Timm_Klotzek 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Was will ich wirklich?

Jetzt eine Weltreise machen? Nach der großen Liebe suchen? Den öden Job kündigen? Mit PLANEN ODER TREIBEN LASSEN erscheint ein NEON-Buch, in dem die großen Fragen verhandelt werden. Im Vorabdruck: das Kapitel über das Verhältnis zu den eigenen Eltern.

Jetzt eine Weltreise machen? Nach der großen Liebe suchen? Den öden Job kündigen? Mit PLANEN ODER TREIBEN LASSEN erscheint ein NEON-Buch, in dem die großen Fragen des Erwachsenwerdens verhandelt werden. Im Vorabdruck in der aktuellen Heft-Ausgabe: das Kapitel über das Verhältnis zu den eigenen Eltern. Woran liegt es eigentlich genau, dass wir uns sofort wieder wie fünfzehn fühlen, sobald wir die Türschwelle unseres Elternhauses überschritten haben?


In fast jedem Harry-Potter-Buch spielt Harrys Zugreise nach den Sommerferien - weg von seinem schrecklichen Zuhause bei den Pflegeeltern, hin in die Zaubererschule Hogwarts - eine wichtige Rolle. Es ist der Moment einer Verwandlung, für die es so gut wie keine Magie braucht, die aber dennoch eine magische ist: Harry Potter reist weg von seinem Leben als gegängelter und ungeliebter Pflegezögling, der seine Zauberkräfte nicht nutzen darf; hin zu seinem Leben als bewundertes, selbstbewusstes und (mehr oder weniger) selbstbestimmtes Individuum, das seine übernatürlichen Fähigkeiten nicht nur gebrauchen soll, sondern jedes Schuljahr noch vervollkommnen darf. Es ist eine Zugfahrt, während der Harry Potter in jeder Erzählung aufs Neue vom Kind zum Erwachsenen wird. Und am Ende des Schuljahres, auf der Rückfahrt, wieder zum Kind.

Diese Verwandlung kann man nicht nur in Harry-Potter-Romanen nachlesen, man kann sie auch in der realen Welt beobachten, am besten zur Weihnachtszeit, in einem Zug, der aus einer Studentenstadt abfährt. Da sitzen wir dann. Zauberschüler, in unserem eigenen Hogwarts- Express auf dem Weg nach Hause, zurück in unsere Kindheit. Schon zu sagen, dass wir »nach Hause« fahren, klingt seltsam - schließlich bauen wir uns doch schon seit einiger Zeit ein eigenes, neues Zuhause (Zugegeben: Wir bauen nur mit Pressspan von Ikea, aber hey, immerhin!). Haben wir jetzt zwei Zuhause? Eben noch verabschiedeten wir uns von den Mitbewohnern in der WG-Küche, jeder nahm sich noch was aus dem alten Kühlschrank (»Sonst wird's schlecht«), der gepackte Rucksack stand schon im Gang (»Kannst du auch noch ein paar leere Flaschen mitnehmen?«). Los jetzt, mal wieder für ein paar Tage weg von unserem selbst gebastelten Leben aus tiefgefrorenen Pizzen, leeren Druckerkartuschen und überfälligen Seminararbeiten, mal wieder für ein paar Tage zu unseren Eltern, Lage prüfen, Weihnachten feiern, Vorräte einpacken. Zurück in das Reich unserer Eltern, in unser altes Zimmer, das lustigerweise immer noch »Kinderzimmer« heißt, selbst bei uns, obwohl wir uns längst nicht mehr wie Kinder fühlen.

