DyingFly1 14.06.2004, 19:40 Uhr 5 0

Warum Kinder Märchen brauchen!

oder: wie aktuell sind Märchen aus alten Zeiten?

Wir kennen sie alle: Die guten, alten Märchen, die mit diesem "Es war einmal..." beginnen. Lange Zeit stand meine Meinung über Märchen
wie "Rotkäppchen", "Rumpelstilzchen" oder "Hänsel und Gretel" fest: Veraltete, brutale Horrorgeschichten, die nur dazu dienten, Kinder zu belehren bzw. das Fürchten vor dem Ungehorsam zu lehren.

So muss beispielsweise Rotkäppchen erfahren, dass man besser auf die Mutter hört und nicht vom Weg ab geht, so wurde der Wolf ihr Verhängnis.

Ein Schauder durchzuckte mich stets bei dem Gedanken, diese Märchen könnte ernsthaft noch heute jemand Kindern zumuten.

Auch recht gewaltsam kann es zugehen in den Märchen der Gebrüder Grimm. Dem Wolf wird sowohl bei "Rotkäppchen" als auch bei "Der Wolf und die sieben Geißlein" der Bauch aufgeschnitten mit einer Schere(!). Anschließend bekommt das "böse" Tier Steine in den Bauch gelegt und verendet so tragisch. Mal abgesehen davon: Ist der Wolf wirklich immer der Böse? All diese Fragen und Zweifel hielten mich stets auf Abstand zu dicken Märchenbüchern.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie ich diese Märchen als Kind empfand. Doch mir kam keine Erinnerung an übergroße Furcht oder Ekel. Nein, der Gedanke daran, dass der hinterlistige Wolf, der die armen Geißlein gefressen hatte, anschließend Steine in den Bauch bekam ließ ein hämisches Grinsen über mein Gesicht huschen.

So kam es, dass vor einiger Zeit doch mein Blick an einem ausgestellten Märchenbuch hängenblieb. Es waren die Illustrationen, die mich sofort begeisterten. So ein schönes Buch hatte ich noch nie gesehen. Beim Durchblättern empfand ich sofort wieder dieses elementare Gefühl: Gut gegen Böse. Am Ende gewinnen immer die Guten! Das war es was diesen Reiz ausmachte.

Es ging um die elementarsten Charakterzüge der Menschen in allen Facetten und die Belehrung, dass am Ende das Gute siegt (Beispiel: Für uns Erwachsene "Der Herr der Ringe"). Das Märchen setzt sich mit all den boshaften und guten Seiten des Menschen auseinander.

Ich kaufte das Buch und prüfte zu Hause erst einmal genau den Text. An manchen Stellen stutze ich etwas. Konnte ich den Kindern wirklich vorlesen, dass die arme Müllerstochter sterben musste, wenn sie das Stroh nicht zu Gold spinnen konnte? Oder, dass die Hexe den Hänsel schlachten will?

Ich kam zu der Überzeugung: Ja, ich kann. Es ist eine Geschichte, und die Hexe kommt nicht gut weg am Ende, wie wir alle wissen!

So fing ich erst einmal mit dem Märchen "Rotkäppchen" an. Die wunderschönen Illustrationen, Seite für Seite ließen die Kinder eintauchen in eine andere Welt. Und kaum tauchte der Wolf auf, da weiteten sich die Augen meiner Kinder gespannt. Als der Wolf schließlich sowohl die Großmutter als auch das arme Rotkäppchen gefressen hatte, machte mein Sohn doch ein schockiertes Gesicht. Als aber der Jäger des Weges kam und dem Bösewicht den Bauch aufschnitt, machte sich das mir wohlbekannte hämische Grinsen wieder breit, und als dann das Rotkäppchen und die Großmutter gesund herauskamen, war die Freude natürlich groß.

Die Kinder waren begeistert. Denn das ist es, was die Kinder ständig nachempfinden wollen: Wer oder was ist gut? Wer oder was ist böse? Und was zahlt sich aus/nicht aus? Kinder entwickeln Wertgefühle.

Nun wollen meine Kinder ein Märchen nach dem anderen hören und sind immer wieder aufs neue gebannt. Und: Sie haben keine Albträume bekommen, was auch zeigt, dass sie die Geschichten verarbeiten konnten. Gerade mein Sohn ist da eigentlich sehr anfällig.

