Orang 03.05.2005, 22:51 Uhr 17 1

Kill the Radio Star!

Meine Sinnesorgane sind den ästhetischen Belastungen einer postindustriellen Gesellschaft ganz gut angepasst. Eine Ausnahme bilden meine Ohren.

Ich bin ein ausgeglichener Mensch, selten richtig schlecht gelaunt und meistens freundlich selbst zu Menschen, die in meinen Augen komplette Vollidioten sind. Ich esse alles, wirklich alles außer Maultaschen und kann mir auch das Dschungelcamp anschauen, ohne einen Brechreiz zu verspüren. Letztens habe ich mir sogar volle zehn Minuten Klingeltonwerbungen auf MTV reingezogen. Mich hat einfach interessiert, wie lange zehn Minuten sein können. Wenn mein Mitbewohner das Klo gerade nach einer halbstündigen Sitzung verlassen hat, kann ich es betreten, ohne mir die Nase zuzuhalten. Ich kann auch einen Fisch ausnehmen, ohne vor lauter glibberigen Innereien den Appetit zu verlieren. Meine Sinnesorgane halten eine Menge aus. Sie sind den ästhetischen Belastungen einer postindustriellen und reizüberfluteten Gesellschaft ganz gut angepasst.
Eine Ausnahme bilden meine Ohren. Meine Ohren sind sehr sensibel. Besonders klebrig süßen Einheitsbrei vertragen sie nicht. Sie mögen keine Anette Lousian, keine Sarah Conner und Juli ertragen sie vielleicht einmal, aber garantiert nicht in der Dauerschleife. Sie melden dann hässliche, aggressive Impulse an mein Großhirn, ich werde grantig bis hin zur Unausstehlichkeit und breche Hasstiraden vom Zaun.

Ich weiß nicht, ob es früher mal so etwas wie gutes Radio gab, doch wenn ich heute das Radio anschalte, kommt die überwiegende Mehrheit der Musiksender einem akustischen Supergau gleich. Wobei Supergau nicht das richtige Wort ist. Bei einem Supergau passiert etwas, der absorbiert zwangsläufig Aufmerksamkeit. Das Radio dudelt im besten Fall. Radiosender wie Energy, Today oder Bayern 3 ähneln eher einer Gummizelle, in der jegliche emotionale Regung bis zur Unkenntlichkeit abgedämpft wird, einem Klang-Weichspüler, der die Sinne mit einer rosa Tapete ausstaffiert und individuelle Ausdrucksform aussperrt.

Es gibt ein paar Ausnahmen. In Teilen Bayerns zumindest kann man den exzellenten österreichischen Sender FM 4 empfangen und auch der Zündfunk hat so etwas, was man gute Radiokultur nennen kann. Und es gibt bestimmt noch ein paar andere. Diese Sender aber sind nicht von der Quote abhängig. Ihre Qualität basiert auf ihrer Unabhängigkeit von der Nachfrage und das verschafft ihnen die Freiheit, ein aufgeklärtes Publikum zu bedienen.

Alle anderen, freien und Musiksender, die kommerzielle Interessen verfolgen, leiden unter Wettbewerbsdruck und müssen buhlen. Sie dürfen ihre Hörer nicht verschrecken. Der Markt ist übersättigt, seitdem es Internet-Radio gibt sowieso. Deshalb müssen sie Musik spielen, deren Hören den Hörern nicht auffällt. Das Programm muss so flach gestaltet sein, dass der Impuls des Abschaltens bzw. des Senderwechselns erst gar nicht entstehen kann. Musik, die keine Herausforderung an das Ohr stellt. Musik, die alles gleich macht und immer gleich klingt, bei der die Stimme des Moderators mit der Musik und die Musik mit der Werbung zu einem glibberigen Einheitsbrei verschmilzt, bis eine Suppe übrig bleibt, die keinen Eigengeschmack mehr hat, die nur noch nach gefühlsduseligen Glutamat schmeckt. Darin schwimmen aufgeschwemmten Backerbsen gleich nur noch schwer definierbare Häppchen, die zum fünften Mal in der Mikrowelle aufgewärmt wurden und schon beim ersten Mal scheiße schmeckten.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. So läuft das im Kapitalismus und das ist gar nicht so schlecht. Bloß, gibt es in dieser Republik tatsächlich eine solch große Nachfrage nach seichter Hörbelästigung? Oder fahren da die vielen Sender einfach eine komplett beschissene Marketing-Strategie wie man sie auch jüngst beim Verfall von MTV und VIVA erleben konnte? Da herrscht das Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners, dessen Todfeind die Individualität ist. Die wird aufgegeben zu Gunsten eines Massengeschmacks, der zwangsläufig seicht und damit schlecht sein muss, denn auf etwas einigen kann sich eine große Anzahl von Menschen nur schwer. Klingelton sticht Charlotte Roche.

Musik ist Geschmackssache. Und über Geschmack, sagt man, lässt sich nicht streiten. Dem einen gefällt eben Sarah Connor und mir nicht. Sicherlich. Es gibt auch Leute, deren Leibgericht Pommes mit Ketchup sind und es leben auch Menschen in diesem Land, die sich lieber Bilder von Bob Ross ins Zimmer hängen als welche von Toulouse-Lautrec. Und es gibt auch Medien, die den schlechten Geschmack fokussieren.
Guter Geschmack erfordert Arbeit. Man muss ihn lernen. Um ihn zu erlangen, ist es notwendig, seine Sinne zu schulen und ihnen Raritäten und Kuriositäten zuzuführen. Nur so lernt man zu unterscheiden und in der Kunst der Unterscheidung liegt der gute Geschmack begründet.
Radiosender aber akzeptieren nichts außerhalb des Mainstreams. Radiosender sind eine Dystopie der Demokratie. Radiosender schalten gleich und ja, Radiosender sind irgendwo faschistisch. Und jetzt werde ich das Radio ausschalten.

1

Diesen Text mochten auch

17 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Und wenn es hier nicht bald eine Möglichkeit gibt Tippfehler aus seinem Beitrag zu löschen dan raste ich noch mehr aus.

    28.04.2006, 16:50 von andiwersonst
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Geil" find ich auch die Unsitte die Banalsten aller Titel dieser Welt, vor einem Werbeblock runterzuleiern.
    "Und gleich hören Sie von Europe The Final Countdown [kurzes Anspielen] und die neue Scheibe von Silbermond ......."
    Der WAHNSINN ich flipp total aus, da hör ich mir natürlich beschissene Radiowerbung an wenn ich danach mit so toller Musik verwöhnt werden. Ich galub heut komm ich sowieso zu spät zu Arbeit weil ich mich nicht von meinem Autoradio losreisen kann und gleich kommt Nena, der Irrsinn wo gibt es denn noch sowas NENA im Radio.

    Das sind die Momente in denen ich mir den freien Verkauf von Sprengstoff herbeiwünsche.

    Außer Zündfunk und FM4 nicht zu vergessen M94.5,
    leider nur in München zu empfangen und München wiederum ist genausowenig zu ertragen wie Klingeltonwerbung zu ertragen.

    28.04.2006, 16:48 von andiwersonst
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mir hat starFM hier in berlin den glauben ans radio wiedergegeben. seitdem hör ich den sender wo ich gehe und stehe. über handyradio im studio, aufm bike (radl und motorrad). einfach nur geil.

    nun ja, klar sie haben auch spots.

    aber ohne "meinen" starFM hätte ich so manche geile mucke nicht kennengelernt. jo.

    und oh glück: KEIN xavier N. ..
    mein kollesche im büro und ich wechseln uns fairerweise immer ab. mal ein tag mein sender, einen tag seiner. und grad läuft xavier.. oh gott. *G*

    27.04.2006, 16:59 von RedSonja
    • Kommentar schreiben
  • 0


    Du hörst noch Radio? Weswegen?

    26.04.2006, 21:10 von bibliophile
    • 0

      @bibliophile du hörst kein radio? *wunder*

      27.04.2006, 16:56 von RedSonja
    • 0

      @RedSonja
      Wenn ich informiert werden will, lese ich Zeitung und surfe. Ich bin also nicht abhängig von der Zeit noch von der Meinung der Reporter, die mir Meldungen zuteilen. Auch kann ich mir aussuchen, welche Information... für mich interessant erscheint, und worüber ich mehr wissen will.

      Gegenfrage: Warum hörst du Radio, außer um die neueste "Mucke" mitzubekommen?

      27.04.2006, 22:47 von bibliophile
    • 0

      @bibliophile tscha, die musik ist auf jeden fall der schwerpunkt, denn für nachrichten hab ich die öffentlich rechtlichen und lieber print.

      interessant noch die nachrichten was wo wann veranstaltet wird und der verkehrsfunk.