Zwei Dinge, die im deutschen Sprachgebrauch immer rattern: Schienen und Gedanken. Vielleicht, weil man sich im Zug wie beim Nachdenken bewegt, ohne sich zu bewegen. Das Geräusch der Waggons auf Gleisen hat was angenehm Melancholisches. Draußen zieht eine weißgraue Landschaft vorbei, das Abteil ist natürlich überhitzt, man fühlt sich wie ein Weihnachtsplätzchen, das gerade gebacken wird. Draußen ist es eiskalt, im Abteil riecht es ein bisschen nach Schweiß, weil alle zu dick angezogen sind. Die Gepäcknetze sind übervoll, viele haben neben ihren Klamotten und Büchern auch noch eine Extratasche mit den Geschenken dabei. Die Juristen erkennt man an ihren Rollkoffern, in denen mal keine Gesetzbücher stecken, die Sportstudenten an ihren schmalen American-Apparel-Taschen (Seltsame Alltagsgrundregel Nr. 1: Immer reisen Sportstudenten mit dem leichtesten Gepäck). Und diejenigen, für die der Besuch zu Hause eher ein Pflichttermin ist als ein Vergnügen, erkennt man daran, dass sie einem anderen gerade recht laut ihre Abneigung gegen das Weihnachtsfest am Telefon erklären: »...ja ja, schon klar. Ich hätte nur echt Besseres zu tun, als jetzt wieder drei Tage lang auf heile Welt zu machen. In meiner Familie mag so gut wie niemand den anderen. Meine Eltern sind nicht umsonst geschieden. Meine Schwester verachtet mich und ich sie. Mein Vater hält mich für einen nutzlosen Bummelstudenten, der ihm nur auf der Tasche liegt, meine Mutter interessiert sich nicht erst seit der Scheidung nicht mehr für mich. Aber: Weihnachten verbringen wir zusammen. Wir schenken einander Dinge, die wir nicht brauchen. Wir singen, obwohl keiner singen will. Auf den Tisch kommt immer dasselbe - ja, natürlich gibt's Gans, du weißt doch, was meine Eltern für Traditionsidioten sind. Doch, natürlich wissen sie, dass Iris und ich Vegetarier sind. Es ist ihnen aber egal. Und dann gibt es jedes Jahr Streit darüber, dass so viel Essen übrig bleibt. Natürlich betrinken wir uns alle. Und kurz bevor Papa anfängt zu heulen, gehen Iris und ich. Zum Glück treffen sich an Heiligabend ab Mitternacht immer noch alle aus der alten Klasse im 'Alexini' ... was? Ja, sag ich doch! Hast du mal den Roman 'Die Korrekturen' gelesen? Der Vater dement, die Mutter eine Glucke, die Geschwister bescheuert - tja, im Vergleich zu uns ist das eine vergnügte Musterfamilie ...nee... ich weiß auch nicht, was das soll...« O Mann. Das wird ein Spaß bei ihm zu Hause. Frohes Fest.

Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte 2004 über 1000 junge Deutsche, wo sie Weihnachten verbringen werden. 79 Prozent der Befrag ten antworteten: zu Hause. Eine weitere Umfrage des Leipziger Instituts für Marktforschung fand heraus, dass die Mehrheit Plätzchen backt (über 75 Prozent), die Wohnung und einen Baum schmückt (84 Prozent), fast die Hälfte bastelt eigene Geschenke für andere. Noch mal Allensbach: Nur vier Prozent der Ostdeutschen und sieben Prozent der Westdeutschen gaben an, vor dem Weihnachtsfest zu flüchten und über die Feiertage zu verreisen. Weihnachten ist das Familienzusammenführungsfest Nummer eins. Und damit die zuverlässigste Prüfungsgelegenheit für das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern. Und natürlich besonders zwischen Eltern und den Kindern, die schon von zu Hause ausgezogen sind - neben Weihnachten gibt es ja kaum weitere verlässliche Besuchstermine. Schon gar nicht solche, bei denen eine »Familientradition« die Rollenverteilung der Beteiligten so festzurrt wie an Weihnachten. Wir kennen alle das Gefühl, in unserer Familie eine bestimmte Rolle einzunehmen: Zum Beispiel kann einer der Chef sein, ein anderer der Versöhner, ein Dritter der Clown und so weiter. Der Familientheoretiker Murray Bowen nennt das die »undifferenzierte Ego-Masse der Familie«. Egal, wie viel Zeit vergeht oder wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben - sobald wir wieder an einem Tisch sitzen, fallen wir fast automatisch in unsere vertrauten Rollen. Ungefähr so wie Planeten, die nach einer kurzen Stippvisite in einer anderen Galaxie bei ihrer Rückkehr wieder in ihre alte Umlaufbahn gebracht werden. Bei Familienfesten, die sowieso nach einem festen Muster ablaufen, verstärkt sich dieser Prozess noch; an Heiligabend ist das Kind wieder Kind, das Familienoberhaupt wieder Oberhaupt. Egal, wie die Wirklichkeit aussieht.

