Maremile 14.07.2017, 01:33 Uhr 1 1

So-Lila

Check-In

Zwei Hände berühren sich zärtlich am Schaltknüppel eines alten Ladas. Die Abendsonne streichelt sanft über die Haut. Durch die Frontscheibe erkennt man die flimmernde Kulisse der orientalischen Stadt Istanbuls. Ein plötzlicher unschöner Ruck, eine quietschende Bremse, zerstört das Idyll und der Blick weicht von dem turtelnden Liebesspiel inniger Hände auf den Rücksitz – auf Solila. Solila wird durch den Stop aus ihrer Schockstarre gerissen. Angewidert fasziniert vom Zuneigungsbeweis des Pärchens auf den Vordersitzen, stellt sie fest, dass sie am Flughafen angekommen sind. Ohne Worte öffnet sie die Hintertür und verlässt wie in Trance den Lada. Ein Fuß vor den anderen, nicht stolpern oder zurückblicken, konzentriert auf den Eingang des Airports. Hinter ihr, laufende Schritte, ein Rufen, „Solila, warte, dein Koffer!“ Lukas läuft ihr hinterher, holt sie ein und stellt ihr den Koffer vor die Füße. Sichtlich nervös und außer atem hält er sie auf: „Solila, was soll ich sagen? Es tut mir leid?! Wir haben uns so lange nicht gesehen... 6 Monate – Ich mein, ich war mir nicht sicher, ob Du überhaupt jemals kommen würdest.“ Nach jedem Satz macht Lukas ein Pause, wartet auf eine Reaktion aber die bleibt aus. „Du hast Dich doch selber nicht für unsere Beziehung interessiert. Es gab garkein UNS. Du hast immer alles mögliche vorgeschoben, deine Arbeit,…Ich habe mich einfach in sie verliebt. Sowas passiert. Oder?“ Mit stählernen Augen mustert sie noch einmal sein Gesicht. Ihr Blick verrät keine Emotion. Dann wendet sich die junge Frau von ihrem "Ex"-Freund ab und steuert mit nur einem Auftrag weiter auf die Drehtür zu. Die Erklärungsversuche des aufgebrachten Betrügers, die langsam von Zugeständnissen zu Vorwürfen werden, verstummen im Getümmel der Reisenden bis Solila in der Masse untergeht.
Solila steckt die Stöpsel tief in die Ohren, drückt auf den Play-Konpf ihres iPhones und ihre Augen dabei fest zu. Sie atmet 5x tief in den Bauch, hebt erst das Kinn, dann die Mundwinkel bis sie zu einem schönen Lächeln werden und geht weiter - NEXT STOP -
Mit ihrer schweren Schultertasche und einem Rollkoffer schwebt sie konzentriert durch die Sicherheitskontrolle des kleinen Flughafens der türkischen Großstadt. Fest verschlossen in der Faust hält sie die Pillen gegen Flugangst. Aus dem Augenwinkel erhascht ihr verschwommener Blick eine junge, türkische Frau, die sich voll sprühender Überschwänglichkeit bei einem Taxifahrer bedankt, der ihre Plastiktüte voller Klamotten in die Halle trägt. Mit dem Blick auf die Abflugtafel, winkt die junge Frau ab und läuft zum Coffeehouse der Eingangshalle. „So entspannt müsste man sein“, denkt sich Solila sehnsüchtig. In ihrer Faust festumschlossen die Pillen gegen Flugangst. Das Herz schlägt hart und das pochende Blut ist mittlerweile bis in ihr Ohr gelangt, wo es penedrant weiter schwingt bis es unüberhörbar im Trommelfell ankommt. Willkommen in Solilas Innenwelt. Hier ist alles intensiv spürbar. Immer ein paar Prozent heller, schriller, krasser…und vor allem ein Gedanke mehr als notwendig. Willst Du Solilas Welt spüren?!? Dann versetze Dich zurück in den Sportunterricht der Grundschule. Denke an den ekelhaften Leichtathletik Wettkampf der Bundejungendspiele. Wenn Du Dich scheps und sinnbefreit beim 75 Meter Sprint in diese Startvorrichtung gezwängt hast. Finger an die Startlinie, Füße im Eisengestell. AUF DIE PLÄTZE! Du versicherst Dich, dass die Füße einen Widerstand finden und fragst Dich wie jemals etwas Gutes aus so einer unbequemen Haltung entstehen soll. FERTIG! Ertönt es von einem unqualifizierten Sportlehrer, der selbst seine Träume aufgeben musste und Du hebst Deinen Arsch empor in die Luft und auf einmal fühlst Du es – die Startlöcher, den Willen loszurennen und Alles zu geben und sei es für den sinnlosesten Wettkampf im sinnbefreitesten Szenario. Die Position ist unmenschlich, die Muskeln verhärten sich schnell, die Nackenhaare stellen sich auf, die Fingernägel verboren sich im roten Kunstsand und und und … es schreit keiner LOS! Es schreit einfach keiner LOS! Soviel zu Solilas Innenwelt und zurück an den Flughafen in Istanbul.
Übertönt wird das grausame, pochende Geräusch im Ohr nur von dem Dröhnen viel zu lauter Musik aus den Kopfhörern, die Solila von außen sehr cool wirken lassen. Beruhigend wirkt allerdings nur der Vergleich von Armbanduhr und Anzeigetafel im Tackt der langsamen Schritte, die erbarmunglos auf das silberne Tor zur Hölle zu gehen – was da auch Metalldetektor heißt. 48 Stunden Stunden in Istanbul, in denen sie ihren Freund nach einer langen Durststrecke überraschen wollte. In denen sie selbst überrascht wurde, als sie auf Lukas neue Liebe traf. 48 Stunden, in denen sie kein Wort sprach und den nächsten Flug in die sichere Heimat, München, buchte.
Doch alle Ereignisse werden von der wachsenden Flugangst überdeckt. Sobald ihre Gedanken auf ein viel zu schweres Objekt fallen, dass sich mit modernen technischen Mitteln wie aus dem Nichts in die Lüfte begeben soll und unter der Kontrolle einer fremden und statistisch vermutlich betrunkenen Person hunderte von unwissenden Menschen die in die Heimat fliegen soll. Solila hasst Vorurteile und vor allem sich selbst, als ihr prüfender Blick auf eine Gruppe von Männern, die Richtung Mekka beten fällt und auf deren unbeaufsichtigten Koffern endet. Perfekt vorbereitet legt Solila die vermeintlich „bösen“ Gegenstände auf das Fließband. Sie hebt brav die Arme, lässt sich widerstandslos abtasten und wünscht sich, dass die Angestellten noch gründlicher gewesen wären. Geschafft. Erste Etappe! Endlich einmal tief Durchatmen und die Sachen wieder in die Tasche packen. Als Solila ihr Handy in die Hand nimmt um es wieder in der umständlichen Schultertasche zu verstauen, fängt es plötzlich an zu klingeln. Das Display zeigt: Georg – Arbeit. Solila hebt ab. „Solila, Hallo, Es, Es tut mir leid, dass ich das jetzt so… aber ich wusste auch nicht, was ich machen soll, also, Solila, unsere Firma schließt. Wir haben es gerade erfahren, wir sind alle total überrascht, ich wusste auch nicht, ob ich dich anrufen soll, wo Du doch endlich Zeit mit Deinem Freund verbringen wolltest, aber wir sind alle arbeitslos...piiiiieeeeep“
Solila steht mit offenem Mund hinter dem Security Check des Flughafens. Die Fassade fällt und sie sackt langsam in sich zusammen, während die Stimme am Telefon hallend weiter spricht........

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Kommentare

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    Ich mag die Geschichte, die Art wie du schreibst.

    Ich hatte deinen Text vor längerer Zeit schon mal gelesen. Und heute - durch Zufall wieder auf deiner Seite - lese ich den Text an und erkenne ihn sofort. Ein gutes Zeichen :)

    Einzig den Schluss finde ich etwas too much.

    02.08.2019, 23:01 von CaraRuna
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