Vom Rausch mit Rose
...dem langsamen Runterkommen danach und vom Wort, das eine Welt erschafft
Vor einiger Zeit habe ich eine Gedichte-Ausgabe von Rose Ausländer gekauft. Leinen, gebunden, ein kleines Format, eine wundervolle Ausgabe.
Ich habe sie neben die Brecht-Ausgabe in den Bücherschrank gestellt. Dort waren sie ungestört. Bis ich die beiden eines Abends wieder getrennt habe. Brecht hat schon genug Frauen gehabt.
Ich fing an zu blättern, zu lesen. Man fängt an, liest weiter. Man liest einfach. Das Schöne an Gedichten ist, daß man sie nicht bis ins letzte Detail verstehen muß. Zwar ist das Gedicht die wohl ausdrucksstärkste, kompositorisch anspruchsvollste, komprimierteste, die dichteste Form der Literatur, dennoch entfaltet es seine Wirkung nicht ausschließlich auf einer rationalen Ebene. Gedichte evozieren Bilder, Eindrücke, gar Befindlichkeiten. Sie stecken voller Konnotationen, schaffen Atmosphäre und Stimmungen. Gedichten kann man sich hingeben.
Und so habe ich sie in mich aufgesaugt, diese Welt. Und so hat sie mich aufgesaugt, diese Welt. Je länger man liest, desto stärker wird der Strudel der Sprache. Diese wunderbare Welt aus Sprache wird Teil eines selbst, man selbst wird Teil dieser Welt. Ich fing an, mit ihren Wörtern zu leben. Wurde ich lebendig oder die Worte?
Man empfindet die Trauer und den Triumph in ihren Versen, die Sehnsucht, die Verzweiflung, die Hoffnung, die Angst, das Glück. Man denkt in den Kategorien dieser Welt.
Irgendwann bin ich eingeschlafen, habe im Traum weiter gelebt in diesem literarischen Mikrokosmos der Rose Ausländer. Ich bin aufgewacht und war noch immer erfüllt von ihren Formulierungen und vor allem ihrer Art zu formulieren. Ich habe mich so leicht gefühlt, stark, ich habe über den Dingen gestanden, nein, ich habe geschwebt über allem, und selten war ich wohl so eins mit der Welt und ihr zugleich so entrückt.
Ich bin zur Uni gefahren, habe meine Exfreundin getroffen mit ihrem neuen Lover, und ich habe mich gefreut darüber. Ich war unverletzbar und frei.
Auf dem Campus ist es mir bewußt geworden, mir, dem Nichtraucher, Nichttrinker, Nichtkiffer: so muß es anfühlen, das Highsein, so ist er, der Trip, der Rausch. Und das langsame Runterkommen danach.
„Erbarme dich / Herr / meiner Leere / / Schenk mir / das Wort / das eine Welt / erschafft“, schrieb Rose Ausländer einmal. Spätestens seit jenem Tag weiß ich, was sie meint.





Kommentare
ich kenn dieses "high sein" auch und habe immer gedacht es wäre (fast) unmöglich dieses gefühl in worte zu fassen, aber du hast es echt auf den punkt gebracht. sehr schön!
23.03.2005, 14:47 von josefadu sprichst von diesem "klick" oder?
08.11.2004, 21:15 von riojawo man auf einmal die dinge anders sieht, wo man anfaengt verwirrte sachen zu verstehen dessen ende man immer am anfang sah....
dieser "klick" wo es einem so genial gut geht, man sich frei fuehlt, unmoegliche dinge passieren...
gedichte aufsaugt und die worte uebernimmt, sie lebt und liebt!
meinst du das?
ich liebe es!
wie gut, ich mag es, ist ein schönes gefühl von solche worten erfasst zu werden, und nur das wort zählt. und auf seltsame weise trägt es einen und hebt ab. vielleicht eine negative eigenschaft von der "wirklichkeit" diesem unpoetischen rauen alltag sich davon zu stehlen, doch was bleibt dem Nichtraucher, Nichttrinker, Nichtkiffer übrig um sich seinen raushc zu besorgen?
08.11.2004, 21:03 von deafwir armen wortsüchtigen