Es kommt hinzu, dass die vielen Märchen, seien es die von den Gebrüdern Grimm oder von Hans-Christian Andersen nun einmal zur Allgemeinbildung gehören. Und so zeigt sich am Ende: Märchen behandeln die Urthemen der Menschheit und sind somit nach wie vor aktuell. Und ganz nebenbei macht es natürlich einfach eine Menge Spaß, mit grimmiger Stimme zu den gespannten Kindern zu sprechen: "... damit ich dich besser FRESSEN kann!"

Eine Anmerkung soll noch kommen: Ich finde es sehr wichtig, dass die Märchen wirklich schön illustriert sind. Bei comicartigen Bildern geht jegliches Flaire verloren, und die Phantasie der Kinder wird bei weitem nicht so beflügelt.

Somit empfehle ich folgende Bücher:
"Die schönsten Märchen der Gebrüder Grimm"
illustriert von Svend Otto S. erschienen im Lappan Verlag. Gebundene Ausgabe. Halbleinen.
Preis: 19,95€

sowie

"Die schönsten Märchen von Hans-Christian Andersen"
illustriert von Svend Otto S. Lappan Verlag
Gebunden, Halbleinen.
Preis: 19,95€

Für alle die Kinder im Bekanntenkreis haben:
Kaufen und verschenken! Ein echtes Familienschmuckstück.

5 Antworten

Kommentare

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    Diese grausamen Märchen eignen sich hervorragend um Kindern den Unterschied von Gut und Böse beizubringen. Ausserdem können sie sich mit einigen Rollen identifizieren und Gefühle erleben, für die sie noch keine Worte kennen. Ich habe für meinen Sohn ein Hänsel und Gretel Buch ohne Text, sondern nur mit sehr düsteren Bildern. Er liebt es, wenn ich ihm die Geschichte nacherzähle und erfindet auch mal gerne Dinge dazu.
    Ich darf dann nie vergessen bei dem Lied von Hänsel und Gretel auch die Ente zu erwähnen, die die Kinder am Ende des Märchens über den Fluß bringt (in vielen Büchern wurde die Ente ausgelassen), das umdichten des Originaltextes hat mir etwas Mühe bereitet aber er legt da extrem viel Wert drauf. Da kann man sich noch drüber freuen wie viel Phantasie so ein Kind haben kann, wenn man es nur lässt....

    25.06.2004, 23:09 von Schneefrau
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    Ich muss die vollkommen recht geben und kann es verstehen das du dir anfangs Sorgen gemacht hast ,überhaupt eins vorzulesen.Es gibt Kinder die sind schon so vom Fernsehen abgestumpft die schockiert gar nichts mehr,aber die werden womöglich auch nie ein Märchen vorgelesen bekommen.Ich habe es geliebt wenn mir Märchen vorgelesen wurden ich fand auch die russischen immer toll mit derHexe Babajaga (später als ich eines dieser im Fernsehen sa das war mal vor drei Jahren wurde diese von einem Mann gespielt das fand ich irgenwie lustig) und ich genieße es der tochter meiner freundin Märchen vorzulesen vorallendingen weil sie kaum fernsehen will ich glaube sie guckt höchstens 2 Stunden in der woche (sie ist schon fast 8).Einmal haben wir ein paar Freunde von ihr eingeladen da waren auch schon mal 11 jährige dabei und ich habe mindestens 10 Märchen vorgelesen und immer wenn ich aufschaute guckte mich viele gespannte Augenpaare an und dieses Gefühl was ich dabei empfand möchte ich nicht missen.liebe grüße jess

    21.06.2004, 06:50 von crazyjazzyjess
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      @[Benutzer gelöscht] Hallo lube,

      Vielen dank für Deinen Beitrag. Ja in gewissem Sinne hast Du Recht mit den Bildern. Nur gerade bei den Märchenbüchern gibt es doch nichts Schöneres, als zarte Illustrationen die zum Träumen einladen. (Ich betonte ja bereits, daß ich zarte schöne Illustartionen meine und keine comicartigen, grellen Bilder.)
      Zum Vorlesen ohne großartige Bilder haben sich bei uns bestens die Geschichten von Astrid Lindgren bewährt. Meine Kleine ist ja auch noch keine vier jahre alt und so ist sie doch noch in gewissem Maße auf Illustrationen angewiesen um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten. Mit zunehmendem Alter nehmen ha dann die Illustrationen in Kinderbüchern ab, damit Leseanfänger ihrer Phantasie freien Lauf lassen können.
      Danke für Dein Lob.

      Gruß
      Katja

      15.06.2004, 16:01 von DyingFly1

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