Das kann angenehm sein, aber auch schrecklich nerven. Je nachdem. Auf jeden Fall ein eigenartiges Gefühl: Irgendwann hatten wir unser Elternhaus verlassen, um ein anderer, erwachsenerer Mensch zu werden. Kaum sind wir wieder zu Hause zu Besuch, sind wir wieder das kleine Mädchen, der kleine Junge, der Problemfall, der Superstar, wie auch immer. Grundsätzlich sei es sehr schwierig, sich von seinen Eltern oder seiner Erziehung wirklich zu lösen, schreibt der Psychotherapeut Howard M. Halpern in seinem Buch »Abschied von den Eltern«: »Wir sind wie eine Aktiengesellschaft, in der andere Leute die meisten Anteile und damit das Sagen haben. Und für viele von uns sind die größten Anteilseigner unsere Eltern.«

Bleiben wir mal beim Bild der Aktiengesellschaft. Wenn im Verhältnis zwischen Kind und Eltern alles in Ordnung ist, ist auch die Verteilung der Aktienpakete kein Problem. Alle Aktionäre verfolgen dasselbe Ziel, Mehrheitsverhältnisse und Verantwortlichkeiten sind geklärt, die Rendite misst sich am Lebensglück der Beteiligten, alle sind zufrieden. Einen plötzlichen Kurssturz der »Aktie Kind« gibt es häufig durch den Prozess der »Individuation«. Eltern müssen damit klarkommen, dass sich die Beziehung zu ihren Kindern grundlegend ändert, weg vom Rollenverhalten »Eltern-Kind« hin zu einer Beziehung auf Augenhöhe, auf der sich zwei erwachsene Menschen begegnen. Die Schwierigkeit: ein Gleichgewicht zu halten zwischen der Unabhängigkeit des Kindes und dem Aufrechterhalten der Beziehung zueinander. Im Umgang mit den Eltern gehen Planer ganz anders vor als Treibenlasser - und beide Wege bergen Chancen und Gefahren. Wenn mir mein Vater jetzt nicht mehr zu sagen hat, was ich tun soll und was nicht...

»... was ist er dann für mich? Mein Kumpel wollte er nie sein, seine Autorität ist ihm immer wichtig gewesen.« Marie schaut uns ratlos an. Hier im Zug fing sie irgendwann an zu kichern, weil wir alle sechs in diesem voll besetzten Abteil so ähnlich aussehen (so viel zum Thema Individualität), weil wir ganz offensichtlich auch alle das gleiche Ziel haben - nach Hause -, weil wir vielleicht sogar gerade auch ähnliche Sachen denken, weil wir fast alle schon mit Freunden am Mobiltelefon über die kommenden Tage gesprochen haben, ohne dass es uns groß kümmerte, dass Fremde mithören können.

»Statt aneinander vorbeizuglotzen, könnten wir uns auch was erzählen«, schlug Marie also vor. Und auch wenn eine Unterhaltung mit Fremden im Zug normalerweise so viel Reiz hat, wie samstagmorgens von der GEZ aus dem Bett geklingelt zu werden, schauten wir sie alle irgendwie erleichtert an. Vielleicht weil Weihnachten ist (und Marie ganz gut aussieht, unter ihrer roten Wollmütze trägt sie ihre langen dunklen Haare offen). Jedenfalls erzählte Marie bald von zu Hause, einer Kleinstadt im Schwarzwald, in der der Bäcker dich mit Namen begrüßt und schon weiß, was du bestellst, noch ehe du einen Ton gesagt hast - und alle nickten, weil sie das wohl selbst kennen. Und sie erzählte, wie seltsam der Moment war, in dem sie vor zwei Jahren endgültig ihre Sachen gepackt hat und ausgezogen ist, zum Studieren. Und wie ihre Eltern kaum wissen, wie sie ihr begegnen sollen, obwohl sie früher nie ein Problem im Umgang miteinander hatten.

Egal, ob dabei Freude vorherrscht oder Furcht oder Drang oder Zwang - der Moment des Auszugs eines Kindes aus dem Elternhaus zählt zu den entscheidenden Augenblicken im Leben aller Beteiligten. Die einen lassen diejenigen zurück, von denen sie großgezogen, geprägt, umsorgt und gepflegt wurden - die anderen müssen ziehen lassen, was ihnen oft genug das Wichtigste im Leben ist. »Leere nach dem Sturm« betitelte der stern eine Geschichte über die schwierige Zeit für Lebenspartner, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind. »Die eheliche Zufriedenheit sinkt in dieser Phase häufig auf einen bedenklichen Nullpunkt«, sagt der Hamburger Paartherapeut Wolfgang Hantel-Quitmann. »Empty Nest Syndrome« nennen Soziologen eine Form von Depression, unter der vor allem Mütter leiden. Es ist eine relativ junge Krankheit: Früher wurden Eltern selten alt genug, um den Auszug des Jüngsten noch zu erleben. Heute steht vielen bei guter Gesundheit mindestens noch mal so viel Zeit in Aussicht, wie sie mit der Erziehung ihrer Kinder zugebracht haben. Den Vater erwischt der Auszug der Kinder oft ähnlich hart: Gerade wollte er weniger arbeiten, sich endlich mehr um die Kinder kümmern ? jetzt gehen sie fort. Psychologen nennen diesen Lebensabschnitt »Time-Shift«. Bis gerade eben ging es bergauf. Jetzt, auf dem Gipfel, übersieht der Vater seine Zukunft: Beruflich wird nicht mehr viel passieren, die Verhältnisse sind geordnet, das Kind ist aus dem Haus. Jetzt geht?s wohl bergab. Die Statistiker haben ermittelt, dass genau in dieser Zeit die Scheidungsrate noch einmal deutlich ansteigt. »Aber muss mein Papa mich deshalb behandeln, als wäre ich eine Außerirdische? «, fragt Marie. Und schließt an: »Na ja, komisch, dass mir das überhaupt so wichtig ist?«

