Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 12

the greyshaped rainbow on the melancholic mind

Noch immer November.

Erneut November in der Stirn wie ein Spaten in gefrorner Erde; jedes Jahr derselbe Frost, der Furchen zieht, dieselben Fragen, deren Schnitte sich als Falten tarnen und dies unterkühlte Denken - - wie ein klammer enger Keller. Und es tropft und rinnt unter den Dächern, seien sie aus Nacht oder Beton: Sommers Erbe taut und trübt und alles welkt erhaben, die Wolken wälzen sich bis knapp vor Pfützen und sinken auf durchnässte Füße: Lecks in Schuhen, Socken, sogenannten Siebensachen, um die Sorgen kreiseln und spiralisieren; dieser Magnetismus alles sogenannten Eigentums und die von Anziehung gestörten Nadeln, ausgerichtet ohne Aussicht starr auf diese eine Richtung der Verheißung. Diese Flucht nach vorn, nach oben, diese Fliehkraft vor dem Abgrund, der uns zieht, und dieses Spiel, ein Spiel?, diese Regelmäßigkeit an Fensterscheiben: Tausend Tropfen, und vereinzelte, gar einer, der alleine fließt und stockt und steht und einen Widerstand erfährt - - - bis ein kleiner Strom ihn schließlich fasst und reißt und in Richtung aller andren zieht und zerrt, zerstreut, bis jener fort - - und nicht mehr zu erkennen ist. Diese Tropfenmasse und das stete Strömen, das die Köpfe tropfend höhlt und wiederhallt, dieses Nieseln, das die Straßenzüge bleicht, und graut, wohin die Wünsche oder Schritte fallen: Langeweile gähnt der Grund entgegen, Kurzerwille geht spazieren, senkt den Blick in überfüllte Gullys und die Strömung zieht das lose Hoffen mit hinab - und verschluckt es gurgelnd mit den farblos angestarrten Blättern. Schmal ist dieser Augenwinkel und lästig diese Dauer, die da tropft. Als ob alles sinkt und liegt und viel zu müde, viel zu wund ist, noch zu streben in der Zeit, die nur geduldet wird. Ein Warten ohne Schleife, schlaff und schmutzig, und der Tod: der schläft in allen Dingen.


Erneut November in Gedanken wie der Wurm im faulen Apfel; fauler Zauber, Schimmelherbst und Mondschein wie ein trübes Fieber, gierig in der Ausbreitung und Bahn sich brechend: Angesteckt mit Nichtigkeit! Mit Aufruhr, Ahnung und den Ängsten, die sich "immer" nennen, "nie" und "nein" und durch unsre Adern jagen wie Gespenster, bis der Zweifel alle Zuversicht aus unsern Poren presst. Bis der Körper klafft und wie entkernt in seiner Niederlage liegt. Mit kaltem Schweiß und Zittern in den sonst so sichren Selbstverständlichkeiten. Außer Übung in den sonst so festen Schritten, in dem einst so stolzaufrechten Gang. Wie ging es noch, wie war das gleich, gesund zu sein? Wie konnt man es vergessen? Es war doch gar nicht lange her, da war man in Zusammenhang, und war bezogen. War kein loses Ende. War verbunden mit dem Grund und konnte an ihn reichen, alles reichte und das Glück berechtigte zu allem Anfang. Nun ist man in allem ohne. Und ohne Lebensappetit: Die Zunge klemmt, Gedanken quetschen und ein Stocken in dem ohnehin so engen Hals. Auch kein Verlangen mehr nach mundgerechten Illusionen oder Fütterung, und kaut doch lieber auf der Leere und zehrt von diesem Nichts, bis es auf den Magen schlägt. Wie absurd, so ohne Maß zu sein - und nicht zu wissen: Wie? Wozu? Der große Abfall aller Absicht! Ein Aberwitz: der Mensch als ausrangierte Witzfigur und Schmierenkomödiant, der verdrossen auf die Bühne blickt und halb Bedauern, halb Bereuen ist. Was für ein Blick, der überall Verwittrung sieht, und Dreck und die Romantik aller Halden, jene Drohung des Novembers. Ein Abdanken mit Endzeitgeste. Jetzt nur noch Ruinen! Und fatalisieren! Verstricken und nach Fäden fassen und so tun, als wär man frei und würd' nicht hampeln, baumeln oder sich wie einen klammen Mantel an den nächsten Haken hängen wollen.


Menschen hüllen sich in schweren Mut und schleppen jenes "hätt' ich!", das wie Schatten an den Schläfen klebt. Und mit hinunterzieht: Wie nah der Boden ist, wie tief der Himmel, eng ist selbst der Horizont - auf dem ein grauschattiertes Regenwogen liegt. Man mag den Augen gar nicht trauen! Aber welchem Sinn? Man blickt, als ob man tastet, aber: der Nächste ist nicht nah genug und alles Ferne nie Erwiderung. Im Gegenteil: Gebäude lassen harte nasse Kanten spüren, also tun die Hände so als ob, aber dieser leichte Kitzel ersten Sommerlichts, der liegt vergessen unter abgeworfnen Kleidern mahn'der Bäume. Soviel in Erinnerung, das viel zu wenig scheint. So unvollendet, unversucht, vergeblich. Alles atmet dieses Werden, bloß der Mensch bleibt still und starr und dünkt sich unveränderbar, und sitzt und stiert: Trostlos stehn die schwarzen Bänke, trist erstrecken sich die Strände jener Sommer, die wie immer, viel zu kurz gewesen sind. Man musste ja, man hatte keine Wahl. Die brachen Felder. Dieser Stress und Raserei. Der Anspruch "Ich", das Jetzt, der Blick zurück, nach vorn, der Mensch ist drei. Und selten einig. Das Wir, wir zwei, das Einigsein. Und innig, eins, und wie zerrissen doch im nächsten Augenblick, in Sprachverirrung und Sprachlosigkeit. Loses Denken, das entzweit, und vor jeder Kreuzung zweifelt: Schilder, denen man nicht trauen kann und folgen will, und auch nicht weiß: in welche Richtung?, außer: weg. Soweit wie möglich. Weg - - und noch ein Stückchen weiter. Über laubbedeckte Umwege, egal, wohin, egal, wie lang, lange währts ja nie und ist ja doch vergeblich: Diese Welt, das ist ihr Fluch, ist überall - und jeder nimmt sie mit sich mit, ein Atlas unentwegter Wanderung. Was die Menschen auf den Schultern, in den Köpfen tragen! Was für Dichte auf so dünnem Hals! Und schweigend nickt man manchem zu, als sei man einverstanden, dabei fehlen nur die Kräfte - und die Worte. Wie so vieles fehlt und sich entzieht und nur durch eine Lücke wirkt. Wie durchlöchert, leergefegt und finster ist die Welt: Es rieselt Zeit, es heult der Wind - und durch alle Gassen streunt Vergeblichkeit: Die Menschen stehn wie hingestellt, haltlos mit dem Hang zum Fall. Hüllen sich in Ablenkung, in Wärme, die nicht hält und flieht. Wie Herbst entstellt und seine Schwerkraft zieht! Ewiger November, wenn das Wachen Warten ist, und die Stirn in nassen Schuhen steckt: Selbst die Gedanken rosten und der Regen fällt wie Trümmer, graut, was zu begehren wäre. Wenn nur alles anders wäre! Wenn nur alles anders wäre... Doch wenn alles anders wäre, würd's nichts ändern. - Schon stirbt erneut ein Jahr und dennoch bleibt November. Dabei fällt schon irgendwo der Schnee, vermutlich ist es längst Dezember. Aber nicht in jedem Menschen, nicht auf allen Uhren. Manche stehen still und manche will man heut nicht lesen. Dieses Heute ist längst abgelaufen. Ohnehin ist Uhren nicht zu trauen. Zeit bemisst sich nicht in Zahlen. Es ist ein Denken in Verlusten und all dem, was einer nicht verliert, obgleich ja alles irgendwann verloren ist. Ein Tropfen in dem Strom. Aus seiner Quelle durch die Zeit ins Nichts. Verflossen und verschwunden irgendwo in seinem Wolkenfall. Aufgelöst in diesem Meer aus Nacht und kaltem Licht und Regen ... wieder wogt der Regen und darüber - - -: schweigt das All. So grenzenlos allein in allernächster Nähe. Wie alles fällt und fließt und wird. Wie alles strauchelt, stürzt und stirbt.


Tags: ich hab den frühling kotzen sehen, schimmelheiter, das ist aller tage abendbrot, jetzt sei doch nicht so ungemütlich, der tod lässt sich nicht duzen, herbstlaublethargie, nimm entzwei, ja schon klar aber worum geht es
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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich traue einer uhr mehr als 100 metaphern, so wohlklingend sie auch sein mögen.

    29.07.2015, 19:45 von ga
    • 0

      Ich mag es - hier in dem Text. Alceste ist halt der Master of the Metapern. Wobei mir manche Texte dadurch zu schwurbelig sind. Hier speziell in diesem Text passt es für mich sehr gut.

      01.08.2015, 20:23 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      gabongt. war aber nicht alcestespezifisch gemeint.

      ich sehe metaphern als literarische nebelkerzen.

      04.08.2015, 10:45 von ga
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  • 1

    Habe mich in "Kurzerwille" verliebt.


    Vote for Startseite!

    29.07.2015, 17:48 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    Der erste Satz kracht richtig ins Gebälk. Unglaublich düster.

    29.07.2015, 17:14 von tom13
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  • 0

    Erwachsenes Heulen ist Heulen im niveauvollen Sinn oder doch Creme wie Wichse auf den Schuhen, in deren Leder wir nicht aufhören uns zu bewegen, bis uns die Wogen der weiblichen Formen neu erregen, weil der Frühling naht?

    Manchmal lebt Deutschland nur im Kotzen und Depression scheint die modernste Ausrede für flüchtige Nummern in fremden Betten zu werden.
    Schal ist das was einst draußen vor der Türe wartete...
    Der Tod lässt sich unglaublich heiter duzen...man kann das vergangene falsche Lieben auch aktuell re-loadedes Lügen nennen und den grauen Himmel ein Zwischenspiel. Schadenfreudig sich die Tränen wegwischen, welche die Menschen nicht verdienen, die einfach weiter nur ihrem Ich hier und dort und unter neuen falschen Freunden dienen.
    Jedoch schließe ich mich dennoch mirror87 an: endlich mal ein lesens-werter Text auf der Startseite, ein Weihnachtsgeschenk aus der Redaktion, welche sonst die ewig gleichen schmückt ...

    15.12.2014, 23:16 von Filousoph
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  • 1

    Erneut
    November in der Stirn wie ein Spaten in gefrorner Erde

    RUMMS! Hätte Kafka nicht besser formulieren können. Das hier wär endlich mal was Vernünftiges auf der Startseite.

    13.12.2014, 18:28 von mirror87
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  • 1

    Applaus - wunderbare Bilder, toller Rhythmus. Danke.

    13.12.2014, 09:23 von MonoLOGIN
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