Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 41 72

So ist das eben

Für einen Freund, der verlassen wurde.

Langsam hinsetzen, eines nach dem anderen, das Verstehen nachkommen lassen. In ihm herrscht dröhnende Stille, ein Brunnen ohne Echo, die Augen wollen nichts fokussieren, verlieren sich in der Bewegung, die man Leben nennt, der Blick zu Boden: Einer geht allein weiter, es geht weiter. Im Kopf nur das Rauschen nach Sendeschluss, weißer Schnee in einem schwarzen Kasten und sonst nichtiger Stillstand. Die Kartografie des Kontinents der Unzulänglichkeiten, der Marterpfahl "vielleicht". So kauert er auf einem rauen Stein unter einer Kastanie, mit Blättern in der Hand. Die verohnmächtigende Wehmut des Herbstes. Gegenüber eine braungefleckte Katze, angeleint an einen Zaun, auch sie blickt sich befremdet um, kommt nicht zur Ruhe, kommt nicht vom Fleck. Wenn Atmen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Das ist das Leben, oder.  

Von irgendwoher tönt Musik. Sie erreicht ihn, dringt aber nicht tief, umgibt ihn, berührt aber nicht. Diese Note kann man nicht spielen, nur empfinden. Es hallt, als ob er müde wäre. Im Grunde ist er müde. Er hat gekämpft, versucht, verloren. So ist das eben. Das sagt er jedenfalls: So ist das eben. Man muss manches immer wieder sagen, um es glauben zu können. Er ist ungläubig; und blickt beklommen zu den Gleisen, zu den Zügen, die zu Menschen bringen. Da geht es von A nach B, einer steigt ein, einer steigt aus, Menschen schütteln die Hände, Menschen umarmen sich, Menschen winken einander zu und ziehen weiter, es ist ein Weiterziehen, ein Hinterhersehen, ohne die Hoffnung, es einzusehen. Alle lieben einander. Und er geht auseinander. So ist das eben. In ihm
ziehts. Und er sitzt unter der Kastanie und zieht sich zurück. So ist das eben. Es geht nicht immer weiter. Das abgeschmackte, vor sich hin faulende es-wird-schon-wieder-gut. Es ist gut. Man kann und will es nur nicht sehen. Jetzt nicht. Er hat sie verloren. Die Katze maunzt. So ist das eben. Die Verführung der Schwermut, das immer gleiche Lied, als hätt' man nichts gelernt und dennoch stimmt man ein, es stimmt. So ist das Leben, oder.

Tröpfeln setzt ein. Regen in gnadenloser Gleichgültigkeit. Soll ihm recht sein! Das passt. Das auch noch. Nie wieder! Er stochert im Trüben und mag sich nicht erheben. Mag nichts mehr vermögen, nur vernichtet sein und trägt die Trauer trotzig; ein Königreich für einen Wintermantel, der auch vor Fragenfrost zu schützen weiß. Er weiß nicht ein und aus und bleibt deshalb gelähmt da sitzen, als geschlossene Gesellschaft mit dem Geschmack der letzten Jahre auf den Lippen; jetzt bloß nicht drüberfahren, bloß nicht knibbeln. Die Katze leckt sich ihre Pfoten, maunzt noch immer. Die Trauermarschtrompeten des Verlusts. So ist das eben. Da trägt man eine Wunde groß wie eine Schlucht, die täglich ihren Namen nennt; man möchte sich hinunterstürzen. Und doch: dann irgendwann kommt eine junge Frau und erbarmt sich jener Katze. Am Bahnhof hält ein neuer Zug mit neuen Menschen, alle ohne Regenschirm, alle mit Menschen vor den Augen, Menschen in den Armen. So ist das
eben. Immer wieder. Er hat geliebt und wird es wieder. Leben ist Versuchen und sein Bestes geben. Also erhebt er sich und zieht den Hut vor diesem Leben, atmet durch und atmet ein und richtet seinen Blick gen Sonne. So ist das eben!

72

Diesen Text mochten auch

41 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Mich kribbelts. Da ensteht ein wunderbarer Rhythmus beim Lesen! Danke!

    04.02.2013, 17:16 von ZuckerResa
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    "Wenn Atmen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Das ist das Leben, oder."

    Ja, manchmal ist das das Leben!
    Schöner Text!

    14.10.2012, 14:29 von Nykita
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    " Also erhebt er sich und zieht den Hut vor diesem Leben"

     

    ich mag den text wahnsinnig. die Gedanken sind genial formuliert und die Stimmung kommt komplet rüber. und am ende schaut er nach vorne, damit hast du mich endgültig für den text gewonnen!

    26.09.2012, 19:48 von wordscoffeecigarettesandlife
    • Kommentar schreiben
  • 1

    als geschlossene Gesellschaft mit dem Geschmack der letzten Jahre auf den Lippen – fantastisch

    21.09.2012, 11:26 von JuliaMaja
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    ein wunderbarer text! selten seh ich etwas, was sprachlich so schoen ist! und das ende gefaellt mir unglaublich gut. endlich mal nicht nur diese "ich werde nie wieder gluecklich"-stimmung, sondern endlich mal eine "und weiter gehts"-stimmung!


    ein Königreich für einen Wintermantel, der auch vor Fragenfrost zu schützen weiß.

    toll!

    19.09.2012, 02:26 von snaty
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Sehr schön geschrieben. Tolle Bildsprache und punktgenaue Formulierungen. Botschaften kommen auch durch Ultrakurze Sätze an (die Katze maunzt.) und werden im Lesefluss durch die gezielte Einsetzung nicht vergessen. Der Text erzeugt sofort Bilder im Kopf - und emotionen. Toll! 

    19.09.2012, 00:16 von Wolkensprung
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare