Überbahnfahrn
Die ultimative Reportage über den neuen Volkssport "Social Blackdriving"- Ein Insider packt aus.
Ich saß mal in der Bahn. Da saß ich so, wie so oft man tagtäglich als nicht-Auto und schon gar nicht-Führerschein-besitzender Mensch in der Bahn sitzt und wie fast alle bahnfahrenden Menschen, so hielt auch ich diese Dienstleistung in ihrem Preis-Leistungs-Verhältnis für äußerst fragwürdig. Kurzum, übelst unzuverlässig und viel zu überteuert.
Also fuhr ich schwarz. Machte ich des Öfteren.
Ein bisschen Nervenkitzel steckt immer dahinter, doch glücklicher wurde ich mit der Situation bisweilen noch nie. „Hätte ich doch mal Geld, wär ich doch mal eben reich", schwirrten meine Gedanken umher. Blindwütig erinnerte ich mich an die Worte, die mir einst meine Mutter predigte und mit auf den Weg gab: „Junge, du darfst ruhig alles machen...“, doch ergänzt durch ein darauffolgendes: „Du darfst dich nur nicht erwischen lassen!“ - Und daran hielt ich mich ganz fleißig.
Ich trug die reine Weste, war keinmal vorbestraft und auch der Ausnüchterungszelle bin ich stets torkelnd entwichen. Gleichwohl geschah es dem Bahnpersonal. Schon immer habe ich darauf geachtet, ob Kontrolleure einsteigen. Selbst wenn ich ein Ticket besaß, wartete ich im Falle einer Kontrolle so lange, bis mich diese persönlich aufforderten. Mit welch einem Vergnügen hab ich dann noch etliche Sekunden in meinen Taschen gewühlt. Das machte ich so lange bis ich es dann nach zwei Minuten „endlich gefunden hatte“ und mit einem Lächeln dem mürrischen Blick des Kontrolleurs antwortete. So hatten andere nicht-Ticket-besitzende Fahrgäste noch die Chance, der Kontrolle zu entkommen. Wenn man schon auf illegalem Wege durch die Gegend pendelt, kann man auch was Gutes tun. Soziales Schwarzfahr-Verhalten. Dacht' ich mir so...
An diesem Tag war bei mir mal wieder das Geld nicht passend, die Zeit zu knapp, und die Schlange sowieso zu lang, um mir einen Fahrschein am Automaten zuzulegen. Also strich ich mich mit dunkler Hautfarbe an und stieg in den Zug. Schwarz. Schwärzer als schwarz und hoffte insgeheim darauf, dass im Falle eines Falles, die anderen Fahrgäste vielleicht genauso wie ich reagieren würden.
Doch Fehlanzeige. Denn es kam auch zu keiner Kontrolle. Bisher zumindest nicht. Ich zählte die Stationen wie Minuten. Jetzt waren es nur noch vier. Vier mal Tür auf, Menschen raus, Menschen rein, Tür zu. Weiterfahren. In etwa in zehn Minuten hätte ich den Zeitterror schuldenfrei überwunden. Um den Überblick zu behalten, stand ich an einem der Eingänge. So konnte ich bei nicht erwünschtem Besuch uniformierter Gäste noch im gleichen Moment aussteigen.
„Hoffentlich kommen jetzt keine Zivis... “, murmelte ich leise vor mich her. Ich versuchte mich abzulenken. Im linken Ohr dröhnte Musik. Zu meinen Füßen streckte sich ein noch fast volles Bier mit jungfräulichem Glanz entgegen. Die mediale Berieselung zwang mich irgendetwas zu tun. Also packte ich mein Notizbuch heraus, denn das trug ich immer mit mir. Wie so'n Tick. Buch, Stift. Stets parat.
Also stand ich da. Vertieft in mein Buch und mit einem leicht kritischen Blick ab und zu umher schauend, heftig kritzelnd. Ich schrieb. Hauptsächlich schwachsinnige Zeilen. Solche wie diese hier. Und diese. Und diese auch...
Ich spürte nahezu, wie meine Taktik aufgehen würde. Nach und nach leerte sich das Umfeld um mich herum. So langsam geriet ich in Ekstase. Wohl besonnen machte ich weiter und erfreute mich am nonverbalen Schachzug. Also plante ich die Strategie auf ihre Beweisprobe zu stellen. Starr und verbittert konzentrierte ich meinen Blick auf das Gesicht eines etwas älteren Herrn und schrieb dabei ganz heftig notierend in mein Buch hinein. Ich glotzte ihn dämlich an, „stalkte“ seinen Blick und forderte ihn immer wieder heraus. Das tat ich so lange bis ihm unwohl wurde. Man konnte sein Unbehagen förmlich riechen. Oder er stank einfach. Es klebte ein Hauch von Angstschweiß an den gummiumrahmten Fensterscheiben, der längst ausgedienten Bahn, welcher Duft sich im Wagon verteilte. Vielleicht war er ja Stasi-Opfer und hielt mich für einen üblen Geheimagenten? Ich werde es nie erfahren. Eine Station später stieg er aus.
So hatte ich es mir innerhalb weniger Minuten recht gemütlich gemacht, da so im Wagon. Gong. Es folgte die Ansage. Und hörte sie fast ganz für mich alleine. Es blieben nur noch zwei Stationen, und zwei Fahrgäste. „Die packe ich auch noch! Kein Thema!“. Und irgendwie hatte ich Spaß daran gefunden, die Menschen furchtbar idiotisch und völlig benommen anzustarren und sie mit ihrer Nervosität in den puren Wahnsinn zu treiben. Im Dauerfeuerzustand sendete ich scharf kontrollierende Blicke an jegliches Individuum, das sich auch nur in die Nähe des Wagons wagte. Bei der Anzahl von Menschen, müsste ich ausgesehen haben, wie ein Chamäleon. Oder ein Spast.
Und doch ging mein Plan auf. Zuletzt stieg eine gebrechliche Rentnerin mithilfe ihres Rollators aus. Ich schätzte, sie konnte mich einfach nicht sehen. Mit einem glücklichen Schmunzeln rutschte ich auf den Boden des leeren Abteils, zog meinen Hut tiefer ins Gesicht und begann zu zeichnen. Kritzelte vor mich her, zeichnete Strichmännchen und ließ sie in ihrer zweidimensionalen Welt verrotten. Ich spielte Gott.
Die Geräuschkulisse nahm zu. Bremsblöcke schliffen mit schreddernden Hochtönen der Zielgeraden entlang. Ein ekelhaftes Geräusch. Sie quietschen, zerren und dämpfen die Geschwindigkeit des Menschenviehtransportvehikels bis zum Stillstand ab. Ich habe mein Ziel erreicht. Geschafft! Mission Complete! „Endstation! Bitte alle aussteigen!“
Zurück aufs Abstellgleis. Meine dreidimensionale Welt.
Hurra, hurra! Ich lebe.
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