Werthoria 14.01.2010, 13:25 Uhr 1 0

Wo ist mein Autor?

Wer ist Protagonist in meinem Leben und wer bestimmt wo's lang geht? Wie das Literaturstudium mich verwirrte.

Der Unterschied zwischen interessiertem und leidenschaftlichem Studieren ist die Selbstinitiative. Wartet man, bis jemand einen mit der Nase auf die Texte stubst, oder zieht man von selbst los und gräbt sich in die Materie bis an auch de letzten Winkel erforscht hat und somit ein erweitertes Weltbild bekommt? Das ist für mich wahrlich der Sinn des Studierens, um nicht zu dramatisch klingend, des Lebens sagen zu wollen.

Der Moment der Erleuchtung, der Aufklaerung, aus dem Trott des eigenen Alltags entrissen und egeintaucht in eine Zeit, eine welt die einem sonst verschlossen geblieben wäre, ist die ganze Arbeit, den Zeitaufwand wert.

Das Gefühl eine neue Welt erschlossen zu haben kann man wahrscheinlich nur vergleichen mit der Entdeckung eines neuen Kontinents (nicht das ich die erste wäre, die diesen Gedanken auspricht, es ist mir sehr wohl bewusst, dass vor mir Keats zum Beispiel sich nach der Lektüre des Homer ähnlich gefühlt hat und seine Gedanken, ein weit aus begabterer wortgewandterer Schreiber als ich es bin, auch sogleich in einem Gedicht zu Papier gebracht hat. Wer dieses Gedicht gelesen hat, wird fast ein wenig eifersüchtig und möchte dieses Gefühl ebenfalls erleben).

Ich habe es erlebt, konnte es nur nicht in Worte fassen, bis ich in der Uni eben jenem Keats begegnet bin. Und natürlich könnte ich mich jetzt beschweren, dass die Vorlesungen nicht meinen Wunschvorstellungen entsprechen, aber wer oder was hindert mit daran selbstständig auf die Suche, auf die philosophische und linguistische Entdeckungreise zu gehen? Niemand.

Einen Nachteil mag die Reise in vergangene Zeiten, beziehungsweise in Welten, die es so niemals gegeben hat, haben. Ich kann mich genau an eine Zeit erinnern in der ich nur glücklich war, wenn meine Zimmertür verschlossen und ich mit einem Buch in der Hand in dem großen, ledernen Ohrensessel, den ich von meinem Großvater geerbt hatte, saß, die existente Welt um mich herum vergaß und in einem Roman, einem Aufsatz, einem Gedicht versank. Der Text sollte möglichst aus einer Epoche vor der heutigen stammen und mich aus eben dieser entführen. Aufgrund des exzessiven Konsums dieser Literatur von verschob sich natürlich auch mein Weltbild.

Wenn man die Hälfte seiner zeit in einer anderen Epoche, mit anderen (zugegebenermaßen fiktiven) Charakteren verbringt bleibt die Konsequenz der verzerrten Realitätswahrnehmung nicht aus. Bis ich dahinter kam, das das Leben keinen Plot hat, keinen omnipotenten Autor, der immer genau Bescheid weiss, was zu tun ist und was passieren wird, sollte noch eine lange Zeit vergehen. Ich begann langsam zu verstehen, das sich, ohne, dass es mir bewusst war, ein Bewusstsein in mir eingeschlichen hatte, das mir in vielen Situationen sagte, "wart’s nur ab der Erzähler wird’s schon regeln".

So verbrachte ich eine lange zeit meiner pubertären Entwicklung mit warten. Warten darauf, das die Geschichte, die ich so gerne erleben würde mit diesem oder jenem Tyoen, von meinem Erzähler entsprechend eingefädelt würde. Das erste mal, dass ich mit eben meiner Miskonzeption konfrontiert wurde, war im Deutsch-Lk. Auf einmal war die Rede davon, das Anfang des 20. Jahrhunderts der allsehende Autor angezweifelt wurde, ja sogar gewaltsam entführt und in einigen Fällen gänzlich getötet wurde.

Ich glaube zu dieser Zeit, war mir der Gedanke noch zu abstrakt und ich begriff nicht das Ausmaß dessen, was die großen Denker und Schriftsteller dieser zeit entdeckt hatten. Die Instanz des allwissenden Erzählers, war zu tief in mir selbst verankert, gerade wegen meinem Hang zu großen, epischen Romanen, dass ich in diesem Moment der Erleuchtung noch abseits im Schatten stand.


Nichtsdestotrotz müssen ein paar Lichtpartikel (Licht ist ja so was von beharrlich) den Weg zu mir gefunden haben, als dass ich mich nach dem Abitur für das Studium der Literaturwissenschaft und gegen die Rechtswissenschaft (die wahrscheinlich ebenfalls erleuchtend im Paragraphendschungel Deutschlands gewirkt hätte) entschieden habe.

Nun, drei Tage vor Ende des zweiten Semesters, während ich diese Zeilen schreibe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Der Erzähler ist tot. Nun, fast ein Jahrhundert nach Avantgardisten wie T.S. Eliot und Roland Barthes, ist es auch bei mir angekommen. Auf dem derzeitigen Büchermarkt, scheinen seine Nachkommen jedoch eine große Rolle zu spielen. Und die Bücher, die mich inspirieren, die ich wie Juwelen bei mir trage, scheinen auch vom Erzähler angesteckt worden zu sein.



Was stimmt den nun?"Wichtige Links zu diesem Text"
Zadie Smith. White Teeth. Tolles Buch.
Ian McEwan. Saturday. Und noch ein tolles Buch.

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Der Erzähler ist nicht tot. Ohne Erzähler keine Erzählung. Der einzige, der tot ist (möglicherweise), ist der Autor, und das ist ein Unterschied. Sorry für die Korinthenkackerei, aber wenn du Literatur studierst und solch einen Text schreibst, solltest du nicht die Begriffe mischen.
    Weiterhin verstehe ich nicht ganz, was mir dein Text sagen soll? Mehr Eigeninitiative beim Studieren? Oder eine Abhandlung darüber, dass der Autor (vielleicht auch der Erzähler? Auch wenn ich mir nicht wirklich vorstellen kann wie ein Erzähler im echten Leben aussieht) des eigenen Lebens tot ist, genauso wie in der Theorie? Oder geht es darum, dass einem im Leben niemand sagt, wos lang gehen soll und man das selbst bestimmen muss?
    Mir ist der Text zu wirr, dafür wirft er mit Begrifflichkeiten und Namen um sich, die vielleicht intelligent wirken sollen. Und vielleicht, wenn man sich nicht soo gut damit auskennt, wirkt es auch so. Aber ich studiere auch Literatur und wenn jemand einen Text schreibt, der vermeintlich über den "Death of the author" (denn das ist die Theorie, dass der Autor nicht wichtig ist für eine Geschichte/einen Roman, dass man etwas interpretieren kann ohne jegliche Kenntnis über den Schriftsteller) schreibt und dabei "Erzähler" und "Autor" durcheinander bringt, dann muss ich dazu etwas sagen und leider nichts positives.
    Also: erst nachgucken, wie die Theorie wirklich funktioniert. Denn der Erzähler kann nicht tot sein, nie. Er ist vielleicht nicht immer omnipotent und manchmal fast gar nicht bemerkbar, aber er ist nie tot. Der einzige Tote könnte der Autor sein, aber davon handelt dein Text nicht, oder?

    14.01.2010, 21:55 von FrauMueller_XIV
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare