007, 01:52 von hubidoo
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    an den todestag kann ich mich nicht erinnern...bzw, was ich da gerade gemacht habe...ich glaube, ich war gerade in frankreich und konnte die nachrichten nicht verstehen.
    aber ich war an dem wochenende der beerdigung in london...eine reise zur jugendweihe geschenkt bekommen. die stadt war voll...blumen über blumen, zehntausende im hydepark vor leinwänden, berittene polizei..mein '97.

    da ist 11/9/01 detailierter im gedächtnis geblieben..gut oder schlecht?

    02.09.2007, 00:17 von scipastone
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    wohliger schauer lief über rücken.

    die mädels sind andere geworden... irgendwie ist dieser text eine schöne hommage an zeit, wie sie uns prägt, aufnimmt und entlässt, in einen unaufhörlichen strom von veränderungen zieht... und erst im rückblick finden wir ein bild vor, das unser leben gezeichnet hat... udn es ist noch nicht fertig.


    wirklich gelungen geschrieben!

    empfehlung!

    02.09.2007, 00:06 von meui
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