misspringle 30.11.-0001, 00:00 Uhr 64 32

Der König ist tot! Lang lebe der König!

Ich gestehe: ich war ein Fan von Michael Jackson. Dann begann ich mich dafür zu schämen. Und heute schäme ich mich dafür, dass ich mich geschämt habe.

Laut Wikipedia ist der Nachruf "eine Würdigung des Lebenswerks eines kürzlich Verstorbenen." Bei Prominenten, deren bewegtes Privatleben sich bisweilen - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - seinen Weg an die Öffentlichkeit gebahnt hat, scheint es manchmal schwierig zu sein, das mit dem "Würdigen" ordentlich hinzukriegen.

Oft sind Medien respektlos. So sollen die Nachrufe für Britney Spears, Amy Winehouse und Pete Doherty schon verfasst sein und in der Schublade irgendeiner Klatschredaktion druckfertig auf ihren großen Auftritt warten - das Abtreten der Stars. Oft sind Medien auch zu respektvoll. Da wird dann endlos rumgeseiert, Sternchen werden zu Stars hochstilisiert, relativ verdienstlose Marionetten der Unterhaltungsindustrie werden posthum zu Ikonen.

Im Fall von Michael Jacksons Tod ist ein würdig(end)er Nachruf eine Aufgabe, die wohl so manchem Schreiberling Kopfzerbrechen bereiten dürfte. War der King of Pop doch in den letzten Jahren (Jahrzehnten?) eher durch andere Dinge als seine Arbeit in die Schlagzeilen geraten. Und dennoch: sollte man sich nicht auf sein "Lebenswerk" beschränken? Dazu gehören weder seine Schönheitsoperationen, noch seine Gerichtsverfahren, noch seine "gestohlene Kindheit". Aber seine Musik, sein Einfluss auf andere Musiker, und vor allem die Hoffnungen und Träume, die er nährte, der Mut, den er Menschen auf der ganzen Welt gab.

Das klingt jetzt pathetisch und entspricht auch nicht ganz meinem persönlichen Empfinden, obwohl ich mit 7, 8 Jahren begeisterter Fan war, seine Alben "Thriller" und "Bad" auswendig kannte und meine Freizeit mit kläglichen Nachahmversuchen seiner Tanzschritte verbrachte. Aber wenn eine Lady Diana, die allein mit ihrem rehgleichen Augenaufschlag Millionen von Menschen verzückte, ansonsten aber nicht viel mehr unter "Lebenswerk" zu verbuchen hatte, als den Prince of Wales geehelicht zu haben, zur "Königin der Herzen" hochstilisiert werden kann (und nach ihrem Tod fast zur Heiligen), dann möchte ich in einem Nachruf über Michael Jackson verdammt noch mal nicht hören, was für ein schrulliger Kauz aus ihm geworden war, sondern, was er für die Menschheit getan hat - nicht nur für seine Fans.

Für die meisten in meinem Alter gehörte Michael Jackson zur Kindheit. Viele, die jünger sind als ich, lernten zuerst den Jacko der Neunziger kennen, bevor sie seine größten Erfolge aus den Achtzigern entdeckten, was ihr Bild des "King of Pop" natürlich nicht so strahlend aussehen ließ wie unseres. Egal: er schaffte es, zu einer Zeit, als die Chancen für Schwarze, im Pop-Business Erfolg zu haben, eher schlecht standen, mit seinem Talent, seiner Arbeit und seinem Gespür für Neues nach den Sternen zu greifen und sie sich zu holen.

In den Achtzigern hieß es immer: "Entweder man ist Prince-Fan oder Jacko-Fan." Blödsinn. Prince war zwar cooler, aber Jackson hat ihn musikalisch deutlich mehr beeinflusst als umgekehrt. (Außerdem bin ich da nicht objektiv. Konnte den kostümierten Zwerg mit seiner Piepsstimme noch nie leiden.)

Die Musikszene verdankt Michael Jackson nicht nur den Robot und den Moonwalk. Er hält den Rekord als "erfolgreichster Entertainer aller Zeiten", verhalf allein mit seinem Album "Thriller" dem Musikgeschäft in einer Zeit der sinkenden Verkaufszahlen zu einem neuen Boom und spendete großzügige Summen an alle erdenklichen Institutionen. Ohne ihn würde Pop heute anders klingen.

Wer wie ich in einer Zeit aufgewachsen ist, als der MP3-Player noch Walkman hieß, verdankt Michael Jackson viele kleine Momente, in denen man über seine Wandlungsfähigkeit staunte. Verdankt ihm musikalischen Glanzleistungen, die auch heute noch nicht angestaubt klingen. Sie sind der Soundtrack einer unbeschwerten Kindheit, in der man aus den Songs dieses seltsamen großen Kindes das Gefühl von "Anderssein" heraushörte, das sich in dieser Lebensphase regt und später, in der Pubertät nahtlos ins "Coolsein" übergehen sollte.

"Why not just tell people I'm an alien from Mars. Tell them I eat live chickens and do a voodoo dance at midnight. They'll believe anything you say, because you're a reporter. But if I, Michael Jackson, were to say, 'I'm an alien from Mars and I eat live chickens and do a voodoo dance at midnight,' people would say, 'Oh, man, that Michael Jackson is nuts. He's cracked up. You can't believe a damn word that comes out of his mouth.'"

(Michael Jackson)

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64 Antworten

Kommentare

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    der Text ist toll. aber ich finds nach wie vor super scheinheilig dass jetzt auf MTV oder Viva rund um die uhr Michael Jackson läuft, obwohl in den letzten zehn Jahren bestimmt kein lied von ihm gespielt wurde.
    so wirds wohl auch amy & pete gehen. wenn überhaupt

    08.07.2009, 14:32 von DaisysLeftShoe
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Was ich mich immer frage: hat eigentlich außer mir irgendjemand bemerkt, wie stark Michael Jackson vom Paul Simon der 80er und frühen 90er beeinflusst war?

    - das Video zu "Leave me alone" - vom selben Regisseur und im selben Stil wie das zwei Jahre ältere Video zu "Boy in the Bubble"

    - MJ tritt mit Ladysmith Black Mambazo in Moonwalker auf, die durch Paul Simons "Graceland" dem hiesigen Publikum bekannt geworden sind

    - MJ hat "They don't care about us" mit Olodum aufgenommen, ein paar Jahre nachdem Paul Simon mit Olodum "The Obvious Child" aufgenommen hat

    Dass MJ ein Fan Paul Simons war, kann man wohl auch daran ablesen, dass er bei "We are the world" unbedingt neben Paul Simon stehen wollte (und diesem ganz unschüchtern den Arm um die Schultern legt).

    07.07.2009, 16:47 von blablub
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      @blablub Da ich PS LIEBE, sind mir diese Informationen zutiegst wertvoll.

      07.07.2009, 22:23 von EinfachNurAndreas
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    War nie echter Fan von Jackson, obwohl er ein guter Künstler war (vor allem mit den Jackson Five!), seine Videos immer ein Highlight bei MTV und als Privatperson ein bislang unerreichter Outsider. Habe auch nicht gerauert. Dennoch ein komisches Gefühl. Vermutlich, weil allmählich alles "verschwindet", was einen in der Jugend begleitet hat. Oder weil Michael Jackson fast schon so irrsinnig, verrückt und so künstlich war, dass man bei ihm gar nicht an den Tod gedacht hat. Wie eine Comicfigur, die einfach immer gleich bleibt und immer da ist.

    04.07.2009, 19:07 von Mickey
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    als ich die meldung nachts auf einer party hörte über kam mich zunächst ein gefühl der gleichgültigkeit. dies ist wohl damit zu erklären, das mj´s hochzeit zu meiner geburt war.
    hab mich dann aber (was sich wohl auch nich vermeiden lies) damit auseindander gesetzt und musste feststellen, dass hinter diesem auf dem ersten blick recht skurrilen mann und seinem tod wohl doch mehr steckt.
    zum einen ist er die person, die die viedeoclips für viva und mtv das erstemal mit einer kompletten geschite (und nicht wie es bis dahin üblich war nur mit einem singenden gesicht) auszustatten.
    zudem wird es auf grund des heutigen schnelllebigkeit der medien und der musik wohl nie wieder jemanden (bis auf madonna) geben, der mit seiner musik so lange um die ganze welt gehen wird...

    03.07.2009, 21:12 von donnerfee
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    ganz meine Meinung.

    03.07.2009, 08:07 von kulturtussi
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    jaja, schlimme sache mit michael... aber haben wir da nicht alle schon seit jahren drauf gewartet so eine meldung zu erhalten?
    wer mir wirklich leid tut sind seine kinder. und farah fawcett, deren tod niemand bemerkt hat, weil alle um den schon längst aufgegeben "king of pop" trauern.
    davon abgesehen verstehe ich auch den damaligen schmerz um dianas tod, denn wie mj heute, war sie für viele ein vorbild und gab ihnen hoffnung.
    UND: ich bin mir sicher, dass michael jackson nicht den robot erfunden hat!

    02.07.2009, 13:39 von issmirdochegal
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    Der Text thematisiert ein Ereignis, welches wahrscheinlich Millionen Menschen auf der ganzen Welt polarisiert hat! Millionen haben getrauert, Millionen waren gleichgültig und Millionen haben insgeheim Schadenfreude empfunden. Schadenfreude darüber, dass seine Verhandlungen derartig durch den Dreck gezogen wurden!

    Doch auch ich schenke der Vermutung ein wenig Glauben, dass korrpute Geschworene und Richter diesem "Über-King-of-Pop" das Leben nicht noch schwerer gemacht haben, als es ohnehin schon war!
    Trotzdem trauere ich um Michael Jackson, den King of Pop, welcher, wie folgerichtig in dem Text beschrieben wurde, eine ganze Generation der Musikgeschichte entscheident geprägt hat und unter Umständen noch weitere Generationen prägen wird.

    Doch kann ich auch Meinungen akzeptieren, welche mit der - objektiv betrachteten - Realtivität dieses Todes argumentieren. Täglich sterben Tausende Menschen an AIDS, Cholera und anderen Krankheiten. Ganz zu schweigen von den moderenen Toten unserer Gesellschaft: Getötet durch krebserregende Stoffe in Nahrung, Luft, Kleidung und Technik. Wer gedenkt diesen Opfern unserer Gesellschaft?! Oder sind wird inzwischen einfach nur zu abgestumpft uns dieser enormen Zahl von Opfern bewusst zu werden, sodass wir uns an wenigen, prominenten und schillernden Persönlichkeiten unserer Gesellschaft ergötzen?

    Der König ist tot, doch einen Trohnfolger wird es nie geben!

    01.07.2009, 22:54 von schrittweite
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    du hast recht.
    jackson war eine tragische person und so war auch sein tod...sein lebenswerk ist unbestritten...R.I.P.

    01.07.2009, 13:27 von Intelligenzbestie
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      @Intelligenzbestie ich glaube michael jackson wurde nie wie ein normaler mensch behandelt. da ist es schwer selbst einer zu werden.

      R.I.P.

      01.07.2009, 21:13 von Taissa
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