legume 28.01.2010, 18:34 Uhr 19 21

Winterreise

Kennst du den Verlust?

Vor mir lagen die Zahnräder deiner Uhr, die Uhr, die du dir gekauft hattest um endlich tiefer zu tauchen, als alle anderen.
Ich aß Erdbeereis, als du nach Hause kamst und mir die Zeiger dicht vor die Augen hieltest und mich fragtest, wie ich sie finden würde.
Ich war nicht in der Stimmung, schrie dich an und in der nächsten Minute tat es mir schon wieder Leid.
Ich wusste nie, dass es dein Traum war tiefer als alle anderen zu tauchen, ich wusste es nie.
Ich sah jeden Tag die Karte auf der du Fähnchen zum Markieren der Orte gesteckt hattest, Orte, die am Wasser lagen dessen Gründe du erobern wolltest.
Ich weiß auch heute nicht, wie du es geschafft hast. Ich weiß so viel nicht von dir, dass es mir weh tut, es tut mir sehr weh nicht zu wissen, warum du tauchen wolltest.

Ich erinnere mich an diesen Sommer in dem wir in das Haus in Brandenburg fuhren, du wusstest nicht, wie das Haus aussah und ich musste lachen, als wir es nicht fanden und eine Nacht auf der Wiese verbringen mussten.
Du warst verärgert, du warst wütend- auf mich und auf dich. Du wolltest tauchen, du wolltest tiefer tauchen als die anderen und du wolltest die Ringe für mich finden.
Ringe, die in der Sonne glänzen würden, wenn du an die Oberfläche getaucht kämst.
Ich freute mich auf diesen Moment. Ich freute mich sehr, denn eigentlich liebte ich die Nacht, ich liebte sie sehr.
Du liebtest sie auch, aber als du anfingst zu tauchen und immer tiefer zu gehen, da fingst du an die Nacht zu hassen. Du hast sie gehasst die Nacht, ich ging jeden Abend raus nachdem ich Orangen gegessen hatte und ich brachte dir immer ein Eis von der Tankstelle mit. Du mochtest das und warst sehr glücklich, als ich wieder kam. Du wirbeltest mich in der Luft herum und riefst meinen Namen, der seit dem du nicht mehr da bist, nicht der Gleiche ist.

Gerne würde ich mich umbenennen, mir einen anderen Namen geben, den ich nicht schreien muss um ihn zu verstehen.
Deine Hosen liegen neben den Zahnrädern und meine Tränen fallen auf diese Dinge, die mich an dich erinnern, sie tun weh.
„Es gibt Verrückte, die kaufen alles “- es war dein letzter Satz und ich schrieb ihn mit Tinte an die Wand, ich schrieb ihn auf meine Hand, immer wieder, er steht dort immer noch.

Ich weiß nicht, ob du noch alle weißt, ich weiß nicht, ob du deine ersten Tauchversuche erinnerst, ich weiß es nicht, ich will sie dir erzählen.
Du bist getaucht, tiefer und tiefer, ich stand am Rand und hielt ein rotes Handtuch in der Hand, ich wartete auf dich, du wusstest das, ich hatte es dir gesagt bevor du in das Becken stiegst.
Ich war froh dich in Sicherheit zu wissen, auch wenn es keine Sicherheit war, ich dachte immer es sei deine Sicherheit, weißt du.
Meine Sicherheit war die Nacht, deine sollte das Wasser sein und ich wollte, dass du nicht deine Freiheit aufgeben musst um deine Sicherheit zu finden, aber es war nicht so, du hast alles verloren.
Als du nicht mehr auftauchtest, legte ich das Handtuch neben die Wasserflasche.
Ich ging, ich ging und dachte gar nicht daran auf dich zu warten. Du kamst nicht wieder, du wusstest, wo das Haus war, du hast so viel mehr gewusst, als ich.
Du wolltest immer tiefer tauchen, aber dein erster Versuch scheiterte.
Es ist schrecklich daran zu denken, dass du es nicht geschafft hast, du wolltest auf mich aufpassen und hast es nicht geschafft.
Ich wollte auf dich aufpassen und habe es nicht geschafft, wir haben so viel nicht geschafft.
So viel nicht.
Du wolltest mit die Welt zeigen, sie mir näher bringen.
Ich war immer fern, ich war nie da und konnte nie den Reis essen, den du mir brachtest.
Ich hatte Schnupfen von der Welt, ich war krank. Wir machten Listen, ich wollte endlich da sein, ich wollte dabei sein.

Die Liebe war unsere Falle. Das Wasser war unsere Falle, die Nacht war unsere Falle.
Du musstest tauchen, ich weiß es. Ich nehme dir nichts übel, ich vergesse dich nicht, ich verzeihe dir.

Die Zahnräder werde ich aufbewahren, ich werde sie in die Taschen deiner grünen Hose stecken.

Ich trage heute die rote Jacke, die du mir in Wien gekauft hast, als du bei Rufus warst.
Er rief gestern an und fragte, wie es mir geht seit du weg bist.
Ich musste lachen, ich musste an dich denken, du hättest dich gefreut, wenn du mich lachen gesehen hättest.

„Immer wir beide, zusammen alleine.“

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19 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Jedesmal wenn ich tauchen gehe werde ich an den Text denken müssen.

    17.02.2010, 23:08 von Davidian
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    Oh ja!

    10.02.2010, 13:49 von JuuNo
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    WOW... Ich wünsche euch glück :-)

    09.02.2010, 00:10 von Estrella_de_mar
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    traurig und trotzdem schön :(

    07.02.2010, 22:33 von tiaragona
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    während ich diesen wunderschönen, traurigen text las, lief nebenbei "roslyn" von bon iver.
    krasser wow-effekt, ging mir sehr nahe, toll!

    07.02.2010, 16:08 von Bele
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  • 0

    ?!? Ich kapiers nicht. Vielleicht muß ichs nochmal lesen ?

    05.02.2010, 11:31 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Gefällt mir gut der Text. Vor allem die direkten Ansprachen verstärken die Traurigkeit und das Gefühl sehr! Fein :)

    Außerdem, musst du Juli Zeh- Leser sein... sehr sympathisch ;)

    04.02.2010, 14:17 von Blutsfraeulein12
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  • 0

    @ jana: Tiefenrausch ist absolut empfehlenswert!

    04.02.2010, 13:26 von sosehrdabei
    • 0

      @sosehrdabei aber der kopf muss oben bleiben.. *g*

      04.02.2010, 14:09 von RedSonja
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