Sofie_Amundsen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 4

Robinson Crusoe im Konjunktiv

Nachthimmel. Flammen über Babylon. Die Neonreklamen, die sich gegenseitig auffressen. Sich immer ähnlicher werden, ineinander verschwimmen

und schließlich verschwinden. In den Straßenschluchten rauschen die Autos. Vielleicht bist auch du gerade unterwegs, irgendwo dort unten, sitzt mit konzentriertem Gesicht im blauen Dreivierteldunkel mit Armaturenlämpchen und Radiogetröpfel. Überholst die Zeit und bläst ihr dabei noch eine kräftige Kohlenmonoxidwolke ins Gesicht. Na und? Ich bin auch kein Engel. Ich habe gestern eine leere Plastikflasche ins Gebüsch geschmissen, einfach so, weil ich Lust dazu hatte. Jetzt liegt sie irgendwo in Nordpark und vergammelt nicht und kleine Insekten kriechen hinein und verrecken, weil sie den Weg nach draußen nicht mehr finden. Save our planet. Ja schon, aber nicht am Samstagabend. Samstagabend will ich leben, und übermorgen sterbe ich.

Eine Zigarette am offenen Fenster. Eine von Janas Zigaretten, die noch in meiner Tasche waren. Vielleicht sollte ich mir mal eigene holen, dann geht das mit dem Sterben schneller. Wäre aber schade um das Geld. „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass wir das Rauchverbot in Gaststätten und Restaurants leider nicht auf bundesweiter Ebene durchsetzen können, da dies in den Kompetenzbereich der Länder fällt. Darüber hinaus wäre es aufgrund dessen möglicherweise zu einem Absinken des Tabakkonsums gekommen, was zu geringeren Einnahmen durch die Tabaksteuer geführt und somit ein Haushaltsdefizit verursacht hätte. Im Übrigen übersteigen die Ausgleichszahlungen der Tabakkonzerne an die Krankenkassen deutlich die Höhe der Unkosten, die jährlich durch durch Tabakkonsum bedingte Erkrankungen entstehen.“ Kauf mich! Wähl 0190-123456 und frage nach AOK. Die verdammte Bande weigert sich übrigens, mir einen Homöopathen zu bezahlen.

Zigarette an der Mauer ausgedrückt und drei Stockwerke tief fallen gelassen. Das mit dem Dinge einfach in die Gegend schmeißen wird langsam chronisch. Ich werfe gerne Sachen weg. Ich mag alte Gegenstände nur, wenn es nicht meine eigenen sind. Wenn sie Geheimnisse bergen und nicht Peinlichkeiten und Jugendsünden, die man lieber vergessen würde. So wie diese Schuhe, die ich neulich gekauft habe. Pumps aus dunkelblauem Satin, mit Pfennigabsätzen, auf denen ich niemals werde laufen können. Wahrscheinlich habe ich die nur mitgenommen, um sie ins Regal zu stellen und darüber zu rätseln, was sie in ihrem früheren Leben einmal waren. Wenn ich sie anschaue, denke ich an glitzernde Colliers über tiefen Ausschnitten, auf einem Podest an der Stirnseite des Raumes spielt eine Big-Band, außerdem Champagner und dunkelrote Lippenstiftspuren an den Champagnergläsern. Vielleicht aber auch ein Tanzschulabschlussball in einem Saal mit viel zu rutschigem Paket, einem Tanzpartner, der ständig auf die Füße der Trägerin der Schuhe tritt, Laufmaschen, Blasen, schmerzende Zehen und ein schwarzes Kleid von H&M, das überhaupt nicht zu den Schuhen passt. Und außerdem in Kinderarbeit genäht ist.
Ich glaube, ich sollte mir ein Loch in den Kopf schießen. Dann könnte man wenigstens mal zwei Minuten darin umherwandeln, ohne dabei auf ein Problem zu treffen. Vorausgesetzt, man läuft im Schusskanal geradeaus. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber ein rundes blaues Schild mit einem weißen Pfeil darauf neben jede Kreuzung stellen. Okay. Ich mache das also jetzt wie Kurt Cobain und stecke mir eine Schrotflinte in den Mund. Vielleicht kommt ja ebenfalls irgendein geldgeiler Mensch auf die Idee, T-Shirts von mir drucken zu lassen. Auch in Kinderarbeit, versteht sich.
Man müsste etwas dagegen tun. Oder zumindest ein Zeichen setzen. Ich gehe jetzt raus und fackele den H&M ab. Stelle mich daneben und tanze um das Feuer. Meinen Hexentanz. Wenn die Polizei mich aufgreift, werde ich sagen, ich sei Politaktivistin. Vielleicht kriege ich ja ein Interview mit der TAZ. Oder der Bildzeitung. Die TAZ wäre natürlich besser.
Ich denke mich durch mein Telefonbuch, auf der Suche nach jemandem, der möglicherweise in der Lage wäre, einen Molotowcocktail zu bauen. Ich kenne jemanden, der jemanden kennen könnte, aber niemanden, der es können könnte. Ich rufe den jemanden, der jemanden kennen könnte, aber nicht an, weil es mir selbst mithilfe von Molotowcocktails sehr fraglich erscheint, ob man das Gebäude überhaupt zum Brennen bringen könnte. Glas und Beton, was soll denn da brennen? Das Innere natürlich schon, aber ich will ja nicht nur Sachschaden verursachen, sondern die gesamte Filiale vernichten. Solange das Gebäude noch steht, werden einfach Handwerker kommen, die verrußten Wände überstreichen, neue Teppiche legen und die Kleiderständer wieder mit Jeans, T-Shirts und Unterwäsche made in Bangladesh füllen.
Egal worum es sich handelt, es gibt immer einen Haken.
Ich möchte mich gern daran aufhängen.

Du musst für komplett übergeschnappt halten, und für suizidgefährdet noch obendrein. Ersteres könnte eventuell noch stimmen, aber todessehnsüchtig bin ich nicht. Wirklich nicht. Schon gar nicht wegen der Haken und den nicht vorhandenen Schusskanälen dazwischen. Wenn ich eines Tages nach stundenlangem Herumrennen in meinem Kopf feststellen sollte, dass das Labyrinth wirklich keinen Ausgang hat, ist eben jeden Tag Samstagabend und ich werde weiterhin Müll ins Gebüsch werfen und mich zusätzlich dem Gebärstreik anschließen. Wir könnten auch stundenlang kreuz und quer mit deinem Auto durch die Stadt fahren, ohne Sinn oder Ziel. Und dabei Pretty Girls Make Graves hören oder Radiohead. Nein, nicht Radiohead. Radiohead würden keinen Sinn mehr ergeben, wenn jeden Tag Samstagabend wäre. Nicht, dass man sie nicht auch an einem Samstagabend hören könnte, aber um ihre Musik zu begreifen, muss man zumindest wissen, wie sich der verregnete Mittwochnachmittag davor angefühlt hat, an dem niemand anrief und niemand zu erreichen war, oder der frustrierte Donnerstagabend über dem Bücherberg. Der ewige Samstagabend würde Radiohead töten. Das wäre der Haken daran.
Gestern Abend, als wir auf der Bank saßen und Whiskey-Cola aus der besagten Plastikflasche tranken, meintest du, die Bank wäre eine Insel, und wir haben uns grinsend angesehen. Nächste Woche werde ich ein Foto davon machen, es auf eine riesige Landkarte – oder Meerkarte? - von Hawaii kleben und daneben schreiben: Die Samstagabendinsel. Anarchistische Abendunterhaltung. Nicht für jedermann. Nur für Verrückte. Eintritt kostet den Verstand.
Würdest du mich küssen? Eine merkwürdige Frage, ich weiß. Aber wieso eigentlich? Weil die reine, menschliche Liebe sich auf die Persönlichkeit bezieht, Begehren hingegen auf Geschlechterrollen? Kann das tatsächlich die Lebensrealität der Postmoderne sein? Das Comeback der weiblichen Linie in der Mode, englische Garagenrock-Boygroups, Eva Herman, die öffentliche Diskussion um Werteverlust und sinkende Geburtenraten? Ich mache da jedenfalls nicht mit.
Auf meinem Regal stehen die Pumps, feminin und sexy, und lachen mich aus. Jetzt zier dich doch nicht so, du willst es doch auch. Hey Kleine, wie wär’s mit uns? Möchtest du Prinzessin spielen? Ich muss an Aschenputtel und abgehackte Zehen denken und daran, dass ich gar keine böse Stiefmutter habe, vor der mich ein schöner Königssohn erretten müsste. Lieber würde ich für den Part der Meuchelmörderin vorsprechen, die dem selbstherrlichen Monarchen die Kehle durchschneidet. Lautloses Anschleichen? Auf klappernden Absätzen unmöglich. Na und? Ich finde sie schön. Außerdem sind es ja nur Schuhe. Kleidung wird in unserer Gesellschaft generell überbewertet. Schön und sinnlos – Samstagabendschuhe.

Ich überlege, ob ich noch eine rauchen soll, doch der Geschmack in meinem Mund beginnt bereits, mich anzuwidern. Ich suche in meinem Rucksack nach Kaugummi. Erfolglos. Nichts außer einer Tüte Salbeibonbons auf meinem Schreibtisch. Naja, eher nicht so. Schon viertel nach elf. Ich könnte mir auch einfach die Zähne putzen. Habe aber keine Lust. Also doch Salbei. Zeit tickt an mir vorbei. Ich sollte langsam ins Bett gehen, bin aber zu aufgekratzt dazu. Zum Lesen habe ich auch keine Lust, zum Fernsehen erst recht nicht. Und um jemanden anzurufen, ist es beinahe schon zu spät. Meine Mutter trinkt immer so einen merkwürdigen Beruhigungstee, wenn sie nicht schlafen kann. „Achtung! Fahren Sie nach dem Genuss dieses Produktes bitte nicht mehr mit dem Auto!“, warnt das Kleingedruckte. Der müsste doch eigentlich helfen. Auf Socken, schwarz-blau geringelt mit Loch unter der linken Ferse, tapse ich in die Küche, setze Wasser auf, mache das Radio an und warte auf Dampfgekräusel. Auf dem Independent-Sender läuft südamerikanischer Ska, ich verstehe kein Wort, aber lasse mich vom Stakkatorhythmus mitreißen, mein Spiegelbild hüpft und wackelt unscharf in der Fensterscheibe.
Vielleicht habe ich darüber den Tee zu lange ziehen lassen, vielleicht ist er aber auch von Natur aus so ungenießbar bitter. Jedenfalls wellt sich meine Zunge unter dem Geschmack wie ein nasses Blatt Papier. Bloß weg mit dem Zeug.
Auf der Suche nach etwas zum Nachspülen finde ich eine angebrochene Flasche Rivaner Classic im Kühlschrank. Soweit ich weiß, soll man auch nach Weinkonsum besser schlafen können. Fange ich jetzt schon an, aus purer Einsamkeit und Verwirrung zu trinken? Der Samstagabend beginnt, sich auszudehnen. Obwohl, allein ist es noch kein richtiger Samstagabend. Ich könnte Mirko anrufen und ihn fragen, ob er vorbeikommen will. Aber eigentlich möchte ich gerade lieber von einem Jungen mit dunklen Locken träumen, der nicht nach kaltem Rauch riecht, sondern nach Zitrone.
Baden mit Teelichtern und Weinglas. Leises Plätschern, flackernde Schatten an den Wänden. Wärme durchdringt meinen Körper, ich versuche sie festzuhalten, möchte bis in alle Ewigkeit hier verharren, nie wieder hinaus in die graue Nieselregenwelt. Wenn ich ihn diesem Moment sterben würde, ich glaube, ich wäre glücklich.
Dann die Duschgelflasche in meinen Händen. Ein Geschenk von dem Jungen mit den Locken, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Sie ist ausnahmsweise nicht in den Müll gewandert. Ich mag es, in Wehmut schwelgend zuzusehen, wie die duftende gelbe Masse langsam weniger wird. Der Geruch erinnert mich an ihn, hat er das beabsichtigt, dass ich beim Duschen an ihn denke? Wenn ich mich einseife, an Stellen, an denen ich gerne von ihm berührt worden wäre? Die Flasche wird leerer und leerer und irgendwann werfe ich sie dann doch weg, so wie unserer Gespräche immer leerer geworden sind und er mich weggeworfen hat. Ich brause mich ab, Zitronenschaum verfließt. Verflossen – nein, jetzt reicht es, ich werde jetzt aufhören, im Badezimmer eingeschlossen unsinnige Metaphern über unerfüllte Liebe und Duschgel zu spinnen. Morgen kommt das alles in den Mülleimer.
Weiterrennen, altes Leben unter meinen Füßen zertrampelnd. Wohin? Weiter nach oben, immer weiter, weiter, weiter. Lass uns mal kurz anhalten und die Aussicht genießen. Oder ein Stück den Hang runterkugeln. Das gibt Grasflecken in den Klamotten – egal, der weiße Riese wird sich schon darum kümmern. Was hältst du davon, Waschmittel in den Brunnen am Rathausplatz zu schütten? Nicht so gut, zu pubertär? Okay, dann machen wir halt was anderes.
Auf dem Weg zum Telefon hinterlassen meine nassen Haare eine Tropfenspur auf dem Teppich. Tut-tut-tut-tut-„hallo?“. „Hey. Ich bin’s.“ „Wer? – Ach, du. Ich hab’ schon geschlafen.“ Ich habe keine Lust, vorzutäuschen, dass es mir Leid täte, dich geweckt zu haben. „Ich kann nicht schlafen. Ich hab nachgedacht.“ „Worüber?“ „Babylon ist nicht brennbar.“ „Was?“ „Der ganze Beton halt. Egal. Erklär’ ich dir später.“ „Okay…“ „Lass uns nach Paris fahren und vom Eiffelturm spucken.“ „Wie kommst du denn jetzt da drauf?“ „Nur so.“ „Und was ist, wenn du jemandem auf den Kopf spuckst?“ „Selber Schuld. Was meint du, wie viele Touristen das machen?“ Ein amüsiertes Glucksen am anderen Ende der Leitung. „Geht klar. Wann fahren wir?“ „Jetzt gleich?“ „Jetzt?“ „Ja.“ „Ich muss morgen arbeiten.“ „Na und? Du musst gar nichts.“ „Das sagst du so einfach.“ „Das ist auch einfach. Du packst ein paar Sachen zusammen, setzt dich ins Auto, kommst her und wir fahren los.“ “Du spinnst.“ Ich sagte ja, du hältst mich für übergeschnappt. „Na und? Muss ich mich für meine spontanen Einfälle rechtfertigen?“ Du seufzt. „Okay. Ich bin in ’ner halben Stunde bei dir.“ „Echt?“ „Nein, ich möchte nur, dass du noch länger nicht schlafen kannst, weil du vergeblich auf mich wartest.“ „Ach, so ist das.“ „Bis gleich.“ Bis gleich.“
Das orangefarbene Glühen über der Stadt scheint schwächer geworden zu sein. Die stählernen Mauern fallen langsam in sich zusammen und werden zu Asche. Ich werde nicht hier sein, wenn Phoenix sich am Morgen erhebt. Ich stopfe Unterwäsche in meinen Rucksack, einen dicken Pullover, eine Decke, Kekse, zwei Äpfel, Zahnpasta und Zahnbürste, eine Flasche Wein. Ein frisches T-Shirt. Ein Buch mit Gedichten von TS. Eliott. Keine Ahnung, ob du den magst. Portemonnaie und Schlüssel. Mein Handy. Meinen Labello.
Du wirst wahrscheinlich nicht klingeln, kannst ja nicht wissen, dass ich allein zu Hause bin. In warte also unten auf dich, auf der Stufe vor der Haustür, auf den kalten Steinen. „Verkühl dir nicht die Nieren, Kind“, würde meine Mutter sagen, wenn sie mich so sehen könnte. Ich habe meine weiß-rote geringelte Strickmütze auf und diese bis über die Augenbrauen heruntergezogen, döse vor mich hin und bin gleichzeitig auf eine angespannte, fiebrige Weise wach. Auf den Impuls hin werde ich hochschnellen wie eine Sprungfeder - glaubte ich, bin jedoch wie eine Fliege in der Marmelade, als du am Straßenrand anhältst.
„Einen wunderschönen guten Abend, Madame Nachtfalter.“ „Hi.“ Mein Hals fühlt sich rau und stumm an. Meine Gedanken kämpfen sich durch den Marmeladensee. Kommst du gerade aus dem Bett oder ich? Du hast weder Knitterfalten im Gesicht noch Augenringe, nur deine Wimpern verraten dich: Hell und dünn statt mit schwarzer Tusche maskiert. Aus den Lautsprechern wabern die Geisterstimmen elektronischer Musik. Zwischenwelt, nicht mehr heute, noch nicht morgen. Einsteigen, Losfahren, Verkehrsschlagader Richtung Autobahn. Oranges Licht auch von der Straßenbeleuchtung, zuckende Flammen auf dem Asphalt, der unter unseren Reifen zu schmelzen beginnt. Man sollte kein Haus anzünden, in dem man selbst sitzt.
„Tine?“ „Ja?“ „Was sollte das vorhin heißen, was du gesagt hast, „Babylon ist nicht brennbar“? Wolltest du ’ne Revolution anzetteln?“ „Ne, erstmal nur den H&M anzünden. Wegen der miserablen Produktionsbedingungen und so.“ Dein Blick streift mich, dann richtest du ihn schnell wieder auf die Straße, ziehst dabei aber die Augenbrauen hoch. Was du registriert hast, ist, dass wir die gleiche Kapuzenjacke tragen, du in schwarz, ich in dunkelgrün, eben jene Kapuzenjacke von H&M, die fast jeder hat. Funktionieren, geschminkt mit ein bisschen Selbstbetrug und Samstagabend, das ist meine Existenz. Mehr nicht. Die demaskierte Hochstaplerin zieht den Hut und verbeugt sich mit einem beschämten Lächeln.