      28.04.2006, 11:52 von RedSonja
    • 0

      @RedSonja "Musik ist auf jeden Fall Schwerpunkt..."

      Da aber nicht jeder den gleichen Musikgeschmack hat, und sich nichts vorsetzten lassen will, weil er der Meinung ist, dass er die Musik hören will, die zu seiner mometanen Stimmung passt, fehlt das überzeugende Argument.

      Auch greift die weitere Ausführung nicht, dass Verkehrsfunk wichtig ist, den bei dem Öffentliche Verkehrsmittel ist es ziemlich egal.
      VBeranstaltungen lassen si h auch in vielen Beilagen

      28.04.2006, 16:19 von bibliophile
    • 0

      @bibliophile Entschuldige, bin aus Versehen auf den "Antwort-Button" gekommen, glaube sollte mich jetzt einfach ins Bett stecken, mit mir ist scheinbar noch weniger als sonst anzufangen.

      Was ich aber noch sagen wollte ist, dass Radio für mich keine Vorteile bringt, und ich viele Alternativen gefunden habe, zu dem übliche "Gedudel".

      28.04.2006, 16:41 von bibliophile
    • 0

      @bibliophile stichwort musik, die zu meiner stimmung passt. auf dem sender kommt zu 95% musik, die mir gefällt. und die mich hochbringt.

      was heißt denn vorsetzen? ich bin neugierig auf unbekanntes und lass mich gerne überraschen.

      wieso überzeugendes argument? ich will dich doch gar nciht überzeugen, dachte hier ginge es um einen austausch?

      und ob es "greift" dass verkehrsfunk wichtig ist? he, für mich ja, für dich nicht.

      nachsatz: hab 7 jahre im nicht englischsprachigen raum gelebt. wo es kein radio gab, das auch nur der rede wert gewesen wäre, bzw. das ich verstanden hätte. du glaubst ja nicht, wie das die sicht auf die dinge verändert. so ne längere abwesenheit aus D.

      ach ja nachfrage: welche alternativen hast du denn?

      28.04.2006, 16:56 von RedSonja
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Sehr zutreffend: Radiohören macht mittlerweile echt aggressiv. Kein Unterschied zwischen den ganzen Kommerz-Sendern, einer so dämlich wie der andere!

    Die Krönung heute morgen erlebt, als ich Dank geschrottetem CD-Teil im Auto ne halbe Stunde Radio hörte: Radio Hamburg, am Micro der unfassbar unsägliche John Ment. Musik läuft (na ja, sogenannte Musik) und mitten im Song quatscht der Typ "Der nächste Gag kommt in 2 Minuten".

    Meine Güte, eine krasse Form der Selbstüberschätzung. Aber auch voll crazy und herrlich verrückt...*wein*

    29.07.2005, 18:12 von Banzai-Bob
    • 0

      @Banzai-Bob Ja, Hamburg ist radiotechnisch nun wirklich der Supergau unter den Supergauen. Von den Städten, in denen ich bisher gelebt habe (Hamburg, Bremen, Erfurt, Berlin) geht ersteres am wenigsetn. Ehrlich gesagt bekomme ich schon aggressionen, wenn ich nur an die Hamburger Radiostationen denke. Sprengt den NDR!

      02.08.2005, 01:36 von Sebush
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich glaube, ich hasse abwaschen auch darum, da in der küche nur ein radio steht. ich bekomm da echt schlechte laune. der slogan: "wir spielen alles" oder "das beste von heute und so weiter... " klingt wie eine drohung, eine ständige aufforderung zum abschalten. und letzteres sollte man einfach tun.
    ein hoch auf 10fach- cd- wechsler. und mp3. in diesem fall.

    21.05.2005, 16:05 von brot
    • Kommentar schreiben
  • 0

    'Wir' hier bei neon sind wohl eine Zielgruppe die nicht groß genug ist für einen 'guten' Radiosender... :-(

    Von dem sagenhaften FM4 aus Österreich habe ich auch schon von Freunden aus München gehört...

    Wenn man zu Hause ist und eine DSL Flatrate hat, kann man inzwischen auf Internet Radiosender ausweichen... ist aber natürlich irgendwie umständlicher als einfach ein Radio einzuschalten....

    Sehr schöner Artikel!

    19.05.2005, 21:40 von Fuexa
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare