Ich Quote!?
Antje Vollmar treibt sie engagiert voran. Wolfgang Thierse ist auch dafür. Die Band Mia findet sie sexy. Die NPD auch.
„Gitarrenhändler ihr seid Schweine, Gitarrenhändler ich verachte Euch zutiefst, Gitarrenhändler ihr seid Doofmänner“, Tocotronic
"Ein Land, welches seine Volkslieder vergisst, ist dabei, vergessen zu werden.“ Dieser Satz des Chorleiters Gotthilf Fischer findet sich auf der Homepage derjenigen Initiative, in welcher sich deutschsprachige Musiker, unterstützt vom reaktionären „Verein Deutscher Sprache“ und Interessensgruppen der Deutschen Popmusik, zusammengeschlossen haben um für das Anliegen einer Deutschquote zu streiten. Auch wenn man zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen kann wie akut die Gefahr ist, Deutschland könnte mir nichts, Dir nichts einfach vergessen werden, und wenn ja, ob dieser Prozess durch das vermehrte spielen von Pur, Lindenberg oder Maffei aufzuhalten ist, hielt der Bundestag das Thema für so wichtig, dass es dazu eine Anhörung gab und die Radiosender in einem von Rot/Grün eingebrachten Antrag dazu aufgerufen wurden sich dazu (selbst) zu verpflichten einen Anteil von 30% an deutscher Musik zu spielen.
In den letzen Jahren war die Sache eigentlich recht einfach: Deutsche Künstler die ihre besten Tage schon seit längerem hinter sich hatten (Lindenberg, Maffei) versuchten kapitalistischen Spielregeln zu verändern um ein paar GEMA-Gerbühren mehr zu kassieren, und verschleierten dieses Anliegen indem sie senil etwas von der Kulturnation Deutschland daherfaselten. Dies war bisher so durchsichtig, dass man zwei Wochen nach der Popkomm wieder seine Ruhe hatte. Diesmal lag die Sache allerdings ein bisschen anders. Neben Yvonne Catterfeld und Frank Zander fanden sich einige Bands bereit die Initiative „Alle in eigener Sache“ zu unterstützen, die zumindest in ihrem musikalischen Werk zumindest halbwegs ernst zunehmend sind. Die Berliner Band „Zweiraumwohnung“ gehört dazu genauso wie der linksradikale HipHopper jan delay oder die Münchner Lokalmatadores Sportfreunde Stiller, welchen ja – es sei nur am Rande erwähnt – das Kunststück gelang es, trotz der antideutschen Stimmung innerhalb der hiesingen Radiolandschaft, hier und da in die Charts zu schaffen.
„Das ist nicht Amerika, Nein, Nein.“ Richard von der Schulenburg
Seitens der Quoten Befürworter wird die Deutsche Musik meist als wehrloses Opfer eines übermächtigen amerikanischen Kulturimerialismus dargestellt. Dies ist heute so wenn Wolfgang Thierse in ihr ein Mittel gegen den übermächtigen US-Amerikanischen Kulturimerialismus sieht und war schon 1996 so als Heinz Rudolf Kunze schwadronierte, "dass gerade in Deutschland und Japan, in den Verlierernationen des Zweiten Weltkriegs, die Flut von ausländischer Musik und von ausländischem Schund besonders widerstandslos geschluckt wird" und sich durch eine Quote den "musikalischen Austritt aus der Nato" versprach. Offensichtlich vergessen diese Herren, dass es Zeiten gab, in denen die Rundfunkquote im Westen de Facto existierte und im Osten per Gesetz festgeschrieben war. Im Westen wurden bis weit in die sechziger Jahre hinein fast ausschließlich Produktionen gespielt. Die Jugend wandte sich in Massen ab. Der amerikanische Schund der Doors oder Stones war ihnen lieber als deutsche Qualitätsmusik a lá Peter Alexander.
Auch das Deutsche Musik hierzulande kommerziell zu kurz kommt ist nicht zu belegen. Das Gegenteil ist eher der Fall: Heute (am 3. Januar 2005) befanden sich unter den Top 5 LP-Charts drei Deutsche Interpreten (Juli, Söhne Mannheims, Silbermond). Im Jahr 2004 war, wie der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft erst kürzlich in seinem Jahreswirtschaftsbericht ermittelt hat, "deutsche Musik in den Charts so stark wie nie zuvor". 29,5 Prozent der in den Hitparaden vertretenen Alben und 54,7 Prozent der Singles stammten aus dem nationalen Repertoire. "Der Mythos, dass die Phonowirtschaft nur mit internationalen Topstars Geld verdient, ist falsch", schreibt der Verband. "Deutsche Künstler haben in Deutschland ein großes Publikum."
Bemerkenswert sind ist auch die Reaktion vieler kleinerer Deutscher Bands und kleinerer Deutscher Independent Label. So äußerten Blumfeld in einer Erklärung unmissverständlich, dass sie „für derartigen Populismus und Vaterlandsliebe jedweder Art nach wie vor nicht zur Verfügung stehen." Auch Bands wie die Sterne oder Tocotronic, welche möglicherweise von einer Deutschquote profitieren würden sprachen sich dagegen aus und warnten vor einer „Verdeutschung“ des Rundfunks. Kulturelle Vielfalt sei wichtig und es sei primär egal aus welchem Land die Musik komme oder in welcher Sprache sie gesungen werden. Es käme eher darauf an, dass es sich um gute Musik handele.
„Fickt das System“, Die Sterne
Sicherlich ist das was heute von den meisten Radiosendern gespielt wird eine einzige Zumutung. Kein Mensch hat mehr Bock auf Robbie Williams und Brittney Spears. Ob aber Olli P. und Yvonne Catterfeld die besseren Alternativen sind erscheint fraglich. Es wäre sicherlich sinnvoll gerade im öffentlich rechtlichen Rundfunk mehr Independentproduktionen zu spielen und zu fördern, und zwar unabhängig davon aus welchem Land sie stammen. Gute Musik aus kleinen Independent-Labels gibt es eigentlich überall, in Frankreich, den USA, Indien, Japan, Spanien, manchmal sogar in Deutschland. Die Aufgabe der Radiosender wäre es diese für ihre Hörer ausfindig zu machen und evtl. entsprechen aufzubereiten. Möglicherweise könnte eine Quote oder –noch besser - positive Anreize, wie z.B. eine konsequentere finanzielle Unterstützung alternativer Radiosender, in diese Richtung tatsächlich sinnvoll sein. Entscheidend wäre es für mehr Vielfalt zu sorgen und das Highrotation-Prinzip in Frage zu stellen. Beides leisten kulturnationalistische Forderungen á la Deutschquote nicht"Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.alle-in-eigener-sache.de






Kommentare
In den ganzen Absätze, die nur ums Diffarmieren der Teilnehmer an der Aktion ging, musste ich besonders über "der linksradikale HipHopper jan delay" schmunzeln.
20.09.2005, 01:45 von verwirrterDen Hinweis aus die NPD fand ich auch arg daneben. Ich kann's mir nur so erklären, dass LeChuck zu der Generation gehört, die ausschließlich mit englischem Pop aufgewachsen ist. Früher konnte man ja oft hören: Popmusik und deutsche Sprache geht nicht zusammen.
23.07.2005, 16:18 von jarmoDieses Vorurteil ist inzwischen von zig deutschen Bands widerlegt worden. Es gibt kaum noch ein Popgenre, in dem sich nicht auch deutschprachige Band tummelm - oft mit großem Erfolg.
also ich denke trotz allem, dass deutsche musik jetzt mehr im radio gespielt wird als früher. ich war jetzt für ein jahr im ausland und mir kommt es jetzt viel mehr vor als früher, was ich auch sehr gut finde.
17.07.2005, 00:47 von sonnenkind87ich habe dann nochmal eine frage LeChuck: was hat das auf sich mit der npd in deiner einleitung? da habe ich leider nicht so ganz durchgeblickt? trotzdem sehr informativer artikel. danke.
Die neuesten Zahlen und Fakten zeigen, dass die stereotype Antwort der Radiosender "Wir spielen nur, was der Hörer hören will" nur eine Schutzbehauptung ist. Wie sonst ließe es erklären, dass sich deutschsprachige Musik glänzend verkauft und trotzdem von den Sendern weitgehend ignoriert wird?
09.03.2005, 18:29 von jarmoDigital-Fernsehen vom 9.3.2005
http://www.digitalfernsehen.de/news/news_24017.html
Weniger deutschsprachige Musik im Radio
Berlin - Laut einer aktuellen Studio ist der Anteil deutschsprachiger Musik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von 38,3 Prozent im Jahr 2002 auf 14,5 Prozent 2004 gesunken.
Das ist das Ergebnis einer Studie, die die deutschen Phonoverbände in Auftrag gegeben hatten. Im privaten Rundfunk sei der Anteil deutschsprachiger Titel von 8,7 auf 6,7 Prozent gefallen.
Bei den deutschen Produktionen ging er im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von 49 auf 25,6 Prozent und im privaten Rundfunk von 23,3 Prozent auf 19,1 Prozent ebenfalls zurück. Deutschsprachige Neuheiten lagen den Angaben zufolge im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur bei 4,9 Prozent (2002: 1,2 Prozent) und bei den Privaten bei 2,2 Prozent (2002: 0,6 Prozent) - und dies trotz der Erfolge, die gerade neue deutsche Künstler wie Juli oder Silbermond im vergangenen Jahr feiern konnten, wie die Phonoverbände kritisierten.
Für die Untersuchung hatte Nielsen Music Control den Angaben zufolge alle Neuheiten, deutschsprachigen Neuheiten, deutsche Titel insgesamt und deutsche Produktionen am Gesamtprogramm der 100 reichweitenstärksten Radioprogramme im Jahr 2004 erhoben.
Der Vorsitzende der Phonoverbände, Gerd Gebhardt, sprach von einer Diskriminierung "deutscher Musikkultur" in den Radioprogrammen. Unter den 25 meistverkauften Alben 2004 seien 10 von deutschen Künstlern gewesen. Aber nur zwei deutsche Künstler hätten sich unter den 25 meistgespielten Titeln im deutschen Rundfunk gefunden.
In Deutschland gibt es schon seit längerem Streit über eine mögliche Quote für deutschsprachige Musik im Radio, wie es etwa in Frankreich der Fall ist. Der Bundestag hatte im Dezember die Radiosender aufgefordert, im Rahmen freiwilliger Selbstverpflichtungen deutschsprachiger Musik eine stärkere Programmpräsenz einzuräumen. (ddp)
Hallo, es gibt sie noch die Radiohörer! Bei diesem Programmangebot, speziell im Internet, kann man nicht von "immer der gleichen" Musik sprechen. Während ich das hier schreibe höre ich z.B. gerade MotorFM gegründet vor wenigen Wochen von Tim Renner, der ja hier schon erwähnt wurde. Ansonsten gibts Sender wie Radio Fritz, FM4, Bayern2 usw. die wirklich abolut neue und geniale Musik spielen mit super Qualität und trotzdem weit weg vom Mainstream (womit ich nicht sagen will dass Mainstream immer was negatives ist). Wertgelegt wird bei dem österreichischen Sender FM4 vor allem auch auf die Förderung junger, unbekannter, kleiner einheimischer Bands, indem man ihre Musik spielt.
04.03.2005, 19:46 von kritikerderneuzeitEine Quote im Radio für deutschsprachige Musik wäre meiner Meinung nach trotzdem sehr sinnvoll, damit auch der Durchschnittsmensch überhaupt erfährt, dass es auch andere Musik gibt als von Fräulein Spears aus den Staaten. Ich selbst hab das auch erst vor ca. 7 Jahren gemerkt, als ich auf einmal Radio Fritz empfangen konnte -- davor immer nur Bayern3 usw. Zudem haben ja Bands bekanntermaßen auch einen großen Einfluss auf die Kultur allgemein und insbesondere auf Trends. Je mehr deutsche Bands in den Charts sind, desto mehr werden auch neue Trends -- aus welchen Bereichen auch immer -- aus Deutschland kommen. Das hat sicher überwiegend Vorteile, wenn wir endlich mal nicht jedem Trend aus den USA hinterherlaufen müssten. Oder? Vielleicht kommt ja die Band Tocotronic morgen auf die Idee von nun an ihre T-Shirts immer falschherum anzuziehen. Wenn dann andauernd ihr Musikvideo gespielt wird, sieht das auch jeder. Jeder 10. findets cool und will in Zukunft genauso rumlaufen und dann und dann.... Ja, so entstehen eben die Trends, auch wenn das Beispiel hier grad a bisserl dumm war (nicht vergessen: es ist Freitagabend..).
Yo, das wars von mir zu diesem Thema
Und: Tim Renner for President!
Man kann mit guten Grund gegen die Radioquote polemisieren, nur: LeChuks Ansammlung von Halbwahrheiten und Ressentiments stimmt hinten und vorne nicht. Ich will will hier nur ein paar Beispiele seiner unstimmigen Argumente anführen.
15.01.2005, 21:55 von jarmoErstens verwechselt er die Initiative "Musiker in eigener Sache" http://www.the-berliner.com/musiker_in_eigener_sache mit der Pro-Quote-Seite des Vereins Deutsche Sprache (VDS) http://www.alle-in-eigener-sache.de . In der ersteren haben sich rund 600, meist jüngere Musiker zusammengeschlossen, keineswegs nur "deutsche Künstler die ihre besten Tage schon seit längerem hinter sich hatten".
Dass viele neue deutsche Bands im vergangenen Jahr die Charts gestürmt haben, ist ihnen trotz fehlender Radiounterstützung gelungen. Ins Rotationsradio haben einige von ihnen es erst dann gebracht, als ihre Szenenpräsenz unüberhörbar geworden war. Was in Deutschland wie eine Ausnahmeerscheinung anmutet, ist in Frankreich dank einer Radioquote von 40 Prozent für einheimische Interpreten längst Alltag geworden - zu Gunsten der etablierten Künstler und ihres Nachwuchses sowie der dortigen Phonoindustrie, die seit Einführung der Quote schwarze Zahlen schreibt. Bei unserem Formatradiosystem geht der Löwenanteil der Tantiemen und Royalties an angloamerikanische Mulitimillionäre, der einheimische Nachwuchs geht leer aus.
Was an der Forderung einer Radioquote von 30 Prozent - vertreten durch parteiübergreifende Politiker des Bundestags, 600 Künstlern, der Phonindustrie und Organisationen wie dem VDS - reaktionär oder nationalistiswch sein soll, bleibt LeChucks Geheimnis. Fast alle über 40 auf der VDS-Seite aufgelisteten Umfragen belegen, dass eine - reaktionäre? - Mehrheit der Befragten für mehr deutschsprachige Musik im Radio plädiert. Ein Drittel einheimische Musik in den Medien ist in anderen europäischen Ländern eine Selbstverständlichkeit, nur in Deutschland wird Musik in der Landesprache als reaktionär oder Schlimmeres beargwöhnt - nationalmasochistische Töne statt einem unverkrampften Verhältnis zur "gesungenen Landessprache".
@jarmo wir werden die probleme der popmusik nicht durch ein radioquote lösen können. Die musik verflacht, da kann man auch mit der quote nichts gegen machen, außerdem ist es nicht abzustreiten, dass deutsche popmusik in den charts vertreten ist, also sehe ich kein problem.
18.02.2005, 11:05 von kraMdas einzige was man tut, ist weitere Bürokratie zu schaffen (als ob es davon nicht genug gebe...) und somit den radiosendern das leben schwerer macht.
Ich bin für etwas ganz anderes um mal wieder ein bisschen innovation einzuführen...eine selbstverpflichtung oder dergleichen (kein gesetz!), dass eine quote für neue musik vorschreibt. Das eigentliche problem ist, das wir nur noch altre lieder im radio zu hören bekommen. man hörrt nur noch, was sich etabliert hat. sehr aufschlussreich ist dazu auch das buch "kinder der tod ist gar nicht so schlimm", von Tim Renner.
Diese quotendiskussion wird ohnehin alle jahre wieder zum zwecke der popuslismus in die medien gebracht (vorzugsweise im sommerloch..), für mich ist das allmälich nicht mehr glaubwürdig. wenn es wrklich so eine front DAFÜR geben würde, wäre sie schon längst da.
@kraM Moin kraM!
18.02.2005, 23:39 von jarmoEine freiwillige Selbstververpflichtung, mit der die Sender aufgefordert werden, mindestens 35% deutsche Musik zu senden und dem Nachwuchs eine Chance zu geben, wurde bereits in diesem Jahr vom Bundestag beschlossen.
Es bleibt abzuwarten, ob diese Vorgaben reichen, die verkrusteten Sendestrukturen des Dudelfunkks (Format- und Rotationsradio) aufzubrechen. Ok, die Quote ist kein Selbstzweck, doch wenn nach einer längeren Frist die Selbstverpflichtung nicht greifen sollte, bin ich dafür, nach dem Vorbild Frankreich eine Radioquote einzuführen. Dort hat sie nachweislich zu einer kräftigen Belebung des französischen Musikmarkts und der Nachswuchsförderung geführt - das könnte bei uns auch klappen.
Ja, gute Zusammenfassung der ganzen eigentlich albernden Diskussion. Denn wer hört heute noch Radio und sieht TV, um etwas Neues zu hören. Ich höre nur öffentliche Radiosender, da die noch unabhängg sind und da noch nach den Motto vorgegangen wird: Was gut ist setzt sich durch. Ausserdem ist ja nun Juli oder Silbermond nun wirklich nicht der Retter der deutschsprachigen Musik. Ich fühle bei mir eher alte Instinke geweckt: ich jage die gute Musik oder sammle sie, aber dafür muss man suchen.
14.01.2005, 21:47 von xylophon