Klarnebel 13.05.2012, 20:16 Uhr 0 0

Messebesuch - Teil 4

Auf der Leipziger Buchmesse.

Auf dem Weg dorthin lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten: die Clusterbildung. Ganz plötzlich und ohne erkennbaren Grund wird der Verkehr, der vor ein paar Sekunden noch flüssig war, zäh und dick, steht fast. Wer jetzt denkt, ich habe nur das Klo oder den Imbissstand übersehen, der irrt, denn es passiert auch in den Verbindungsgängen zwischen den Hallen. Trotzdem komme ich unbeschadet in Halle 5 an, die sich als wenig interessant herausstellt, jedoch über den – jetzt – nächstgelegenen Gastronomiebereich verfügt.


Da Füße, Magen und linke Schulter (Fototasche) schon seit Ende Halle 3 erkennen lassen, dass die Rebellion nicht mehr weit ist, sollte ich sie noch länger ignorieren, gebe ich nach und stelle mich an der Schlange (XXL) an. Als ich endlich Essen (S) und Getränk (M) in Händen halte, vergessen die Potentiell-Rebellen und ich kurzzeitig ihre Drohung und fühlen uns beraubt. Zwar war klar, dass die Preise auf der Messe das normale Niveau deutlich überschreiten werden, aber mit einer Steigerung um das Dreifache hatte ich nicht gerechnet. Nach dem Verzehr im Sitzen, der alle aufstandsbereiten Körperteile wieder beruhigt, versuche ich diesen kleinen Schock zu vergessen und freue mich stattdessen auf meinen bevorstehenden Besuch bei der Mauer aus alten Büchern.


Mein Orientierungssinn ist nach der kleinen Mittagspause wohl noch nicht wieder mit Personal besetzt und so irre ich erst durch drei Hallen, bis ich endlich die Richtige finde. An der Mauer angekommen, beschließe ich schnell, die restlichen drei Stunden Messeaufenthalt hier zu verbringen. Es ist einfach herrlich. Von ganz links außen schaue ich mich durch die Bücherregale und in Regal Nr. 3 stoße ich auf das erste Buch, das mich reizt: “Hirtengedichte” von Vergil. Drei Gründe sind dafür verantwortlich: Zum einen die äußere Form. schlank, hoch und rechteckig – es erinnert mich an teure Gedichtbände und an ein Buch mit den Fragmenten eines Schriftstellers, dass mich nachhaltig beeindruckt hat. Zum zweiten die Schriftart und die verzierenden Elemente, die schon fast Illustrationen sind und den Titel des Buches wo immer möglich unterstreichen. Zum dritten und letzten der Umstand, dass das Buch zweisprachig verfasst ist: im lateinischen Original und in der deutschen Übersetzung. Zwar hasste ich Latein früher, über die Jahre hinweg habe ich es aber “lieben” gelernt. Je weiter Weg die Zeit in der ich es verwenden musste, umso mehr erinnert es mich an einen alten Freund, mit dem man viel Streit hatte, an den man sich aber trotzdem nur in gutem Licht erinnert. Trotzdem wandert das Buch zurück ins Regal.


Als Sarah Kuttner ihren Auftritt auf der ARD-Bühne beendet, habe ich meine Wahl getroffen: ein Briefband des – wie es im Vorwort heißt – großen deutschen Dichters Gottfried Keller (wie ich später recherchiere stammt das Buch wohl aus dem Jahr 1925) herausgegeben von Max Nußberger und in sehr gutem Zustand (Zwölf Euro) und eine Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel “Der illustrierte Mann” (1962) von Ray Bradbury (Sechs Euro). Ersteres war – in meinen Augen – so schön, dass ich es einfach haben musste, auch wenn ich keine Ahnung hatte und habe, wer Gottfried Keller ist und Letzteres ein Schnäppchen, dessen Autor ich immer wieder gern lese, obwohl es manchmal schwer ist.


Ich bezahle und eine viertel Stunde später sitze ich zufrieden ganz hinten im Bus, wo ich sofort nach Fahrtbeginn einschlafe und bis zum Ende nicht mehr aufwache. An Träume kann ich mich nicht erinnern.


- Ende -


PS: In Teilen ist dieser Text auf meinem Handy während der Rückfahrt entstanden, dessen Wortrateprogramm mit Namen “T9″ ich dabei mehr als einmal verflucht habe. Im Ganzen war es dennoch eine, für mich als Füllfederhalter-und-Papier-Anhänger, ungewöhnliche Erfahrung, die durchaus auch Spaß bereitet hat. In bestimmten Teilen habe ich mir erlaubt, vom Tatsächlichen abzuweichen und etwas in die Fiktion abzudriften. Man sollte den “Bericht” also nicht zu wörtlich nehmen.

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