Songline 18.06.2007, 19:10 Uhr 13 17

Jenseits der Angst

Kein Mensch spricht bei uns über Pressefreiheit. Im Irak opferte Sahar al-Haidari für sie ihr Leben.

.“Wir leben in Angst und Sorge und denken permanent über unser eigenes Schicksal nach und das unserer Familie und unserer Freunde. Aber ich habe niemals darüber nachgedacht, aufzugeben, denn Journalismus ist mein Leben und ich liebe ihn sehr.“
Dies sagte Sahar al-Haidari vor ein paar Monaten. Nun ist sie tot.

Die Zahlen rauschen unreflektiert an uns vorbei. Es sind ja nur Zahlen in einer Fülle von Nachrichten, Zahlen, die uns täglich verkündet werden und über die wir nicht mehr nachdenken. Würden wir über sie nachdenken müssen, könnten wir verzweifeln über den alltäglichen Wahnsinn, den sie zugleich dokumentieren und geschickt verbergen.

Ich möchte eine Geschichte erzählen, um wenigstens einer dieser Zahlen ein Gesicht zu geben. Der so nichtssagenden Zahl der weltweit getöteten Journalisten.

Auf der Internetseite von Reporter ohne Grenzen stehen ihre Namen. 45 Namen von Journalisten, die allein in diesem Jahr getötet wurden. Wahrscheinlich werden es am Ende des Jahres wieder mehr sein als im Jahr zuvor, denn die Zahl steigt von Jahr zu Jahr an. 25 waren es noch in 2002, schon 84 im letzten Jahr. Nach nicht einmal 6 Monaten in 2007 sind es bereits 45. Und Sahar al-Haidari ist noch nicht dabei.

Die irakische Journalistin wurde am 07. Juni in Mosul aus einem fahrenden Auto heraus erschossen, als sie auf ein Taxi wartete.

Sie wusste um die Gefahr, in der sie sich befand und war hin- und hergerissen zwischen der Angst um die Sicherheit ihrer selbst und ihrer Familie und dem Wunsch, nicht vor denen zu kapitulieren, die sie töten wollten. Nach dem Mord an ihrem Schwiegersohn waren ihr Mann und ihre vier Kinder nach Syrien geflohen. Sie selbst blieb im Irak, um weiter über das Leid der Bewohner in Mosul zu berichten.

Sahar al-Haidari schrieb für die unabhängige Nachrichtenagentur Aswat al Irak (Stimmen des Iraks) und für das Institute for War & Peace Reporting, IWPR über politische und kulturelle Themen. Seit mehr als einem Jahr stand kein Name mehr über ihren Artikeln oder sie veröffentlichte unter Pseudonym.

Mutig berichtete sie über die Zustände im Irak, verfasste einen Artikel über die Nachteile der Polygamie und dokumentierte zuletzt die Steinigung einer 17-jährigen, die sich in einen Jungen verliebt hatte, der nicht ihrer Volksgruppe angehörte.

Schon zweimal war Sahar al-Haidari nur knapp dem Tod entgangen. 2005 entkam sie einer Gruppe militanter Entführer wie durch ein Wunder. In 2006 wurde sie angeschossen und schwer verletzt, während sie brennende Moscheen fotographierte.

Sahar al-Haidari war eine der mutigen Journalistinnen in muslimischen Ländern, die offen die Konflikte und das Leid der Frauen in männlich-dominierten, undemokratischen Gesellschaften aufzeigten. Dies brachte sie, wie viele andere, auf die Todeslisten derer, die jeden gesellschaftlichen Wandel des archaischen Herrschaftssystems mit aller Macht und Brutalität zu verhindern suchen.

Journalisten zu töten zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit ist normal geworden, nicht nur im Irak. Innerhalb weniger Tage vor Sahar al-Haidari starben auch der irakische Journalist Nizar al Radhi, 38, und die afghanischen Journalistinnen Zakia Zaki, 35, und Sanga Amach, 22, im Kugelhagel. Dr. Abdelrohman Alisawi, ebenfalls Journalist im Iran, wurde zusammen mit 7 Familienmitgliedern in seinem Haus ermordet.

Die Journalisten, die aus Krisengebieten berichten, sind sich der Gefahr bewusst. Sie nehmen an Trainingsmaßnahmen und Verhaltensschulungen teil. Sie sind so vorsichtig, wie man nur sein kann. Doch im Grunde stellt jeder von ihnen die Suche nach der Wahrheit und die Presse- und Meinungsfreiheit über seine persönliche Sicherheit.

Zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai 2007 schrieb Sahar al-Haidari über ihren Tod: Sie wünsche sich, dass er kurz und schmerzlos sei: „Eine Kugel ins Herz“.

Sie traf."Wichtige Links zu diesem Text"
Artikel von Sahar al-Haidari (englisch) auf der Seite des IWPR
Reporter ohne Grenzen

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13 Antworten

Kommentare

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    wirklich gut geschrieben !!!! ...
    gruss
    E.

    21.06.2007, 13:40 von EROSS
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    respekt!

    21.06.2007, 11:45 von schoki-ella
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    Sahar al-Haidari wird sich nicht gefragt haben, ob ihre Überzeugung und ihr Mut es wert waren, sich dafür in Lebensgefahr zu begeben. Das ehrt sie. Aber ich frage mich es. Und ich frage mich, wie ihre Kinder es sehen.

    Ob sie erkennen, dass ihre Mutter sich dazu berufen sah, durch ihre Arbeit zumindest zu versuchen, Augen zu öffnen. Der Versuch, etwas zu ändern, zum Besseren.

    Oder ob es ihnen Hass schürt, der möglicherweise auch in Gewalt enden könnte.

    Ein sehr guter Artikel, den ich gerne empfehle und der sich den Platz auf der Home redlich verdient hat.

    20.06.2007, 20:44 von the_actress
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    sehr guter und besonders wichtiger artikel.

    20.06.2007, 04:53 von gasa26
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    ja, ein wichtiges Thema, das erschüttert. Während in Deutschland oft über das Fehlen von Idealismus und "großer Themen" geredet wird, kämpfen Journalisten im Iran, Irak und an anderen Orten für überlebenswichtige Werte. Anstatt Zeitungen mit Boulevard und Endlosschleifen toter Themen zu füllen, sollte es mehr Artikel wie diesen geben.

    19.06.2007, 16:08 von alicewonderland
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    Wie erschreckend, daß es so einfach ist Menschenrechte zu verletzen.

    Danke für deinen Artikel - er macht traurig und rüttelt auch auf. Hoffentlich lesen ihn viele Menschen die dadurch mal wieder an das Previleg des Menschsein in Deutschland erinnert werden.

    19.06.2007, 14:55 von SuppenJessi
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    richtig guter Artikel! Sowohl sprachlich als auch inhaltlich! Danke dafür!

    19.06.2007, 12:59 von Kuestentini
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