Mit hundertsechzig Stundenkilometern durch die Dunkelheit fliegen. Irgendwann beginnst du zu gähnen und wechselt auf die rechte Spur. „Du, ich brauch ’ne Pause.“ Auf dem Rastplatz meinst du, wir könnten eigentlich auch gleich hier schlafen. Das geht in deinem Auto recht gut, die Vordersitze lassen sich ziemlich weit zurückklappen. Außerdem ist das hier gar kein richtiger Rastplatz, sondern nur so ein Haltepunkt mit Picknicktischen und Toiletten, der jetzt still und verlassen daliegt.
„Wenn du jetzt erstmal nicht mehr fährst: Willst du ’nen Schluck Wein?“ „Ja, gern.“ Ich hole die Flasche hervor, merke dann aber, dass ich keinen Korkenzieher eingepackt habe.
„Willst du vielleicht was anderes? Wir können ja noch bis zur nächsten Tankstelle weiterfahren.“ „Eis wär’ toll…obwohl… nein. Was für Pseudo-Ausreißer wären wir denn bitte, wenn wir jetzt sofort wieder Geld ausgeben?“
Wir verkriechen uns unter der Decke und schauen in das ferne, tote Leuchten der Sterne und du hältst meine Hand, während wir langsam wegdämmern. „Vanessa? Wir fahren aber wirklich nach Paris, oder?“ „Jaja, klar.“ „Gehen wir zum Grab von Sartre?“ „Auf jeden Fall.“ „Gute Nacht.“ „Gute Nacht. Schlaf gut.“

Ich erwache davon, dass du gegen meine Schulter klopfst. Draußen herrscht trübes Dämmerlicht, in meinem Mund ein bitterer Geschmack, meine Wirbelsäule ist schief gelegen. Wir haben im Auto geschlafen, auf einem Rastplatz. Einfach so. Geht es tatsächlich schon los, dass jeden Tag Samstag ist? Nein. Du sagst, du müsstest zur Arbeit, du könntest nicht einfach so blau machen, wegen der Konsequenzen. Es gibt sie immer noch. Sachzwänge. Begründungen. Kausalzusammenhänge. Zwar keine Lösung, aber immerhin Ansätze, die uns vorschreiben, was wir zu tun haben.
Wieder auf der Autobahn. Wir frühstücken pappige Croissants von der Tankstelle. Ich schaue aus dem Fenster auf die vorbeifliegende Landschaft und weiß nicht so recht, ob ich enttäuscht von dir bin. Aber eigentlich kann ich es nur zu gut verstehen. Wir können unseren Weg frei wählen, aber wir sind ja nicht so blöd und gehen in die Wüste. Vielleicht sollte ich mich gleich aus Solidarität zu dir in die Schule quälen, aber ich weiß sowieso, dass ich das nicht tun werde. Die Solidarität bewirkt auch nicht so viel, wie man sich das in seinen idealistischen Vorstellungen ausmalt. Lieber die Bettdecke über den Kopf ziehen und ausschlafen.
Vielleicht fahren wir doch noch nach Paris, in den Ferien. Aber das ist nicht dasselbe. Das wieder nur etwas, das Freiheit suggeriert. Freiheit als Lücke im Kalender, die mit aufregenden Abenteuern gefüllt werden muss, weil du sonst als zaghafter Stubenhocker giltst.
Wirklich frei sind wir nur auf der Samstagabendinsel, nicht betrunken auf der Parkbank, sondern auf der Hawaiikarte in meinem Kopf. Die Gedanken sind frei, die Gedanken, die nachts aus dem Fenster über die erleuchtete, kranke Stadt zu dir fliegen und weiter nach Paris oder Hawaii oder zur dunklen Seite des Mondes. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, zu versuchen, sie einzuholen, selbst nicht mit Vollgas auf der Autobahn. Wir werden sie niemals erwischen.
Auch die Welt der Zwänge und Konsequenzen erwischt sie nicht, obwohl sie mit Millionen von Haken danach angelt. Manchmal scheint es zwar so, als hätte sie es fast geschafft, aber dann wehren sich die Gedanken so stark, dass sie beinahe zu Taten werden. Beinahe, aber eben doch nicht ganz.
Wir fahren zurück nach Hause, zurück nach Babylon, und träumen von Flammen. Flammen aus Neuronenströmen haben auch ihre Vorteile - man braucht keine Molotowcocktails dazu, und man kann sie nicht einfach mit Wasser löschen. Mit Whiskey-Cola vielleicht schon. „Vanessa, retten wir die Welt?“ „Ja. Morgen.“

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5 Antworten

Kommentare

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    Wibi, ich will ja nichts sagen, aber: du spinnst!

    find ich gut :-D

    09.01.2008, 08:48 von system
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    Bin sprachlos. Schon wieder nen genialer Text von dir.

    Das mit der H&M-Jacke fand ich mit am besten.Jeder hat sie. Ich auch, muss ich gestehen. In Braun.

    22.01.2007, 10:53 von Haveltaucher
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    wow.
    bin schwer beeindruckt. :)
    deine sprache macht es unmöglich, mit dem Lesen aufzuhören!
    Außerdem verleitest du sehr oft zum zustimmenden Kopfnicken.
    Wunderbar.

    19.12.2006, 11:11 von Paperclip-Lena
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