Niemand im Abteil hat auf ihre Frage eine Antwort.
Was Marie betrifft, formuliert der Psychotherapeut Howard M. Halpern in seinem Buch einen interessanten Gedanken: »Je größer wir werden, desto weniger hängt unser physisches Überleben von unseren Eltern ab. In zunehmendem Maße lernen wir, uns selbst zu versorgen; unsere Abhängigkeit vom Wohlwollen unserer Eltern nimmt jedoch wesentlich langsamer ab.« Halpern nennt das die »emotionale Nabelschnur«. Halperns Buch »Abschied von den Eltern« trägt die Unterzeile »Eine Anleitung für Erwachsene, die Beziehung zu den Eltern zu normalisieren «. Paul sollte es vielleicht mal lesen, er ist derjenige im Abteil, der vorhin so deutlich am Telefon erklärt hat, dass er auf Weihnachten mit seinen geschiedenen Eltern eigentlich überhaupt keine Lust hat. Als Marie anfing zu erzählen, verdrehte er die Augen und in die Stille des Augenblicks sagt er jetzt nur: »Hängt da draußen an der Abteiltür ein Schild, das ich nicht gesehen hab? Therapiestunde, oder was?« Später fängt er doch an zu reden, ein bisschen zumindest.

Paul ist 24, seine Eltern haben sich scheiden lassen, als er dreizehn war. Irgendein Liebesbetrug, dem ein großes Drama folgte. Und die Frage an Paul, bei wem er bleiben wolle. Er habe seinen Eltern auf diese Frage bis heute keine Antwort gegeben, sagt er. Er wisse aber sicher, dass er nie heiraten werde und keine Kinder will.

»Ach Scheiße«, sagt er dann, mitten in einem Satz. Dann sagt er nichts mehr.
Sich gegen seine Eltern aufzulehnen oder mit Bitterkeit über ihre Fehler herzuziehen, sei nur ein Anzeichen dafür, dass sie immer noch im Mittelpunkt sehr mächtiger Gefühle stünden, schreibt Halpern. »Dabei spielt es keine große Rolle, ob wir tausende von Kilometern von unseren Eltern getrennt leben oder mit ihnen unter demselben Dach wohnen, ob wir sie sehr selten sehen oder jeden Tag. Im Grunde spielt es nicht einmal eine Rolle, ob sie tot oder lebendig sind. Der springende Punkt ist, dass wir in einer Wechselbeziehung mit ihnen verstrickt sind, die unsere Entfaltung behindert und unsere Selbstständigkeit einschränkt.« Und weiter: »Wir sind nicht frei und können nicht frei sein, solange wir mehr Rücksicht auf die Gefühle unserer Eltern als auf unsere eigenen Gefühle nehmen.«

Die Frage ist, ob Heiligabend der richtige Zeitpunkt ist, große Streitfragen zu klären. Andererseits: Gibt es überhaupt einen idealen Zeitpunkt, um sich bei großen Konflikten mit seinen Eltern auseinanderzusetzen? Sollte man nicht einfach sein Leben leben? »Mon dieu!«, sagt dazu die französische Psychotherapeutin Isabelle Filliozat. »Mein Gott! Eine Trennung von den Eltern ist psychologisch kaum möglich.« Sie rät allen »Treibenlassern«, die sich nicht weiter darum kümmern wollen, ungeklärte Probleme zu besprechen, unbedingt dazu, das Verhältnis mit den Eltern zu klären. Um sich nicht in den »Fall stricken des Unbewussten « zu verheddern und irgendwann die gleichen Fehler bei den eigenen Kindern zu begehen. Und: »Diese Prägung durch die Eltern verschwindet auch nicht mit deren Tod. Wenn Frustrationen unsere Beziehung belastet haben, haben Vater und Mutter noch aus dem Grab heraus Macht über uns. Solange die Differenzen nicht ausgeräumt wurden, verfolgen uns ihre Gespenster.« Auch wenn?s leicht esoterisch klingt - das ist sinnvoll.

Also Klartext reden mit den Eltern? Aber wann? Das kommt natürlich erst mal auf das Problem an, auf die Eltern, auf die Lust, die man auf dieses Gespräch hat, auf die Dringlichkeit, mit der man reden muss. Isabelle Filliozat empfiehlt, erst mal ein paar Gefühle aufzuarbeiten und einige Grundregeln zu beachten. Zum Beispiel folgende:

1. Wut ist gut. »Wut ist eine Emotion, sie ist eine physiologische Reaktion des menschlichen Organismus auf eine Verletzung, Frustration und Ungerechtigkeit. Sie ist keine Reaktion, die man um jeden Preis abschütteln müsste. Sie ist keine ?Bosheit?. Die (gesunde) Wut regeneriert das Individuum und hilft dabei, wieder Harmonie in die Beziehung zu bringen. Gewalt zerstört, Wut heilt.«

2. Idealisierung beenden. »Wir überwinden die Idealisierung unserer Eltern in dem Maß, in dem wir uns die Realität unserer Erlebnisse in der Kindheit bewusst machen. Oft verläuft dieser Prozess aber umgekehrt - wir stürzen Vater und Mutter vom Sockel und erlauben so unse ren Emotionen, sich zu äußern. Die Idealisierung ist ein unbewusster Abwehrmechanismus, der uns ein Überleben in unserer Familie ohne übergroße Leiden ermöglicht hat. Je mehr die Idealisierung schwindet, desto näher kommen wir in Kontakt mit unseren Emo tionen als Kinder.«

3. Weg mit der Pflicht zur Dankbarkeit! »Wenn die Erinnerung an Unrecht zurückkehrt, gewinnt die Wut Konturen. Die Äußerung von Wut beginnt heilend auf erlittene Verletzungen zu wirken. Die Auflehnung hat ein Ziel bekommen. Während dieser Etappe geht es darum, die Dyna mik des ?Ich danke dir, dass du dies zu meinem Besten getan hast? umzukehren in ein ?Ich bin wütend. Das hättest du mir nicht antun dürfen.? Es geht darum, aus der Unterwürfigkeit herauszukommen.« Das sind nur einige Hinweise der Psychotherapeutin, vieles davon steht in ihrem Buch »Elternliebe - Elternhass«. Die Tipps sollen zeigen, dass ein klärendes Gespräch mit den Eltern fast immer helfen kann, je nach der Größe des Konflikts aber auch gute Vorbereitung und manchmal professionelle Unterstützung nötig sein können - auch deshalb, weil die Therapeutin dringend empfiehlt, sich bei einem Gespräch an die »Regeln der Kommunikation« zu halten und auf »Verurteilungen, Anklagen und Schuldzuweisung« zu verzichten, ebenso auf Werturteile (»Ich nehm dir deine Macken übel«), auf gedankenlesende Deutungen, Laienpsychologie (»Geh doch mal zum Psychologen«) oder Befehle. Das alles ohne einen genauen Plan zu berücksichtigen, ist schon sehr schwer.

Spannend ist, dass Isabelle Filliozat den Satz »Das kann ich meinen Eltern nicht antun, die sind doch schon so alt, die halten so einen Konflikt nicht aus« als Selbstschutz ablehnt. »Meine Erfahrungen sagen etwas anderes: Auch wenn Eltern zuerst beunruhigt sind, sind sie glücklich über die Begegnung mit ihrem Kind und über die neue Nähe. Und sie sind zudem froh, dass sie ihre Aufgabe als Eltern erfüllen können. Denn alle gesunden Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder glücklicher werden, als sie selbst es waren. Die Rolle von Eltern besteht darin, ihre Kinder zu schützen.«

Der beste Zeitpunkt für ein großes klärendes Gespräch hängt auch von den eigenen Lebensumständen ab. Isabelle Filliozat empfiehlt zu warten, bis man auf eigenen Beinen steht - finanziell, emotional. Mit 28 Jahren sei das im Schnitt der Fall, sagt sie in einem NEON-Interview. »Die meisten Menschen haben zu diesem Zeitpunkt ein eigenes Leben aufgebaut. Sie stehen nicht mehr unter dem direkten Einfluss ihrer Eltern. Und sie haben nicht mehr das Bedürfnis, anders sein zu müssen. Zum ersten Mal können sie ihre Eltern nicht nur als Eltern, sondern auch als gleichwertige Erwachsene betrachten. Sie können ihre Eltern mit sich selbst vergleichen.«

Die Vorstellung, sich mit seinen Eltern zu einer großen, offiziellen Aussprache in einem Restaurant zu treffen oder bei einem Waldspaziergang Tacheles zu reden über die Konflikte, die es untereinander gibt, die alle kennen, über die aber noch nie gesprochen wurde ? allein die Vorstellung ist unfassbar unangenehm. Warum sollte man das noch gleich auf sich nehmen?

Weil unsere Familienverhältnisse eine maßgebliche Rolle für unsere emotionale Stabilität und psychische Gesundheit spielen - übrigens auch dann, wenn Eltern selbst glauben, dass sie längst keinen Draht mehr zu ihren Kindern haben. Eine soziologische Studie der University of Minnesota hat genau das festgestellt. »Es herrscht der Eindruck, dass Eltern nach dem Beginn der Pubertät den Einfluss auf ihre Kinder verlieren und diese Kinder sich vor allem an Gleichaltrigen orientieren«, erklärt Michael Resnick, Leiter des Forschungsteams. »Aber alles in unserer Studie weist auf das Gegenteil hin.«

»Es ist gewöhnlich besser, unsere Beziehung zu den Eltern aufrechtzuerhalten, als sie abbrechen zu lassen«, erklärt auch Howard M. Halpern noch einmal geduldig. »Die Beziehung zu unseren Eltern ist die wichtigste Quelle dessen, wer wir heute sind. Die frühen Erfahrungen mit unseren Eltern sind in unseren Gehirnzellen gespeichert und bilden einen Teil des allgegenwärtigen Kindes in uns. Unser inneres Kind, das nie völlig ausgelöscht werden kann, sucht immer nach jener besonderen Kombination von Liebe, Fürsorge und Anleitung, die das Kennzeichen guter Eltern ist.«

»Und was, wenn dieses große Superdupergespräch schon geführt worden ist und eine Katastrophe war?« Katja fragt das, die blonde und sehr stille Person in unserem Zugabteil. Sie hat ihren Eltern nie verziehen, dass sie nach ihrem guten Abitur nicht BWL studieren durfte - ihr Vater, ein schwäbischer Handwerker, zwang seine Tochter in eine dreijährige Ausbildung zur Bürokauffrau ? mit diesem alten blöden Satz von alten blöden Männern: »Lern erst mal was Rechtes.« Für Katja ist die Sache inzwischen klar: »Er wollte nicht, dass seine Tochter schlauer wird als er. Und er wollte die Kontrolle über mich behalten, schließlich musste ich zu Hause wohnen bleiben. Fürs Studium hätte er keinen Cent zugegeben.«

Sie hat sich gefügt, ist geblieben, hat die Ausbildung gemacht, stoisch durchgehalten. Am Tag der Abschlussprüfung ist sie ausgezogen und zum Studieren gegangen. Das Geld dafür verdient sie selbst. Ein Jahr lang sprach ihr Vater kein Wort mit ihr, bis sie nach Hause kam und um ein klärendes Gespräch bat. Sie sprachen. Es war eine Katastrophe. Das ist zwei Jahre her. Jetzt fährt sie wieder heim, ihre Mutter hat so lange gebettelt, bis Katja nachgegeben hat.

»Rechtlich hätte man vielleicht einen Anspruch auf Unterhalt von deinen Eltern für dich durchsetzen können«, sagt Magnus, der Rollkoffer- Jurist, in die Runde. »Magnus, was ist denn das für ein Name?«, fragt Marie und grinst, aber Magnus grinst nur zurück. »Ach, das blöde Geld«, antwortet Katja. »Wer will schon seine Eltern verklagen?« Magnus fällt der Fall »Henne gegen Henne« aus dem Jahr 2004 ein, wo eine Tochter ihren Millionärsvater auf Zahlung von Kindesunterhalt für ihr Studium verklagt hat. Man einigte sich schließlich in einem Vergleich vor dem Oberlandesgericht. »Ich glaub, die Vorinstanz hatte ihr 4000 Euro monatlich zugesprochen«, erinnert sich Magnus. »Aber wenn du's genau wissen willst, müsste ich das noch mal nachlesen?«

»4000 Euro!«, stöhnt Katja. »Man braucht halt reiche Eltern«, sagt Paul. Oder man zieht einfach nicht aus. Das »Forum Familie stark machen« veröffentlichte 2006 eine Umfrage des Allensbach-Instituts, das herausfand, dass junge Erwachsene zwischen 16 und 29 Jahren heute noch viel häufiger bei ihren Eltern wohnen als früher. Von den 18- bis 19- Jährigen leben noch 89 Prozent im Elternhaus - in der Vorgängergeneration lag dieser Anteil mit 71 Prozent deutlich niedriger. Von den Mittzwanzigern (24 bis 25 Jahre) wohnt noch jeder Dritte bei Mutter und Vater - fast doppelt so viele wie in früheren Generationen. Alles in allem hat sich innerhalb der vergangenen dreißig Jahre das durchschnittliche Auszugsalter - definiert als das Alter, zu dem die Hälfte der gleichaltrigen Personen ausgezogen ist - um etwa zwei Jahre nach hinten verlagert. Es liegt bei 21 Jahren bei Frauen und 23 Jahren bei Männern. Fast die Hälfte der Nesthocker arbeitet schon Vollzeit und könnte sich eine eigene Bleibe leisten. Doch offenbar verlassen viele junge Leute das Elternhaus erst, wenn sie einen Partner gefunden haben: Von den Daheimgebliebenen sind zwei Drittel Singles. Kurz zu den Vor teilen des Lebens in einer eigenen Wohnung:

1. Eigene Regeln. Wann es Zeit ist aufzustehen oder ins Bett zu gehen, wie sauber das Bad zu sein hat, wie lange du telefonieren darfst, wann der Fernseher läuft, welche Musik wie laut zu hören ist, was es zu essen gibt (und wann und wie viel), wo überall schmutzige Wäsche rumliegen und wie viel Alkohol man trinken darf ? all das ist dir endlich selbst überlassen.

2. Weniger Peinlichkeiten. Mit wem du wann nach Hause kommst und wie lange deine Gäste bleiben? Deine Entscheidung. Und Gott sei Dank fällt auch die Notwendigkeit weg, den Nachtgast am nächsten Morgen der Familie vorzustellen.

3. Eigene Pflichten. Doch, das steht bei den Vorteilen. Du glaubst schließlich schon lange, dass du dich selbst versorgen kannst ? jetzt kannst du es beweisen. Mietvertrag aushandeln? Küche einrichten (»Woher zur Hölle krieg ich einen gebrauchten Herd?«)? WG-Zimmer streichen? Das schaffst du.

Jetzt die Nachteile: Du musst alles alleine machen. Und du bist für dich selbst verantwortlich. Es ist interessant zu beobachten, wie viele junge Erwachsene auf ihre Unabhängigheit pochen - und gleichzeitig versuchen, möglichst viele der Vorteile zu behalten, die eine Bindung an das Elternhaus hat. Kurzer Unabhängigkeits-Check? Also los. 1. Wo wäscht du deine Wäsche? 2. Auf wen ist dein Auto zugelassen - wer zahlt die Versicherung und die Steuer? 3. Was ist zu tun, wenn das Finanz amt dringend eine Steuererklärung einfordert? 4. Ein Blick in deinen Kühlschrank, was ist da drin zu sehen? 5. Wozu braucht man eine Sozialversicherung? Was verraten die Antworten über dich?

Auch wenn Kinder ausziehen, bleiben sie den Eltern oft irgendwie erhalten: Bei neunzig Prozent leben die erwachsenen Kinder weniger als zwei Stunden entfernt, 85 Prozent aller Eltern, deren Kinder ausgezogen sind, sehen oder sprechen diese mindestens einmal pro Woche, vierzig Prozent sogar täglich. Die 68er konnten vielleicht den Staat nicht völlig umkrempeln - nicht einmal, als ihre Repräsentanten selbst in höchste Staatsämter aufstiegen. Aber wenn man die Kindererziehung von Heute mit den 50er und 60er Jahren vergleicht, dann hatten die 68er zumindest Erfolg mit der Direktive, das Private zum Politischen zu erklären. Erziehung hieß früher: Erziehung zum Gehorsam. Heute heißt es eher: Erziehung zur Gemeinsamkeit.

Katja, der stillen Blonden mit dem autoritären Vater, helfen schöne Zahlen und gesellschaftliche Fortschritte wenig. Sie hat trotzdem eine Riesenangst davor, nach Hause zu kommen. »Ich hab mir eine Frage ausgedacht, auf die ich wirklich gern eine Antwort von ihm hätte: Warum wolltest du mich nicht erwachsen werden lassen?« Nach einer Pause fragt sie in die Runde: »Nur mal theoretisch: Was passiert, wenn alle Stricke reißen? Wenn mein Vater mich nicht mehr sehen will - und ich ihn auch nicht? Ich hab das starke Gefühl, dass das passieren könnte ?« Gemurmel im Abteil. Ja, das kann passieren.

