Anti.Medicine 07.11.2012, 02:40 Uhr 11 15

Wovon ich rede, wenn ich vom Schreiben spreche

Oder: Wie mich die Lyrik verlassen hat.

Kennst du das auch?

Dieser Moment, in dem sich der Nebel auflöst. Wenn das, worüber du nachdenkst, plötzlich in aller Klarheit erstrahlt und dir auf einmal klar wird - das sind die richtigen Worte!

Die passenden Worte fallen zu Dutzenden durch deine Gedanken, tummeln sich dort, warten darauf, von dir benutzt zu werden. Da sind ganze Romane. So vieles, das du aufschreiben willst. 

Dann setzt du den Stift an, blinzelst und mit diesem Schließen deiner Augenlieder verschwinden alle diese Begriffe wieder hinter einem dicken, grauen Schleier.


Früher war das so einfach. Man hat den ganzen Kram so hochemotional aufs Papier gerotzt. Am Ende stand da irgendwas und man fand es gut. Es hat ausgedrückt, was ich sagen wollte. In aller Emotionalität. Heute existiert keiner dieser Texte mehr. Nichts davon war es wert in Worte konserviert zu werden. Schon garnicht in jene, für die ich mich entschied.


Heute versuche ich irgendwelche komplexe Zusammenhänge zu schildern. Ich sage nicht mehr, dass ich mich so oder so fühle und dass dies gut oder schlecht ist. Die Frage ersetzt das. Wieso fühle ich mich so? Wer bedingt das? Ist diese Person das wert? Liegt es an ihrer Vergangenheit? An meiner? Ist es die Summe unserer Vergangenheit? 

Wie die Frage: 'Wieso vertraue ich dir so dermaßen, obwohl ich doch weiss, dass du mich schon so oft angelogen hast? Obwohl ich weiss, dass du mich betrogen hast?'

Und genau da verschwinden diese kurzen Momente der Klarheit meiner Worte wieder hinter dem Nebel. Das durch und durch Unlogische. Diese wahre, nicht zu erklärende Emotionalität. Solange es nicht gelingt diese Momente zu nutzen, um die richtigen Worte aus deinen Gedanken herauszufiltern, solange ist es nicht möglich Lyrik zu schaffen.


Alles andere wären nur Lügen. So wie die meisten, dieser abgedruckten Liebesschwüre. Ohne einen direkten Bezug, bedeuten sie garnichts. 

Ich aber, will bedeutsames schaffen. Und darum wird mich die Lyrik immer wieder verlassen, bis ich sie irgendwann einmal wirklich erfassen kann. Wenn der Nebel im Wald der Gedankenwelt verschwunden ist.

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    • 0

      Mh. Es ist ja nicht nur der Kontrast zwischen Emotionalität bzw. einer Art Surrealismus und kalter Realität. Dass dies geht, zeigt Murakami in jedem seiner Werke auf beeindruckendste Weise aufs Neue.


      Es ist auch dieses, dass die Worte, einfach immer wieder verschwinden. Sie sind in meinem Kopf. Und wenn ich das Gefühl habe, sie richtig angeordnet zu haben, um sie endlich aufschreiben zu können, verschwinden sie. Vielleicht laufen sie weg. Vielleicht verscheuche ich sie auch.

      08.11.2012, 00:40 von Anti.Medicine
    • 1

      Das Gefühl, das richtige zu meinen, aber das falsche zu sehen, ist genauso schwer zu ertragen, wie der Wahrheit ins Auge zu sehen und das Gefühl zu beschreiben..


      Lass mal verlogenes los(loslassen, beinhaltet nicht gleichwohl verlassen) und konzentriere Dich auf Dich selbst, schreibe ohne nachzudenken und ordne später. Es ist leichter, etwas unordentliches zu ordnen als ein leeres Blatt Papier..

      Was Du schreibst, wenn Du schreibst, zeigt Dir wie Die Ordnung in Deinem Kopf aussieht..

      Wenn viele Seiten ungeordnetes entstanden sind, entsteht in Deinem Chaos auch wieder Ordnung..

      ..und nicht vergessen,
      loslassen kommt vor rauslassen. ;-)

      08.11.2012, 05:02 von LaufForrest
    • 0

      Falls du dein Wortspiel mit dem verlogenen loslassen meinst - nein, das ist nicht. Jeder Mensch macht Fehler, es geht darum aus ihnen zu lernen. 

      Würde ich das loslassen, gäbe es keinen Grund mehr dies zu beschreiben. Die Aktualität würde fehlen.

      09.11.2012, 01:55 von Anti.Medicine
    • 0

      naja.. ich schoß blau in deine Aussagen..
      der nächste sitzt vielleicht dichter..

      vielleicht ist es ja auch genau das, was dir fehlt. brauchst du den Schmerz, damit du schreiben kannst!?
      du hinterfragst dich..

       Wieso fühle ich mich so? Wer bedingt das? Ist diese Person das wert? Liegt es an ihrer Vergangenheit? An meiner? Ist es die Summe unserer Vergangenheit? 

      Wie die Frage: 'Wieso vertraue ich dir so dermaßen, obwohl ich doch weiss, dass du mich schon so oft angelogen hast? Obwohl ich weiss, dass du mich betrogen hast?'
      Wenn du von Liebe, Hass und dem Schmerz authentisch geschrieben hast, war es wohl mehr eine Momentaufnahme, deiner eigenen emotionalen Welt.
      Bedeutsames entsteht sehr selten aus der Situation, meist mehr aus der Überlegung. Diese Braucht den Abstand zu einem Geschehen. Wenn du es schaffst dich in eine Situation mehrmals einzufühlen und diese nochmals erleben kannst, als wäre sie gerade eben passiert, dann wird der Leser deiner Worte, das auch tun können. Du siehst es kommt nicht auf den Zeitpunkt an, sondern wie nah man dran ist am geschehen. Wenn man ein gutes Theaterstück sieht, kann man ja auch diese Empfindung, ein Stück weit Teil dieses Dramas zu sein, erleben. Das sich hinein empfinden in eine erlebte Sache macht aus deiner Emotion eine Geschichte die du niederschreiben kannst.
      .. und nein sie ist deshalb nicht minder schön, oder minder wichtig, oder minder lesenswert.. Sonst würde kein Schwein mehr in irgendeine Aufführung gehen, oder auch nur ein Buch kaufen, geschweige denn lesen.
      Versuche nicht das Rad des Schreibens neu zu erfinden, nur weil deine Überzeugung wahre Lyrik lebt durch aktuelles erleben.

      Ich wünsche dir Kraft dich vergangenem zu stellen und dinge nochmals erleben zu wollen, von denen du dich heute nicht mehr überzeugt siehst..
      Ein Gefühl ist und muss vergänglich sein, die Beschreibung dieses Gefühls nicht! ;-)

      09.11.2012, 08:02 von LaufForrest
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  • 2

    Mir gefällt Deine Ansicht. Lieber "schweigen", als irgendwas zu schreiben, das belanglos und hohl klingt. Ich hoffe, dass Dein Mojo Dich wiederfindet.

    07.11.2012, 08:13 von cosmokatze
    • 0

      Danke.

      07.11.2012, 10:32 von Anti.Medicine
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  • 0

    verdammt guter text.

    07.11.2012, 02:58 von AnalogEffekt
    • 0

      Danke.

      07.11.2012, 03:05 von Anti.Medicine
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