Was schreibt der Fachmann, Howard M. Halpern? »In der Vertrautheit zu unseren Eltern liegt etwas Wertvolles, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte. Aber es gibt Zeiten, in denen der Preis für die Fortführung der Beziehung zu unseren Eltern unter Umständen zu hoch ist. Uns ihre Zustimmung und Anteilnahme mit ständigen Kompromissen zu erkaufen, kann unsere Unabhängigkeit untergraben und unsere Fähigkeit zu erkennen, wer wir sind und was wir wollen.«

Es gibt keine Pflicht, das Verhältnis zu den Eltern aufrechtzuerhalten. Aber so ziemlich alle Experten sind sich einig: Solange es irgendwie geht, sollte man?s versuchen. Vielleicht nimmt man auch erst mal Urlaub voneinander. Oder behilft sich, statt explosive Begegnungen zu bewältigen, mit gelegentlichen Telefonaten, die man zum Beispiel mit einem höflichen Dreisprung aus drei kurzen Gesprächsteilen absolvieren kann (ja, sogar dafür gibt es einen psychologischen Leitfaden):

1. Was ist heute Schönes passiert?
2. Wie geht es euch sonst?
3. Freundlich »Auf Wiedersehen« sagen.

Irgendein Halt, an irgendeinem Bahnhof. Magnus steigt als Erster aus, grüßt freundlich, seinen Rollkoffer hinter sich. Bald darauf geht auch Marie, dann verabschieden sich Paul und Katja. Je offener sie in diesem Abteil gesprochen haben, desto eiliger laufen sie die Treppen hinab in die Unterführungen, kaum jemand dreht sich um, wir haben auch keine Nummern getauscht. Als der Zug wieder Fahrt aufnimmt, verschwimmen die Wohnhäuser vor dem Fenster, jeder der Menschen aus diesem Abteil könnte irgendwo da draußen wohnen.


»Planen oder treiben lassen - wie man merkt, ob man sich zu viel oder zu wenig Gedanken um sein Leben macht« von Michael Ebert und Timm Klotzek, Heyne- Verlag, 17,95 Euro. Lesereisetermine und weitere Infos unter planenodertreibenlassen.de.




Inhaltsverzeichnis:

Pläne schmieden, locker bleiben
Die dreizehn weiteren Kapitelthemen aus »Planen oder treiben lassen«

Weit reisen
Soll ich eine Weltreise machen - oder darauf vertrauen, dass ich im Leben auch so noch genug rum komme?

Liebe finden
Soll ich im Internet nach der großen Liebe suchen - oder auf den romantischen Zufall im echten Leben hoffen?

Geld
Soll ich mein Geld sorgsam zusammenhalten - oder Sparappelle ignorieren und erst mal das Leben genießen?

Essen
Soll ich mit einem Ernährungsplan im Kopf auf mein Gewicht achten - oder einfach essen, was mir schmeckt?

Ausbildung
Soll ich mit meiner Ausbildung einen geachteten Beruf anstreben - oder lernen, was mich am meisten interessiert?

Freundschaft
Soll ich zu alten Freunden Kontakt halten - oder darauf vertrauen, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren werden?

Vorankommen im Job
Soll ich mich in meinem Beruf gezielt fortbilden - oder darauf setzen, dass ich auch ohne Karriereplan zurechtkomme?

Liebe retten
Soll ich Lebenspläne mit meinem Partner abstimmen - oder daran glauben, dass die Liebe uns schon zusammenhält?

Versicherungen
Soll ich mich gegen möglichst viele Gefahren versichern - oder lernen, mit einem gewissen Risiko zurechtzukommen?

Neustart im Job
Soll ich einen Job, der mich unglücklich macht, kündigen - oder durchhalten, bis sich die Lage bessert?

Familie gründen
Soll ich auf den perfekten Zeitpunkt warten, ein Kind zu kriegen - oder auch in unsicheren Zeiten Familie gründen?

Gesund bleiben
Soll ich meinen Körper bei Vorsorgeuntersuchungen durchchecken - oder nur zum Arzt gehen, wenn mir was wehtut?

Älter werden
Soll ich an meinem 30. Geburtstag eine erste Bilanz ziehen - oder mich einfach weiter jung fühlen, so lange ich will?

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